Im Saaner Unterbort, am alten Säumerweg über die Sulz, steht seit fast 400 Jahren das stattliche Boo-Haus: erbaut vom legendären welschen Zimmermeister Glodo Dubach, geschmückt mit Rosetten voller königlicher Lilien und bewohnt von Familien, die in der Region verwurzelt sind. Ein ...
Im Saaner Unterbort, am alten Säumerweg über die Sulz, steht seit fast 400 Jahren das stattliche Boo-Haus: erbaut vom legendären welschen Zimmermeister Glodo Dubach, geschmückt mit Rosetten voller königlicher Lilien und bewohnt von Familien, die in der Region verwurzelt sind. Ein hölzernes, aber lebendiges Relikt, entstanden – man höre und staune – inmitten des Dreissigjährigen Krieges, welcher gerade in Europa wütete.
Der jüngere Glodo (Claude) Dubach stammte aus Rougemont und übte wie sein Vater gleichen Namens den Beruf des Zimmer- oder Werkmeisters aus. Er war es, der 1630 das markante Wohnhaus Boo erbaute, das an strategischer Lage im Saaner Unterbort steht. Der mit einer Saanerin verheiratete Dubach zählte in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu den überragenden Baumeistern der Region. Zu seinen früheren Werken gehören das Landschaftshaus (1618) in der Oey in Saanen und das Walischihaus (1620) im Rübeldorf.
Glodo Dubach prägte wie kein anderer jene Epoche des stilistischen Wandels und verband traditionelle Bauweisen mit frühbarocken Zierelementen – wie zum Beispiel dem Lilienmotiv.
Die Lilie: ein Stück Kulturgeschichte im Dachgiebel
Bei der Restaurierung der Fassade des Boo-Hauses um 1970 kamen im Giebelfeld vier gemalte Kreisornamente zum Vorschein – sogenannte Rosetten, wie sie gegen Ende des 16. Jahrhunderts an Hausfronten aufgetaucht waren. Glodo Dubach fügte nun – wie schon am Landschafts- und Walischihaus – ein Ziermotiv hinzu, das während des Rests des Jahrhunderts weiterverwendet werden sollte: die stilisierte Lilie als vereinfachtes, dekoratives Element.
Ihre Bedeutung? Besonders die Madonnen-Lilie galt seit jeher als Sinnbild der Reinheit, als Attribut der Jungfrau Maria und des Erzengels Gabriel – und als Symbol der französischen Monarchie. Auch in der Heraldik spielt sie eine Rolle, etwa in den Wappen der Saaner Familien Mezenen, Wyss, Fleuti und Frick. Die Fleur-de-lis, wie sie in Dubachs Heimat genannt wird, war im Paysd’Enhaut schon früh bekannt und dürfte ihm darum vertraut gewesen sein.
Uly Aellen, das Säumergewerbe und die Familie Boo
Der Hausinschrift zufolge liessen Uly Aellen und seine Söhne Niklaus und Peter dieses Haus bauen. Möglicherweise diente es als Sust – ein Gasthaus für Säumer und ihre Packtiere – am alten Säumerweg über die Sulz nach Rougemont. Handelswaren wurden damals meist per Ross transportiert, was in der Landschaft Saanen ein florierendes Gewerbe war. Umso mehr als die Pferdezucht und der Handel mit Säumerpferden ein wichtiger Pfeiler des örtlichen Wohlstandes darstellte. Viel mehr ist nicht überliefert.
Sicher ist: Vor mehreren Generationen gelangte es in den Besitz der Familie Boo – daher der heutige Name des Hauses, wie Ursula Strasser-Boo erzählt. Als ihr Vater 1953 verstarb, fiel die östliche Haushälfte seiner Witwe und den Kindern zu. 1989 wurde dieser Teil des Hauses von Ursula Strasser und ihrem Ehemann Werner übernommen und später umgebaut. Die westliche Hälfte bewohnten ihr Onkel und dessen Frau bis zu ihrem Eintritt ins Altersheim 1991. Schliesslich verkauften ihre Töchter sie 1998 an die langjährigen Mieter, Familie Ruth und Marcel Reichenbach.
Quellen: Christian Rubi: Das Saanerhaus des 17. Jahrhunderts, Verlag Buchdruckerei Müller, Gstaad; Robert Marti-Wehren: Familienwappen der Landschaft Saanen, Druck und Verlag M. Müller, Gstaad 1971
Die Fassade wurde Anfang der 1970er-Jahre restauriert.