Gstaad Züglete 2026: Die Zeichen stehen auf Grün
25.08.2026 BrauchtumGeschmückte Kühe, grosse Glocken und ein dicht gedrängtes Publikum am Strassenrand gehören jeweils Anfang September zur Gstaad Züglete. Doch hinter den Bildern steckt ein Anlass, der stark von der Natur abhängt. Der trockene Sommer macht die Ausgangslage heuer ...
Geschmückte Kühe, grosse Glocken und ein dicht gedrängtes Publikum am Strassenrand gehören jeweils Anfang September zur Gstaad Züglete. Doch hinter den Bildern steckt ein Anlass, der stark von der Natur abhängt. Der trockene Sommer macht die Ausgangslage heuer anspruchsvoll – und zeigt, weshalb sich eine Züglete nicht wie irgendein anderes Fest organisieren lässt.
Gstaad Züglete 2026 mit herausfordender Ausgangslage
Die Gstaad Züglete ist sowohl ein landwirtschaftlicher als auch ein gesellschaftlicher Anlass – ein Dorffest, wie OK-Präsident David Schmid betont. Dieser Sommer war speziell, geprägt von Trockenheit und Wassermangel. Kann unter diesen Umständen die Gstaad Züglete stattfinden wie gehabt? Was spricht dafür, was dagegen? Wir haben beim Organisationskomitee nachgefragt.
ANITA MOSER
Die Gstaad Züglete lebt von den Bauernfamilien, die mit ihren geschmückten Tieren durchs Dorf ziehen. Doch ob und wie viele Zügleten tatsächlich teilnehmen, steht jeweils erst kurz vor dem Anlass fest. Im Gespräch erzählen die OK-Mitglieder David Schmid (DS), Gerhard Moosmann (GM) und Johann von Grünigen (JvG), weshalb Wetter und Sömmerung eine entscheidende Rolle spielen – und was Glocken und Blumenschmuck mit Dankbarkeit zu tun haben.
Um die Hauptfrage gleich vorwegzunehmen: Findet die Gstaad Züglete heuer statt?
DS: Das können wir erst kurz vor dem Anlass definitiv sagen. Das ist dieses Jahr nicht anders als in den vergangenen Jahren. Aber die Ampeln stehen zumindest auf Grün. Macht uns nicht noch ein Unwetter mit Hagel vor dem 5. September einen Strich durch die Rechnung, findet die Züglete statt.
Wie ist die Gstaad Züglete organisatorisch aufgestellt?
DS: Im Organisationskomitee sind vier verschiedene Organisationen vertreten: die Landwirtschaftliche Vereinigung Saanenland, der Gewerbeverein Saanenland, der Hotelierverein Saanenland und die Dorforganisation Gstaad. Namentlich dabei sind die Landwirte Gerhard Moosmann und Johann von Grünigen, Valerie Ludi und Adrian Friedli, welche die Dorforganisation vertreten, Barbara Kernen und Nadja Widmer den Hotelierverein sowie Markus Iseli und ich den Gewerbeverein.
Und wer entscheidet, wenn sich das OK nicht einig ist?
DS (schmunzelt): Als Präsident würde letztlich ich entscheiden. Aber ehrlich gesagt haben wir noch nie abgestimmt. Wir sind aber nicht immer gleicher Meinung. Im Gegenteil: Es wird manchmal heftig und kontrovers diskutiert. Aber wir finden immer eine Lösung, die für alle tragbar ist und die alle gemeinsam gegen aussen vertreten können.
Mit wie vielen teilnehmenden Zügleten rechnen Sie in diesem Jahr?
JvG: Aktuell gehen wir von vier bis fünf Zügleten aus. Zwei haben ganz klar abgelehnt, weil sie wegen Futtermangel eine oder sogar zwei Wochen früher ins Tal müssen.
DS: Die Gstaad Züglete ist eigentlich ein normaler Prozess – zusammengefasst auf einen Tag. Die Tiere kommen so oder so ins Tal. Die einen würden vielleicht am Donnerstag, andere erst am Montag zügeln. Aufgrund der Gstaad Züglete kommen sie halt am Samstag.
Heuer war der Alpsommer nicht besonders einfach – Trockenheit und Wassermangel haben der Landwirtschaft zugesetzt. Gab es unter diesen Umständen Diskussionen über die Durchführung?
DS: Wir haben das Dafür und das Dagegen intensiv und auch sehr kontrovers diskutiert. Ausschlaggebend für eine Durchführung sind neben dem Tierwohl die Authentizität und die Anzahl der teilnehmenden Zügleten.
Können Sie das etwas ausführlicher erklären?
GM: Es gibt so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz: Wenn wir mindestens drei Zügleten haben, findet die Züglete statt. Und Authentizität bedeutet aber auch, dass die Zügleten an diesem Tag direkt von der Alp und nicht vom Talbetrieb kommen. Das haben wir uns auf die Fahne geschrieben.
Was würde gegen eine Durchführung sprechen?
DS: Wenn wie gesagt viele Kühe schon im Tal wären und wir weniger als drei teilnehmende Zügleten hätten, müssten wir sicher nochmals über die Bücher gehen respektive absagen. Aber das gab es noch nie, ausser im Coronajahr. Es hat in den vergangenen zehn Jahren auch schon Jahre gegeben, in denen wir nur drei Zügleten hatten. Letztes Jahr war ein Ausnahmejahr mit sieben Zügleten. Das war der «Best Case». Da stimmten alle wichtigen Faktoren: das Datum, die Sömmerung und das Wetter.
Wie stark beeinflusst das Datum die Teilnahme?
GM: Sehr. Der Termin des Anlasses ist mit dem ersten Samstag im September vorgegeben. Wenn das Datum für die Bauern ungünstig liegt, hat das natürlich Auswirkungen.
Welche?
GM: Entscheidend ist beispielsweise, wie spät der erste Samstag liegt. Heuer ist er mit dem 5. September relativ spät. Gleichzeitig haben wir mit der Trockenheit zu kämpfen. Diese beiden Faktoren machen die Ausgangslage anspruchsvoller.
Warum macht ein früherer oder später Alpsommer einen solchen Unterschied?
GM: Das hängt stark vom Frühling ab. Beginnt der Frühling früh, geht man früher auf die Alp. Aber das ist sehr individuell, jede Alp ist anders. Bei mir sind zehn Wochen Sömmerung gut, elf Wochen sind super. Wenn ich aber früh hinaufzügle, komme ich entsprechend auch wieder etwas früher ins Tal.
Das ist aber nicht für alle Betriebe gleich?
GM: Nein. Es hängt beispielsweise von der Exposition der jeweiligen Alp ab. Ich bin heuer relativ früh «z Vorschess», rückblickend vielleicht ein paar Tage zu früh. Deshalb mussten wir auch ein paar Tage früher «z Bärg». Hinterher ist man immer schlauer. Aber Unterschiede von ein paar Tagen können bereits eine Rolle spielen.
DS: Das musste ich auch lernen. Ich bin eher Anlässe und Events gewohnt, bei denen man früh ein Datum festlegt. Heute bin ich ziemlich relaxt, auch wenn wir den Anlass allenfalls kurzfristig absagen müssten. Früher hätte ich schlaflose Nächte gehabt. Heute sage ich mir: «Das ist naturgegeben.» Oberste Priorität haben die Bauern mit ihren Tieren. Und das ist halt sehr individuell. Beste Beispiele sind Gery Moosmann und Johann von Grünigen.
Gery Moosmann, Sie verzichten auf eine Teilnahme?
GM: Ja. Wir sind rund zehn Tage früher heruntergekommen, deshalb verzichte ich konsequenterweise auf eine Teilnahme. Man hätte die Zeit auch mit Zufütterung etwas strecken können, was wir in diesem Jahr die letzten Tage ebenfalls machten. Dies reichte jedoch nicht, um die Alpzeit bedeutend zu verlängern.
Johann von Grünigen, Sie nehmen teil. Ihre Tiere bleiben bis zum Anlass auf der Alp?
JvG: Ja. Jeder Bauer hier im Saanenland ist von einer Einbusse betroffen. Entweder hat er im Talbetrieb weniger Futter oder es war auf dem Berg nicht optimal. Bei einigen gibt die Vorschess kein Futter mehr her, folglich bleibt man lieber auf der Alp. Das ist bei uns der Fall. Auf den Bergen hat es per se viel Weite. Und wenn die Tiere viel Weite haben, sind sie automatisch zufriedener als auf einer kleinen Weide.
Muss man Futter zur Alp bringen?
JvG: Es gibt jene, die auf dem Berg noch etwas heuen, andere bringen Futter hoch – wie wir auch. In diesem Jahr ist es eine Ausnahmesituation. Aber nicht wegen der Gstaad Züglete. Jeder Bauer muss seinen Betrieb selber so koordinieren, wie es für ihn am besten ist.
Bei einer Züglete fallen vor allem die grossen Glocken und der Blumenschmuck auf. Sind sie tatsächlich ein Ausdruck der Dankbarkeit für einen guten und unfallfreien Alpsommer?
JvG: Der Grundgedanke kommt sicher von daher. Heute schmücken manche ihre Tiere sicher auch einfach aus Freude. Aber der Ursprung hat schon mit der Dankbarkeit für einen guten Sommer zu tun. Und bei unserer Familie ist das definitiv so.
Heuer war der Alpsommer wegen der besonderen Bedingungen nicht einfach. Man sah Bilder von Zügleten mit Kühen ohne Kopfschmuck – weil der Alpsommer alles andere als gelungen war und die Landwirte entsprechend nicht in Festlaune waren.
GM: Das ist so. Wir haben alle die Bilder gesehen von steppenähnlichen Regionen. Futtermangel und Trockenheit
gab respektive gibt es schweizweit, aber nicht überall ist es gleich schlimm. Sogar im Saanenland gibt es je nach Exposition Unterschiede.
JvG: Das Saanenland ist im Vergleich mit anderen Regionen mit einem blauen Auge davongekommen.
Inwiefern spielt der wirtschaftliche Faktor beim Entscheid für oder gegen eine Gstaad Züglete eine Rolle?
DS: Ehrlich gesagt keine. Es gibt unter den einzelnen Akteuren im Vorstand keinen Druck, den Anlass unter allen Umständen durchführen zu wollen. Klar haben die Standbetreiber, die Gastronomen und die Geschäfte auch ein wirtschaftliches Interesse. Aber primär ist die Gstaad Züglete ein Ausrufezeichen für die Landwirtschaft und ein Aufruf zum Dorffest.
Was denken Sie, ist sich unsere Klientel bewusst, dass es für die Landwirtschaft kein normaler Sommer war?
DS: Die Gstaad Züglete bietet sich geradezu an, auch unsere Gäste darauf aufmerksam zu machen, dass die Herausforderungen für die Landwirtschaft nicht einfach sind, speziell in diesem Sommer. Durch Erklärungen der Moderatoren am Anlass selbst, im persönlichen Gespräch und auch in den aktuellen Zeitungsberichten wie diesen können die Leute entsprechend sensibilisiert werden. Das sind ebenfalls Gründe, die trotz allem für eine Durchführung sprachen. Ich bin mir aber nicht sicher, dass der Chaletgast es verstehen würde, wenn die Kühe weder Glocken noch Kopfschmuck tragen würden.
Sicherheit ist ebenfalls ein Thema. Oft herrscht grosses Gedränge und die Menschen kommen den Tieren sehr nahe.
GM: Aus diesem Grund führen wir seit einigen Jahren keinen Muni mehr durch die Promenade und auch keine Kälbli mehr. Eine Züglete ist kein Streichelzoo.
Gibt es weitere Vorkehrungen?
DS: Tendenziell kommen immer mehr Leute an den Anlass. Deshalb müssen wir mehr Platz schaffen. Der Hauptgrund, warum die Leute kommen, sind die Kühe. Deshalb kommt es für uns nicht infrage, nur ein Dorffest zu veranstalten – ohne Züglete. Das stand gar nie zur Diskussion. Der Anlass steht und fällt mit den Zügleten. Folglich müssen wir diese besser verteilen. Wir werden in diesem Jahr die Güterstrasse miteinbeziehen. Die Strasse wird – mit Ausnahme für Taxis – für den Verkehr gesperrt. Die Zügleten laufen wie bisher einmal durch die Promenade und teils zurück über die Güterstrasse. Auch dort wird es Marktstände, Musik und Gastrobetriebe haben. Die Marktstände sind auf die rund 50 von Gstaad Saanenland Tourismus limitiert.



