Halbinsel Valdés: Tierparadies in der Kälte
16.10.2026 Reisen«Nach Novastoshna kam nie jemand, ausser er hatte dort etwas zu tun; und eigentlich hatten nur die Robben regelmässig etwas zu tun...
Wenn der Schnee geschmolzen ist, dann kommen sie zu Hunderttausenden aus der kalten, grauen See herbeigeschwommen, denn die ...
«Nach Novastoshna kam nie jemand, ausser er hatte dort etwas zu tun; und eigentlich hatten nur die Robben regelmässig etwas zu tun...
Wenn der Schnee geschmolzen ist, dann kommen sie zu Hunderttausenden aus der kalten, grauen See herbeigeschwommen, denn die Novastoshna-Bucht war für Robben der schönste Platz auf der ganzen Welt...
Von der Hutchinson-Höhe, einer kleinen Erhebung am Strand, konnte man fast drei Meilen weit im Umkreis die Robben miteinander kämpfen sehen…
Sie bissen sich und prügelten sich überall: in der Gischt der Brandung, auf dem weissen Sand und auf den tief ausgehöhlten Felsenriffen, denn sie waren gerade so dumm und dickköpfig wie die Menschen.» (entlehnt aus Rudyard Kipling, Die weisse Robbe)
Das südliche Gegenstück zu Novastoshna, das auf den Pribilof-Inseln in der Beringsee liegt, ist ohne Zweifel die Halbinsel Valdés an der argentinischen Atlantikküste. Auch dort spielen sich jedes Jahr im Frühling ähnliche Szenen ab, unter den grossen Kolonien von Seelöwen und Seeelefanten, den südlichen Robbenarten, die sich dort auf den Felsen und an den Stränden versammeln – wie Kipling sie in seiner weltberühmten Erzählung so meisterhaft beschreibt.
Als mein Bruder Martin und ich in Valdés ankamen, waren jene Territorialkämpfe schon beendet. Die Tiere hatten sich bereits in Gruppen gefunden, die weit verstreut anzufinden waren, was der Absicherung ihres Lebensraums diente. Jeder dieser Gruppen, bestehend aus mehreren Weibchen und Jungtieren, stand ein ausgewachsenes Männchen vor, das auf einer erhöhten Stelle Wache hielt. Es röhrte und brüllte unaufhörlich, begleitet von Drohgebärden, wohl um zu verhindern, dass die Robben, deren Köpfe in unfassbarer Anzahl unter ihm in den Wellen schaukelten, an dieser Stelle an Land gingen.
Da wir diese Tiere, vor allem aber Seelöwen, schon an anderen Orten gesehen hatten – man sieht sie sogar in den Hallen der Fischmärkte, wo sie darauf warten, dass ihnen jemand Abfälle in den Rachen wirft –, waren wir von ihrer schieren Menge tief beeindruckt. Kaum zu glauben, dass es heute keine derart riesigen Kolonien mehr gibt, wie Kipling sie um 1890 gesehen hat. Während des gesamten vergangenen Jahrhunderts wurden diese Tiere wegen ihrer wertvollen Häute und ihres Fettgehalts verstärkt gejagt und geschlachtet.
Ausserdem war uns bekannt, dass im Jahr 2023 eine verheerende Vogelgrippe-Epidemie Tausende der Tiere hinweggerafft hatte. In einem Bericht der Wildlife Conservation Society Argentina, einer internationalen Organisation zum Schutz wildlebender Tiere, heisst es beispielsweise, dass es «bis zu 100 Jahre dauern kann, bis der Bestand der Seeelefanten wieder auf 18’000 fortpflanzungsfähige Weibchen anwächst, so viele wie es im Jahr 2022 gegeben hat» und dass «fast alle im Jahr 2023 geborenen Jungtiere direkt oder indirekt an dieser Krankheit starben».
Ein grosser Unterschied zu Novastoshna in der nördlichen Hemisphäre besteht auch darin, dass sich in der Umgebung der Halbinsel Valdés im September und Oktober zudem Hunderte von Walen und Tausende von Pinguinen – vor allem Magellanpinguine – einfinden, um sich zu paaren und ihre Jungen aufzuziehen. Man kann aus nächster Nähe beobachten, wie die Pinguine ihre Eier ausbrüten. Normalerweise sind es zwei pro Brutzeit, die die Eltern abwechselnd in Erdhöhlen oder versteckt unter Büschen warm halten müssen.
Den Walfischen, meist riesige, südliche Glattwale, kann man sich ebenfalls bis auf wenige Meter nähern. Dazu muss man allerdings einen Platz auf einem der Boote buchen, die in die Bucht hinausfahren. «Was, wenn wir keinen Wal zu sehen bekommen?», fragte mein Bruder Martin misstrauisch, als wir das Schiff bestiegen. «Bekommen wir dann unser Geld zurück?»
Er brauchte sich jedoch keine Sorgen zu machen, denn schon bald schoss ein erster Wasserstrahl neben uns in die klare Seeluft. Zwei gewaltige Körper stiegen wie lange Felsbrocken aus dem blaugrünen Wasser auf: ein Muttertier und ihr Junges. Die charakteristischen Hautschwielen auf ihren gigantischen Köpfen, auf denen sich häufig sogenannte Wallläuse ansiedeln, verstärkten noch den Eindruck, dass es sich bei diesen Tieren um lebende, schwimmende Felsen handelte.
«Sie beäugten uns mit ihren kleinen, neugierig glänzenden Augen gerade so, als wären wir Menschen die eigentliche Attraktion und nicht umgekehrt. Die Augen, nur fünf bis sieben Zentimeter gross, wirken tatsächlich winzig im Verhältnis zu ihren gewaltigen Köpfen. Wenn man diese Augen gesehen hat, kommt man kaum umhin zu denken, dass man hochintelligente und sensible Wesen vor sich hat», schrieb ich in mein Reisetagebuch. Deshalb geht einem die Nachricht auch besonders nahe, wenn man von einem Wal wie «Timmy» hört, der kürzlich in der Ostsee strandete, zurück ins offene Meer geschleppt werden musste und schliesslich starb.
Wenn schon vom «Stranden» die Rede ist, muss ich noch hinzufügen, dass es in der Umgebung ausser den friedlichen Glattwalen auch aggressivere Arten wie Schwert- oder Killerwale gibt. Diese ziehen in Gruppen entlang der Küste, um Babywale oder junge Seelöwen zu jagen. Es kommt vor – und das sieht man sonst kaum irgendwo auf der Welt –, dass sie sich auf den Strand oder auf flache Klippen werfen, um sich einen jungen Seelöwen zu schnappen. Dieses Verhalten nennt man «absichtliches Auflaufen» oder «Stranden».
«Seht ihr diese Gruppe dort mit ihren riesigen Kameraobjektiven?», fragte uns unser Begleiter – denn ohne einen Reiseführer gelangt man nicht an diese Orte – und deutete auf die Tierfotografen, die sich auf einer Anhöhe eingerichtet hatten und aus aller Welt angereist waren. «Die warten hier stunden- oder sogar tagelang, bis die Schwertwale auftauchen und ihr Spektakel aufführen.»
Leider sind auch diese Tierarten durch menschliche Einflüsse gefährdet. «Nur widerstandsfähige Bestände werden diese Bedrohungen überstehen – solche mit ausreichender Grösse, weiter Verbreitung und Schutz vor zusätzlichen Gefahren, die durch menschliche Aktivitäten verursacht werden», erklärte Dr. Claudio Campagna, Mitautor der oben erwähnten Studie. «Stark ausufernde Fischerei, extensive Landwirtschaft oder grossflächiger Bergbau sowie Umweltverschmutzung müssen eingedämmt werden, um die Widerstandsfähigkeit natürlicher Bestände zu stärken. Der menschengemachte Klimawandel und die Versauerung der Ozeane entziehen sich jedoch weitgehend unserer Kontrolle. In diesem Zusammenhang könnten weitere Epidemien ein möglicher Weg in Richtung Aussterben sein.»
STEFAN GURTNER
Stefan Gurtner ist im Saanenland aufgewachsen und lebt seit 1987 in Bolivien in Südamerika, wo er mit Strassenkindern arbeitet. In loser Folge schreibt er im «Anzeiger von Saanen» über das Leben mit den Jugendlichen und andere Themen aus Bolivien. Wer mehr über seine Arbeit erfahren oder diese finanziell unterstützen möchte, kann sich beim Verein Tres Soles, Ursula und Walter Köhli, Seeblickstrasse 6, 9320 Arbon, E-Mail: walterkoehli@bluewin.ch erkundigen. Spenden: Tres Soles, 1660 Château-d’Oex, IBAN: CH20 0900 0000 1701 6727 4. www.tres-soles.de




