Als sich der steinreiche Balthasar Rufi, seines Zeichens Säckelmeister (Finanzverantwortlicher), Schwarzpulververwalter und Wachtmeister von Saanen, einen Zimmermeister für sein 1670 realisiertes Wohnhaus in Saanen suchte, dürfte ihm die Wahl nicht schwergefallen sein. Denn der ...
Als sich der steinreiche Balthasar Rufi, seines Zeichens Säckelmeister (Finanzverantwortlicher), Schwarzpulververwalter und Wachtmeister von Saanen, einen Zimmermeister für sein 1670 realisiertes Wohnhaus in Saanen suchte, dürfte ihm die Wahl nicht schwergefallen sein. Denn der experimentierfreudige Hans Tüller hatte zuvor durch seine Bauten – wie das grosse Haus Matti ob der Kirche Saanen (1659) – bewiesen, was er draufhatte. Mit seinem Werk, und insbesondere mit der Alten Kastlanei, sollte er das Antlitz des Saanerhauses langfristig prägen.
MARTIN GURTNER-DUPERREX
Erstmals zeigt sich im Saanenland eine Hausfront, die mit solch einem barocken Erscheinungsbild die ganze Fassadenfläche ausfüllt. Das ist kein Zufall: Der Barock, ein Kunststil des 17. und 18. Jahrhunderts, lebt von üppigem Prunk, dramatischer Wirkung und reichem, verschnörkeltem Ornament. Genau diese Sprache spricht die Alte Kastlanei – mit leicht geschwungenen Blockkonsolen, stark beschnitzten, farbenprächtigen Fensterbänken und Schwellen, zahlreichen Kreisornamenten sowie einer neuartigen, aufgemalten Hausinschrift. All dies zu einem grossen, farbenprächtigen Dekorteppich verwoben.
Dekorative Spielereien: Blendbogen, Scheinkonsolen und Mauresken
Ein Schmuckmotiv, welches Hans Tüller erstmals einsetzte, sind die halbkreisförmigen Blendbogen – sauber eingefräst und farbig gefasst. Wie bei einem kreativen Baukasten kombinierte sie Tüller immer wieder neu mit den herkömmlichen Würfeln und Rauten. Ein weiteres innovatives Element sind die kleinen schneckenartigen Scheinkonsolen, die frontseitig unter die aus der Frontwand vorspringenden Balkenköpfe in die Eck- und Mittelpfosten eingesetzt wurden. Sie dienen einzig der Zierde, ohne eine stützende Aufgabe zu erfüllen.
Ausserdem erscheinen hier insbesondere auf der Kellermauer, aber auch an der Gadenwand, orientalisch wirkende Pflanzenmotive. Fein und schwarz aufgemalt, waren diese sogenannten Mauresken in der Stadt Bern, aber auch in der Kirche Erlenbach bereits im 16. Jahrhundert in Mode. Im Saanenland wurden sie mit viel Verspätung eingeführt – um nach 1680 genauso schnell wieder zu verschwinden.
Kampf der Schriftentypen: Fraktur versus Antiqua
Zum prachtvollen Auftritt der Alten Kastlanei passt sie wunderbar: die neue Frakturschrift der Hausinschrift, die ebenfalls im Umfeld von Hans Tüller erstmals im Saanenland auftauchte. Sie stammt ursprünglich aus Deutschland und wird auch als gotische Schrift bezeichnet – ein bisschen irreführenderweise, denn sie kommt mit ihren Verzierungen ausgesprochen barock daher.
Anders als die alte, eingekerbte lateinische Antiquaschrift, die nun im Saanenland langsam von der Bildfläche verschwand, wurde die Fraktur wegen ihrer verschnörkelten Form vorzugsweise aufgemalt. Ihre meisterhafte Ausführung an der Alten Kastlanei stammt womöglich von einem Notar – geübt im Schönschreiben und wohl nicht überlastet mit juristischen Aufträgen. Im Gegensatz zur welschen Nachbarschaft wurde die Fraktur hierzulande langfristig zu einem dominanten Zierelement.
Ein umstrittener Name und die Notfallstube
Genannt wird die Alte Kastlanei vermutlich so, weil sie nach dem Tod von Balthasar Rufi durch Vererbung an das benachbarte Gut der Saaner Dynastie der Kastlane Matti gelangte – der Name bleibt unter Experten aber umstritten. Kurz darauf übernahm eine Familie Haldi das Haus, welche es jedoch in den 1870er-Jahren wieder veräussern musste. Danach wurde hier als Vorgänger des benachbarten Spitals eine Notfallstube eingerichtet. Um 1940 kaufte es Hans Haldi, der wahrscheinlich nicht mit den früheren Besitzern verwandt war. Seine Nachkommen sind bis heute die Eigentümer des altehrwürdigen Gebäudes.
Quellen: Heinrich Christoph Affolter: Die Bauernhäuser des Kantons Bern – Das Berner Oberland (Band 1), Hrsg. Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde, Basel 1990; Christian Rubi: Das Saanerhaus des 17. Jahrhunderts, Buchdruckerei Müller, Gstaad. Die Fassade wurde 1971 von Christian Rubi und Ulrich Christian Haldi renoviert.