Der Turpachbach ist ans Netz gegangen
03.11.2026 TurbachDer Turpachbach liefert erneuerbare Energie für die Region: Seit dem Sommer ist das neue Wasserkraftwerk Turbach bereits am Netz, am Freitag wurde es feierlich eingeweiht und am Samstag der Bevölkerung an einem Tag der offenen Tür präsentiert. Die Feier bot Einblicke in die Anlage und ...
Der Turpachbach liefert erneuerbare Energie für die Region: Seit dem Sommer ist das neue Wasserkraftwerk Turbach bereits am Netz, am Freitag wurde es feierlich eingeweiht und am Samstag der Bevölkerung an einem Tag der offenen Tür präsentiert. Die Feier bot Einblicke in die Anlage und in die Herausforderungen hinter dem Millionenprojekt.
SONJA WOLF
Der Countdown läuft, Scheinwerfer beleuchten die Maschine, eine Nebelmaschine hüllt die Kraftwerkszentrale in Schwaden. Dann folgt der Druck auf den symbolischen roten Knopf. Was nun geschieht, lässt sich auch hören: Wasser rauscht, die Maschine setzt sich in Bewegung, ein Brummen kündigt den nächsten Schritt an. Ein BKW-Mitarbeiter erklärt den Gästen, wie die Anlage hochfährt und schliesslich Strom ins Netz einspeist.
Mit dieser Inszenierung feierte die Kraftwerk Turbach AG am Freitag die Einweihung ihrer Anlage. Hinter dem Unternehmen stehen BKW und aventron. Mehr als 70 Gäste aus Politik, Behörden, Energieunternehmen sowie beteiligten Planungs- und Baufirmen nahmen teil, darunter Grossrat Simon Bach aus dem Turbach und Grossrat Christian Däpp aus Aeschiried. Nach den Ansprachen im Kirchgemeindehaus Gstaad brachten Shuttlebusse sie zur Wasserfassung im Turbach und zur Zentrale auf dem BKW-/ISP-Gelände.
Ein langer Weg bis ans Netz
Wie lange der Weg bis zu diesem Tag war, veranschaulichte Rafael Wernli, Verwaltungsratsmitglied der Kraftwerk Turbach AG, mit einem Rückblick: Als die Geschichte des Projekts 2007 begann, wurde gerade das erste iPhone vorgestellt.
Damals wurden im Saanenland drei Wasserkraftprojekte entwickelt: Meielsgrund, Chalberhöni und Turbach. Nach Abklärungen mit Behörden und Umweltvertretern wurde schliesslich nur Turbach weiterverfolgt. 2021 erhielt das Projekt die Wasserrechtskonzession, 2023 die Baubewilligung. Nach der Zusage eines Investitionsbeitrags durch den Bund und der Freigabe der Baukredite konnte im Sommer 2024 gebaut werden.
Erstmals speiste die Anlage am 18. Juni 2026 Strom ins Netz ein. Nach dem Probebetrieb nahm die Anlage am 3. August offiziell den Betrieb auf, erklärte Gesamtprojektleiter Patrick Manz auf Nachfrage. Das ursprünglich angekündigte Ziel, ab Sommer 2026 Strom zu produzieren, wurde damit erreicht.
Drei Kilometer Leitung unter der Strasse
Für viele Einheimische bleibt die Bauzeit vor allem mit Strassensperrungen und Umleitungen in Erinnerung. Die rund drei Kilometer lange Druckleitung wurde vollständig in bestehenden Strassen verlegt. Besonders die Umfahrung über den engen Tromweg hatte im Sommer 2024 für Kritik gesorgt. Ein abgetrennter Fussweg für Schulkinder, ein Verkehrsdienst und insgesamt elf zusätzliche temporäre Ausweichstellen halfen, die Situation über die zwei Jahre Bauzeit zu entschärfen. Zwei dieser Ausweichstellen entlang der Bissenstrasse wurden beibehalten und sollen auch künftig das Kreuzen erleichtern. Manz dankte der Bevölkerung für ihr Verständnis und entschuldigte sich für die Verkehrsbeschränkungen.
Auch unter dem Boden warteten Überraschungen: Stellenweise trafen die Equipen trotz vorgängiger Sondierungen auf rolligen Baugrund. Beim Hochwasser vom September 2024 wurde zudem ein bereits verlegter Leitungsabschnitt wieder freigespült.
Die Baukosten liegen mit rund 16 Millionen Franken leicht über den ursprünglich geschätzten rund 15 Millionen. Als Ursache nannte Manz auf Nachfrage die Baugrundverhältnisse. «Die Kosten sind im geplanten Rahmen», hielt er fest.
Wasser für Strom, Bach und Beschneiung
Bei der Wasserfassung erklärte BKW-Projektingenieur Silvio Zingg den versammelten Gästen, wie das Wasser auf seinen Weg zur Turbine vorbereitet wird. Ein feiner Rechen hält Geschiebe zurück. Im Entsander fliesst das Wasser anschliessend langsamer. «Der Sand hat Zeit, sich zu setzen», erklärte Zingg. So werden weitere Sandpartikel entfernt, bevor sie die Turbine beschädigen können.
Ein Teil des Wassers muss stets im Bach bleiben: Mindestens 115 Liter pro Sekunde werden unterhalb der Fassung abgegeben. Benötigt die Wasserngratbahn Wasser für die Beschneiung, wird die Abgabe entsprechend erhöht, damit auch unterhalb ihrer Entnahmestelle die vorgeschriebene Restwassermenge verbleibt.
Die Stromproduktion folgt dem Wasserangebot des Bachs. Rund 27 Prozent der Jahresproduktion entfallen auf den Winter. An voraussichtlich rund 40 Tagen pro Jahr reicht das Wasser für den Betrieb nicht aus – solche Stillstände sind sowohl im Winter als auch im Sommer zu erwarten.
Damit Fische weiterkommen
Doch für Fische zählt nicht allein die Wassermenge, sondern auch die Wassertiefe. Im Mündungsbereich von Louwibach und Turpachbach sind mindestens 20 Zentimeter erforderlich, damit sie die betreffende Stelle passieren können. Steine im Bachbett sollen das Wasser bei niedrigem Abfluss gezielt bündeln und so die nötige Tiefe schaffen.
Als Ausgleich für die Wasserentnahme beteiligte sich die Kraftwerk Turbach AG zudem an einem Projekt der Schwellenkorporation Saanen, das oberhalb der Fassung den Hochwasserschutz und die Fischgängigkeit verbessert.
Energiezukunft vor der Haustür
Gemessen am jährlichen Schweizer Stromverbrauch von knapp 60 Terawattstunden liefert Turbach rund einen Achttausendstel. Auf den ersten Blick ein bescheidener Beitrag, wie Rafael Wernli einordnete. Doch die erwartete Produktion reicht für rund 1400 Haushalte. «Dieser Strom wird lokal produziert, ist erneuerbar und muss nicht importiert werden», betonte Wernli. Das Kraftwerk zeigt damit im Kleinen, wie der Ausbau der erneuerbaren Energien konkret umgesetzt werden kann. Diesen Gedanken griff auch Grossratspräsidentin Anne Speiser-Niess bei ihrer Festrede auf: Die Region diskutiere die Herausforderungen der Energieversorgung nicht nur auf dem Papier, sondern setze konkrete Projekte um.
Mit der Fertigstellung beginnt für die Betreiber ein neues Kapitel. Der Turpachbach ist ein alpiner Wildbach, der bei Unwettern grosse Wassermassen, Holz und Geröll mitführt. Darauf müssen Anlage und Betrieb vorbereitet sein, betonte Wernli. Doch auch die digitale Vernetzung bringt Herausforderungen: «Beton, Stahl und grosse Steinblöcke schützen unsere Anlage vor Hochwasser. Gegen Cyberangriffe helfen sie jedoch nicht.» Das Thema betreffe auch kleine Kraftwerke, die aus der Ferne überwacht und gesteuert werden. Hinzu komme die Aufgabe, die Anlage langfristig wirtschaftlich zu betreiben.
Mehr als 500 Besuchende entdecken das neue Kraftwerk
Am Samstag nutzten laut BKW rund 500 bis 600 Personen den Tag der offenen Tür, um das Wasserkraftwerk Turbach kennenzulernen. Von 10 bis 16 Uhr konnten sie die Zentrale an der Lauenenstrasse und die Wasserfassung im Turbach besichtigen. Shuttlebusse verbanden die beiden Standorte.
Vor Ort beantworteten Fachpersonen Fragen zu Bau, Technik und Betrieb der Anlage. So konnten sich die Besuchenden erklären lassen, wie das Wasser gefasst wird und schliesslich Strom entsteht.
Für Verpflegung war in der Rüsthalle der BKW gesorgt, während sich die jüngsten Gäste auf der Hüpfburg vergnügten. Auch Slalomfahrer Daniel Yule war vor Ort: Er gab Autogramme und posierte für gemeinsame Erinnerungsfotos.
DAS WASSERKRAFT WERK TURBACH IN ZAHLEN
Eigentümerin: Kraftwerk Turbach AG; BKW 55 Prozent, aventron 45 Prozent
Baukosten: rund 16 Millionen Franken
Baubeginn: Sommer 2024
Offizielle Inbetriebnahme: 3. August 2026
Leistung: 2,5 Megawatt
Erwartete Jahresproduktion: 7,3 Gigawattstunden, entsprechend dem Verbrauch von rund 1400 Haushalten
Druckleitung: rund drei Kilometer Fallhöhe: 231 Meter
Wasserfassung: unterhalb der Fangbrücke im Turpachbach
Zentrale: auf dem BKW-/ISP-Gelände in Gstaad SWO













