Kap Hoorn meiner Jugendträume
30.06.2026 ReisenHeute möchte ich ein weiteres Mal von der Reise von Bolivien nach Feuerland berichten, die mein Bruder Martin und ich auf dem Landweg gemacht haben. Es geht um Kap Hoorn und die Bedeutung, die es in der Literatur, in der Weltgeschichte und auch in meinem Lebenslauf als Schriftsteller ...
Heute möchte ich ein weiteres Mal von der Reise von Bolivien nach Feuerland berichten, die mein Bruder Martin und ich auf dem Landweg gemacht haben. Es geht um Kap Hoorn und die Bedeutung, die es in der Literatur, in der Weltgeschichte und auch in meinem Lebenslauf als Schriftsteller hatte.
«Der Leuchtturm! Wir sind am Kap Hoorn!», rief mein Bruder Martin aufgeregt und deutete zum Bullauge hinaus. Ich schreckte hoch aus einem tiefen Schlaf. Wie betäubt rannte ich ihm hinterher aufs Deck und versuchte mich krampfhaft daran zu erinnern, was ich geträumt hatte.
Bevor ich jedoch auf den Traum eingehe, möchte ich etwas über Kap Hoorn berichten, den südlichsten Punkt des amerikanischen Kontinents. Die Magellanstrasse war zwar schon 1520 von Ferdinand Magellan entdeckt worden, aber bereits im 17. Jahrhundert wurde Holland zur führenden See- und Handelsmacht auf der Welt.
Die Niederländische Ostindien-Kompanie, kurz VOC genannt, erreichte dadurch die Kontrolle sowohl des westlichen als auch des östlichen Seewegs zu den Gewürzinseln in Batavia, dem heutigen Indonesien. Die VOC, «die ein staatliches Monopol und die Erlaubnis hatte, Kriege zu führen, Verträge abzuschliessen und eigene Festungen zu errichten», duldete auch im eigenen Land keine Konkurrenz, wie es in einem Bericht heisst. «Die Kanonen ihrer Flotten waren dabei eine entscheidende Argumentationshilfe.»
Trotzdem brachen Willem Schouten und Jacob Le Maire mit ihren Schiffen «Hoorn» und «Eendracht» im Jahr 1615 in Richtung Westen auf, um einen neuen, unabhängigen Seeweg zu suchen. Die niederländische Regierung hatte ihnen dazu die Erlaubnis gegeben, unter der Bedingung, «mit der VOC nicht aneinanderzugeraten». Sie fanden ihn Anfang 1616 an der Stelle, wo der Atlantik auf den Pazifik trifft, und nannten den Felsen «Kaap Hoorn» – auf Deutsch Kap Hoorn, auf Englisch Cape Hoorn –, nach ihrem Flaggschiff und ihrer Heimatstadt.
Kap Hoorn ist eigentlich nur ein felsiges Eiland mit einem Leuchtturm auf dem höchsten Punkt, doch es ist von ungeheurer Symbolik, sowohl für die Weltgeschichte als auch für meinen persönlichen Lebenslauf: Genau vor 50 Jahren, als ich dreizehn war, schrieb ich – wie ich bereits erzählt habe – meine erste längere Erzählung mit dem Titel «Dr. Gelbgesicht auf Feuerland».
Als Martin und ich nun auf den Felszacken namens Kap Hoorn starrten, fegte uns der Wind, der mit einer Geschwindigkeit von über 40 Knoten wehte, fast vom Deck. Die eisige Gischt, die uns ins Gesicht spritzte, weckte mich vollends – und nun erinnerte ich mich auch daran, was ich geträumt hatte: Wir befanden uns, wie in diesem Moment, auf einem Schiff, allerdings im Aufenthaltsraum. Während vor den grossen Fenstern Kap Hoorn vorbeiglitt, wurden auf einer Wand Ausschnitte aus berühmten Büchern projiziert, die von diesem Ort handelten.
Ich sah die Namen von Herman Melville, Jack London, Jules Verne und Emilio Salgari. Es waren Passagen aus Büchern, die wir in meiner Kindheit und Jugend geliebt und verschlungen hatten. Sie hatten mich so fasziniert, dass ich wohl Matrose geworden wäre statt Schriftsteller, wenn ich körperlich etwas stärker gewesen wäre – oder vielleicht beides, wer weiss.
«Warum ist fast jeder kräftige, gesunde Junge, der eine ebenso kräftige und gesunde Seele in sich trägt, irgendwann einmal wie besessen davon, zur See zu fahren? Warum hast du selbst auf deiner ersten Reise als Passagier jene geheimnisvolle Erschütterung verspürt, als man dir sagte, dass du und dein Schiff nun ausser Sicht des Landes seien? Warum hielten die alten Perser das Meer für heilig? Warum gaben die Griechen ihm eine eigene Gottheit und erklärten es zum Bruder des Zeus? Gewiss ist all dies nicht ohne Bedeutung…
Und doch – wie heisst dieser wildeste aller Seewege, den nur so wenige Männer zu umrunden wagen? Kap Hoorn – schon sein blosser Name genügt, um das Herz eines Seemanns erzittern zu lassen, indem er alle Stürme, Orkane und Gefahren des Südmeeres heraufbeschwört, wo sich die Wellen wie Berge erheben und die Winde wie Dämonen heulen.» (Herman Melville, «Moby Dick», 1851)
«Sieben Wochen lang hatte sich die Mary Rogers zwischen 50° südlicher Breite im Atlantik und 50° südlicher Breite im Pazifik be- funden – was bedeutete, dass sie sieben Wochen lang darum gekämpft hatte, Kap Hoorn zu umrunden. Sie- ben Wochen war sie Sturm und Re- gen ausgesetzt… ‹Westwärts!›, rief der Steuermann. Er hielt sich dicht an den Felsen und hatte ein Dutzend Mal beigedreht, während das eiserne Kap ostnordöstlich oder nordnordöstlich zwanzig Meilen entfernt lag. Und jedes Mal schlug ihn der ewige Westwind nach Osten zurück. Er kämpfte sich durch Sturm um Sturm bis nach Süden auf 64°, hinein in das antarktische Treibeis, und verpfändete seine unsterbliche Seele den Mächten der Finsternis – nur für ein wenig Westfahrt, für einen günstigen Wind, der ihn endlich herumführen würde.» (Jack London, «Westwärts», 1908)
«Dass man den Meeren um Kap Hoorn einen schlimmen Ruf gegeben hat, ist nur berechtigt. Dass man hier die Schiffbrüche nicht mehr zählt und dass Wrackplünderer keinen besseren Ort finden könnten, um ihr Glück zu machen – auch das sei zugegeben.» (Jules Verne, «Der Leuchtturm am Ende der Welt», 1905)
«Dann erblickten wir, wie sich am finsteren Rand des Horizonts das Meer zu gewaltiger Höhe erhob; über den schroffen Felsen des Kap Hoorn jagte ein Blitz den anderen; darauf erschien, von blutrotem Feuerschein beleuchtet, ein grosses, schwarzes Schiff mit schwarzem Segelwerk, das dem Sturmwind trotzig entgegenstand und von einem Mann von gigantischer Gestalt gelenkt wurde. Es war das Geisterschiff, der Fliegende Holländer, gekommen, die Seele des unverbesserlichen Gotteslästerers zu fordern.» (Emilio Salgari, «Das verfluchte Schiff», 1894)
Martin lächelte, während ich ihm mit feuchten Augen von meinem Traum erzählte. Dabei erwähnte ich auch, dass ich zu glauben meinte, mich zu erinnern, wie Salgari in einer anderen Erzählung derselben Sammlung von einem «brennenden Meer» sprach. Vielleicht war es gerade dieser Ausdruck, der mich in meiner frühen Jugend glauben liess, das Wasser müsse vor Hitze kochen. Dazu kam noch der Name Feuerland selbst, der ein Kind leicht auf den Gedanken bringen konnte, es handle sich um eine von der Sonne versengte Region. Vielleicht war dies der Grund, weshalb ich den Fehler beging, Feuerland in meiner Geschichte mit Sandstränden und Palmen zu beschreiben.
STEFAN GURTNER
Stefan Gurtner ist im Saanenland aufgewachsen und lebt seit 1987 in Bolivien in Südamerika, wo er mit Strassenkindern arbeitet. In loser Folge schreibt er im «Anzeiger von Saanen» über das Leben mit den Jugendlichen. Wer mehr über seine Arbeit erfahren oder diese finanziell unterstützen möchte, kann sich beim Verein Tres Soles, Ursula und Walter Köhli, Seeblickstrasse 6, 9320 Arbon, E-Mail: walterkoehli@ bluewin.ch erkundigen. Spenden: Tres Soles, 1660 Château-d’Oex, IBAN: CH20 0900 0000 1701 6727 4. www.tres-soles.de





