Kriegswinde am südlichsten Punkt Südamerikas
02.10.2026 ReisenErneut möchte ich über einen interessanten, aber traurigen Aspekt berichten, dem man auf einer Reise durch Feuerland und Patagonien immer wieder begegnet. Es geht um den Falklandkrieg, der 1982 zwischen Argentinien und Grossbritannien stattfand und der das Leben von Hunderten von ...
Erneut möchte ich über einen interessanten, aber traurigen Aspekt berichten, dem man auf einer Reise durch Feuerland und Patagonien immer wieder begegnet. Es geht um den Falklandkrieg, der 1982 zwischen Argentinien und Grossbritannien stattfand und der das Leben von Hunderten von Soldaten auf beiden Seiten gekostet hat.
Wenn man von Feuerland auf der argentinischen Seite Richtung Norden fährt, fallen einem in allen grösseren Städten die Denkmäler und Wandbilder auf, die an den Krieg um die Falklandinseln oder Malwinen – wie sie von den Argentiniern genannt werden – von 1982 erinnern. So etwa in Ushuaia, Río Gallegos, Santa Cruz, Comodoro Rivadavia, Puerto Madryn oder auch in Bariloche, was zeigt, wie traumatisch dieses Geschehnis für die argentinische Volksseele war und bis heute ist.
In den meisten Fällen bestehen diese Denkmäler aus ausgedienten Kampfflugzeugen jener Zeit, die – auf einen Sockel gestellt – mit Erinnerungstafeln versehen sind. Ebenfalls häufig sind Wandmalereien, auf denen die Umrisse der Inseln zu sehen sind, mit Sprüchen wie «Die Malwinen gehören uns!», «Engländer raus aus den Malwinen!» oder «Wir vergessen die Malwinen nicht!».
Die Falklandinseln oder Malwinen liegen etwas nordöstlich von Feuerland, knapp 500 Kilometer von der argentinischen Küste entfernt. Das südamerikanische Land musste die Inselgruppe 1833, kurz nach der Unabhängigkeit, nach einer britischen Militäraktion aufgeben. Der Historiker Felipe Pigna schilderte diese Invasion folgendermassen: «Angesichts der zunehmenden Fischerei und rücksichtslosen Jagd beschloss der Gouverneur Luis Vernet, drei nordamerikanische Walfangschiffe festzusetzen, die ohne Genehmigung Robbenfelle geladen hatten. Daraufhin, am 28. Dezember 1831, landete Kapitän Silas Duncan mit der US-amerikanischen Fregatte Lexington in Puerto Soledad, griff die Hafenanlagen an, zerstörte die Artillerie, verbrannte das Schiesspulver und nahm sechs argentinische Offiziere gefangen. Am 2. Januar 1833 erschien dann vor den Malwinen die britische Korvette Clio, deren Kapitän John James Onslow die argentinischen Truppen gewaltsam vertrieb.»
Im Verlauf der Geschichte hat Argentinien immer wieder vergeblich versucht, die Malwinen auf diplomatischem Weg zurückzuerlangen. 1976 kam in Buenos Aires eine Militärjunta an die Macht. Da diese jedoch schon bald in eine tiefe Legitimationskrise geriet, nahm sie sich vor, die Malwinen gewaltsam zurückzuerobern. «Die Besetzung der Inseln war der letzte verzweifelte Rettungsversuch einer Diktatur, die aufgrund der Wirtschaftskrise, der internationalen Isolation – weitgehend verursacht durch Berichte über Menschenrechtsverletzungen – und des wachsenden inneren Widerstands auseinanderbrach.» So lautet die ungeschminkte Wahrheit, wie Luis Alberto Romero, ein anderer argentinischer Geschichtsforscher, urteilte.
Schon 1978 hatte die Militärregierung versucht, einen Krieg gegen das Nachbarland Chile vom Zaun zu brechen, um ihre Ansprüche im Süden – insbesondere im Bereich des Beagle-Kanals – durchzusetzen. Ein bewaffneter Konflikt konnte jedoch in letzter Minute, vor allem durch die Vermittlung von Papst Johannes Paul II., verhindert werden.
Am 2. April 1982 verkündete General Leopoldo Galtieri, der Vorsitzende der Junta, auf dem Balkon des Präsidentenpalastes in Buenos Aires die militärische Besetzung der Malwinen. Wenn er jedoch dachte, dass die britische Premierministerin Margaret Thatcher mit sich verhandeln liess, täuschte er sich gewaltig. «Wir müssen diese Inseln zurückerobern, weil die Menschen, die dort leben, Briten sind. Sie dienen noch immer der Krone und sie wollen britisch sein», erklärte die «Eiserne Lady» und schickte kurzerhand eine Flotte von 16 Kriegsschiffen und Tausende von Soldaten in den Südatlantik.
Als junger Mann verfolgte ich damals diese Ereignisse mit Interesse im Fernsehen und in der Presse. Wie in vorangegangenen Beiträgen dieser Reisechronik berichtet, faszinierte mich die Gegend im Süden dieses Kontinents und ich hatte in meiner Jugendzeit eine Erzählung darüber geschrieben. Die anfänglich schlechten Nachrichten über den Kriegsverlauf wurden vom britischen Verteidigungsministerium zurückgehalten, dann konnten sie jedoch nicht mehr vertuscht werden.
«Schneller als 800 Stundenkilometer rasten die mit einem hochbrisanten, 158 Kilo schweren Sprengstoffkopf ausgerüsteten Raketen auf ein britisches Kriegsschiff zu», berichtete damals das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» ein wenig sensationslüstern. «Eines der 4,7 Meter langen Projektile schoss entweder am Ziel vorbei oder rammte eine Wellenkrone. Das andere aber schaffte es. Gelenkt von einem Suchradar- und Höhenmesssystem, das unablässig das Ziel und die Wasseroberfläche abtastet, traf die Rakete den ‹Invincible›-Begleitzerstörer ‹Sheffield›, durchschlug die Bordwand mittschiffs, explodierte neben der Schiffsküche und entzündete in einem riesenhaften Feuerball das Schiff.»
Die Versenkung der «Sheffield» war ohne Zweifel der grösste Erfolg der argentinischen Streitkräfte in diesem Konflikt, aber dann schlug die britische Übermacht gnadenlos zurück: «Mit atomgetriebenen U-Booten und einem gigantischen Arsenal an Raketen und Kanonen wurde kurzer Prozess mit den Argentiniern gemacht. Drei Treffer benötigte es, um den völlig veralteten Kreuzer ‹Belgrano› zu versenken – und mit ihm 350 Besatzungsmitglieder sowie den nationalen argentinischen Euphorismus. In Depression und Selbstmitleid kapitulierten die argentinischen Truppen schliesslich nach 74 Tagen Krieg am 14. Juni 1982.»
Es ist noch hinzuzufügen, dass die Malwinen auf dem südamerikanischen Festlandsockel liegen und geografisch eindeutig zu Argentinien gehören. Man darf jedoch nicht vergessen, dass die Inseln tatsächlich seit vielen Generationen von englischsprachigen «Kelpers» besiedelt werden, die nicht gewillt sind, die Staatsbürgerschaft zu wechseln – in einer Volksbefragung im März 2013 stimmten über 99 Prozent der Bevölkerung dafür, ein britisches Überseegebiet zu bleiben.
«Für unser Vaterland sind die Malwinen zwar ein wichtiger Integrationsfaktor», sagte Vivian, eine Argentinierin, mit der wir während einer unserer langen Überlandreisen über das Thema ins Gespräch kamen. «Aber es ist eine Sache, von ihrer Rückkehr zu träumen, und eine ganz andere, sie tatsächlich zu übernehmen.»
Sie erklärte uns auch, dass die Inseln traditionell vor allem von der Schafzucht und dem Fischfang lebten, während erst in jüngerer Zeit mögliche Erdölvorkommen ihre wirtschaftliche und strategische Bedeutung erhöht hätten, und schloss mit folgenden Worten: «Wenn die Inseln eines Tages an Argentinien fallen sollten, würden sie wohl noch lange am Tropf von Buenos Aires hängen müssen – eine schwere Last für ein Land, das ohnehin seit Jahrzehnten von einer Wirtschaftskrise zur andern stolpert.»
STEFAN GURTNER
Stefan Gurtner ist im Saanenland aufgewachsen und lebt seit 1987 in Bolivien in Südamerika, wo er mit Strassenkindern arbeitet. In loser Folge schreibt er im «Anzeiger von Saanen» über das Leben mit den Jugendlichen und andere Themen aus Bolivien. Wer mehr über seine Arbeit erfahren oder diese finanziell unterstützen möchte, kann sich beim Verein Tres Soles, Ursula und Walter Köhli, Seeblickstrasse 6, 9320 Arbon, E-Mail: walterkoehli@bluewin.ch erkundigen. Spenden: Tres Soles, 1660 Château-d’Oex, IBAN: CH20 0900 0000 1701 6727 4. www.tres-soles.de





