Kuchen und Mestizenbarock
13.03.2026 ReisenWie in den letzten Bolivienspalten möchte ich weiterhin über die Orte berichten, die mein Bruder Martin und ich während unserer über 5000 Kilometer langen Reise auf dem Landweg von Bolivien nach Feuerland besucht haben und die ich aus kultureller und geschichtlicher ...
Wie in den letzten Bolivienspalten möchte ich weiterhin über die Orte berichten, die mein Bruder Martin und ich während unserer über 5000 Kilometer langen Reise auf dem Landweg von Bolivien nach Feuerland besucht haben und die ich aus kultureller und geschichtlicher Sicht besonders interessant fand. Diesmal geht es um die Backkunst der Nachkommen deutscher Siedler sowie um die handwerklichen Fähigkeiten und den Überlebenskampf der Mapuche.
Als wir in dem Seengebiet von Chile, auch der «Kleine Süden» genannt, ankamen, regnete es in Strömen – und so ging es in den nächsten Tagen ununterbrochen weiter. «Das Wetter im Winter ist in der Gegend schauerlich», hat jemand einmal gesagt. «Und im Sommer ist es auch nicht viel besser.»
Jedenfalls war dieser Umstand eine gute Ausrede, die netten, im deutschen Stil erbauten Dörfer – Puerto Varas, Frutillar, Villarrica oder Pucón –, gelegen an den zahlreichen Seen, abzuklappern und deren Cafés zu besuchen. Diese werden von den Nachkommen deutscher Einwanderer geführt, deren Vorfahren sich vor ungefähr 170 Jahren in der damals nur dünn von Ureinwohnern, den Mapuche, besiedelten Gegend niedergelassen hatten. «Streuselkuchen» und «leckerer Kuchen» ist dort auf Deutsch zu lesen, wie auch auf den Schildern an den putzigen Häuschen, und alle Besuchenden, woher auch immer sie kommen, wissen genau, was es bedeutet.
An der Pazifikküste kann man natürlich auch einheimische Gerichte geniessen, etwa «curanto», einen Muscheleintopf, oder «caldillo de congrio», Seeaalsuppe – das Lieblingsgericht des Dichters Pablo Neruda, der aus der Gegend stammte und über den ich im letzten Artikel berichtet habe. Er liebte diese Suppe so sehr, dass er sogar ein Gedicht, die berühmte «Ode an den Seeaal», darüber schrieb.
«Wenn die Wolken plötzlich aufbrechen, dann scheint es, als ob überall verschneite Vulkankegel in den Himmel steigen: der sagenumwobene Osorno, der perfekt geformte Villarrica, der nadelspitze Puntiagudo oder der majestätische Tronador, der ‹Donnerer›, der Höchste von allen. An einem solchen Tag ist eine Reise über den Lago Todos los Santos von Petrohué nach Peulla eine der schönsten Seefahrten der Welt», notierte ich in meinem Reisetagebuch.
Weit weniger Touristen besuchen die Insel Chiloé, die vor Puerto Montt liegt. Sie ist bekannt für ihre Pfahlbauten und ihre zahlreichen vollständig aus Holz errichteten und von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärten Kirchen. Diese findet man noch an vielen Orten, die schönsten in Castro, der Hauptstadt der Insel, aber auch in Achao, Chonchi oder Dalcahue. Die Gotteshäuser stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert und wurden auch die «Kirchen am Ende der Welt» genannt, weil es den spanischen Eroberern angesichts des Widerstands der Ureinwohner tief im Süden nie gelungen war, weiter vorzustossen.
Ursprünglich waren die Dörfer Missionen der Jesuiten, die die einheimische Bevölkerung auf eine andere, menschlichere Art bekehren wollten, wie zum Beispiel auch in der Chiquitania oder in Juli im heutigen Bolivien, beziehungsweise in Peru. Die Jesuitenpater waren die ersten, die Wörterbücher in den indigenen Sprachen veröffentlichten, denn sie waren der Meinung, dass diese Völker es verdienten, in ihren eigenen Sprachen evangelisiert zu werden. Ebenso förderten sie ihre altüberlieferten künstlerischen Fähigkeiten, etwa in der Musik, der Schnitzerei oder der Architektur. Auf diese Weise entstand ein einmaliger Stil, der sogenannte Mestizenbarock, in dem die Kirchen dort erbaut wurden und der sowohl einheimische als auch europäische Elemente vereint.
Wie bekannt ist, scheiterte dieses Evangelisierungsmodell unter anderem an der Habgier der kolonialen Gesellschaft, die in der indigenen Bevölkerung nur billige Arbeitskräfte sah. Die Jesuiten wurden 1767 auf Befehl des spanischen Königs Carlos III. aus Südamerika ausgewiesen. Seither widersetzten sich die Mapuche der «Zivilisierung», wie die Eroberer diesen Vorgang nannten. Sie waren, abgesehen von ihrer Geschicklichkeit als Handwerker, auch Jäger, Fischer und Sammler, die sich sehr gut selbst versorgen konnten.
Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Mapuche ihres Landes beraubt und teilweise gewaltsam in die staatlichen Strukturen eingegliedert, die beiderseits der chilenisch-argentinischen Grenze in Patagonien errichtet wurden. Sie gaben jedoch nie auf, ihre frühere Unabhängigkeit wiederzuerlangen. Dass der Kampf bis in die heutigen Tage manchmal auch blutig geführt wird, bezeugen die Inschriften an Hauswänden und Stützmauern, die an verschiedenen Orten der Insel zu sehen sind.
Die Behörden sehen es mit Sicherheit nicht gern, dass solche von Besuchenden fotografiert werden, und mein Bruder Martin, der mich auf dieser Reise unter anderem als Fotograf begleitet hat, liess seine Blicke immer vorsichtig um sich schweifen, bevor er zur Kamera griff. Auffällig häufig vertreten sind auf solchen Inschriften die Namen von Roberto Triviño, Luis Cárcamo, Arturo Cárdenas, Santiago Pérez und Zoilo Guerrero, die 1921 während eines Streiks von Landarbeitern von Sicherheitskräften erschossen wurden.
Ein Fall, der erst kürzlich Aufsehen erregte, ist derjenige der 73-jährigen Mapuche-Aktivistin Julia Chuñil, deren Foto auf den Flugblättern an unzähligen Wänden zu sehen ist und die im Jahr 2024 plötzlich verschwand. Vorausgegangen war ein Konflikt mit einem Farmer, in dem es um ein Waldgebiet gegangen war, das ursprünglich dem Stamm gehört hatte und um dessen Rückgabe sie kämpfte. Verschiedene Menschenrechtsorganisationen organisierten in den grossen Städten des Landes – sogar in der Hauptstadt Santiago de Chile vor dem Präsidentenpalast – daraufhin Protestmärsche und setzten sich für eine zügige Klärung des Falls ein. Bisher umsonst, denn von der Aktivistin fehlt bis heute jede Spur.
STEFAN GURTNER
Der Titel der Bolivienspalte vom Februar über Pablo Neruda wurde versehentlich vertauscht. Der korrekte Titel lautet «Ein lebendiges Museum».
Stefan Gurtner ist im Saanenland aufgewachsen und lebt seit 1987 in Bolivien in Südamerika, wo er mit Strassenkindern arbeitet. In loser Folge schreibt er im «Anzeiger von Saanen» über das Leben mit den Jugendlichen. Wer mehr über seine Arbeit erfahren oder diese finanziell unterstützen möchte, kann sich beim Verein Tres Soles, Ursula und Walter Köhli, Seeblickstrasse 6, 9320 Arbon, E-Mail: walterkoehli@ bluewin.ch erkundigen. Spenden: Tres Soles, 1660 Château-d’Oex, IBAN: CH20 0900 0000 1701 6727 4. www.tres-soles.de




