In der Schweiz wird derzeit mehr Milch produziert als im Vorjahr, sagt die Branchenorganisation Milch (BOM). Wie sieht die Situation im Saanenland aus? Die Milchanlieferungen bewegen sich hier auf einem ähnlichen Niveau wie im Vorjahr, erklären die hiesigen Molkereien und ...
In der Schweiz wird derzeit mehr Milch produziert als im Vorjahr, sagt die Branchenorganisation Milch (BOM). Wie sieht die Situation im Saanenland aus? Die Milchanlieferungen bewegen sich hier auf einem ähnlichen Niveau wie im Vorjahr, erklären die hiesigen Molkereien und Genossenschaften und relativieren die Aussagen der BOM.
JONATHAN SCHOPFER
In der SRF-Sendung «Eco Talk» vom 12. Oktober sprach Stefan Kohler, Geschäftsführer der Branchenorganisation Milch (BOM), über den aktuellen Milchüberschuss in der Schweiz. In der BOM sitzen Vertretende des Detailhandels und Produzenten, die den Milchmarkt über den Richtpreis steuern. Trotz des trockenen Sommers wird gemäss Kohler weiterhin viel Milch produziert. Die Milchmenge sei im Oktober bisher ein bis zwei Prozent über dem bereits hohen Vorjahresniveau. Einen möglichen Grund sieht er darin, dass die Bauern ihren Tieren bereits Winterfutter verfüttern. «Winterfutter gibt mehr Milch, denn das Winterfutter ist das Gras vom Frühling, das von sehr guter Qualität ist», erklärte Kohler.
Die Molkereien und Milchverarbeiter im Saanenland relativieren aber die Aussage zum Milchüberschuss. «Das trifft bei der Genossenschaft Molkerei Gstaad nicht zu», sagt Geschäftsführer René Ryser. Im September und Oktober seien die angelieferten Milchmengen auf dem üblichen Niveau geblieben. Im Sommer sei zwar weniger Milch angeliefert worden. «Das ist jedoch normal, da sich die Bauern mit den Kühen während der Alpsaison auf den Alpen befinden.» Ryser hält Begriffe wie «Milchschwemme», die auch SRF verwendet, für irreführend.
Ähnlich lautet der Tenor bei der Molkerei Schönried und der Milchverwertungsgenossenschaft Saanen. Auch dort bewegen sich die Milchmengen im Herbst im üblichen Rahmen.
Andere Betriebsstrukturen als im Mittelland
Reto Siegrist, Geschäftsführer der Molkerei Schönried, stellte aufgrund der Trockenheit im Juli und August einen Rückgang der Milchanlieferungen fest. Mittlerweile hätten sich die Mengen jedoch wieder normalisiert. Er unterstreicht, dass die Landwirtschaftsbetriebe im Saanenland nur schwer mit jenen im Mittelland zu vergleichen seien. «Die Betriebsstrukturen und die Grösse der Betriebe sind grundlegend anders.»
Siegrist tauscht sich regelmässig mit Berufskollegen aus Molkereien im Mittelland aus. Von ihnen weiss er, dass einige Landwirtschaftsbetriebe ihren Kühen bereits im Sommer und Herbst Mais verfüttert hätten, der eigentlich als Winterfutter vorgesehen war. «Ein Teil der Betriebe setzt voll auf die Milchproduktion und will die Produktion möglichst hochhalten. Sie hoffen, dass sie im Winter Futter zukaufen können – sie spekulieren», stellt er fest. Dementsprechend gespannt ist Siegrist, wie sich die Lage in den kommenden Monaten entwickelt.
Im SRF-Beitrag rechnet Kohler jedenfalls damit, dass die Milchmenge Anfang 2027 zurückgehen wird, weil dann die Winterfuttervorräte aufgebraucht sein dürften. Doch weshalb kaufen die Betriebe dann nicht einfach zusätzliches Futter ein? Das dürfte nicht so einfach sein: Gemäss der Zeitung «Schweizer Bauer» ist Importfutter in diesem Jahr aufgrund der Trockenheit knapp und kostspielig.
Weniger Alpkäse – mehr Milchlieferanten
Marcel Mösching, Präsident der Milchverwertungsgenossenschaft Saanen, stimmt seinen Berufskollegen zu, dass man Landwirtschaftsbetriebe im Mittelland nicht mit jenen in den Bergregionen vergleichen sollte.
Er spricht noch einen weiteren Punkt an: «Die durchschnittliche Liefermenge pro Milchlieferant ist dieses Jahr zurückgegangen. Gleichzeitig haben aber mehr Bauernbetriebe Milch geliefert, da dieses Jahr weniger Bauern auf den Alpen gekäst haben.» Dadurch habe die Genossenschaft von Juni bis September insgesamt etwas mehr Milch erhalten.
Und der Milchpreis?
«Aufgrund der Trockenheit gab es im Sommer klar weniger Milch», sagt David Perreten, Präsident der Landwirtschaftlichen Vereinigung Saanenland. Diese habe bei den Landwirtschaftsbetrieben zu Ertragsausfällen geführt. Um die gestiegenen Produktionskosten der Milchbauern teilweise abzufedern, entschied der Vorstand der BOM am 27. August, den A-Richtpreis für Molkereimilch ausserordentlich um 4 Rappen auf 82 Rappen pro Kilogramm anzuheben.
Perreten erwartet allerdings, dass der Druck auf den Milchpreis wieder zunehmen wird, wenn Verbände über einen Milchüberschuss berichten. «In der Branchenorganisation Milch sind schliesslich auch Milchverarbeiter vertreten, die an tieferen Milchpreisen interessiert sind.»