Gstaad erreicht höchstes Swisstainable-Level
28.04.2026 DestinationDie Ferienregion Gstaad ist neu als «Swisstainable Destination Level III – leading» eingestuft worden. Was bedeutet diese Auszeichnung konkret, wie kam es dazu – und weshalb geht es dabei nicht nur um Gäste, sondern auch um den Lebensraum der einheimischen ...
Die Ferienregion Gstaad ist neu als «Swisstainable Destination Level III – leading» eingestuft worden. Was bedeutet diese Auszeichnung konkret, wie kam es dazu – und weshalb geht es dabei nicht nur um Gäste, sondern auch um den Lebensraum der einheimischen Bevölkerung?
Was wurde ausgezeichnet?
Die Ferienregion Gstaad wurde gemäss einer Medienmitteilung von Gstaad Saanenland Tourismus als «Swisstainable Destination Level III – leading» eingestuft. Das ist die höchste Stufe des Nachhaltigkeitsprogramms von Schweiz Tourismus für Destinationen.
Welche anderen Destinationen haben diese Stufe erreicht?
Gstaad gehört damit zu einer kleinen Gruppe von Vorreitern in der Schweiz. Neben der Ferienregion Gstaad sind dies aktuell das Unterengadin, die UNESCO Biosphäre Entlebuch sowie die Städte Basel und Zürich.
Was bedeutet Level III – leading?
Level III bedeutet, dass Nachhaltigkeit nicht nur punktuell umgesetzt wird, sondern systematisch in der Destination verankert ist.
Wie kommt man zu dieser Einstufung?
Geprüft wurden in einem Audit ökologische, wirtschaftliche und soziale Kriterien entlang der gesamten touristischen Wertschöpfungskette. Es geht also nicht nur um Umweltfragen, sondern auch um regionale Wertschöpfung, Arbeitsplätze, Mobilität, Angebote, Betriebe und die Zusammenarbeit in der Region.
Wer hat die Zertifizierung vorgenommen?
Die externe Prüfung erfolgte durch TourCert. Diese Organisation begleitet und zertifiziert Tourismusunternehmen und Destinationen, die sich nachhaltig ausrichten wollen. Für die Einstufung auf Level III ist eine solche unabhängige Zertifizierung nach internationalen Standards (ISO, EMAS und Kriterien des Global Sustainable Tourism Council GSTC) zwingend nötig. Die Zertifizierung durch TourCert bildet jedoch nur die Grundlage: Anschliessend wird die Destination zusätzlich durch ein unabhängiges Swisstainable-Gremium geprüft. Erst nach diesem zweiten Schritt erfolgt die offizielle Einstufung als «Swisstainable Destination Level III – leading», welche die Destination nun im April erhalten hat.
Was bringt diese Auszeichnung der Destination konkret?
Sie schafft in erster Linie Transparenz: Die Destination kann nachweisen, dass sie definierte Nachhaltigkeitsstandards erfüllt und sich extern überprüfen lässt. Für Gäste und Partner wird dadurch sichtbar, wie ernst Nachhaltigkeit in der Region genommen wird. Gleichzeitig schafft die Zertifizierung intern Orientierung und fördert den Dialog innerhalb der Region.
Zudem verlangt der Markt eine immer stärkere nachhaltige Ausrichtung: «Wir spüren eine wachsende Nachfrage von nachhaltigen Angeboten, insbesondere von Reiseveranstaltern und im MI-CE-Bereich», sagt Ariane Ludwig, Leiterin Marketing, Kommunikation & Sales.
Warum braucht es überhaupt Nachhaltigkeitsbemühungen in der Region?
Der Tourismus ist ein zentraler Wirtschaftsfaktor: Gemäss dem aktuellen Nachhaltigkeitsbericht der Destination generierte er 2024 in der Region einen Gesamtertrag von 419 Millionen Franken – 290 Millionen direkt, 129 Millionen indirekt. Rund 36 Prozent aller Arbeitsplätze hängen direkt daran. Gerade deshalb hat die Entwicklung des Tourismus direkte Auswirkungen auf den Lebensraum – von Arbeitsplätzen über Verkehr bis hin zur Landschaft. Nachhaltigkeit wird damit nicht nur zu einer Frage für Gäste, sondern für die gesamte Bevölkerung. Daher ist die Nachhaltigkeit seit 2025 als fester Bestandteil in der Tourismusstrategie verankert.
Wer macht bereits mit?
Der Nachhaltigkeitsgedanke ist bereits breit abgestützt. Stand Ende April verfügen 98 Tourismusbetriebe über ein Umwelt- oder Nachhaltigkeitslabel. Dazu gehören 16 Hotels, die Bergbahnen Destination Gstaad, Glacier 3000, die MOB, PostAuto, das Menuhin Festival Gstaad, das Sportzentrum, 70 Ferienwohnungen sowie weitere Gewerbebetriebe. Insgesamt sind Stand Ende April 22 Prozent der Partnerbetriebe eingestuft, bei den Hotels 39 Prozent.
Wie zeigt sich Nachhaltigkeit konkret im Destinationsalltag?
Die Beispiele reichen von Ranger-Touren im Naturschutzgebiet Lauenensee über Initiativen für Regionalprodukte wie «Ächt vo hie» bis zur Gstaad Card, mit der Übernachtungsgäste den öffentlichen Verkehr in der weiteren Region kostenlos nutzen können. Dass diese Massnahmen greifen, zeigt die Statistik: Der Anteil der Anreisen mit Bahn und Bus ist kontinuierlich gestiegen und liegt heute bereits bei rund einem Drittel. Auch Clean-Up-Days mit Schulen, Schulungen über die Tourismus Akademie sowie Angebote zu barrierefreiem Tourismus gehören dazu.
Ist der Nachhaltigkeitsprozess damit abgeschlossen?
Nein. In der Medienmitteilung wird ausdrücklich betont, dass Nachhaltigkeit kein abgeschlossener Zustand ist. Die Zertifizierung ist vielmehr eine Standortbestimmung und ein Auftrag, weiterzumachen. Mit dem neu etablierten Nachhaltigkeitsrat im Destinationsrat soll die Weiterentwicklung begleitet, priorisiert und breiter abgestützt werden.
PD/SWO
WAS IST SWISSTAINABLE?
Swisstainable ist das Nach haltig keitsprogramm von Schweiz Tourismus. Es wird vom Schweizer Tourismus-Verband (STV) betreut und gemeinsam mit der Hochschule Luzern weiterentwickelt. Ziel des Programms ist es, Nachhaltigkeit im Schweizer Tourismus sichtbar und vergleichbar zu machen – für Gäste, Betriebe und Destinationen. Es zeigt, welche Leistungen bereits erbracht werden und wo Entwicklung stattfindet. Das Programm richtet sich sowohl an einzelne Betriebe als auch an ganze Destinationen.
SWO
DREI STUFEN AUF DEM WEG ZUR NACHHALTIGKEIT
Level I – committed
Einstieg: Erste Schritte sind gemacht, das Bekenntnis zur Nachhaltigkeit ist vorhanden.
Level II – engaged
Weiter fortgeschritten: Nachhaltigkeit wird aktiv umgesetzt und strukturiert weiterentwickelt.
Level III – leading
Spitze: Nachhaltigkeit ist umfassend verankert und durch eine externe, international anerkannte Zertifizierung bestätigt.
SWO
«Das Label ist kein Selbstzweck»
Die Ferienregion Gstaad gehört neu zu den nachhaltigsten Destinationen der Schweiz. Patrick Bauer, Leiter Destinationsentwicklung und Nachhaltigkeit, hat den Prozess von Anfang an begleitet. Im Interview erklärt er, was hinter der Auszeichnung steckt – und warum sie erst der Anfang ist.
SONJA WOLF
Patrick Bauer, was bedeutet diese Auszeichnung für Sie persönlich nach diesem langen Prozess?
Ganz persönlich ist diese Auszeichnung für mich vor allem eine Bestätigung dafür, dass sich Ausdauer und Konsequenz lohnen. Nachhaltigkeit ist kein Projekt, das man einfach abschliesst, sondern ein kontinuierlicher Entwicklungsprozess. Die Zertifizierung auf Stufe III zeigt mir, dass wir als Region über Jahre hinweg – gemeinsam mit Gemeinden, Betrieben und Partnern – in die richtige Richtung gearbeitet haben und weiterarbeiten werden.
Was war im Zertifizierungsprozess besonders anspruchsvoll?
Am anspruchsvollsten war die Breite des Themas. Nachhaltigkeit betrifft Mobilität, Energie, regionale Wertschöpfung, Sozialfragen und Governance gleichermassen. Es geht nicht um einzelne Leuchtturmprojekte, sondern um Systematik, Messbarkeit und Glaubwürdigkeit. Diese Komplexität sauber abzubilden, war herausfordernd – aber auch sehr lehrreich. Und dann ist es trotzdem wichtig, gewisse Prioritäten zu setzen, die man in naher Zukunft verfolgen will.
98 Betriebe sind bereits Teil des Systems: Wie schwierig war es, die Partner in der Region mitzunehmen?
Es braucht Verständnis und viel Dialog. Die Betriebe haben sehr unterschiedliche Ausgangslagen und Ressourcen. Entscheidend war für uns, nicht mit Druck zu arbeiten, sondern mit Unterstützung, pragmatischen Hilfsmitteln und klarer Kommunikation. Dass heute so viele Partner mitmachen, zeigt: Der Weg wird mitgetragen. Es gibt so viele Betriebe, die sich selbst sehr stark engagieren und sich verbessern wollen und die Verantwortung mittragen. Einfach grossartig!
Sie sagen, Nachhaltigkeit sei ein gemeinsamer Prozess. Wie gehen Sie konkret vor, um Leistungsträger, Gäste und Bevölkerung einzubeziehen?
Wir setzen stark auf Vernetzung und Einbindung. Die einheimische Bevölkerung informieren wir laufend auf verschiedenen Kanälen oder beziehen sie bei verschiedenen Projekten ein, wie zum Beispiel bei den Regionalprodukte «Ächt – vo hie» oder den Clean-up-Tagen. Und mit dem Destinationsrat haben wir eine gemeinsame Plattform für Gemeinden, Leistungsträger und weitere Akteure. Gleichzeitig binden wir Gäste über Angebote wie den ÖVinklusive-Ansatz, nachhaltige Ferienerlebnisse oder Sensibilisierung ein und informieren transparent darüber, was wir bereits tun – und wo wir noch besser werden müssen.
Ganz konkret: Wie kann sich ein Betrieb zertifizieren lassen?
Auf Swisstainable Level I ist der Einstieg bewusst niederschwellig. Das unterschriebene Commitment, ein ausgefüllter Selbstcheck und ein erster Massnahmenplan mit drei Hauptmassnahmen ermöglichen das Level I. Danach können sich Betriebe entlang klarer Kriterien schrittweise engagieren, unterstützt durch Leitfäden, Beratung und den Erfahrungsaustausch innerhalb der Region. Wichtig ist: Niemand muss perfekt starten – entscheidend ist die Bereitschaft, sich auf den Weg zu machen. Für Level II und III benötigt man Bescheinigungen des Engagements im sozialen, ökologischen oder ökonomischen Bereich und/oder Zertifizierungen. Doch das Engagement lohnt sich immer. Oft sogar auch wirtschaftlich.
Wie meinen Sie das?
Einmal durch mehr Nachfrage. Denn Nachhaltigkeit ist schliesslich im Trend. Oft können aber auch Kosten optimiert werden durch weniger Abfall, die Minimierung des Foodwaste, eine effizientere Heizung, eigene Energieproduktion usw.
Der Begriff Nachhaltigkeit ist ja allgegenwärtig – provokativ gefragt: Was bringt dieses zusätzliche Label der Region wirklich?
Das Label ist kein Selbstzweck. Es schafft Orientierung – für Gäste ebenso wie für Betriebe. Vor allem aber zwingt es uns als Destination, ehrlich hinzuschauen, Fortschritte zu belegen und Lücken offen zu benennen. Genau diese Verbindlichkeit bringt die Region langfristig weiter. Schlussendlich geht verantwortungsvolles Handeln uns alle an. Und vor allem auch unsere zukünftigen Generationen.
Nachhaltigkeit betrifft auch die einheimische Bevölkerung: Wie soll sie konkret davon profitieren?
Nachhaltigkeit soll spürbar sein. Etwa durch bessere Mobilitätslösungen, gestärkte regionale Wirtschaftskreisläufe oder mehr Mitsprache bei der Entwicklung der Destination. Unser Ziel ist, die Lebensqualität vor Ort zu sichern – nicht nur die touristische Attraktivität.
Was ist der nächste konkrete Schritt nach der Zertifizierung?
Die Zertifizierung ist kein Schlusspunkt, sondern ein Zwischenschritt. Nun geht es darum, bestehende Massnahmen weiterzuentwickeln, die Zusammenarbeit mit den Partnern zu vertiefen und einzelne Themen wie Mobilität und Klimawirkung noch stärker zu konkretisieren. Der Weg geht klar weiter. Ich empfehle allen, einmal einen Blick auf unsere «Gstaad nachhaltiger»-Website zu werfen. Vor allem auch der Nachhaltigkeitsbericht und das Verbesserungsprogramm bieten detailreiche Informationen.





