Punta Arenas und der Wettlauf zum Südpol
15.05.2026 ReisenAuch heute möchte ich wieder über einen der Orte berichten, die mein Bruder Martin und ich während unserer Reise auf dem Landweg von Bolivien nach Feuerland besucht haben. Punta Arenas, die südlichste Stadt Chiles, war, bevor man über die Magellanstrasse nach ...
Auch heute möchte ich wieder über einen der Orte berichten, die mein Bruder Martin und ich während unserer Reise auf dem Landweg von Bolivien nach Feuerland besucht haben. Punta Arenas, die südlichste Stadt Chiles, war, bevor man über die Magellanstrasse nach Feuerland übersetzen konnte, vor über hundert Jahren Schauplatz des Wettlaufs um den Südpol.
Eines Morgens, mitten im tiefsten Winter auf der südlichen Erdhalbkugel – man schrieb das Jahr 1916 – klopfte ein ziemlich heruntergekommener Mann an die Tür der Villa von Sara Braun in Punta Arenas. Sir Ernest Shackleton, so lautete der Name des Mannes, suchte bei der millionenschweren Farmerswitwe Unterstützung, um die Besatzung seines in der Antarktis gesunkenen Schiffs «Endurance» zu retten, die seit Monaten auf einer abgelegenen Insel ausharrte.
Schon damals war Punta Arenas eine überraschend grosse und wohlhabende Stadt, mit breiten Avenuen, Parks, Villen und prächtigen Regierungsgebäuden. Ihr Reichtum gründete vor allem auf den riesigen Schaffarmen der Region und dem florierenden Handel. Man darf nicht vergessen, dass Punta Arenas, bevor der Panamakanal gebaut wurde, an einer der wichtigsten Seerouten der Welt lag – nämlich dort, wo Atlantik und Pazifik aufeinander treffen.
Dank ihrer Lage an der äussersten Spitze des amerikanischen Kontinents wurde die Stadt auch Zeugin des Wettlaufs zum Südpol zwischen dem Norweger Roald Amundsen (1872–1928) und den beiden Briten Robert Falcon Scott (1868–1912) und Ernest Shackleton (1874–1922).
Der Norweger Amundsen erreichte Punta Arenas 1897 als Erster, als er mit dem Forschungsschiff «Belgica» als zweiter Offizier auf dem Weg in die Antarktis unterwegs war. Für ihn war diese Reise ein wichtiger Schritt, um Erfahrungen für jene Polarexpeditionen zu sammeln, von denen er bereits in jungen Jahren besessen war.
«Es gibt überall elektrisches Licht und Telefone, man hat Strassen asphaltiert, und es gibt grosse, elegante Geschäfte», schilderte er später seine Eindrücke. «Man muss nach der neuesten Mode gekleidet sein… Grosse Schiffe, sowohl Fracht- als auch Passagierschiffe, kommen und gehen jeden Tag.»
Nur wenige Jahre später, zwischen 1902 und 1903, wurden Scott und Shackleton während der britischen «National Antarctic Expedition» zu Rivalen. Als der Vorstoss zum Südpol scheiterte, kam es zum offenen Bruch. Scott, der Expeditionsleiter, schickte den jüngeren Shackleton als angeblich «dienstuntauglich» vorzeitig nach Hause, während dieser wiederum die Führungsqualitäten seines Vorgesetzten infrage stellte. Nach Beendigung der Expedition machte Scott in Punta Arenas Halt, um bei der dortigen Post rund 400 Briefe aufzugeben, in denen er über die Resultate seiner Unternehmung berichtete.
Shackleton liess sich jedoch nicht entmutigen. Von 1907 bis 1909 startete er einen neuen Versuch, die sogenannte «Nimrod-Expedition». Mit drei Gefährten gelangte er bis auf 150 Kilometer an den Südpol heran – ein neuer Rekord. Doch Hunger und Kälte hatten die Männer so sehr geschwächt, dass sie nicht weiter vorankamen. «Lieber ein lebender Esel als ein toter Löwe», kommentierte Shackleton lakonisch, bevor sie den Rückzug antraten.
Scott wiederum blieb nicht untätig. 1911 stellte er eine weitere Expedition auf die Beine, entschlossen, den Südpol als Erster zu erreichen. Was er erst später erfuhr: Zur gleichen Zeit war auch Amundsen mit demselben Ziel unterwegs. Der Norweger hatte ursprünglich geplant, den Nordpol zu erreichen, doch bereits auf hoher See musste er erfahren, dass ihm Frederik Cook dort offenbar zuvorgekommen war. Kurzerhand änderte Amundsen den Kurs seines Schiffes «Fram» und steuerte den Südpol an. Auf dem Ross-Schelfeis errichtete er sein Basislager und brach mit vier Begleitern sofort auf. Auf Ski und mit Hundeschlitten kamen sie rasch und mühelos voran.
Die Gruppe von Scott, die von einem anderen Punkt aus gestartet war, geriet bald darauf in Schwierigkeiten. Zunächst blieb ihr Schiff, die «Terra Nova», im Eis stecken. Dann zeigte sich, dass die mandschurischen Ponys und die Motorschlitten, auf die Scott gesetzt hatte, für dieses Klima ungeeignet waren. Die Männer mussten die schweren Schlitten schliesslich selbst ziehen. Trotzdem erreichten sie am 18. Januar 1912 den Pol – nur um dort ein verlassenes Zelt und die norwegische Fahne vorzufinden, die Amundsens Gruppe bereits am 14. Dezember aufgestellt hatte. Die Norweger waren längst wieder auf dem Rückweg.
Dieser Rückweg endete für Scott und seine vier Gefährten allerdings in einer Katastrophe. Sie starben an Hunger, Kälte und völliger Erschöpfung. «Das Schlimmste ist eingetreten, alle meine Träume sind dahin», heisst es in einem seiner letzten Einträge. «Um Gottes willen, kümmert euch um unsere Leute!»
Sein Tagebuch wurde später zusammen mit den Leichen von einem Suchtrupp gefunden. Weder Amundsens Triumph noch Scotts tragisches Ende hielten Ernest Shackleton davon ab, 1914 noch einmal aufzubrechen. Sein Ziel war äusserst ehrgeizig: die erste Durchquerung der Antarktis zu Fuss. Doch erneut schlug das Eis zu. Die «Endurance» blieb im Packeis stecken und wurde innerhalb der darauffolgenden neun Monate buchstäblich zerdrückt. Erst als Tauwetter einsetzte, konnte sich die Besatzung mit den Beibooten zur abgelegenen Elefanteninsel retten.
Von dort wagte Shackleton mit fünf Männern eine beinahe unglaubliche Fahrt: In einem kleinen Boot legten sie rund 1300 Kilometer bis nach Südgeorgien zurück, wo es eine Walfangstation gab. «Es waren aussergewöhnliche, kolossal hohe Wellen», schrieb Shackleton später. «Wie riesige Berge aus Wasser, die auf uns zukamen.» Ein einziger Navigationsfehler und sie hätten die Insel verfehlt – und wären für immer im Ozean verschwunden.
Anschliessend reiste Shackleton über die Falklandinseln nach Punta Arenas. Dort setzte er alles daran, seine in der Antarktis zurückgebliebene Mannschaft zu retten. Am 30. August 1916 gelang ihm dies schliesslich an Bord des chilenischen Dampfers «Yelcho», gesteuert von Kapitän Luis Pardo. Als ihn die 22 Männer, die monatelang von Pinguin- und Robbenfleisch sowie von Algen gelebt hatten, jubelnd empfingen, soll Shackleton gerührt ausgerufen haben: «Nicht einer ist verloren gegangen!»
In der ehemaligen Villa von Sara Braun, die Shackleton einst in seiner Not geholfen hatte, befindet sich heute die Bar «Shackleton». Sie wurde 2005 in Anwesenheit der Enkel Shackletons und des Kapitäns Pardo feierlich eröffnet. Hier kann man nicht nur einen Whisky trinken, um die Kälte zu vertreiben, sondern am Morgen auch einen Kaffee bekommen, Aquarelle vom Antarktisabenteuer des Entdeckers betrachten, Gedanken für einen Artikel über seine aussergewöhnliche Persönlichkeit sammeln und sie schliesslich auf einem Bierdeckel festhalten…
STEFAN GURTNER
Stefan Gurtner ist im Saanenland aufgewachsen und lebt seit 1987 in Bolivien in Südamerika, wo er mit Strassenkindern arbeitet. In loser Folge schreibt er im «Anzeiger von Saanen» über das Leben mit den Jugendlichen. Wer mehr über seine Arbeit erfahren oder diese finanziell unterstützen möchte, kann sich beim Verein Tres Soles, Ursula und Walter Köhli, Seeblickstrasse 6, 9320 Arbon, E-Mail: walterkoehli@ bluewin.ch erkundigen. Spenden: Tres Soles, 1660 Château-d’Oex, IBAN: CH20 0900 0000 1701 6727 4. www.tres-soles.de




