Im Rollstuhl durch die afrikanische Savanne
17.02.2026 ReisenGabi Thoenen aus Schönried veranstaltet seit vielen Jahren mit ihrem Schweizer Reisebüro Njovu Safaris Reisen ins südliche Afrika. Ende 2025 lehnte sie sich aus dem Fenster und veranstaltete eine 16-tägige Safari für vier Rollstuhlfahrende samt ihren Ehepartnern. ...
Gabi Thoenen aus Schönried veranstaltet seit vielen Jahren mit ihrem Schweizer Reisebüro Njovu Safaris Reisen ins südliche Afrika. Ende 2025 lehnte sie sich aus dem Fenster und veranstaltete eine 16-tägige Safari für vier Rollstuhlfahrende samt ihren Ehepartnern. Eine nicht alltägliche Aufgabe, die viel Extraeinsatz und «um die Ecke denken» erforderte.
PAULA H. MITTAG
Mitten in der südafrikanischen Savanne steht ein offenes Safarifahrzeug. An sich nichts Ungewöhnliches, schliesslich gehören Safaris in Botswana und Simbabwe zum Alltag. Doch diese Safari ist eine besondere: An Bord befinden sich vier Rollstuhlfahrende, begleitet von ihren Ehepartnern. Mit dabei sind zudem Gabi Thoenen, Inhaberin von Njovu Safaris, sowie Mike Hill, Leiter von Endeavour Safaris. Nach zweijähriger Planung hat sich Gabi Thoenens Vision endlich erfüllt: eine speziell konzipierte Safarireise für Rollstuhlfahrende. Gemeinsam begaben sich die Teilnehmenden auf eine 16-tägige Safari durch Botswana und Simbabwe. «Ich habe eine persönliche Verbindung zum Rollstuhlfahren. Über zehn Jahre lang habe ich hier im Saanenland jährlich ein Rollstuhlwochenende organisiert und wollte dieses Engagement nun auf mein Arbeitsgebiet südliches Afrika ausweiten», sagt Gabi Thoenen.
Für alles gibt es eine Lösung
«Die Flüge waren eine riesige Herausforderung, denn die meisten Probleme beginnen erst nach der Buchung», erklärt Thoenen. Die Gruppe führte unter anderem einen Elektrorollstuhl mit, der rund 180 Kilogramm wog. «Auf Langstreckenflügen ist das meist kein Problem, aber auf der Verbindung von Maun nach Johannesburg nimmt diese Fluggesellschaft keine Elektrorollstühle mit», so Thoenen. Deshalb wurde ein Strassentransfer für eine Strecke von rund 1000 Kilometer nach Johannesburg organisiert, während die betroffene Person vorübergehend einen manuellen Rollstuhl nutzte.
«Ein weiteres Problem ist, dass gewisse Airlines pro Flug nur drei Rollstuhlfahrende mitnehmen. Deshalb musste ich ein Ehepaar umbuchen», berichtet sie. Obwohl alle Rollstühle angemeldet waren, wartete die Gruppe in Johannesburg zweieinhalb Stunden, bis der Elektrorollstuhl auf den Langstreckenflug eingeladen wurde.
Mit ein paar Anpassungen der Natur ganz nah
Die Safari fand mit einem offenen Fahrzeug mit Dach statt. «Das Besondere an diesem Fahrzeug war eine Hebebühne, mit der Rollstuhlfahrende ins Auto gehoben werden konnten», erklärt Gabi Thoenen. Auf die Frage, ob ein offenes Fahrzeug nicht gefährlich sei, antwortet sie: «Nein. Die Tiere nehmen das Fahrzeug als grosses Ganzes wahr und nicht die einzelnen Menschen. Man darf sich aber nicht auffällig verhalten.»
Dennoch mussten die Teilnehmenden das Safarifahrzeug gelegentlich verlassen. «Viele Menschen im Rollstuhl haben Probleme mit der Verdauung, weshalb der Toilettenstuhl manchmal mitten in der Wildnis aufgebaut werden muss. Das ist oft komplizierter, als man denkt, da sich viele wilde Tiere in der Nähe aufhalten», erklärt Thoenen.
Während der Safari übernachteten die Teilnehmenden unter anderem sechs Tage in Zelten. «Für die Rollstuhlfahrenden wurden die Zeltböden mit Platten ausgelegt, ebenso die Gehwege, damit sie sich mit dem Rollstuhl fortbewegen konnten», erzählt sie.
Extra Challenge mit Elektrorollstuhl
Für eine junge Frau war die Reise ein besonders aussergewöhnliches Erlebnis. Sie lebt mit Tetraplegie, was bedeutet, dass sie vom Hals abwärts gelähmt ist und auf einen Elektrorollstuhl angewiesen ist. Zur Unterstützung begleitete sie eine Pflegefachfrau, die die grundlegenden pflegerischen Aufgaben übernahm, da die junge Frau aufgrund ihrer Erkrankung nicht selbstständig reisen kann.
Eine weitere Herausforderung ergab sich während des Fluges: «Sie benötigte ein Sauerstoffgerät an Bord. Dafür waren Bewilligungen und Abklärungen zur Batterieleistung notwendig», erklärt Thoenen. «Was für viele selbstverständlich ist, ist für Rollstuhlfahrende oft deutlich anstrengender und anspruchsvoller.»
Die Herausforderungen beginnen bereits vor der Reise
Doch mit den ohnehin strapaziösen Flügen sind die Herausforderungen für Rollstuhlfahrer noch längst nicht vorbei. Besonders die Buchung geeigneter Unterkünfte erweist sich oft als schwierig. «Viele Unterkünfte bezeichnen sich als rollstuhlfreundlich, nur weil neben der Toilette ein Haltegriff montiert ist. In der Praxis passt der Rollstuhl dann aber nicht einmal durch die Tür», sagt Gabi Thoenen enttäuscht. Auf die Frage, wie sich solche Unannehmlichkeiten vermeiden liessen, antwortet Thoenen: «Wir haben sämtliche Unterkünfte, die für diese Reise vorgesehen waren, persönlich besucht, mit einem Rollstuhl getestet und überprüft. Anschliessend fand ein erstes Onlinetreffen mit den Teilnehmenden statt. Gemeinsam besprachen wir, welche Programmpunkte oder Unterkünfte nicht umsetzbar sind, und nahmen die nötigen Anpassungen vor.»
In diesem Interview redet Gabi Thoenen über ihre persönlichen Erfahrungen und die Schwierigkeiten, die mit der Organisation und dem Rollstuhl verbunden sind.
INTERVIEW: PAULA MITTAG
Gabi Thoenen, was hat Sie persönlich motiviert dieses Projekt trotz der Komplexität anzugehen?
Ich bin der Meinung, dass es keinen Grund gibt, warum jemand im Rollstuhl nicht auf Safari gehen sollte. Als ich die Reise ausgeschrieben habe, wusste ich allerdings nicht, ob überhaupt Interesse bestehen würde, schliesslich spielt auch der finanzielle Aspekt eine Rolle. Umso mehr hat es mich gefreut, dass sich sieben Personen gemeldet haben. Da ich jedoch nur vier Teilnehmende im Rollstuhl mitnehmen konnte, musste ich dreien absagen. Eine weitere Reise ist bereits für 2027 geplant.
Welche Herausforderungen bringt eine Safari mit Menschen mit Behinderungen mit sich und wie lassen sich diese bewältigen?
Wie bereits erwähnt, gibt es keinen Grund, weshalb man nicht auch im Rollstuhl auf Safari gehen kann. Schwieriger wird es hingegen bei Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen. Wenn Tiere in der Nähe sind, lässt sich nicht immer abschätzen, wie sie reagieren, dass kann gefährlich werden. In solchen Fällen kann jedoch ein geschlossenes Fahrzeug eine gute Alternative sein. Jeder Mensch hat unterschiedliche Bedürfnisse: Manche benötigen mehr Unterstützung, andere weniger. Unser Leitsatz lautete stets: «No problem.» Denn für jedes Hindernis lässt sich eine Lösung finden. Ich denke, ein wesentlicher Grund dafür, dass alles so gut funktioniert hat, waren die Einheimischen und die Teilnehmenden selbst. Alle haben mitangepackt und gemeinsam nach Lösungen gesucht. In der Schweiz wäre das so kaum möglich. Es war unglaublich bereichernd zu erleben, wie viel Einsatz und Zusammenhalt in Afrika ganz selbstverständlich sind.
Wie haben Sie selbst die Reise erlebt?
Für mich war diese Reise sehr herausfordernd, und ich war danach auch sehr müde, vor allem wegen der grossen Verantwortung. Es war das erste Mal, dass ich ein solches Projekt umgesetzt habe, und ich weiss heute, dass ich gewisse Dinge künftig anders angehen würde. Entscheidend war, gut einschätzen zu können, was die Teilnehmenden selbstständig bewältigen können und wo sie Unterstützung benötigen. Häufig habe ich vorschnell eingegriffen, während die Angehörigen besser einschätzen konnten, wie viel ihre Partnerinnen und Partner tatsächlich selbst leisten können.
Was haben Sie für Ihr Leben mitgenommen?
Ich habe auf dieser Reise unglaublich viel gelernt, auch über Geduld, vor allem über die Geduld mit mir selbst. Wenn ich sehe, wie geduldig Menschen mit Beeinträchtigung sind, relativieren sich viele Dinge. Wir regen uns im Alltag über so vieles auf, und ich frage mich heute oft, ob es das wirklich wert ist, wenn man bedenkt, mit welchen Herausforderungen diese Menschen täglich konfrontiert sind.
Was ist Ihre schönste Erinnerung der Reise?
Wir hatten unglaubliches Tierglück, und ich war einfach nur glücklich. Es hat mich sehr berührt zu sehen, wie sich die Teilnehmenden trotz der anfänglichen Schwierigkeiten im Zeltalltag eingelebt haben. Ich habe lange gehofft, dass alles gut geht. Dann zu erleben, wie sie sich nach diesen sechs Tagen so wohlfühlten, dass sie nichts davon hätten missen wollen, war etwas, worauf man wirklich stolz sein kann. Ein Satz einer Person im Rollstuhl ist mir besonders in Erinnerung geblieben: «Weisst du, ich sass in diesem Safariauto und habe völlig vergessen, dass ich im Rollstuhl sitze.» Die Freude dieser Menschen zu spüren, war eine grandiose Erfahrung, ein echtes «Once in a lifetime Erlebnis».





