Skilehrer schwingen sich aufs Mountainbike
03.07.2026 SchönriedIm Winter stehen sie auf der Piste, im Sommer neu im Bikepark: Schneesportlehrpersonen sollen vermehrt ganzjährig im Einsatz sein. Hinter dem Angebot steht eine Strategie von Swiss Snowsports: mehr Beschäftigungsmöglichkeiten, mehr Ganzjahresbetrieb, eine Reaktion auf klimatische ...
Im Winter stehen sie auf der Piste, im Sommer neu im Bikepark: Schneesportlehrpersonen sollen vermehrt ganzjährig im Einsatz sein. Hinter dem Angebot steht eine Strategie von Swiss Snowsports: mehr Beschäftigungsmöglichkeiten, mehr Ganzjahresbetrieb, eine Reaktion auf klimatische Veränderungen. Neu setzt auch eine Skischule aus dem Saanenland auf dieses Konzept.
JOCELYNE PAGE
Dass Outdoorunternehmen im Winter wie im Sommer sportliche Erlebnisse und Kurse anbieten, ist keine Neuheit. Dass nun aber Schweizer Schneesportschulen ihre Lehrpersonen aufs Bike schicken, hingegen schon. Zumindest im Saanenland: Die Schweizer Schneesportschule Snowsports Saanen-Schönried – oder aktuell Summersports – unterrichtet seit einigen Tagen Kinder und Jugendliche auf dem Mountainbike. Für Fabrice Thormann, Leiter der Schneesportschule Saanen-Schönried, ist es mehr als lediglich ein neues Sommerangebot. Vielmehr verfolge er das Ziel, einen Ganzjahresbetrieb auf die Beine zu stellen. Das Projekt sei bewusst nicht als Schnellschuss entstanden. Bis zur Eröffnung vergingen zwei Jahre: Planung, Konzept, Suche nach Lehrpersonen, Administration und Realisierung des Bike-Lernparks. «Von Anfang an wollten wir einen professionellen Eindruck hinterlassen, damit wir auch langfristig Bestand haben können», so Thormann am Rande der Eröffnungsfeier, zu der die Bikeschule Sponsoren und Unterstützende für eine erste Besichtigung einlud.
Von sieben auf 28 Schulen schweizweit
Die Idee, die Schneesportlehrpersonen auf zwei Räder anstatt zwei Ski zu stellen, entstand bereits 2022: Damals verkündeten die Verbände Swiss Cycling und Swiss Snowsports ihre Zusammenarbeit. Ziel war es, Schneesportlehrpersonen über eine gemeinsame Ausbildungsstruktur auch für den Bikeunterricht zu qualifizieren. Gleichzeitig sollten Skischulen ihr Angebot auf den Sommer ausweiten und so den Weg zu Ganzjahresbetrieben ebnen. Laut Mathias Imoberdorf von Swiss Snowsports (der Dachverband der Schweizer Skischulen) hat sich das Angebot seither schweizweit etabliert. «In der ersten Saison haben sieben Skischulen die Kids Bike League angeboten, heute sind es 28 Schulen. Wir sind also durchaus zufrieden», sagt der Marketing- und Content-Manager auf Anfrage.
Die Entwicklung sei auch eine Reaktion auf veränderte Rahmenbedingungen. Neben dem Wunsch nach einer besseren Auslastung der Skischulen und ganzjährigen Einsatzmöglichkeiten für Lehrpersonen spiele auch der Klimawandel eine Rolle. «In den nächsten Jahrzehnten wird in tiefer gelegenen Gebieten Schneesport nicht mehr möglich sein», sagt Imoberdorf. Den Skiunterricht ersetzen könne die Kids Bike League jedoch nicht. Dafür sei der Schneesportunterricht ein viel zu grosses Angebot mit Tausenden von Beschäftigten. «Aber wir können wenigstens eine Alternative für den Sommer oder ein zusätzliches Angebot bieten», so Imoberdorf.
Export aus der Lenzerheide
Was im Winter Blue Prince und Red Star sind, heisst im Sommer Gämse und Steinbock. Die Kids Bike League ist das Gegenstück zur Swiss Snow League. Kinder durchlaufen verschiedene Lernstufen und erwerben je nach Fortschritt die entsprechenden Abzeichen. Entstanden sei die Kids Bike League nicht am Verbandsschreibtisch, sondern in der Skischule Lenzerheide, erklärt Mathias Imoberdorf. Dort wurde das Projekt entwickelt und später mit dem Innovationspreis von Swiss Snowsports ausgezeichnet. Weil auch andere Skischulen Interesse zeigten, kaufte Swiss Snowsports das Produkt und lancierte es als offizielles Sommerangebot der Schweizer Skischulen. «Das System ist ähnlich, aber nicht gleich», schreibt Imoberdorf. Grundsätzlich gehe es darum, Kinder spielerisch vom Kennenlernen des Bikes zu anspruchsvolleren Übungen und Techniken zu führen.
Schon mit dem Laufrad dabei
Murmeltier, Gämse und Steinbock haben ihren Weg nun auch nach Schönried gefunden. Für den neuen Bike-Lernpark durfte die Schneesportschule während der Sommerferien den Hartplatz beim Schulhaus mieten. Die Bewilligung dafür erteilten die Gemeinde Saanen und der Hauswart der Schule Schönried nach Absprache mit der Schulleitung. Ab Ende der Schulferien kann der Platz bis zum 18. Oktober mittwochnachmittags und an den Wochenenden genutzt werden, erklärte Fabrice Thormann den geladenen Gästen.
Während der Skischulleiter sein Projekt vorstellte, lief im Hintergrund der Unterricht bereits auf Hochtouren. Zwei Mountainbikelehrer führten ihre Gruppen durch die verschiedenen Posten des Bike-Lernparks. Die Jüngsten, die bereits ab drei Jahren mit dem Laufrad oder Bike teilnehmen können, übten zunächst das Fahren auf engem Raum, ohne den Boden mit den Füssen zu berühren. Danach schlängelten sie sich im Slalom um farbige Hütchen, bevor sie sich an ein erstes Hindernis wagten. Weniger zögerlich ging es bei der älteren Gruppe zur Sache. Mit Tempo fuhren die Jugendlichen den grössten Sprung hinauf und sprangen auf ein grosses Luftkissen. Der Spass war ihnen dabei deutlich anzusehen.
Regeln und Rücksichtnahme im Fokus
Thormann versteht den Unterricht nicht nur als Techniktraining. Ebenso wichtig sei es, den Kindern Sicherheit und Rücksicht zu vermitteln. Im Winter erkläre der Skilehrer die FIS-Regeln auf der Piste, im Sommer gehörten die Verkehrsregeln und das Verhalten im öffentlichen Raum dazu.
Und wie sieht es auf dem Berg aus? In den Medien kam es in den vergangenen Wochen immer wieder zu Wortgefechten zwischen Wanderern und Mountainbikern. Das Wort «Koexistenz» sollte sinnbildlich verbinden, doch scheint es die Gemüter derzeit eher zu erhitzen, besonders im Kanton Bern. Für Thormann beginnt die Präventionsarbeit deshalb bereits im Kindesalter. «Wir lernen sie von klein auf den richtigen Umgang mit anderen Wegnutzenden und damit auch die Rücksicht auf Wanderer. Ziel ist es, ein gutes Miteinander zu erreichen.»
Ausbildung wird queranerkannt
Mit dem Sommerangebot verändert sich auch das Berufsbild der Schneesportlehrpersonen, die sich über Jugend und Sport sowie Swiss Cycling zu Bikeleitenden weiterbilden können. Dank einer Quereinstiegsanerkennung für Schneesportlehrpersonen mit Fachausweis können sie ihre pädagogische Ausbildung anrechnen lassen. Das Basic-Modul von Swiss Cycling absolvieren sie dadurch in einem verkürzten Kurs. Langfristig möchte Thormann seine Lehrpersonen nicht nur im Winter, sondern auch im Sommer beschäftigen. «Es wäre toll, wenn wir mehrere Schneesportlehrer mit ins Boot nehmen könnten. Auch vielleicht Studierende, die in ihren Semesterferien wieder zu uns zurückkehren möchten», sagt er. Wenn sie Winter und Sommer im Einsatz seien, «wäre das wirklich ein Mehrwert für die ganze Schule».
Der Startschuss für das Projekt «Skischule gibt Bikeunterricht» ist damit erfolgt, steckt aber noch in den Kinderschuhen. Welchen Herausforderungen sind die anderen Schweizer Schneesportschulen begegnet? «Mit der Kids Bike League alleine ist es sehr schwierig, ein Sommergeschäft aufzubauen, das rentabel ist», erklärt Imoberdorf von Swiss Snowsports. Die gesamte Destination müsse mitarbeiten und sich strategisch so ausrichten, dass die Kids Bike League einen Platz im gesamten Sommerangebot finde. «Sie ist nur ein Zahnrad in der ganzen Maschinerie des Sommertourismus.»






