Seit zehn Jahren ein offenes Ohr
18.09.2026 BildungVor zehn Jahren startete die Schulsozialarbeit im Saanenland als Pilotprojekt mit 80 Stellenprozenten. Heute ist sie aus dem Schulalltag kaum mehr wegzudenken. Zum Jubiläum blickt Stellenleiterin Evelyne Moser auf die Entwicklung und anfängliche Skepsis zurück und spricht ...
Vor zehn Jahren startete die Schulsozialarbeit im Saanenland als Pilotprojekt mit 80 Stellenprozenten. Heute ist sie aus dem Schulalltag kaum mehr wegzudenken. Zum Jubiläum blickt Stellenleiterin Evelyne Moser auf die Entwicklung und anfängliche Skepsis zurück und spricht über die heutigen Herausforderungen.
MAXIME VÖGELE
«Es ist klar: Wir gehören dazu», sagt Schulsozialarbeiterin Evelyne Moser heute über die Schulsozialarbeit Saanenland-Obersimmental. Vor zehn Jahren war das keineswegs selbstverständlich. Damals startete das Pilotprojekt mit 80 Stellenprozenten. Heute ist daraus ein sechsköpfiges Team mit insgesamt 350 Stellenprozenten geworden.
Auslöser für die Einführung waren zunehmend komplexe soziale Situationen. Lehrpersonen stiessen bei Problemen von Schülerinnen und Schülern teilweise an ihre Grenzen. Die Schulsozialarbeit sollte Probleme früh erkennen, Familien unterstützen und die Schulen entlasten.
Eine «Monsteraufgabe»
«Es war eine Monsteraufgabe», sagt Evelyne Moser rückblickend auf die Pilotphase. Eine Person war damals dafür zuständig, die Schulsozialarbeit an sieben Schulstandorten aufzubauen und zu betreuen. Moser selbst stiess gegen Ende der Pilotphase mit einem 20-Prozent-Pensum dazu.
Nach der Evaluation der Pilotphase entschieden die Stimmberechtigten 2018, die Schulsozialarbeit definitiv einzuführen und auf 150 Stellenprozente aufzustocken. Dass es dazu kam, sei auch engagierten Unterstützenden aus Politik, Bildung und Sozialem zu verdanken. «Da war sehr viel Herzblut drin von einzelnen Menschen.»
Anfänglicher Gegenwind
Unbestritten war das neue Angebot nicht. «Wo sind wir denn hier, dass wir das jetzt auch brauchen?», seien laut Evelyne Moser Fragen gewesen, die damals gestellt wurden. Auch die Vorstellung, Probleme der Kinder lägen im Verantwortungsbereich der Eltern, sei verbreitet gewesen.
Gleichzeitig habe sich das soziale Gefüge verändert. Der Sozialdienst sei mit komplexeren Fällen konfrontiert gewesen, Lehrpersonen mit sozialen Herausforderungen, die über ihren Unterrichtsauftrag hinausgingen. Dahinter können ganz unterschiedliche Situationen stehen: etwa Kinder, die regelmässig zu spät kommen oder zu Hause wenig Betreuung erfahren. Hinzu komme die besondere Dynamik einer Tourismusregion. Durch die vielen Menschen, die hierherkommen, um zu arbeiten, träfen unterschiedliche Nationalitäten und Familienstrukturen aufeinander. Teilweise seien Familien mit der Betreuung und Organisation des Alltags stark gefordert. «Man hat gemerkt, dass sie teilweise am Anschlag laufen.»
Heute habe die Schulsozialarbeit einen anderen Platz in den Schulen. Sie werde als fester Bestandteil wahrgenommen und von der ganzen Bevölkerung genutzt. Trotzdem müsse das Team weiterhin durch seine Arbeit zeigen, weshalb das Angebot sinnvoll sei.
Mehr als Einzelberatungen
Kinder und Jugendliche können sich selbst bei der Schulsozialarbeit melden, ebenso Eltern, Lehrpersonen oder Schulleitungen. Manchmal wird das Team auch bei Auffälligkeiten aktiv. «Wenn wir merken, ein Schüler oder eine Schülerin hat regelmässig die Sachen nicht beieinander», nennt Evelyne Moser ein Beispiel. Dahinter könne eine Kleinigkeit stecken – oder eine grössere Problematik. Je nach Fall zieht die Schulsozialarbeit weitere Fachstellen wie die Erziehungsberatung oder den Sozialdienst bei. «Dann kommt es sehr auf unsere Zusammenarbeit und Vernetzungsarbeit an», sagt Moser.
Daneben arbeitet das Team mit ganzen Klassen, etwa bei Schwierigkeiten mit dem Klassenklima, Gruppenbildungen oder Ausgrenzung. «Wenn man mit den Klassen arbeiten kann, erreicht man alle Kinder», sagt Moser.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Prä- vention. Bereits im Kindergarten lernen Kinder mit der «Ente Emma», ihre Gefühle wahrzunehmen und zu benennen. Ab der ersten Klasse kommt der «Innere Schiri» hinzu: Die Kinder sollen auf ihr Bauchgefühl hören und schwierige Situationen einschätzen lernen. «Das geht in Richtung Gewaltprävention», erklärt Moser. Später kommen Themen wie Klassenzusammenhalt, Konflikte und Mobbing hinzu.
Eine Frage der Ressourcen
Dass heute Raum für Prävention bleibt, hängt auch mit den verfügbaren Stellenprozenten zusammen. Während die Ressourcen anfangs fast vollständig in Einzelberatungen flossen, sei man heute gut aufgestellt: «Das gibt uns auch Luft, präventiv mehr zu arbeiten.»
Der Verein Berner Schulsozialarbeit (BeSSA) empfiehlt laut Evelyne Moser als Richtwert 100 Stellenprozente auf 600 Schülerinnen und Schüler. Im Austausch mit anderen Schulsozialarbeitenden merke sie, dass man im Saanenland personell gut aufgestellt sei. Wo die Ressourcen knapper seien, bleibe teilweise kaum Zeit für Prävention. Gerade darin sieht Moser einen wesentlichen Nutzen: Die Schulsozialarbeit soll nicht erst eingreifen, wenn eine Situation eskaliert.
Vertrauen als Voraussetzung
Vertrauen ist der Schlüssel, damit Kinder bei Problemen tatsächlich auf die Schulsozialarbeit zukommen. Dafür müssen sie ihre Ansprechpersonen kennen. Deshalb ist das Team nicht nur bei konkreten Fällen präsent, sondern auch im Schulhaus, auf dem Pausenplatz, bei Klassenaktivitäten oder in Ausnahmefällen auf Schulreisen.
Auch die Arbeit mit ganzen Klassen helfe, Hemmschwellen abzubauen. «Dann merken die Schüler:innen, es geht um ein ganzes Thema, um uns alle und nicht nur um einzelne Leute.» So soll der Kontakt zur Schulsozialarbeit selbstverständlich werden – und die Hürde kleiner, sich bei einem Problem zu melden.
Das Handy verändert Konflikte
Die Themen der Kinder und Jugendlichen hätten sich in den vergangenen zehn Jahren nicht grundlegend verändert. Beziehungen, Zugehörigkeit und die eigene Identität seien weiterhin zentral. «Was vielleicht noch einmal zugenommen hat, ist der Digitalbereich», sagt Evelyne Moser.
Informationen verbreiteten sich heute schneller und ungefilterter. Gerade bei Konflikten oder Mobbing könne innerhalb kurzer Zeit das ganze Schulhaus davon wissen. Gleichzeitig beobachtet Moser, dass manchen Jugendlichen das direkte Gespräch schwerer falle.
Wie stark das Handy das soziale Miteinander beeinflusst, zeige sich auch im Oberstufenzentrum, wo die Jugendlichen ihre Mobiltelefone während der Schulzeit abgeben müssen. «Das hat etwas bewirkt. Es ist mehr Leben reingekommen.»
«Wir müssen da bleiben»
Für Evelyne Moser liegt der Mehrwert der Schulsozialarbeit nach zehn Jahren längst nicht nur in einzelnen Beratungen. Kinder sollen lernen, sich als Teil einer Gemeinschaft wahrzunehmen und Verantwortung für andere zu übernehmen. «Wenn ein Kind merkt, dass es ein Bestandteil dieser Gesellschaft ist, kann ich mir vorstellen, dass es sich vielleicht auch politisch engagiert oder ehrenamtlich in einem Verein hilft.»
Besonders stolz ist die Stellenleiterin darauf, «dass wir ein Team geworden sind». Aus einer einzelnen Stelle ist ein Team entstanden, dessen Fachpersonen sich gegenseitig unterstützen können.
Auf die Frage, was sie sich für die Zukunft wünsche, überlegt Moser lange. Im Arbeitsalltag bleibe wenig Zeit, visionär zu denken. Bei einem Punkt ist sie sich jedoch sicher: «Wir müssen da bleiben.»
SO IST DIE SCHULSOZIAL ARBEIT ORGANISIERT
Die Schulsozialarbeit ist in der Gemeinde Saanen dem Ressort Soziales angegliedert. Die Sozialbehörde Saanenland trägt die strategische Verantwortung. Die Fachbereichsleitung Soziales (Kinder und Jugend) begleitet die Schulsozialarbeit fachlich und ist unter anderem für Führung, Planung und Kontrolle zuständig.
Im Alltag wird das Team von der Betriebsleitung der Schulsozialarbeit geführt. Sie koordiniert die Einsätze, organisiert das Team und sorgt für den Austausch mit anderen Fachstellen.
Auch die Schulleitungen spielen eine wichtige Rolle. Sie sprechen mit der Schulsozialarbeit ab, wo Unterstützung nötig ist, und koordinieren Einsätze und Projekte an den einzelnen Schulen.
Damit die verschiedenen Stellen gut zusammenarbeiten, gibt es zusätzlich die Fachkonferenz Schulsozialarbeit. Dort tauschen sich unter anderem Vertreterinnen und Vertreter der Gemeinden, Schulleitungen und Schulsozialarbeit regelmässig aus.
Für Gespräche stehen der Schulsozialarbeit ein Hauptbüro sowie Räume an den Schulstandorten zur Verfügung.
MAV
«Der Nutzen lässt sich nicht allein an der Zahl der Beratungen messen»
Die Gemeinde Saanen stellt der Schulsozialarbeit mehr personelle Ressourcen zur Verfügung, als es die kantonalen Richtwerte vorsehen. Daniel Bühler, Abteilungsleiter Soziales, erklärt, weshalb dies eine bewusste Entscheidung ist – und woran die Gemeinde den Nutzen des Angebots misst.
INTERVIEW: MAXIME VÖGELE/SONJA WOLF
Vor zehn Jahren musste die Schulsozialarbeit ihren Platz erst finden. Welchen Stellenwert hat sie heute aus Sicht der Gemeinde Saanen?
Die Schulsozialarbeit ist heute ein fester Bestandteil unserer Bildungslandschaft und unseres Sozialraums. Ihr grosser Vorteil ist die Niederschwelligkeit: Schwierigkeiten können aufgegriffen werden, bevor eine schwerwiegende Problemlage entsteht. Dass inzwischen 94 Prozent der Schülerinnen und Schüler der Regelschule im Kanton Bern Zugang zur Schulsozialarbeit haben, zeigt ihren Stellenwert.
Saanen setzt mehr Stellenprozente ein, als die kantonale Richtlinie empfiehlt. Weshalb?
Das war bei der definitiven Einführung 2018 eine bewusste, von der Gemeindeversammlung mitgetragene Entscheidung. Die kantonalen Richtwerte sind eine wichtige Orientierung, aber kein starrer Zielwert. Die angemessene Stellenbemessung hängt unter anderem von der Zahl der Schülerinnen und Schüler, den Schulstandorten, der sozialen Belastung und den lokalen Rahmenbedingungen ab. Zudem beruhen die Richtwerte auf Erfahrungswerten und nicht auf empirisch erhärteten Standards. Die zusätzlichen Stellenprozente verstehen wir als Investition in Prävention und Früherkennung: Je früher soziale oder persönliche Schwierigkeiten erkannt werden, desto grösser ist die Chance, sie gemeinsam mit den Betroffenen zu bearbeiten, bevor daraus komplexe und kostenintensive Situationen entstehen.
Wie misst die Gemeinde, ob sich diese Investition lohnt?
Der Nutzen lässt sich nicht allein an der Zahl der Beratungen messen. Entscheidend ist, wie rasch Kinder und Jugendliche Unterstützung erhalten, ob Krisen frühzeitig aufgefangen werden und wie gut die Zusammenarbeit zwischen Schule, Eltern und Fachstellen gelingt. Auch die Entlastung von Lehrpersonen und Schulleitungen bei sozialen Fragestellungen ist ein wichtiger Gradmesser. Denn neben den Einzelberatungen gehören auch Präventionsarbeit, die Beratung von Erwachsenen und die Vernetzung zum Auftrag der Schulsozialarbeit.
Die Schulsozialarbeit arbeitet eng mit der Schule, dem Sozialdienst und weiteren Fachstellen zusammen. Was bringt diese Vernetzung konkret?
Die Schulsozialarbeit kennt das System Schule und verfügt zugleich über sozialarbeiterisches Fachwissen. Gerade in komplexeren Situationen kann sie deshalb zwischen Kindern, Eltern, Lehrpersonen, Schulleitung, Sozialdienst und spezialisierten Angeboten vermitteln. Eine wichtige Rolle spielt sie auch bei der Früherkennung möglicher Kindeswohlgefährdungen. So erhalten betroffene Kinder, Jugendliche und Familien die passende Unterstützung, ohne das Hilfesystem selbst koordinieren zu müssen.
ZUR PERSON
Evelyne Moser ist ausgebildete Sozialpädagogin. Sie lebt mit ihrer Familie und arbeitet seit dem Jahr 2000 im Saanenland. Seit 2019 arbeitet sie in der Schulsozialarbeit, heute ist sie Stellenleiterin der Schulsozialarbeit Saanenland-Obersimmental. Zuvor war sie unter anderem im Chinderhuus Ebnit in der offenen Kinderund Jugendarbeit tätig.
MAV

