Stauffers Vogelstation im Oberland – und ihr abruptes Ende
20.01.2026 NachbarschaftVerena Stauffer widmete ihr ganzes Dasein halb verhungerten und verletzten Vögeln, pflegte Tausende von ihnen wieder gesund, wurde vom damaligen DRS1-Sender zur «Heldin des Alltags» gekürt und teilte ihre AHV mit ihren gefiederten Freunden. Jetzt entzog ihr der ...
Verena Stauffer widmete ihr ganzes Dasein halb verhungerten und verletzten Vögeln, pflegte Tausende von ihnen wieder gesund, wurde vom damaligen DRS1-Sender zur «Heldin des Alltags» gekürt und teilte ihre AHV mit ihren gefiederten Freunden. Jetzt entzog ihr der Kanton die Bewilligung und zeigte sie wegen Tierquälerei an.
KEREM S. MAURER
«Zu allen Tages- und Nachtzeiten klingelten die Menschen bei mir, um mir verunfallte oder halb verhungerte Vögel vorbeizubringen», sagt Verena Stauffer im Gespräch mit dieser Zeitung. «Manchmal haben sie geklingelt und einfach eine Schachtel mit einem gefiederten Patienten vor die Tür gestellt.» Die inzwischen 83-jährige Vogelliebhaberin aus Pfaffenried in Oberwil im Simmental erzählt Anekdoten von geglückten Rettungsaktionen, in denen Stockenten, Waldschnepfen, Milane, Uhus, Waldkäuze, Falken und angeschossene Elstern die Hauptrolle spielen. Wie viele Vögel Verena Stauffer während ihrer Karriere aufgezogen, aufgepäppelt und ausgewildert hat, vermag die engagierte Tierfreundin nicht zu beziffern, aber: «Es waren sehr viele! Leider konnte ich nicht alle retten. Aber jene, bei denen jede Hilfe zu spät gekommen ist, sind wenigstens in meiner Hand gestorben und nicht irgendwo in einer Pfütze.»
Grosses Ansehen
Nach der Ausbildung zur Ornithologin, zahllosen Weiterbildungen und diversen Praktika in verschiedenen Tierkliniken hatte Verena Stauffer im Jahr 2005 die notwendigen Voraussetzungen erfüllt und erhielt die kantonale Bewilligung zum Betreiben einer Wildvogelpflegestation. «Ich habe schon früher Vögel gepflegt, doch da waren die bürokratischen Hürden noch bedeutend tiefer», erinnert sie sich. Verena Stauffers Engagement für die Vögel blieb nicht unentdeckt. Im Jahr 2012 wurde sie von der Hörerschaft des Radiosender DRS1 (heute SRF1) zur «Heldin des Alltags» gewählt. Als sie im Februar 2012 von Kurt Aeschbacher in dessen Sendung gefragt wurde, was ihr die Tiere bedeuten, antwortete sie: «Die Vögel sind mein Leben!» Und im März 2012 titelte das «Migros-Magazin» in einem Porträt über Verena Stauffer: «Sie teilt die Rente mit ihren Vögeln.»
Bert Inäbnit, Ornithologe aus dem Saanenland, kennt Verena Stauffer schon seit vielen Jahren. Er erzählt auf Anfrage: «Sie besuchte mich mehrmals in meiner Wildvogelstation in Grindelwald. Wir haben Erfahrungen und Ratschläge ausgetauscht.» Als Inäbnit 2004 ins Saanenland zog und seine Wildvogelstation auflöste, brachte er ihr einen zahmen Uhu namens Bubo mit. «Er durfte noch einige Jahre bei Verena Stauffer in Pension verbringen, bevor er mit 40 Jahren starb», so Inäbnit.
Mehrfache Tierquälerei
2022 erkrankte Verena Stauffer und verbrachte einige Zeit im Spital. Während dieser Zeit seien in Pfaffenried keine Vögel aufgenommen worden. Nur eine mit Schrot angeschossene Elster sei vorbeigebracht worden, sagt Verena Stauffers Tochter Marianne Herbst, welche interimistisch die Fütterung der Vögel übernahm. Die Elster sei am Folgetag von der Tierklinik Interlaken abgeholt und eingeschläfert worden. Laut Marianne Herbst bemängelte die Wildhut, der Vogel sei nicht ordnungsgemäss gemeldet worden. Aber: «Ich habe dem Wildhüter berichtet, dass ich die Elster direkt weitergeleitet habe», so Herbst. Dennoch habe der Wildhüter aufgrund dessen Verena Stauffer als Verantwortliche der Wildvogelstation angezeigt. Nach der üblichen Inspektion durch das Jagdinspektorat und dem kantonalen Veterinäramt wurde Verena Stauffer 2024 die Betriebsbewilligung für die Wildvogelstation entzogen. Die noch in der Station lebenden Tiere seien mitgenommen, getötet und untersucht worden. Dabei sei im Magen eines Waldkauzes ein grosser Knochen gefunden worden. «Das Tier wurde am Vorabend der Inspektion bei uns abgegeben, den Knochen hat es bestimmt nicht bei uns bekommen», beteuert Stauffer. Doch die Staatsanwaltschaft eröffnete gegen Verena Stauffer ein Strafverfahren unter anderem wegen mehrfacher Tierquälerei.
Auf Nachfrage beim Jagdinspektorat heisst es: «Zum genannten Verfahren können wir aus Datenschutzgründen keine Auskunft geben.»
Greifvögel dürfen nicht behändigt werden
Da verletzte, noch lebende Greifvögel laut Jagdverordnung zum Fallwild zählen, muss beim Auffinden eines solchen zwingend die Wildhut informiert werden (siehe Kasten). Bert Inäbnit präzisiert auf Anfrage: «Findet man einen kranken, jungen oder verletzten Wildvogel, muss man die zuständige Wildhut orientieren, dann wird man mit dem für die Region zuständigen Wildhüter verbunden. Nachts ist jedoch die Polizei zuständig.» Der Wildhüter nimmt vor Ort eine Erstbeurteilung vor und entscheidet über das weitere Vorgehen. Dazu noch einmal das kantonale Jagdinspektorat: «Der Wildhüter entscheidet, ob das Tier erlöst werden muss oder ob die Chance besteht, dass es in eine Vogelpflegestation kommt und anschliessend in Freiheit wieder überlebensfähig ist, sprich, selbst jagen kann.»
Nach der Schliessung der Wildvogelpflegestation in Pfaffenried ist die nächste Greifvogelpflegestation in Aeschlen ob Gunten. Dort werden nur Greifvögel angenommen, die – wie es das Gesetz verlangt – erst der Wildhut gemeldet wurden. Verena Stauffer schüttelt müde den Kopf. «Wer einen verletzten Greifvogel findet, diesen behändigt und in eine Pflegestation bringt, rettet dem Tier zwar vielleicht das Leben, macht sich selbst aber strafbar», fasst sie die aktuelle Situation zusammen und ergänzt: «Diese Gesetze helfen weder den Tieren noch den Helfenden. Man darf einen angefahrenen Bussard nicht einmal mehr von der Strasse nehmen.»
Schwere Bussenlast
«Die aktuelle Situation ist für mich sehr schwierig», sagt Verena Stauffer. Dass ausgerechnet ihr, die ihr ganzes Leben aufopferungsvoll den verletzten Vögeln gewidmet hatte, Tierquälerei vorgeworfen wird, geht an der einstigen Heldin des Alltags nicht spurlos vorbei. «Rückblickend war mein Leben sehr intensiv, aber wunderschön. Ich habe nächtelang mit der Pinzette Vögelchen gefüttert», sagt sie und ergänzt nach einer Weile: «Wenn ich noch einmal von vorne anfangen müsste, würde ich alles noch einmal genauso machen!»
Jetzt sind die Volieren leer. Verena Stauffer, die einst für ihr grosses Vogelengagement gefeiert wurde, leidet nicht nur unter den Vorwürfen, sondern auch unter den ihr auferlegten Bussgeldern in Höhe eines mittleren vierstelligen Betrags. Andreas Küttel, der pensionierte Tierarzt von Oey-Diemtigen, der jahrelang mit Verena Stauffer zusammengearbeitet und ihr zahlreiche Vögel anvertraut hat, findet es nicht richtig, dass der Kanton derart mit einer über Achtzigjährigen umspringt. «Eigentlich sollten jetzt alle, die in den letzten zwanzig Jahren einmal ein Vogel in Verenas Obhut gegeben haben, helfen, diese Bussen zu bezahlen!», fordert er, und Marianne Herbst fügt hinzu: «Wir versuchen, eine Gerichtsverhandlung abzuwenden. Denn das hat meine Mutter nicht verdient.»
WAS TUN, WENN MAN EINEN VERLETZTEN WILDVOGEL FINDET?
Die Wildhut informieren
Von 7 bis 19 Uhr: 0800 940 100
Nachts ist die Polizei zuständig: 117
Hilfe bietet auch die Vogelwarte Sempach: 041 462 97 00.
Da momentan vermehrt Fälle von Vogelgrippe auftauchen, sollten gefundene Wildvögel nicht angefasst werden.
Gasparde Grundisch im Chalberhöni verfügt über die notwendigen Bewilligungen und kümmert sich in erster Linie um verletzte Singvögel. «Für Wasservögel fehlt mir die notwendige Infrastruktur wie etwa ein Schwimmteich, und Raubvögel bringt die Wildhut nach Landshut», sagt sie auf Anfrage. Auch bei Singvögeln gilt, dass die Wildhut vorab informiert werden muss. «Wird mir ein Vogel aus der Region angeboten, kontaktiere ich selbst den Wildhüter. Kommt der Vogel aus dem Wallis oder von der Thunerseeregion, muss der Finder vorher bei der Wildhut vor Ort das Ok einholen. Ein kurzes Telefon genügt meistens und wird von Leuten, die sich die Mühe machen, so weit zu fahren, um einem verletzten Vogel zu helfen, gern gemacht.»
KMA






