Vom Saisonjob zur neuen Heimat
07.07.2026 SerieOb Irland, Frankreich, Kanada oder die Schweiz: Eva Kollmer zog es immer wieder an neue Orte. Im Saanenland wollte die Tschechin ursprünglich nur kurz bleiben. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Gsteig und kann sich kaum einen besseren Ort vorstellen.
MAXIME VÖGELE
Ob Irland, Frankreich, Kanada oder die Schweiz: Eva Kollmer zog es immer wieder an neue Orte. Im Saanenland wollte die Tschechin ursprünglich nur kurz bleiben. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Gsteig und kann sich kaum einen besseren Ort vorstellen.
MAXIME VÖGELE
«Ich hatte nur meinen Rucksack und meine Ski», sagt Eva Kollmer, als sie von ihrer ersten Ankunft in Gstaad erzählt. Dies war 2008. In der Weihnachtszeit erhielt sie einen Anruf aus dem Gstaad Palace: Ob sie am nächsten Tag anfangen könne? Von Gstaad hatte sie zuvor nur durch Gäste gehört, die sie während eines Jobs in Montreal kennengelernt hatte. Worauf sie sich einliess, wusste sie nicht wirklich. Kurz schaute sie nach, was denn dieses Palace überhaupt sei: Sie merkte, dass ihr Weg in ein Schloss führen würde.
Der Weg ins Saanenland
Aufgewachsen in Brünn in Tschechien, hatte Eva Kollmer schon als Kind den Wunsch, einmal in der Natur und den Bergen zu leben. Nach dem Sportgymnasium zog es sie hinaus in die Welt. Als Au-pair landete sie zunächst in den bayerischen Bergen. «Ich hatte die Nase voll und wollte die Welt entdecken», sagt sie. Nach einem Jahr ging sie zurück nach Tschechien an die Fachhochschule für Tourismus. «Ich dachte mir: Ein Diplom werde ich irgendwann brauchen», sagt sie zu ihrer Entscheidung. Ob Irland, Frankreich oder Kanada, immer wieder zog es sie weiter. Auch in Kanada verschlug es sie in die Berge nach Mont-Tremblant. Es sei dort ein bisschen wie das Disneyland von Gstaad: Ein Skiresort, aber die Häuser seien bunt wie in einem Freizeitpark.
2008 führte sie eine Bewerbung schliesslich erstmals nach Gstaad. Im Gstaad Palace arbeitete sie eine Saison an der Wellness-Rezeption. Nach einem weiteren Studium in Hotelmanagement und mehreren Stationen im Ausland kehrte sie wieder nach Frankreich zurück. In der Bretagne führte sie zeitweise sogar ein Sushi-Restaurant. Rückblickend sagt sie über diese Jahre: «Ich hätte Tagebuch schreiben sollen, das wäre ein Bestseller geworden.»
Nach den Jahren in der Bretagne war es Zeit für etwas Neues. Eigentlich nur für eine weitere Saison kehrte sie ins Saanenland zurück und begann im Hotel Bellevue zu arbeiten. Doch diesmal blieb sie.
Vom WG-Mitbewohner zum Ehemann
Als Eva Kollmer schliesslich entschied, eine zweite Saison im Saanenland zu verbringen, erfuhr sie, dass ihr Zimmer vom Vorjahr nicht mehr zur Verfügung stand. Sie rief ihren Nachbarn aus dem Vorjahr, Christian Kollmer, an und fragte ihn, ob sie zusammen eine WG gründen wollten. Geschickt bot sie ihm an, dass sie waschen und putzen würde. «Du darfst dich aber nicht verlieben», sagte sie ihm damals. Die Geschichte verlief genau in die entgegengesetzte Richtung: Eva und Christian verliebten sich und sind seit 2016 ein Paar.
Ursprünglich wollte Eva Kollmer nach einer Saison im Hotel Bellevue weiterziehen, vielleicht in eine grössere Stadt. Mit Christian änderte sich dieser Plan. Die beiden teilen die Liebe zu den Bergen, zum Wandern, Biken und Skifahren. Er ist in Ostdeutschland aufgewachsen, wohnte schon länger hier und hatte bereits ein grosses soziales Umfeld. Auch Eva wurde klar, dass das Saanenland der richtige Ort für eine Zukunft ist: «Wo kann man besser eine Familie gründen als hier bei den Kühen?»
Der Ort ist für Eva Kollmer ein Kompromiss. Jeder Ort habe seine Vor- und Nachteile: Gstaad gewinne bei den Vorteilen. Das Saanenland liegt näher bei ihrer Familie in Tschechien als viele ihrer früheren Wohnorte. Die Mehrsprachigkeit, die sie sich erarbeitet hatte, kann sie hier nutzen, und sie geniesst die Ruhe im Gegensatz zum Leben in der Stadt. «Das Gefühl ‹homeless› zu sein, habe ich seit Christian nicht mehr», sagt sie.
Bodenständig geblieben
2019 besiegelten Christian und Eva Kollmer ihre Liebe mit der Hochzeit am Blausee. Gekleidet waren die beiden in Dirndl und Lederhose. Weiss sei ihr zu klassisch gewesen. Viel Geld für ein Kleid auszugeben, das man nur einmal trägt, sei nicht ihr Ding. Ein Dirndl könne man zum Beispiel am Oktoberfest in Gstaad noch einmal tragen, erklärt sie.
Die Entscheidung für Dirndl und Lederhose widerspiegelt ihre Haltung gegenüber Geld und Konsum. Eva Kollmer wuchs in den letzten Jahren des kommunistischen Regimes in der damaligen Tschechoslowakei auf. Ihre Familie habe oft im «Sparmodus» gelebt, erzählt sie. Wohlstand beeindrucke sie bis heute wenig. Die Arbeit mit vermögenden Gästen und Kunden sei zwar eine wichtige Lebensschule gewesen. Den Luxus, den sie dabei kennengelernt habe, brauche sie für sich selbst jedoch nicht. Fast alles, was sie besitze, sei Secondhand. «Nur bei den Ski ist es mir nicht egal», sagt sie und lacht.
Die Natur vor der Haustür
Von zu Hause in wenigen Minuten beim Skilift zu sein, schätzt Eva Kollmer besonders. Auch als Skilehrerin war sie hier bereits tätig. Im Sommer stehen Wandern und Biken auf dem Programm. Egal, wo sie lebte oder arbeitete, sie wollte die Umgebung entdecken. Das sieht sie auch als Teil ihrer Arbeit in einer touristischen Region: «Es gibt Leute, die hier arbeiten und nicht einmal wissen, was der Arnensee ist.» Wenn Freunde oder Verwandte zu Besuch sind, übernimmt sie gerne die Rolle der Reiseleiterin: «Ich bin wie ein Concierge für die anderen.» Mit der kleinen Tochter seien Ski- und Biketouren noch etwas eingeschränkt. Die Freude an Bewegung und Natur möchte sie ihr jedoch möglichst bald weitergeben.
Was vom Leistungssport blieb
Als ehemalige Volleyball-Leistungssportlerin gehört das Beachvolleyballturnier zu Eva Kollmers liebsten Anlässen im Saanenland. «Es bringt etwas anderes mit als der klassische Gstaad-Vibe», sagt sie. Ihre eigene sportliche Laufbahn musste sie wegen einer Rückenoperation beenden. Geblieben seien ihr Disziplin, Teamarbeit und strategisches Denken – Eigenschaften, die ihr später auch fernab des Volleyballfelds halfen. Etwa dann, wenn sie in einem fremden Land mit wenig Geld neu anfangen musste: «Ich wusste: Ich habe jetzt noch 1000 Euro. Ich muss einen Job und eine Wohnung finden und damit alles bezahlen.»
Neben dem Beachvolleyballturnier besucht Eva Kollmer auch andere Anlässe im Tal. Besonders gerne geht sie ans Menuhin Festival, bei dem sie früher selbst gearbeitet hat. Überhaupt war sie im Saanenland schon in den unterschiedlichsten Bereichen tätig. «Ich war schon ein bisschen überall», sagt sie schmunzelnd und fügt an, dass sie sich vor den vielen bekannten Gesichtern auf der Strasse verstecken muss.
Zwischen zwei Heimaten
So wohl sie sich im Saanenland fühlt, manches vermisst sie aus ihrer Heimat bis heute. Dazu gehören das vielfältige Kulturangebot von Brünn und der tschechische Humor. Viele Witze und Anspielungen liessen sich nicht einfach übersetzen. Oft müsse sie deshalb aufpassen, was sie sage. Freundschaften mit Einheimischen zu knüpfen, sei zudem nicht immer einfach. Viele ihrer engsten Freunde im Saanenland stammen wie sie aus dem Ausland oder haben längere Zeit im Ausland gelebt.
Als Zugezogene könne sie jedoch auch nachvollziehen, weshalb manche Einheimische dem starken Zuzug kritisch gegenüberstehen. Gleichzeitig habe sie in ihren Jahren im Saanenland erlebt, wie sehr die Region auf internationale Arbeitskräfte angewiesen ist. Für Eva Kollmer braucht es deshalb eine Balance zwischen beiden Seiten.
Eine der grössten Herausforderungen sieht sie beim Wohnraum. Gerade für Angestellte sei es oft schwierig, eine passende Wohnung zu finden. Wie schwierig die Suche sein kann, habe sie auch im eigenen Umfeld erlebt. Mehrfach half sie Freundinnen aus Tschechien dabei, im Saanenland eine Wohnung zu finden. Mehr Angebote für Mitarbeiterwohnungen würden ihrer Ansicht nach vielen Menschen den Einstieg in der Region erleichtern.
Angekommen
Momentan geniesst Eva Kollmer die Familienzeit mit Tochter Sara zu Hause in Gsteig. Sara wächst zweisprachig mit Deutsch und Tschechisch auf. Die Mehrsprachigkeit, die sie sich über die Jahre erarbeitet hat, möchte Eva Kollmer nun auch ihrer Tochter weitergeben. Für ihre Arbeit lernte sie Deutsch, Englisch und Französisch. Später soll Sara deshalb möglichst auch Französisch kennenlernen.
Früher führte ihr Leben sie ständig an neue Orte. Sie reist noch immer gerne, sieht ihr Zuhause heute jedoch im Saanenland und das möchte sie vorerst so belassen. Wichtig ist ihr, den Kontakt zu den Verwandten in Tschechien und Deutschland zu pflegen. So war die junge Familie über Ostern bei Christians Familie in Deutschland zu Besuch und verbrachte vier Wochen in Tschechien. Die ersten Reisen mit Sara hätten überraschend gut funktioniert, erzählt sie.
Wie es beruflich für sie weitergeht, weiss sie derzeit noch nicht. Nach Jahren in Hotellerie, Gastronomie und Immobilienbranche steht für sie momentan die Familie im Mittelpunkt. Langfristig könne sie sich eine Tätigkeit vorstellen, die sich gut mit dem Familienleben vereinbaren lässt und teilweise von zu Hause aus möglich ist.
Reisen wird auch künftig ein Teil ihres Lebens bleiben. Brünn liebt sie nach wie vor. Geblieben ist sie jedoch an jenem Ort, an den sie ursprünglich nur für eine Saison kommen wollte: im Saanenland, ihrem neuen Zuhause.
ZUR PERSON
Eva Kollmer wurde 1982 in der Nähe von Brünn in Tschechien geboren. Als Jugendliche war sie Leistungssportlerin im Volleyball und absolvierte das Sportgymnasium. Nach einem Jahr als Au-pair in Berchtesgaden studierte sie Tourismus und später Hotelmanagement in Tschechien. Während dieser Zeit sammelte sie Berufserfahrungen in mehreren Ländern, darunter Irland, Frankreich und Kanada.
2008 arbeitete sie erstmals im Gstaad Palace an der Wellness-Rezeption. Nach weiteren Stationen im Ausland – unter anderem in Frankreich, wo sie zeitweise ein Sushi-Restaurant führte – kehrte sie 2014 ins Saanenland zurück. Bis 2019 arbeitete sie im Hotel Bellevue. Dort lernte sie 2016 ihren heutigen Ehemann Christian Kollmer kennen. Das Paar heiratete 2019.
Von 2019 bis 2021 war Eva Kollmer als Skilehrerin, Assistentin beim Menuhin Festival und an der Moosbar tätig, anschliessend bis 2025 bei Zingraf Immobilien. 2025 wurden Christian und Eva Kollmer Eltern ihrer Tochter Sara.
Gstaad und das Saanenland üben seit Generationen eine besondere Anziehungskraft auf Menschen aus aller Welt aus. Manche verbringen nur eine Zeit hier, andere finden im Tal eine neue Heimat. Dass hier mehr Menschen aus dem Ausland leben als im Schweizer Durchschnitt, gehört längst zum Charakter der Region. Wer bleibt, bringt mehr mit als einen neuen Akzent: Geschichten, Traditionen, Sichtweisen – und die Bereitschaft, an einem neuen Ort Wurzeln zu schlagen. In unserer Serie «Neue Heimat Saanenland» porträtieren wir Menschen, die hier ein Zuhause gefunden haben. Wir erzählen, was sie hierhergeführt hat, wie sie sich eingelebt haben und wie sie das hiesige gesellschaftliche Leben bereichern.




