«Wir brauchen eine neue Religion!»
26.01.2026 SerieDunya Reiwald musste für ihre Existenz kämpfen. Nicht wirtschaftlich, aber gesundheitlich. Weil ihr als Mensch ohne Immunsystem und Nervenkostüm die Empathielosigkeit der Gesellschaft sehr nahe geht, fordert sie ein entschlossenes Umdenken und erzählt, warum Tiere ...
Dunya Reiwald musste für ihre Existenz kämpfen. Nicht wirtschaftlich, aber gesundheitlich. Weil ihr als Mensch ohne Immunsystem und Nervenkostüm die Empathielosigkeit der Gesellschaft sehr nahe geht, fordert sie ein entschlossenes Umdenken und erzählt, warum Tiere die besseren Menschen sind.
KEREM S. MAURER
«Weil in unseren struben Zeiten mehr als nur Hoffnung nötig ist, brauchen wir eine neue Religion!», sagt Dunya Reiwald überzeugt. Wenn die Tierpsychiaterin mit Praxis in Bern von «struben Zeiten» spricht, bezieht sie diese nicht in erster Linie auf sich selbst, obschon sie aufgrund ihrer Krankheitsgeschichte allen Grund dazu hätte. In den 1990er Jahren erkrankte sie als junge Frau schwer und überlebte eine zweifache Knochenmarktransplantation. Später bekam sie Brustkrebs und schliesslich wurde Cancer Fatigue – eine extreme, anhaltende Erschöpfung, die sich durch Ruhe nicht bessert und körperliche, emotionale und geistige Aspekte umfasst, hervorgerufen durch die Krebstherapien – bei ihr diagnostiziert. «Man hat mir geraten, mir einen Ort zu schaffen, wo ich mich zurückziehen und mich in Ruhe erholen kann», erzählt sie im Gespräch mit dem «Anzeiger von Saanen». Diesen Ort habe sie in Saanenmöser gefunden. «Ich kenne das Saanenland gut, weil ich als Kind die Ostertage oft in einem Chalet von Freunden meiner Familie verbracht habe», sagt sie. Ihr Appartement, in dem sie seit fünf Jahren wohnt, hat zwar keinen Südbalkon, aber dafür hört sie nichts von der Kantonsstrasse. «Wie kann man zwischen Saanenmöser und Schönried mit hundert Stundenkilometern rasen?», fragt sie schulterzuckend. «Warum gibt es hier keine Radarfalle? Die würde rentieren.»
Der Mensch, ein «Machtmaniac»?
Wenn Dunya Reiwald von «struben Zeiten» spricht, meint sie damit die aktuelle Weltlage. Sie seufzt. Ihre Studien über die Psyche der Tiere hätten ihr letztlich geholfen, die Menschen besser zu verstehen. «Wenn Tiere untereinander grausam sind, geht es ums Überleben oder um die Rangordnung innerhalb ihrer Gruppe», führt sie aus. Die Menschen dagegen gingen aus blosser Macht- und Geldgier aufeinander los. Sie hätten verlernt, empathisch zu sein. «Wenn sie Bodenschätze ausbeuten wollen, ist es ihnen egal, ob dafür ein Dorf geopfert wird. Oder wenn sie Ölpalmen anbauen wollen, scheren sie sich weder um die dortige indigene Bevölkerung noch um die Tierwelt!» Dunya Reiwald erklärt, dass sie aufgrund der ganzen Bestrahlungen, die sie über sich ergehen lassen musste, kein Immunsystem mehr und nur noch ein sehr schwaches Nervenkostüm habe. Die «struben Zeiten» gingen ihr deshalb sehr nahe. Der Mensch sei ein «Machtmaniac» geworden. Leise sagt sie: «Aufrüstung hat derzeit den grössten Sex-Appeal und zu viele Menschen finden es geil, eine Kalaschnikow in Händen zu halten.» So könne und dürfe es nicht weitergehen.
Am Ende bleibt nur noch Gott
«Eine neue Religion muss her!», fordert sie mit einer Entschlossenheit, die man ihrem dauer-erschöpften Körper kaum zugetraut hätte. Eine, welche der Egomanie abschwöre – eine, welche Empathie und die christlichen Werte wieder als Grundpfeiler der Gesellschaft etabliere. Mit Bedacht formuliert sie: «Wir brauchen einen Trump – nicht, dass ich den gut finde, aber seine Entschlossenheit hat was –, der die Grundwerte, die Jesus uns lehrte, kompromisslos vorleben würde.» Im Lauf der letzten Jahre sei sie etwas religiöser geworden, räumt sie ein, denn: «Wenn es einem sehr schlecht geht, braucht man etwas, woran man sich halten kann.» Oft sei sie der Verzweiflung näher als dem Leben. Sie könnte in die schönsten Hotels gehen, aber das nütze ihr nichts; sie müsse ihre Schmerzen überall hin mitnehmen. «Da ist Gott plötzlich die einzige und auch letzte Hoffnung, die man noch hat», sagt sie. Und Hoffnung sei auch das Thema ihres Romans.
L’Espoir – Hoffnung
Ihr Roman mit dem Titel «L’Espoir – Hoffnung» erzählt die Geschichte von Julie, einem misshandelten Mädchen, das beschliesst, mit ihrer besten Freundin abzuhauen. Sie bricht die Schule ab, denn die bringt in einer Welt, in der junge Menschen keine Zukunft haben, eh nichts. Dann lernt Julie den geheimnisvollen Juan kennen, der sich für jene einsetzt, die keine Stimme haben. Begeistert von seinen revolutionären Ideen folgt ihm Julie ans andere Ende der Welt. Ob Julies Kraft für dieses Abenteuer reicht, bleibt an dieser Stelle unbeantwortet. «Es ist ein Roman über Widerstandsfähigkeit, Willenskraft und Mut», sagt Dunya Reiwald, und: «Es steckt viel Autobiografisches drin. Ausser beim Ende.» Das Buch hat sie in jungen Jahren begonnen und vor einem Jahr am Küchentisch in Saanenmöser fertig geschrieben.
ZUR PERSON
Dr. med. vet. Dunya Reiwald ist 1967 in Paris geboren und in den Kantonen Basel und Jura aufgewachsen. Sie ist Tierärztin, spezialisiert in Homöopathie, Phytotherapie und Verhaltensmedizin/Tierpsychologie. Die Tierpsychiaterin liebt die Tiere, weil diese nicht wegen Geld und Macht so grausam zueinander sind wie Menschen. Seit rund fünf Jahren lebt sie in Saanenmöser.
KMA


