«Wo zum Kuckuck sind nur diese Hörner geblieben?»
28.04.2026 ReisenWie in den letzten «Bolivienspalten» möchte ich weiterhin über die Orte berichten, die mein Bruder Martin und ich während unserer über 5000km langen Reise auf dem Landweg von Bolivien nach Feuerland besucht haben. Bei dieser Gelegenheit will ich euch die ...
Wie in den letzten «Bolivienspalten» möchte ich weiterhin über die Orte berichten, die mein Bruder Martin und ich während unserer über 5000km langen Reise auf dem Landweg von Bolivien nach Feuerland besucht haben. Bei dieser Gelegenheit will ich euch die gewaltige, fast unberührte Natur, die in weiten Teilen dieser Region noch immer vorherrscht, ein wenig näherbringen.
Die Ausläufer der Anden am untersten Zipfel Südamerikas sind seit Urzeiten mit einer riesigen Eismasse bedeckt, dem sogenannten «campo de hielo» del sur, das von herrlichen, in verschiedenen Blautönen gefärbten Lagunen und Fjorden, bewaldeten Hängen und Felstürmen und spitzen Hörnern, die die Gletscher geformt haben, umrahmt wird. Orte wie die Nationalparks Torres del Paine in Chile und Los Glaciares in Argentinien sind Beispiele für solch grandiose Landschaften.
«An einigen Stellen brechen die teilweise Dutzende von Metern hohen, schillernden Wände des genannten Eismeeres steil ab in die Seen und Fjorde. Immer wieder stürzen Brocken von ihnen mit Getöse ins milchige Wasser, die dann als kleine Eisberge auf der Oberfläche treiben. Einige dieser Gletscher sind zugänglich, so etwa der weltbekannte Perito Moreno oder der nicht minder beeindruckende Grey», wie ich in meinen Tagebuchnotizen festhielt.
Ähnlich spektakulär sind die Naturereignisse, die man auch in der «Avenida de los Glaciares» (Gletscherallee) am Ufer des Beagle-Kanals auf Feuerland beobachten kann, wo sich herab von den Bergen in kurzen Abständen beeindruckende Gletscherzungen ihren Weg nach unten bahnen, bis sie letztlich im Wasser des Fjords landen. Sie tragen die Namen der Länder, aus denen die Wissenschaftler stammten, die sie zuerst erforschten: España, Francia, Alemania, Holanda und Italia.
Die meisten dieser Sehenswürdigkeiten sind allerdings nur schwer und nach einem mehrstündigen Marsch durch Berge und Wälder zu erreichen. Erstaunlich für diese Breitengrade ist, dass hier eine üppige Vegetation, genannt die selva fría, der «kalte Urwald», herrscht, die gewissermassen bis an die Schneegrenze reicht. Dieser Wald besteht neben Schlingund Farnpflanzen aus verschiedenen Südbuchen, den sogenannten Nothofagus-Bäumen, die in der einheimischen Sprache Ñire, Coigüe und Lenga genannt werden. Sie gehören zu den südlichsten Baumarten der Welt und können je nach windgeschützter Lage sehr gross werden. Wie schrieb doch der bereits früher erwähnte chilenische Nationaldichter Pablo Neruda in seinen Memoiren: «Wer den Wald Chiles nicht kennt, kennt diesen Planeten nicht.»
Man muss wissen, dass die Anden eine Barriere für die feuchte Luft, die vom Pazifik kommt, bilden. Um sie zu überwinden, müssen die Wolken aufsteigen und sich entladen. Aus diesem Grund leuchten die Täler der Kordilleren wundervoll grün, während sie auf der östlichen Seite einen weniger schönen Anblick bieten, da sie von Trockenheit geprägt sind. Diese kargen Steppen, die Pampa, ziehen sich über Tausende Kilometer Richtung Norden fast bis nach Buenos Aires, der Hauptstadt Argentiniens, hinauf.
«Man wandert zudem an zerklüfteten Klippen und von weissen Kieselsteinstränden umrahmten, türkisblauen Seen vorbei, wo meist ein ziemlich heftiger, kalter Wind weht», ist weiterhin in meinem Tagebuch zu lesen. «Er zwirbelt das Wasser zu Schaumkronen auf und manchmal ist er so heftig, dass es einen fast umwirft. Das Wetter ist sowieso sehr wechselhaft, sodass man in einer einzigen Stunde praktisch alle vier Jahreszeiten erleben kann: In einem Augenblick geniesst man fast sommerlichen Sonnenschein und gleich darauf gerät man in einen Schneesturm.»
Bei dieser Vielfalt an landschaftlichen und klimatischen Eindrücken kann es jedenfalls schon mal vorkommen, dass man die Übersicht verliert, wie es uns passiert ist. Mein Bruder Martin schaute bei einem unserer Ausflüge mit gezückter Kamera in die falsche Richtung – wie einst Mark Twain auf dem Rigi, als er den Sonnenaufgang sehen wollte – und rief entnervt: «Wo zum Kuckuck sind denn jetzt diese Hörner geblieben?»
Wohl befürchtete er, dass sie bereits wieder von Wolken und Nebel verschluckt worden waren, was jedoch nicht der Fall war, denn sie stiegen geradewegs senkrecht in den Himmel auf – nur leider hinter seinem Rücken. Mit den «Hörnern» meinte Martin übrigens die berühmten Felsformationen im Nationalpark Torres del Paine. Und wenn dann von diesen Felswänden noch ein neugieriger Kondor herabsticht und knapp über unsere Köpfe hinweg fliegt, sodass sein weisser Federkranz um den Hals und der rote Kamm auf seinem Kopf deutlich erkennbar werden, ist das Glück perfekt.
Leider ging es viel zu schnell, als dass Martin ein Foto hätte schiessen können. Normalerweise fliegt der «König der Lüfte» viel zu hoch, als dass man ihn mit einer normalen Kamera einfangen könnte. Wesentlich einfacher funktioniert das dahingegen bei Vikunjas oder Guanakos, wilden Lamas, die einem in diesen Bergen und Steppen öfters begegnen. Wir hätten auch gern einen Puma gesehen, aber es blieb bei den Warnschildern, die mancherorts vorzufinden sind und darauf hinweisen, wie man sich bei einer Begegnung zu verhalten hat.
«Hier soll es also Pumas geben», sagte Martin und musterte das Warnschild.
«Na, dann hoffen wir mal, dass sie Vegetarier geworden sind», meinte ich lachend. Wahrscheinlich wäre mir bei einem wirklichen Treffen mit einem von ihnen das Lachen schnell vergangen.
Jedenfalls schloss ich meinen Tagebucheintrag über die Naturwunder Patagoniens mit den folgenden Worten: «Man könnte vor Freude fast weinen, so etwas Grossartiges erleben zu dürfen, aber auch vor Kummer darüber, dass der Mensch drauf und dran ist, diese wunderbare Welt zu zerstören.»
STEFAN GURTNER
Stefan Gurtner ist im Saanenland aufgewachsen und lebt seit 1987 in Bolivien in Südamerika, wo er mit Strassenkindern arbeitet. In loser Folge schreibt er im «Anzeiger von Saanen» über das Leben mit den Jugendlichen. Wer mehr über seine Arbeit erfahren oder diese finanziell unterstützen möchte, kann sich beim Verein Tres Soles, Ursula und Walter Köhli, Seeblickstrasse 6, 9320 Arbon, E-Mail: walterkoehli@ bluewin.ch erkundigen. Spenden: Tres Soles, 1660 Château-d’Oex, IBAN: CH20 0900 0000 1701 6727 4. www.tres-soles.de


