Zwischen Istanbul und Saanen: der Coach, den alle kennen
12.02.2026 SerieAus einer Millionenmetropole ins Simmental: Cüneyt Güneş hat sein Leben radikal verändert. Nicht aus Abenteuerlust, sondern aus Liebe – und aus einer bewussten Entscheidung für die Schweiz. Heute prägt der gebürtige Istanbuler das sportliche und ...
Aus einer Millionenmetropole ins Simmental: Cüneyt Güneş hat sein Leben radikal verändert. Nicht aus Abenteuerlust, sondern aus Liebe – und aus einer bewussten Entscheidung für die Schweiz. Heute prägt der gebürtige Istanbuler das sportliche und soziale Leben im Saanenland mit, trainiert Kinder kostenlos und ist für viele schlicht «der Coach».
SONJA WOLF
Als Cüneyt Güneş im Januar 2021 ins Saanenland kommt, trägt die Welt Masken. Coronaregeln, Distanz. Für einen Mann, der aus einer 16-Millionen-Stadt stammt, fühlt sich das Tal zunächst an wie das Gegenteil von allem, was er kennt: kein Verkehr, keine Hektik – aber auch kaum Orte, an die man einfach gehen kann. «Ich kam von der Stadt ins Dorf – und alles war geschlossen», sagt der heute 32-Jährige. Die ersten Wochen seien schwierig gewesen, «horrible», wie er es selbst ausdrückt.
Güneş ist nicht als Abenteurer hergezogen, sondern aus einem sehr persönlichen Grund: wegen seiner Frau Maira, einer Schweizerin aus dem Kanton Graubünden. Kennengelernt haben sich die beiden in der Türkei, in Istanbul – dort, wo Maira als Erasmus-Studentin an der Universität war und Güneş auf dem Campus Kickbox-Lektionen gab. Aus dem zufälligen Kontakt wurde eine Beziehung, dann lebten sie in Istanbul zusammen, später heirateten sie dort.
Ein Job, der Türen öffnet
Dass ihr gemeinsamer Weg in die Schweiz führen würde, war für beide bald klar. Für Maira bot sich hier als Juristin eine Perspektive, die sie in der Türkei so nicht gehabt hätte – sprachlich, rechtlich und beruflich. In den ersten Wochen wohnen sie in Graubünden in einem kleinen Zimmer bei Mairas Schwester. «Ich war schüchtern – ich habe erst geduscht, wenn niemand mehr zu Hause war», sagt Güneş bescheiden. Der konkrete Weg ins Saanenland ergibt sich schliesslich über eine Stelle im Sicherheitsbereich: Güneş bewirbt sich bei der Firma von James Otigbah in Saanen – vermittelt durch einen Freund seines Onkels. «Ich war sehr dankbar für diese Chance, es machte uns den Einstieg hier als Familie viel einfacher. Noch dazu, weil unsere erste Tochter Dileyla gerade geboren war», erinnert er sich. Güneş arbeitet bis heute im Sicherheitsdienst und besonders in der Hochsaison sehr intensiv: Nachtschichten, Interventionen, Einsätze, wenn ein Alarm in einem Chalet ausgelöst wird. Und daneben der Kickbox-Trainingsbetrieb. «Im Winter musst du so viel arbeiten, wie du kannst», sagt er. Manchmal schläft er nur wenige Stunden, steht wieder auf, geht ins «Dojo» (jap. Trainingsraum), unterrichtet.
«Gstaad Kickboxing»: vom Privattraining zur Akademie
Sein sportliches Standbein im Saanenland baut Güneş Schritt für Schritt auf. Erst einzelne Privatlektionen, dann Gruppen. «Am Anfang kamen 20, 25 Leute», erzählt er. Heute ist «Gstaad Kickboxing» im Tal eine feste Adresse. Trainiert wird Boxen, Kickboxen, Muay Thai – vor allem auf Englisch. Viele Kinder lernen dabei ganz nebenbei Vokabeln. «Left, right», lacht Güneş. Er versteht Deutsch gut, sagt er, aber spricht im Alltag oft Englisch. «Hier sprechen so viele Englisch mit mir – Freunde, Kollegen, viele Schüler. Ich muss Deutsch lernen, ich weiss. Man muss die Sprache im Gastland respektieren.» Nur: Zeit ist sein knappstes Gut.
Sein eigentliches Ziel geht über das normale Vereinsleben hinaus. Güneş will eine Akademie aufbauen: «Von null bis Champion – und dann können sie selbst Coach werden.» Einige ältere Schüler helfen ihm bereits als Assistenztrainer, darunter auch Alina, eine junge Athletin aus seinem «Stall» mit Erfolgen im Wettkampf.
Gratistraining für Kinder – als Dank an die Region
Was im Verein auffällt: Seit rund drei Jahren bietet Güneş kostenlose Kickbox-Lektionen für Kinder aus der Region an – inklusive Ausrüstung, T-Shirts, Hoodies, Handschuhe. «Ich will etwas an die Region zurückgeben», sagt er. «Wenn du etwas bekommst, musst du auch etwas geben.» Finanziert wird das unter anderem über die Beiträge von Erwachsenen. Und auch dort zeigt er sich flexibel: Wer den vollen Preis nicht bezahlen kann, zahlt weniger – oder gar nichts. Güneş spricht nicht von «Kunden», sondern eher von einem Bruderverhältnis. Er gibt gerne, aus vollen Händen – sogar ich bekomme nach dem Interview eine Trainingsjacke geschenkt. Die berühmte türkische Grosszügigkeit und Gastfreundschaft: Man findet sie sehr ausgeprägt auch bei Güneş.
Ein Leben zwischen zwei Welten
Heute lebt die Familie Güneş in Zweisimmen, die beiden Töchter gehen dort in den Kindergarten und die Kita, Güneş ist berufsbedingt die meiste Zeit im Saanenland. Zu Hause wird ein Sprachenmix gesprochen: Maira spricht mit den beiden Töchtern Deutsch, Cüneyt Türkisch, miteinander sprechen sie oft Englisch.
Güneş lacht schnell, redet gerne, wirkt offen und direkt. «Ich bin ein positiver Mensch, sozial, aktiv», sagt er. Und tatsächlich: Wer im Saanenland unterwegs ist, trifft ihn früher oder später. Manche kennen ihn von seinen Kursen, andere von seiner Arbeit im Sicherheitsdienst. «Viele sagen Hallo. Ich kenne nicht alle – aber sie kennen mich.»
Istanbul bleibt – aber das Tal auch
Wenn Güneş von seiner alten Heimat spricht, leuchten seine Augen. Er vermisst die türkische Küche und das Leben, das nie ganz schläft. «In Istanbul findest du 24 Stunden Essen. Hier ist um sieben, acht alles zu.» Gleichzeitig spürt man: Das Saanenland hat sich in ihn eingeschrieben. Er zählt auf, was ihm hier gefällt: die Sauberkeit, die Ordnung, die Ruhe – und die Freundlichkeit. «Wenn sich Menschen hier begegnen, sagen sie Hallo. Die Leute wirken glücklicher.»
Er fliegt und fährt regelmässig in die Türkei, besucht die Familie dort, zeigt die türkische Kultur auch seinen Töchtern. Doch lange wegbleiben mag er nicht. «Nach zwei Wochen vermisse ich das Tal schon wieder», sagt er.
Ob er eines Tages ganz in die Türkei zurückkehren möchte? Da muss Güneş nicht lange überlegen: «Als Türke möchte ich natürlich in meinem Heimatland meine letzte Ruhestätte finden» – doch bis dahin ist es, wie er sagt, hoffentlich noch eine Weile hin!









