Glückliche Alpschweine auf der Isenau
18.08.2017 NaturEs gibt ein gemeinsames Alpschweine-Programm der Fleischvermarktungsfirmen Pro Montagna (Coop), Anicom und Silvestri. Wie andere Landwirte aus dem Saanenland auch, machen Heidi und Emil Schopfer aus Saanenmöser bei diesem Alpschwein-Programm mit. Ein Blick hinter die Kulissen.
BLANCA BURRI
Ich möchte die Hintergründe rund um die Alpschweine kennenlernen, weshalb ich die Landwirte Heidi und Emil Schopfer für einen Besuch auf der Alpage Isenau kontaktiert habe. Gegen Mittag haben wir uns auf dem von ihnen bewirtschafteten Berg oberhalb von Les Diablerets verabredet. Erst bin ich über den späten Termin erstaunt, hatte ich mich doch auf ein frühes Erwachen eingestellt. Aber Emil Schopfer erklärt: «Gegen 5.45 Uhr beginnt der Betrieb auf der Alp, jedoch ist der Zeitplan bis zum Mittag eng getaktet, wodurch wenig Zeit für Gespräche und Erklärungen rund um die Schweine bleibt.» Was die Schweine betrifft, so werden sie um 6.30 Uhr zum ersten Mal gefüttert. Währenddessen werden die Kühe gemolken und versorgt und schliesslich die Milch zu Käse verarbeitet.
Also fahre ich kurz nach Mittag bei herrlichstem Sonnenschein über den Col du Pillon, zweige Richtung Retaudsee ab und fahre – für Anstösser erlaubt – bis zur Bergstation Isenau. Und von dort holpere ich über die schmale Naturstrasse zur wunderschön gelegenen Alp Isenau auf 1855 m ü.M. In der grossen Käserei erwarten mich Heidi und Emil Schopfer, ein einladendes Lachen auf dem Gesicht. Seit sechs Jahren bestossen sie in den drei Sommermonaten mit 50 Milchkühen, Mutterkühen und eben Schweinen die Alp Isenau. Ihr Talbetrieb befindet sich auf der Rellerliseite in Saanenmöser.
Die Küchenfenster geben den Blick frei über saftige Alpwiesen und andere Alpen, bis ins Tal Ormont-Dessus. Bei einem Kaffee am langen urchigen Küchentisch geben mir die sympathischen Landwirte einen Einblick in die Alp und vor allem ins Alpschwein-Programm.
Aus dem Saanenland halten, neben den Schopfers, nur wenige Landwirte Schweine nach diesem speziellen Programm – schweizweit sind es jährlich nur rund 2000 Tiere. «Wenn das Fleisch im Herbst in die Regale der Coop-Filialen kommt, ist es im ‹Hui› weg», betont Emil Schopfer. Das Fleisch sei nun mal bei den Konsumenten ausserordentlich begehrt und das Programm habe noch sehr viel Potenzial. «Eigentlich hat es momentan viel zu wenig Betriebe und Tiere, um der Nachfrage Herr zu werden, auch wenn es immer mehr werden», unterstreicht Heidi Schopfer die Aussage ihres Mannes. So wenige, dass nicht einmal in allen Filialen das Alpschwein-Fleisch angeboten werden kann, zudem ist es sehr schnell vergriffen.
Schopfers sind vom Alpschwein-Programm überzeugt. «Es passt auf eine grosse Alp, eine Alp mit vielen Kühen und viel Platz.» Besonders positiv bewerten die Landwirte, dass die Käsemilch (Schotte) als Nahrung für die Schweine verwertet wird. «Das ist sehr ökologisch, lastet die Alp noch besser aus und macht sie vielfältiger», betont Heidi Schopfer. Ein anderer Aspekt ist die Nachhaltigkeit, die sich im Umgang mit den Schweinen und deren Hauptaufgabe, der Verwertung von Produktionsresten, wiederspiegelt. Weiter finden Schopfers es toll und fortschrittlich, dass die Tiere artgerecht gehalten werden und dass der fixe Schlachtpreis schon im Frühling feststeht. «Oft zerfällt der reguläre Schweinefleischpreis im Herbst, da dieser auf das klassische Angebotund Nachfrage-Prinzip reagiert, dies ist beim Alpschwein-Programm nicht der Fall», sagt die Bäuerin. Dies gebe den Landwirten eine gewisse Planungssicherheit und mache die Arbeit mit den Schweinen zu einer Arbeit, die neben der intensiven traditionellen Alpwirtschaft zu schaffen sei. Der Landwirt trage jedoch immer ein Risiko und natürlich sei das Programm nicht für jede Alpschaft geeignet.
Um die Tiere zu transportieren, sei man auf gute Zufahrtstrassen für die LKWs angewiesen. Zudem seien die baulichen Vorgaben und vor allem die Grösse des Auslaufes vorgegeben. «Pro Schwein muss mit 40m2 Auslauf auf Naturboden gerechnet werden.» Das sei nicht auf jeder Alp möglich, erfordert es doch recht viel Fläche, wie Heidi Schopfer sagt. Dies bedeute natürlich auch, dass die Landwirte erst einmal investieren müssten, bevor sie die Schweine halten könnten – aber es lohne sich für Tiere und Menschen.
Nun nimmt mich Emil Schopfer mit zu den 47 Schweinen, deren Mittagsfütterung ansteht. Der Stall, eines von drei Wirtschaftsgebäuden, und der Auslauf befinden sich bergseitig hinter dem Haupthaus. Ein sehr niederer Elektrozaun, auf Höhe der Schweineschnauze, trennt die Tiere von der Freiheit. «Unser Sohn hat sehr gerne Schweine. Wenn wir im Frühsommer auf die Alp kommen, hilft er uns beim Einrichten und trainiert die Schweine, damit sie den Zaun akzeptieren», erklärt Emil Schopfer. Schon nach kurzer Zeit sei alles gut eingespielt und die Schweinehaltung sei dann mit viel Engagement, aber nur wenig Aufwand verbunden.
Wir schauen in den Stall, ob alle Schweine wohlauf sind. Die Tiere liegen nebeneinander und räkeln sich genüsslich. Eines steht auf und verlässt den Stall durch ein Tor, welches an seine Verhältnisse angepasst ist: Der obere Türflügel ist geschlossen, der untere, niedere Flügel steht offen. Danach spazieren wir durchs Freilaufgehege und begegnen verschiedenen Schweinegruppen: Die einen waten durch eine Pfütze, andere sonnen sich und Dritte wühlen in der Erde. Eine friedliche Stimmung, bis sie uns entdecken. Neugierig nähern sie sich uns, lassen sich von Emil Schopfer flattieren und schon bald umzingeln die neugierigen Geschöpfe auch mich. Sie beschnuppern meine Schuhe, knabbern an meiner Jacke und folgen mir auf Schritt und Tritt.
Zurück beim Stall holt Emil Schopfer einen Sack Ergänzungsfutter und schüttet diesen in eine Alugebse, gleichzeitig läuft Schotte und Wasser in dieses Gefäss. Die Schotte kommt aus einem Behälter über der Gebse und wird jeden Tag, nach dem Käsen und Zentrifugieren, von neuem durch ein Schlauchsystem aus dem Käsekessi aufgefüllt. Das Wasser läuft hinzu, da die reine Schotte zu einer Eiweissüberfütterung bei den Schweinen führen würde. Mit einer Schaufel vermischt der Landwirt nun alles zu einem flüssigen Brei und dieser läuft durch ein ausgeklügeltes Verteilsystem aus Pumpen und Röhren in die Futtertröge des befestigten und über dachten Auslaufes. Die Schweine – vom gewohnten Duft und Geräusch angezogen – machen sich schmatzend an die Verzehrung der Masse. Wenn alle 47 Schweine zugegen sind, geht es richtig vergnügt zu um die Tröge, ohne dass es zu übermütig wird. Danach wühlen die Schweine noch etwas in der Erde, laufen entspannt durch ihr Gehege und ziehen sich schliesslich wieder an ihre Lieblingsplätze zurück: Ein Nickerchen auf der kühlen Erde oder aber im schattigen Stall stehen an.
«Viele Spaziergänger und Wanderer bleiben einen Moment bei den Schweinen stehen und schauen den zufriedenen Tieren beim Fläzen zu», stellt Heidi Schopfer fest. Diese Schweine sind also auch ein beliebtes Fotomotiv, das von einer anderen Tierhaltung zeugt. «Die Leute sehen, wie zufrieden diese Schweine sind und ich glaube, dass sie nach so einem Moment wieder Lust bekommen, Fleisch zu essen.» Besonders die Wanderer, die nach ihrer Tour noch in der Hütte einkehren, erzählen viel von den Schweinen. Oft sind sie glücklich und erfreut, eine solch friedliche Szenerie vorgefunden zu haben.
Und was macht die Alp aus? «Die Landschaft ist sehr wild und etwas felsig, das mag ich sehr», strahlt Heidi Schopfer. «Das Gras ist speziell gut hier», hält Emil Schopfer fest. Das gebe würzigen Käse von der Milch der 50 Kühe, welche in der Isenau gesömmert werden. Zudem sei der Berg sehr abwechslungsreich und interessant. «Die Alp ist gut eingerichtet und dadurch können wir effizient arbeiten.» Schon auf den früheren Alpen (Alp Gumm und Wildeneggli) haben Schopfers als Nischenprodukt einen Käse nach eigenem Rezept kreiert. Nach diesem Rezept produzieren sie nun auch auf der Isenau aus den durchschnittlich 850 Litern Milch pro Tag einen rassigen Bergkäse, dessen Geschmack zwischen Berner Alpkäse, Gruyère und Apenzeller liegt. «Er lässt sich sehr gut zu einer Fonduemischung verarbeiten und ist deswegen sehr beliebt», so Heidi Schopfer.
Auf dem Spaziergang über La Palette geniesse ich die Ruhe auf dem Berg, den blühenden Sommerflor und die Aussicht über das Saanenland und Ormont-Dessus. Danach kehre ich noch einmal bei Schopfers ein, erfrische mich mit einem Glas Bergwasser und erfreue mich am Gespräch mit lieben Menschen, während der kühle Wind das Haar zerzaust. Ein letzter Blick zurück und schon geht es wieder talwärts, wo ein anderer Alltag wartet.
Weitere Fotos unter
https://tinyurl.com/ybygnoaq
Video: https://tinyurl.com/yc2bzdov
ALPSCHWEINE
Wieso?
Alpschweine verwerten die Käsemilch, welche bei der Käseproduktion auf der Alp anfällt und leisten damit einen Beitrag zur Verwertung der Nebenprodukte der Nahrungsmittelproduktion.
Bedingungen
– Es gelten die Richtlinien von «Alpschweine Pro Montagna».
– Ein Naturbodenauslauf von min. 40 m2 pro Schwein muss gegeben sein.
– Mastjager (junge Mastschweine) stammen von Coop-Naturafarm-Betrieben aus dem Berggebiet.
– Die Vormast erfolgt auf Alp- oder Coop-Nautrafarm-Betrieben im Berggebiet.
– Die Sömmerungsdauer, nach ortsüblichen Vorgaben, dauert mindestens 60 Tage.
– Auf der Alp dürfen nicht mehr Schweine als Kühe gehalten werden.
– Der Schweizer Tierschutz kontrolliert die Betriebe.








