Unsere Kinder werden erleben, wie die Gletscher ganz verschwinden!

  05.09.2017 Natur

«Der Tsanfleuron-Gletscher könnte in 60 Jahren komplett verschwunden sein»

REGION Die Gletscher der Schweizer Alpen erlitten die letzten Jahre starke Eisverluste. Auch die erste Sommerhälfte dieses Jahr mit den hohen Temperaturen setzte den Gletschern erneut stark zu. Der Glaziologe Matthias Huss schätzt, dass der relativ dicke Glacier de Tsanfleuron in rund 60 Jahren ganz verschwunden sein wird, kleinere Gletscher wie diejenigen am Wildhorn vermutlich einiges früher.

PATRIZIA MESSMER
Die Schweizer Gletscher sorgen diesen Sommer einmal mehr für traurige Schlagzeilen. Aufgrund der hohen Temperaturen im Juni und Juli sowie in den letzten beiden Sommern haben die Gletscher grosse Verluste an Eisvolumen erlitten. Auch die Gletscher der Region sind stark betroffen. Der Glaziologe Matthias Huss von der Universität Freiburg führt im Rahmen des Schweizer Gletschermessnetzes GLAMOS seit 2010 jährliche Messungen am Glacier de Tsanfleuron und Glacier Sex Rouge durch. «Für den Tsanfleuron und Sex Rouge war der Sommer 2015 durch extremen Verlust gekennzeichnet. Damals verloren die Gletscher rund drei Meter an Eisdicke im Mittel», erklärt der Glaziologe Matthias Huss. Damit führten sie die Rangliste schweizweit an. «2016 war die Situation umgekehrt: Der Tsanfleuron und Scex Rouge verloren ebenfalls an Eis, mit nur 0,3m vergleichsweise aber sehr wenig.» Fast alle anderen Gletscher in der Schweiz hätten mehr Eis verloren. Erklärbar sei dies mit den sehr grossen Schneemengen im Winter 15/16. «Wir massen verbreitet drei bis vier Meter Schnee auf den beiden Gletschern.»

Grosse Eisverluste erwartet
Dieses Jahr sieht es anders aus. Bereits Ende Juli war der Glacier de Tsanfleuron komplett schneefrei. «Eine solche Situation deutet auf sehr starken Verlust hin. Ein Gletscher müsste, wenn er ‹gesund› ist, Ende September zu mehr als der Hälfte mit Schnee aus dem Winter bedeckt sein», erklärt Huss. «Da der Gletscher schon so früh schneefrei war, kann die Sommerhitze das Eis direkt angreifen.» Der Glaziologe rechnet deshalb für die diesjährigen Messungen, die jeweils Ende September durchgeführt werden, mit vergleichbaren Schmelzraten wie 2015, als die Gletscher ähnlich früh ausaperten.

In 60 Jahren komplett verschwunden?
Obwohl eine exakte Aussage über den Verbleib der Gletscher schwierig sei, da sowohl Klimaänderung wie Gletscherreaktion nur ungenau bekannt sind, sieht die Prognose für die Schweizer Gletscher schlecht aus. «Nur schon wenn das Klima genauso bleibt, würden die Gletscher sehr wahrscheinlich in den nächsten Jahrzehnten komplett verschwinden», sagt Huss. Mit der erwarteten Erwärmung dürfte es aber laut dem Glaziologen noch schneller gehen. «Bei heute noch relativ dicken Gletschern wie dem Tsanfleuron, mit einer maximalen Dicke von 150 m, gehe ich davon aus, dass er in rund 60 Jahren komplett verschwunden sein könnte. Kleinere Gletscher wie die um das Wildhorn könnten schon früher komplett schmelzen.» Grundsätzlich, sagt Huss, hätten Gletscher auf einer Höhenlage unterhalb von 3200m ü.M. langfristig kaum eine Chance, während in höheren Lagen wie z.B. am Jungfraujoch noch Eis übrigbleiben könnte.

Auch die Betreiber der Glacier 3000 AG bekommen das Schmelzen des Gletschers zu spüren «Wir merken natürlich schon, dass das Eis zurückgeht. An einigen Stellen des Trassés schauen Felsen aus dem Eis heraus und auch die Flächen für die Skilifte verändern sich», sagt Bernhard Tschannen, CEO der Glacier 3000 AG.

Vermehrte Hangbewegungen und Felsstürze
Die Konsequenzen des Gletscherschwunds sind vielfältig. Gletscher nehmen nicht nur eine zentrale Rolle in der Regulierung des Wasserhaushaltes ein, sie helfen auch, durch das Eis und ihr Gewicht Hänge zu stabilisieren. Wenn sie schmelzen, kann das zu Instabilität in Hanglagen führen. An der Moosfluh beim Aletschgletscher zum Beispiel wurden deshalb im Juli so genannte Geophones installiert. Diese messen die Gesteinsbewegungen im Hang, um Rutschungen und Felsstürze frühzeitig erkennen zu können. Denn in der Moosfluh sind laut einer Medienmitteilung des Bundesamtes für Umwelt mindestens 150 Mio. Kubikmeter Gestein in Bewegung, wo der Gletscher sich zurückgezogen hat. Und auch der tragische Felssturz im Bergell vom 23. August hat deutlich gemacht, welche Konsequenzen die klimatischen Veränderungen und das Schmelzen der Gletscher haben können.

In kleineren Ausmassen liessen sich solche Felsbewegungen auch hier in der Region beobachten, sagt Ueli Grundisch, Bergführer und Rettungschef der SAC-Rettungsstation Gstaad. «Es gab in letzter Zeit verschiedene Bergstürze an der Grenze zum Wallis. Und mit dem weiteren Schmelzen des Permafrostbodens wird man das in Zukunft wohl vermehrt sehen.»

Das wirke sich auch auf den Alpinismus aus. «Touren, die wir seit 30 Jahren machen, müssen wir heute anders angehen und gewisse Routenveränderungen vornehmen. Gerade im Hochgebirge, wo man früher über Eis und Schnee ging, liegt heute oft instabiles Geröll», erklärt der erfahrene Bergführer.

«Es ist schade»
Beim Glacier 3000 seien sie von Hanginstabilität nicht direkt betroffen und für die Masten bestehe kein Problem. «Die Skilifte werden sowieso jeden Sommer bei den Unterhaltsarbeiten neu gerichtet», sagt Bernhard Tschannen, CEO der Glacier 3000 AG. «Aber der Gletscher ist natürlich sehr wichtig für uns, einerseits als Ausflugsziel und andererseits für den Start der Skisaison. Dieser wird sich in den nächsten Jahren voraussichtlich schon eher in den November verschieben.»

Ueli Grundisch war vergangene Woche gemeinsam mit seinem Berufskollegen Ueli Hauswirth und zwei Schulklassen auf dem Gletscher (die Schüler berichten). «Es ist extrem, wie viel Eis allein in den letzten zwei Jahren abgeschmolzen ist», so Grundisch. «Es ist schade, wenn man sich vorstellt, dass die jetzigen Schüler miterleben werden, wie unsere Gletscher ganz verschwinden.»


«Die Gletscherspalte war eng und kalt und riesig!

SCHULE Am 22. August begaben sich die 5. und 6. Klasse der Primarschule Rütti auf eine Expedition auf den einheimischen Tsanfleuron-Gletscher. Zwei erfahrene Bergführer führten die beiden Klassen in die Welt des Gletschers ein.

Strahlendes Wetter herrschte am Mittwoch, 22. August im Saanenland – beste Voraussetzungen, um das Abenteuer zu wagen! Für die 5. und 6. Klasse stand eine NMM-Exkursion auf dem Tsanfleuron-Gletscher bevor.

SONJA HERRMANN/ANNELISE ZINGRE

Wanderlust
Um 8.55 Uhr trafen wir uns beim Schulhaus. Wir staunten nicht schlecht, dass das Auto bereits beim Schulhaus voll besetzt war von wanderlustigen Leuten und mit zehn Minuten Verspätung endlich erschien! Mit unserer warmen Kleidung (Skihose, Jacke, Mütze) wurde es uns richtig heiss.

Endlich auf dem Col du Pillon angekommen, warteten Ueli Grundisch und Ueli Hauswirth schon auf uns. Unsere Lehrerin rannte als erste aus dem Bus an den Schalter, um die Billette abzuholen und zu bezahlen. Wir alle rannten schnell zur Station, denn uns blieben nur gerade vier Minuten Zeit bis zur Abfahrt der Gondel!

Entspannt fuhren wir mit der Gondel nach oben auf den Scex Rouge.

OLIVIA, DUNJA

Die Gletschermaus
Nachdem wir aus der Gondel stiegen, fing unsere Wanderung zum Dom an. Zwischendurch erklärten uns die Bergführer viel Wissenswertes über die Gletscher. Zum Beispiel, dass es verschiedene Arten von Spalten gibt.

Etwa auf halbem Weg fand Nils eine tote Bergmaus. Liam schnitt den Schwanz der Maus mit seinem Taschenmesser ab. Wir trugen den Bergmausschwanz nach Hause, denn dieser ist einen Franken wert!

LIAM, NILS

Bergführer notwendig
Die beiden Uelis waren unsere Bergführer. Jeder von ihnen übernahm eine Klasse. Ohne die beiden wäre diese Exkursion nicht möglich gewesen. Sie erzählten uns wichtige Informationen über Gletscher, Berge, Steine sowie auch von den beiden Leichen, die kürzlich da oben gefunden wurden.
Der Höhepunkt war natürlich der Nachmittag, wo sie uns in eine Gletscherspalte abseilten!

LUCIEN, ANINA

Die Sherpas
Alle vier Jahre reisen zwei Sherpas aus dem Himalaya ins Saanenland, um die Wanderwege zu reparieren oder teilweise neu zu erstellen. Sie heissen Pema und Lopsan. Der Bergweg vom Scex Rouge bis auf dem Dom wurde von ihnen gemacht. Die Treppenstufen sind noch immer da.

RAYA, LUANA

Der Dom
Auf dem höchsten Punkt des Gletschergebiets Les Diablerets, auf dem Dom, assen wir das Mittagessen. Leider ist der Gletscher dort bereits weggeschmolzen. Noch vor einigen Jahren war dieser Punkt noch über 3000 m ü.M. Vom Dom aus hat man eine herrliche Aussicht auf die Berge ringsherum
– vom Wallis bis Eiger, Mönch, Jungfrau, Stockhorn, weiter bis zum Jura und sogar einen Zipfel des Genfersees konnten wir entdecken!

Wir hatten es sehr lustig und Ueli erzählte von dem dramatischen Bergsturz und dem Teufel.

LARA, LARA

Die Gletscherspalte
Nach dem Mittagessen fand Ueli Hauswirth eine perfekte Spalte. Zuerst musste er Eisschrauben installieren. Als erstes liess sich Raya auf dieses Abenteuer ein. Sie quietschte über den halben Gletscher! Wir wurden alle an einem Klettergurt abgeseilt in die Spalte und konnten diese von innen bestaunen. Es war ein wundervoller Anblick, wenn man nach unten schaute. Sie war eng und kalt und riesig.

LEA ELIN, SINJA/MARC, MIGUEL

Gletscherbäche
Es gibt viele verschiedene Bäche, die unter dem Tsanfleuron-Gletscher wegfliessen. Manchmal gibt es nur einen Gletscherbach. Als wir auf dem Gletscher waren, war es nicht gefährlich. Ueli hat uns gesagt, es könne gefährlich werden, durch das Wasser, das auf dem Gletscher fliesst, zu laufen. Man könnte umfallen, weil darunter das glatte Eis liegt. Es besteht die Gefahr, dass man nicht mehr aufstehen könnte. Auch hat es dort oben am Rand der Moräne manchmal einen Gletschersee. Dieser ist jedoch bereits ausgelaufen. Das Wasser fliesst von dort ins Wallis hinunter.

LETICIA, LORETA

A- Spalten und V-Spalten
Es gibt verschiedene Gletscherspalten: Randspalten, Gletscherschrund, Kreuzspalten. Die Form im Inneren kann wie ein A oder wie ein V sein. Beide Arten sind sehr gefährlich!
Die A-Spalte ist oben schmal und wird breiter nach unten hin. Sie entsteht, wenn der Gletscher in einen kleinen Graben fliesst und wieder raus. Im Gegensatz dazu sind die V-Spalten, die oben auf einem Hügel fliessenden Gletscher entstehen. Die V-Spalte ist im Sommer gefährlich. Wenn es schneit, entsteht eine unstabile Schneebrücke, welche einstürzen kann, wenn man darauf steht. Die A-Spalte ist nicht weniger gefährlich, denn unten wird sie immer breiter und kann je nach Verhältnissen sogar zehn Meter breit sein oder mehr!

MORITZ, ANTONIO

Peak Walk
Endlich beim Peak Walk angekommen, waren wir völlig ausser Puste. Sogar die nicht ganz Schwindelfreien haben es geschafft!
Mit einem Fernrohr konnten wir die hohen Berge des Wallis näher bestaunen. Sogar die Namen derer zeigte es uns an im Fernrohr drin. Damit man die nächste Gondel nicht verpasst, hat es dort auch eine Uhr.
Anschliessend begaben wir uns zurück zur Gondel und fuhren wieder hinunter.

VERA, ANASTASJIA


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