Manuschak Karnusian: Die «Armenierin der Schweiz»
03.11.2017 KulturJames Karnusian war jahrelang Pfarrer in der reformierten Kirchgemeinde Saanen. Er war Armenier und Nachkomme von Genozidüberlebenden. Neben seinem beruflichen Engagement setzte er sich zeitlebens stark für sein Volk ein. Seine Tochter, die Journalistin Manuschak Karnusian, hat das Buch «Unsere Wurzeln, unser Leben – Armenierinnen und Armenier in der Schweiz» veröffentlicht. Anlass dafür war das 100-Jahr-Gedenken an den Beginn des Genozids an den Armeniern 1915. Im Interview spricht sie über ihre Kindheit in Gstaad, über die armeniengeprägten Diskussionen im rauchverhangenen Wohnzimmer ihrer Eltern und über die intimen Begegnungen mit ihren Interviewpartnern.
BLANCA BURRI
Ihr Vater stammt von einer armenischen Familie ab, Ihre Mutter ist Schweizerin. Fühlen Sie sich als Armenierin oder als Schweizerin?
Ich bin Schweizerin mit armenischen Wurzeln. Ich bin in der Schweiz geboren und aufgewachsen. In der Schweiz bin ich zur Schule gegangen und ich spreche Mundart – aber es gibt auch einen Teil in mir drin, der nicht schweizerisch ist. Das ist der armenische Teil.
Wie können Sie diesen Teil beschreiben?
Es gibt heute viele Leute, die einen anderen kulturellen Hintergrund haben. Man fühlt sich einfach nicht ganz «hiesig». Lustigerweise fühle ich mich in der armenischen Kultur sehr zuhause: Das Essen, die Musik, selbst der Klang der Sprache sind mir nahe, obwohl ich gar kein Armenisch spreche.
Sie sind im Saanenland aufgewachsen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Ich bin erst als Siebenjährige nach Gstaad gekommen und habe viele schöne Erinnerungen an eine behütete Kindheit in einer ländlichen Umgebung. Damals spielte man viel draussen. Und doch fühlte ich mich nie ganz zugehörig, obwohl mir meine Gspänli nie zu verstehen gaben, ich sei eine halbe Ausländerin. Vielleicht, weil ich nicht von Geburt an im Saanenland lebte, weil ich hier keine Verwandten hatte oder weil ich zum Beispiel nicht Ski fahren konnte. Ich hatte zwar gute Freundinnen, doch nach der Lehre zog es mich sofort in die Stadt.
Hat man Armenien damals gekannt?
Nein, ich musste immer meinen armenischen Hintergrund erklären und sagen, wo Armenien liegt. Damals war das Land Teil der UdSSR und für uns der kommunistische Block. Es gab auch keine Bücher über die armenische Geschichte.
Was verbindet Sie heute mit dem Saanenland?
Die Familie meines Bruders Stefan Karnusian, der als Einziger der Familie noch im Saanenland wohnt und arbeitet. Ich finde, das Saanenland hat sich sehr verändert und ist mir fremd geworden. Ich kann mich mit den Parallelwelten, die es hier gibt, nicht identifizieren. Damit meine ich die teuren Boutiquen und reichen Gäste.
Wann haben Sie begonnen, sich intensiver mit der Armenienfrage zu beschäftigen?
Die Armenienfrage war immer ein Thema in unserer Familie. Ich hielt auch einen Schulvortrag darüber. Auch über den Genozid wurde in unserem Haus immer gesprochen. Mein Vater hatte oft Besuch aus dem In- und Ausland. Mit ihm zog er sich in unser Wohnzimmer zurück, wo sie stundenlang über die armenische Frage diskutierten, begleitet von viel Zigarrenrauch. Dagegen sprach mein Vater nie über Persönliches, zum Beispiel über die Lebensgeschichte seiner Eltern. Und wir wagten es nicht, Genaueres über seine Vorfahren zu erfragen.
Wieso nicht?
Ich glaube, wir spürten die Tragik in seiner Geschichte. Deshalb fragten weder wir Kinder noch unsere Mutter nach. Das Thema Genozid schauderte mich, denn in unserem Haus hatte es viele traumatisierende Bilder. Mein Vater sammelte damals Dokumente, um den Genozid zu belegen.
Wie sind Sie auf die Idee mit dem Buch gekommen?
Als sich der Beginn des Völkermords an den Armenieren zum 100. Mal näherte, spürte ich, dass ich etwas darüber machen wollte.
Gab es ein Schlüsselerlebnis für die Buchidee?
Ja, der plötzliche Tod meines Vaters. Mir wurde bewusst, dass ich ihn nicht mehr über seine Vorfahren, die Kultur und die Sprache ausfragen konnte.
Was war die Idee ihres Buches?
Mittlerweile gibt es viele Bücher über die Geschichte, das Land Armenien und den Völkermord, aber keine Bücher über die Armenier von heute. Ich wollte sie in den Mittelpunkt stellen. Wie und wo leben sie? Wer sind sie? Wie gehen sie mit dem tragischen Schicksal dieses Volks um? Sprechen sie die Sprache? Insgeheim hoffte ich auch, auf jemanden zu stossen, der mir mit meiner Familiengeschichte hilft.
Haben Sie Hinweise auf die Familiengeschichte erhalten?
Nicht direkt. Ich bin seit der Veröffentlichung des Buches viel gereist: nach Beirut, Armenien und Los Angeles, wo viele Armenier leben. Von Bekannten habe ich das eine oder andere erfahren, weniger aber durch die Interviews, welche ich für das Buch geführt habe.
Wie haben Sie die Interviewpartner kennengelernt?
Die Armenier sind in diversen Vereinen organisiert. Ich habe ihre Veranstaltungen besucht, im Internet gesucht und über bestehende Kontakte weitergefragt.
Wie haben Sie die Gespräche erlebt?
Die Leute waren sehr offen. Die Gespräche gingen mir nahe, sie waren berührend und intim. Viele haben geweint, als sie mir ihre Geschichte erzählten. Jede Lebensgeschichte ist berührend, einzigartig und niemals langweilig.
Das Buch ist bereits vor zwei Jahren erschienen. Was hat es ausgelöst?
Mein Vater hatte ein etwas verklärtes Bild über sein Volk. In der Familie machten wir uns oft darüber lustig. Ich merkte aber bei den Recherchen, dass das armenische Volk tatsächlich aussergewöhnlich ist: dank der Religion, dem Wert, den sie auf Bildung legten, dem grossen jahrtausendalten Kulturgut.
Ist das Buch gut angekommen?
Damals fand es grosse Beachtung. Ich hielt viele Lesungen und war in den Medien präsent. Plötzlich wurde ich als «Armenierin der Schweiz» wahrgenommen. Das ist lustig (lacht herzhaft), ich kann ja nicht einmal die Sprache. Da mein Vater mit uns Kindern nie Armenisch sprach, habe ich es auch nicht gelernt. Auch im Erwachsenenalter nicht, trotz einiger Versuche. Durch das Buch wurde ich in der Tat etwas armenischer als vorher. Obwohl die Aufmerksamkeit inzwischen etwas zurückgegangen ist, bin ich weiterhin auf dem Weg, mich meinen Wurzeln anzunähern.
Wie hat es Ihre Familie erlebt?
Ich führte viele Gespräche mit meiner Mutter über meinen Vater, sie lebt zum Glück noch. Meine Schwester Talita gründete einen armenischen Chor, wo auch meine Geschwister Philip und Araxi singen. Ich denke, das Buch hat auch ihnen einen Energieschub für ihre armenischen Wurzeln gegeben.
Ihr Vater, James Karnusian, war Pfarrer und in der Armenienfrage eine treibende Kraft. Wie war er zu Hause?
Mein Vater arbeitete zu Hause und war dadurch physisch sehr präsent. Er arbeitete viel und oft bis spät in die Nacht. Er war aber trotz seiner Anwesenheit kein Vater, der wirklich da war. Ich denke, das war für Väter jener Zeit jedoch normal.
Welche Rolle nahm er als Pfarrer ein?
Er war aus meiner Sicht ein initiativer Pfarrer. Dank ihm wurde das Kirchgemeindehaus gebaut, wurden das Konfirmandenlager, Seniorenausflüge und die Altersstubete eingeführt, er gründete die Musikschule und die International Menuhin Music Academy mit und eröffnete eine Buchhandlung. Er war ein Gestalter. Aber seine Art polarisierte auch. Es gab zwei Initiativen, aufgrund derer über seine Abwahl abgestimmt wurde. Zwei Mal gewann er eine Mehrheit für sich. Es war eine andere Zeit – und er war eine «andere» Person, denn er kam aus einem anderen Kulturkreis. Sein Vater war ein armenischer Widerstandskämpfer. Auch mein Vater war ein Kämpfer, ein intellektueller Kämpfer, der sein Leben der armenischen Frage widmete.
Hatte Ihr Vater neben seinem Engagement für sein Volk überhaupt die Zeit, sein Amt als Pfarrer richtig wahrzunehmen?
Bei den Vorwürfen ging es genau darum. Einige Menschen aus der Kirchgemeinde hatten das Gefühl, er investiere zu viel Energie in die armenische Frage. Aber er hat, glaube ich, viel für die Kirchgemeinde gemacht. Er war ein «Chrampfi». Aufgrund der Vorwürfe begann er, ein Zeitprotokoll zu führen, daran erinnere ich mich gut.
Ich vermute, er hatte eher ein städtisches, vielleicht linkes Gedankengut. Hat er sich auf dem Land wohl gefühlt?
Ja, es hat ihm im Saanenland gut gefallen. Er schätzte den Kontakt mit der Talbevölkerung, war gesellig, gemütlich und hatte Humor. In diesem Sinn war er für die damalige Zeit etwas unorthodox. Er betonte immer, er sei zu 100 % Schweizer und zu 150 % Armenier.
Welche Rolle nahm Ihre Mutter ein?
Sie unterstützte meinen Vater in den pfarramtlichen Pfichten, als Sekretärin, Abwartin, Geschichtenvorleserin an Altersstubeten – wohlverstanden, neben der Erziehung der fünf Kinder und notabene ohne Bezahlung. Das war damals üblich.
Wie wurde Ihr Vater von seinen armenischen Freunden wahrgenommen?
In der armenischen Gemeinschaft war er eine Figur. Dies vor allem, weil er sich mithilfe von diplomatischen Beziehungen für die Anerkennung des Genozids eingesetzt hat. Er war ein Visionär, sehr intelligent, schrieb Bücher und sprach etwa zehn Sprachen. In einigen armenischen Kreisen wird er hoch geachtet – aber auch dort gibt es verschiedene Strömungen.
Welchen Stellenwert hat die armenische Frage in Ihrer eigenen Familie?
Mein Partner – er ist Journalist – hat am Buch mitgearbeitet. Die Auseinandersetzung mit dem Thema hat nicht nur mich, sondern auch ihn und unsere zwei Kinder beschäftigt. Wir machten als Familie zusammen eine Reise nach Armenien.
Wie weiter mit der armenischen Frage oder mit einem weiteren Buchprojekt?
Am 19. November gibt es im Kirchgemeindehaus in Gstaad eine Lesung, begleitet vom armenischen Chor Nairi, dem drei meiner Geschwister angehören. Ich freue mich sehr darauf, das wird wie ein Heimkommen sein. Ich denke, es wird das Schlussbouquet des Projekts «Unsere Wurzeln, unser Leben» werden.
Und danach?
Im vergangenen Jahr habe ich meine eigene Kommunikationsfirma aufgebaut, das hat viel Energie und Zeit in Anspruch genommen. Ein weiteres Buch ist nicht geplant. Aber vielleicht springt mich ein Thema wiederum an, wie vor drei Jahren «Unsere Wurzeln, unser Leben» – ich lasse mich überraschen.
JAMES KARNUSIAN
James Karnusian war Sohn von Genozid-Überlebenden aus der heutigen Türkei. Er wurde 1926 in einem Flüchtlingscamp in Beirut geboren. Er kam für sein Theologiestudium in die Schweiz. In den 70er-Jahren liess er sich mit seiner Familie in Gstaad nieder, wo er als reformierter Pfarrer wirkte. Nach seiner Pension zogen er und seine Frau nach Moosseedorf bei Bern. 1979 initiierte er den ersten armenischen Weltkongress in Paris und setzte sich sein Leben lang stark für die armenische Frage ein, schrieb Bücher und organisierte Kongresse. 1998 verstarb er in Bern.
«UNSERE WURZELN, UNSER LEBEN»
Am 24. April 2015 jährte sich zum 100. Mal der Tag, an dem in der heutigen Türkei der Völkermord an den Armenierinnen und Armeniern seinen Anfang nahm. 1,5 Mio. Menschen starben in den darauffolgenden Massakern, Hunderttausende flüchteten. Familien wurden auseinandergerissen und in alle Welt verstreut – oft ohne voneinander zu wissen. In der Schweiz, die als Fluchtort eine besondere Rolle spielte, leben heute rund 6000 Armenier. Manuschak Karnusian hat ausführliche Gespräche mit Armenierinnen und Armeniern in der Schweiz geführt. Sie lässt Menschen jeden Alters und unterschiedlichster Herkunft davon erzählen, wie ihre Vorfahren den Völkermord überlebt haben, über welche verschlungenen Wege sie in die Schweiz fanden, wie sie heute leben und ihre Traditionen und Kultur pflegen.
MANUSCHAK KARNUSIAN
Manuschak Karnusian ist die älteste von fünf Geschwistern. Sie ist im Saanenland aufgewachsen und hat die Lehre als Buchhändlerin in der elterlichen Buchhandlung in Gstaad absolviert. Danach zog sie nach Bern, wo sie als Volontärin bei der «Berner Zeitung» und später als Redaktorin bei «Radio Förderband» und der «Tessiner Zeitung» arbeitete. Sie war Leiterin Kommunikation beim Bildungszentrum WWF und bei Brot für alle. Die langjährige Journalistin ist heute Kommunikationsfachfrau und Buchautorin. Seit 2016 ist sie Inhaberin und Geschäftsführerin von Karnusian Kommunikation. Daneben unterrichtet sie an der Berner Fachhochschule und macht Stellvertretungen beim Bundesamt für Umwelt.



