Warum nicht Hirsche halten?

  04.05.2018 Gstaad

Letzten Freitag fand im Hotel Arc-en-ciel die Hauptversammlung des Tierschutzvereins Saanenland statt. Die rund 30 Anwesenden durften vor der eigentlichen Versammlung hineinhören in einen spannenden Vortrag über Hirsche.

DANIELA ROMANG-BIELER
Die aus dem Aargau angereiste Dr. med. vet. Sara Murer arbeitet beim Beratungs- und Gesundheitsdienst für Kleinwiederkäuer (BGK). Dort hat sie sich spezialisiert auf Hirsche und wusste – wie wahrscheinlich sonst nicht viele Menschen – sehr viel Wissenswertes über diese Tiere zu erzählen.

Zuerst nahm sie uns mit auf einen Exkurs der Hirscharten: Den Rothirsch und den Damhirsch kennen wohl viele. Dass es letzteren aber in verschiedenen Farben gibt, ist vielen neu. Oder dass es auch noch viel grössere Hirsche gibt, die bis zu 450 kg auf die Waage bringen können. Hirsche gehören zu den Wiederkäuern. Dort stechen sie mit einer Eigenschaft heraus: Nur die männlichen Tiere sind Geweihträger. Bei Rindern, Ziegen oder Bisons sind auch die weiblichen Tiere behornt.

Brunft – Trächtigkeit – Setzzeit
Wenn man Sara Murer fragen würde, zu welcher Jahreszeit ein männlicher Hirsch am meisten gestresst sei, würde sie wohl den Herbst nennen. Die männlichen Hirsche verlieren dann etliche Kilos, weil sie sehr aktiv und auch lautstark auf Weibchensuche sind. Die Dauer der Trächtigkeit ist dann ähnlich lange wie bei den Rindern, und die Kälber werden zwischen April und Juli gesetzt, je nach Hirschart. Das Euter ist eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Rindern und Hirschen: Hirsche haben vier Zitzen, obwohl sie in der Regel nur ein Junges bekommen. Es kann durchaus vorkommen, dass eine Hirschkuh zum eigenen noch drei weitere Kälber mit Milch versorgt. Weibliche, mutterlose Kälber aufzuziehen, sei zwar anspruchsvoll, aber es könne sich lohnen: Das Tier werde in der Regel besonders zahm und könne später dem Hirschhalter häufig helfen, die Herde zu führen, erläuterte Sara Murer.

Hirsche sind keine Haustiere!
Nach dem biologischen Teil lernten die Zuhörer viel über die Hirschhaltung in Gehegen: Grundsätzlich seien die Haltungsansprüche hoch und die Hirschhaltung sei nicht zu vergleichen mit der Haltung von Haustieren. So sei es zum Beispiel nicht möglich, das Wildtier Hirsch in einem Stall zu halten. Die Umzäunung müsse massiv gebaut und mindestens zwei Meter hoch sein. Pro Muttertier müsse man ausreichend Unterstand und natürlichen Witterungsschutz bieten. Zusätzlich brauche es eine spezielle Futterstellen-Einrichtung, weil sonst die «Chefs» der Herde alles an sich reissen würden. Die Tiere müssen alle gleichzeitig fressen können. Für all diese Einrichtungen sowie für die Umnutzung bestehender Gebäude sei eine Baubewilligung erforderlich, die von diversen Ämtern beurteilt werde. Und seit 2008 sei eine fachspezifische, berufsunabhängige Ausbildung Voraussetzung für eine Haltebewilligung. Schwierig werde es auch im Fall einer Krankheit: Einzeltier-Untersuchungen oder -Behandlungen seien schwierig bis unmöglich. Der Hirschhalter sollte deshalb eine gute Beobachtungsgabe haben, durch die er Anzeichen einer Krankheit erkennen könne, bevor es zu spät sei.

Wie sieht es denn in der Schweiz mit Hirschhaltungen aus?
Aktuell gibt es schweizweit um die 750 Hirschhaltungen. Damhirsche sind mit 80 % klar die in der Schweiz klar häufigste Hirschart. Die meisten Haltungen befinden sich im Mittelland. Der Kanton Bern gehört zu den Kantonen mit den meisten Hirschhaltungen. Die Entwicklung ist steigend bis stagnierend. Und wieso entscheiden sich doch immer wieder Leute, Hirsche zu halten? Wenn man folgende Fakten bedenkt, kann diese Idee trotz aller Hürden attraktiv sein: Es ist ein alternativer Weg zur Grünlandbewirtschaftung. Der Hirschhalter ist auch weniger gebunden an fixe Zeiten. Zum Beispiel muss ja nicht morgens und abends gemolken und ausgemistet werden. Man muss auch nicht Landwirt sein, um Hirsche zu halten. Nur ein Viertel von allen sind Landwirte. Über 90 % der Hirschhalter nutzen diese Nische für einen schönen Nebenerwerb, der es erlaubt, daneben einem Haupterwerb nachzugehen. Dazu kommt, dass Hirschfleisch beliebt ist und gut verkauft wird.

Tipps einer Fachfrau
Zum Schluss gab Sara Murer den Zuhörern noch ein paar Tipps weiter: «Wenn Haltung und Fütterung stimmen, gibt es bei Hirschhaltungen generell weniger Probleme und Krankheiten als bei anderen Kleinwiederkäuerarten. Die Grundlage der Fütterung sollte qualitativ und quantitativ gutes Grundfutter sein. Wenn nötig, kann man mit Rau- und Kraftfutter zufüttern und eine gezielte Mineralstoffversorgung ist zu empfehlen. Frisches, sauberes Trinkwasser trägt auch zur Gesundheit der Tiere bei.» Um sicher zu gehen, dass auch die Kleinsten genug Futter bekommen, könne ein Kälberschlupf vorgesehen werden, wo den Kleinen zugefüttert wird. Besonders wichtig sei ihr persönlich, dass ausreichend Schatten im Gehege vorhanden sei.

Nach einer Fragerunde und der herzlichen Verabschiedung der Referentin widmeten sich die Saaner Tierschützer den internen Geschäften (siehe Kasten).

Video unter: https://tinyurl.com/y7gezsjt

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DR. FELIX NEFF ZUM EHRENMITGLIED ERANNT

Im Jahresbericht erwähnte Präsident Urs Bach, dass vier Vorstandsmitglieder vom Tierschutzverein Saanenland an einem vom Veterinärdienst des Kantons Bern durchgeführten Kurs für Tierschutzberater teilgenommen hatten. Zudem informierte er, dass eine Auffangstation für Katzen in Betrieb genommen werden konnte. Diese wird durch Christian Hefti, Bissen, geführt. Weiter berichtete er, dass sich der Tierschutzverein im vergangenen Herbst an der Gstaadermesse an einem Stand präsentiert und in vielen Gesprächen viel Wissenswertes vermittelt hat. Im vergangenen Jahr musste in Saanen in einer heiklen Aktion aus zwei Nestern die Schwalbenbrut evakuiert werden. In aufwendiger Arbeit konnten bei der Wildvogelpflegestation durch Gasparde Grundisch im Chalberhöni die Jungvögel gefüttert, im Fliegen trainiert und erfolgreich wieder ausgewildert werden.

Die Vorstandsmitglieder Felix Neff, Tierarzt, Saanen, und Monika Aeschbacher, Sekretärin, Gstaad, sind aus dem Vorstand ausgetreten. Ihre Arbeit wurde mit einem Scherenschnitt von Regina Martin verdankt. Die Versammlung wählte als Ersatz Lara Perreten, Tierärztin bei der Bergpraxis Animal Saanen, und Corinne Bürki, Angestellte bei der Saanen Bank, neu in den Vorstand. Nach einem Beschluss des Vorstandes durfte der Präsident unter dem Traktandum «Verschiedenes» eine Ehrung vornehmen. Aus einem Protokoll aus dem Jahr 2008 (Auszug unten) geht hervor, dass auf Initiative von Dr. Felix Neff der Tierschutzverein Saanenland einen Neustart erlebt hatte und seither nicht nur an Mitgliedern sehr gewachsen war, sondern auch viel Gutes erwirken konnte. Dr. Neff wurde für seine grossen Dienste die Ehrenmitgliedschaft erteilt. Unter grossem Applaus erhielt er eine Urkunde.

URS BACH

Auszug aus dem Protokoll der Haupt- oder Neugründungsversammlung vom 9. Oktober 2008: Jürg Romang begrüsst die Anwesenden und freut sich, dass sich viele ehemalige Mitglieder sowie zahlreiche Interessierte an diesem Abend eingefunden haben. Er gibt das Wort weiter an Regina Martin. Sie erzählt kurz, dass es den Tierschutzverein Saanenland bereits seit rund 30 Jahren gibt – es gab keinen Vorstand, keine Versammlung, keine Statuten, jedoch ca. 20 Mitglieder. Führende Person und sehr aktiv im Tierschutz war seit rund 30 Jahren Lucie Thoenen aus Gstaad. Auf Initiative von Tierarzt Felix Neff wurden im Frühjahr ein paar Leute angefragt, ob sie sich für den Tierschutz interessierten und engagieren könnten.


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