Der Streichelzoo und ein «Ehrenbürger», der ihn betreut
05.10.2018 GstaadSchon neun Jahre arbeitet Hans von Siebenthal auf der Wispile im Streichelzoo. Morgen feiert er seinen 65. Geburtstag und dürfte in den Ruhestand treten. Er habe aber nicht Lust, sofort ganz aufzuhören, verriet er, als wir ihn auf der Wispile besuchten.
DANIELA ROMANG-BIELER
Bergstation Wispile, 8.30 Uhr: Hans von Siebenthal beginnt seine Arbeit im stockdichten Spätsommer-Nebel. Bald würde eine Mutter mit drei Kindern ihn besuchen kommen. Schnell ruft er sie an und fragt, ob man das Treffen nicht verschieben sollte. Aus dem Tal klingts aber zuversichtlich: «Am zäni söttis uftue.»
Offene Arme
So steigen wir in die Gondel und freuen uns auf Sonne, Berge und Tierli. In der Bergstation steht er schon und erwartet uns freudig mit offenen Armen: Hans von Siebenthal, der schon seit neun Sommersaisons die Tiere und Besucher des Streichelzoos betreut. Die Kinder geniessen eine Ovo im Bergrestaurant, und Hans berichtet zufrieden von seiner Arbeit. Normalerweise bringt ihn die Gondel auf den Berg. Wenn das wettertechnisch nicht möglich ist, muss sein Jeep das übernehmen. Heute zeigt sich die Wispile von der besten Seite, und man könnte Hans um seinen Traum-Arbeitsplatz beneiden. Aber er ist ja immer da, auch wenn das Wetter verrückt spielt. «Die Tiere müssen ja trotzdem gefüttert werden», sagt er pflichtbewusst. Zum Füttern komme das Misten und das «Uslah». Und am Abend müssten die Tiere wieder in den Stall.
Wenn für die Tiere alles erledigt ist, ist Hans für die Gäste da. Jeder Tag bringt spannende Begegnungen mit Menschen aus aller Welt. Auch wenn Hans nicht alle Sprachen spricht, kann er den Gästen Wertschätzung zeigen und ihnen auch mit wenig Worten Freude bereiten. Seine humorvolle und kommunikative Art macht ihm den Umgang mit den verschiedensten Besuchern leicht.
Die Mittagspause verbringt er immer im Bergrestaurant um 11 Uhr. Aber heute schaut er nicht auf die Uhr, denn die Kinder wollen noch zu den Geissli und Hasen. Mit Tieren und Kindern zu sein, sei für ihn die grösste Freude, sagt er. Dafür nimmt er sich gerne Zeit.
Mit der Ausarbeitung der Positionierung der Wispile soll das Angebot für Kinder und Familien erweitert und noch stärker in den Fokus gesetzt werden. Auch die Tiere werden dabei weiterhin eine wichtige Rolle spielen.
Wie in «Grossvaters Schössi»
Hans kennt nicht nur jedes Tier mit Namen. Nein, er kennt auch die Geschichten, die dazu gehören. Als vor ein paar Jahren vier Mädchen aus Deutschland den Streichelzoo besuchten, hatte ein Geissli noch keinen Namen. Sie sassen da und überlegten, wie es heissen könnte. Plötzlich sagte eines: «Pub!» – und so heisst das Geissli jetzt. Oder der Bock Adolf bekam seinen Namen nach alt Bundesrat Adolf Ogi, weil dieser einen Tag später seinen 70. Geburtstag feierte.
So könnte man noch lange mit Hans auf dem Bänkli sitzen, und er würde seine Geschichten erzählen. Kleine Geschichten von einer kleinen Welt. Vielleicht nicht so bedeutend und wichtig für das Geschehen der grossen Welt; und doch muss es sie noch geben: Diese Momente, wo man die Zeit vergisst und eintaucht in die scheinbaren Details und kleinen Freuden, die uns das Leben bringen. Vielleicht einfach wieder Kind werden und sich auf dem «Schössi» des Grossvaters fühlen, der uns eine schöne Bildergeschichte erzählt. Und dafür ist Hans von Siebenthal geschaffen.
Zufrieden begibt er sich zum Bergrestaurant, wo einmal mehr ein feines Zmittag auf ihn wartet. Wir geniessen unser Picknick bei den Hängematten und wärmen uns an der Sonne, die definitiv den Wolken den Platz genommen hat.
Von Rössli-Ausfahrten und Weltreisen
Dann treffen wir uns nochmals mit Hans. Wie versprochen, spannt er das Zwergpferd Asterix ein, um mit den Kindern ein Ausfährtli zu machen. Er sei schon um die ganze Welt gekommen, erzählt er stolz. Er sieht die Fragezeichen in meinem Kopf und erklärt, dass Gäste aus aller Welt ihre Kinder mit dem «Rössli-Ma» auf der Wispile fotografieren und dann auf den modernen Plattformen veröffentlichen. Aha, so kann man eine Weltreise machen, ohne leibhaftig zu verreisen!
Die Kinder müssen sich jetzt aber «leibhaftig» bewegen und laufen um die Wette bis zum Gipfelkreuz. Dort wird nochmals die fantastische Aussicht genossen und dann freuen sich alle auf die Talfahrt in der Gondel und auf die Glace, die im Dorf wartet.
Ein durchaus gelungener und erlebnisreicher Tag auf einem unserer schönen Berge, verbunden mit einem Besuch bei einem interessanten Menschen, der nicht nur uns inspiriert hat. Eine Leserin schreibt über Hans von Siebenthal: «Wir sind immer wieder beeindruckt, wie Hans seinen Tieren und den Menschen aus aller Welt so viel Liebe schenkt. Er kommuniziert auf seine Art und Weise und alle Kinder verstehen diese Sprache. Er gibt so vielen Kindern aus der ganzen Welt Freude und lehrt sie, wie man mit Tieren umgeht. Hans von Siebenthal ist ein Vorbild für alle. Hoffentlich bleibt er auch nach seiner Pension noch dann und wann auf der Wispile. Für uns ist er ein Ehrenbürger!»




