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Musik ist mehr als ein Hobby

Fr, 19. Okt. 2018

Simon Heftis Leben besteht aus Musik. Der bescheidene Jodler dirigiert, unterrichtet und komponiert mit Herzblut und kann gar nicht recht erklären, wie man komponiert. «Auf jeden Fall kann ich nicht in einem Kämmerchen sitzen und warten, bis mir etwas einfällt», sagt der 36-jährige Vater von zwei Kleinkindern.


«Meistens beginnt es mit einem ‹Cherli› oder einem ‹Bögli›»

Simon Heftis Leben besteht aus Musik. Der bescheidene Jodler dirigiert, unterrichtet und komponiert mit Herzblut und kann gar nicht recht erklären, wie man komponiert.

BLANCA BURRI
Simon Hefti gesteht während dem Gespräch auf seiner Holzbank am Waldrand, dass er unter der Dusche am liebsten singt: «In der Dusche bin ich total entspannt, denn dann weiss ich, dass mir niemand zuhört. Deshalb kann ich viel Neues ausprobieren.» Experimentieren muss er oft, das gehört zu seinem Job als Dirigent. Inzwischen jutzen nicht nur die «Horeflue Jutzer Saanenland» nach seinem Dirigierstab, sondern auch das gemischte Jodlerchörli «Abeglanz» Gstaad sowie der Jodlerklub «Gruss vom Wasserngrat» Gstaad. Wenn er die zu probenden Lieder auf dem Klavier spielt oder sie selbst singt, kann er sie sich auch besser vorstellen und weiss dadurch, was er aus seinen Sängerkolleginnen und -kollegen herauskitzeln möchte. Die Fähigkeit des Pröbelns braucht er aber auch zum Komponieren.

«Lieden» und mehr
«Bereits während der Schulzeit habe ich auf dem Schulweg ‹gliedet› – habe Lieder gesungen, welche es gab und solche, welche mir gerade in den Sinn gekommen sind.» Wie genau diese neuen Lieder entstehen, kann er nicht richtig beschreiben. «Auf jeden Fall kann ich nicht in einem Kämmerchen sitzen und warten, bis mir etwas einfällt.» Vielmehr geschehe das Unbeschreibliche unterwegs, zum Beispiel beim Wandern. «Wenn ich an gar nichts denke, sondern nach einem steilen Aufstieg die Aussicht geniesse oder eine besonders schöne Blume betrachte, dann fällt mir eine Melodie ein.» Vielleicht geschehe es aus der Freude heraus oder wenn er besonders zufrieden und glücklich sei. In solch einem Moment passiere etwas, das er gar nicht recht erklären könne. «Meistens beginnt es mit einem ‹Cherli› oder einem ‹Bögli›, das einfach so in meinem Kopf herumschwirrt. Später fallen mir vielleicht noch ein paar Worte dazu ein.» Dann greife er zum Smartphone und nehme die Melodie mit der Diktierfunktion auf. Später entwickle sie sich immer weiter. «Dann lässt sie mich auch nicht mehr in Ruhe.» Das Lied werde immer komplexer, bis klar herauskomme, wie der Jodel und wie die Strophen klingen müssen. Ärgerlich sei es nur, wenn ihm eine Melodie zufliege und er keine Möglichkeit habe, sie festzuhalten. «Die Melodien sind meist sehr flüchtig und verschwinden einfach wieder, wenn man sie nicht aufnimmt oder aufschreibt.» Mit der neuen Technik sei das aber kein grosses Thema mehr, weil man das Aufnahmegerät jederzeit in der Hosentasche mitführe.

Kreativität und Fleissarbeit sind nah
Auf Heftis Heimcomputer gibt es ein Notensatzprogramm, auf dem er das «Cherli» aufs Papier bringt und in dem auch die weiteren Stimmen und der Text hinzugefügt werden. Diese Arbeit hat viel mit Disziplin zu tun. «Natürlich bleibt der Prozess kreativ, aber nun gibt es viel Fleiss- und Knochenarbeit.» Stundenlang sitzt er im stillen Kämmerlein und probiert verschiedene Varianten aus, bis der Jutz oder das Lied komplett ist. Das Herzstück bilde immer die Hauptmelodie, erst später werden die Bässe beziehungsweise die anderen Stimmen hinzugefügt. Dann höre er innerlich den ganzen Chor. Die Worte muss er auch noch arrangieren, obwohl ihm diese bereits mit der Melodie in den Sinn kommen. «Es überkommt mich irgendwie. Wenn ich an die Melodie denke, fallen mir die Wörter in den Schoss.»

Seine Frau ist die erste Zuhörerin
Wenn ein Lied fertig ist, bekommt es seine Frau Anita als Erste zu hören: «Ich vertraue ihrem Urteil voll und ganz.» Auch sie kommt aus der Jodlerszene, singt fürs Leben gerne und wird an den offiziellen Festen als Einzeljodlerin regelmässig mit einem «sehr gut» belohnt. «Ich weiss, dass sie ehrlich ist und mich nicht aus Sympathie lobt. Und gerade deshalb verspüre er jeweils ein Kribbeln, bevor er mit dem Vorsingen beginne. Das schönste Kompliment, das er von ihr bekommen hat, war bei einem Naturjutz, den er ihr zur Hochzeit komponiert und ihr gewidmet hat. «Beim Zuhören des Naturjutzes ‹Schwendiflue Jutz› hat Anita Hühnerhaut bekommen. Das war das schönste Kompliment, das sie machen konnte.»

Keine Kopien
Dass Simon Heftis Kompositionen einem bereits bestehenden Lied eines anderen Komponisten gleichen, kann vielleicht einmal vorkommen, sollte aber vermieden werden. Er lässt sie deshalb vor der Veröffentlichung von einem externen Experten prüfen. Die Gefahr sei grösser, dass man sich im eigenen Schaffen wiederhole. Aber auf solche und andere Details macht Anita Hefti ihren Ehemann aufmerksam. Hefti hat bereits einen eigenen Stil entwickelt und diesem bleibt er auch treu.

Inzwischen werden Simon Heftis Kompositionen nicht nur von den Gruppen gesungen, welche er selbst dirigiert. «Durch die CD-Aufnahme sind einige Clubs auf meine Kompositionen aufmerksam geworden», freut er sich. Diese tragen seine Melodien in die Welt hinaus.

Sich in ein Lied verlieben
Die Liedauswahl für die drei Klubs, welche Simon Hefti leitet, ist immer sehr individuell. Jeder hat einen eigenen Stil und eine eigene Stimmlage, die ihm besonders liegt. Deshalb passt nicht jedes Stück zu jedem Chor oder zu jeder Person. Das ist auch der Grund, weshalb sich Heftis Eigenkompositionen nicht alle für seine Singgruppen eignen. Vielmehr wählen sie aus einer Vielzahl von Komponisten und Liedern. Eines bleibt aber gleich: «Auch ich als Dirigent muss mich ein bisschen ins Lied verlieben, damit ich es anderen beibringen kann.» Manchmal könne man sich erst gar nicht vorstellen, dass ein Stück zu einem Club passe. Wenn man sich aber intensiver damit befasse, merke man, was man daraus machen könne.

In Musik gebadet
Simon Hefti hat die Musik mit der Muttermilch aufgesogen. In seinem Fall sind die Familien väterlicher- und mütterlicherseits stark mit der Volksmusik verbunden. Überhaupt sei in der Familie Hefti das Jutzen omnipräsent. Nicht nur am Wispile-Sufsunntig, der von ihr organisiert wird, sondern auch am 1. August und bei anderen Anlässen gehöre Jutzen einfach dazu. Auch Simon Heftis zwei Kinder (zwei- und vierjährig) bekommen bereits ein Vollbad von Volksmusik. «Bisher lieben sie es», meint er schmunzelnd. «Sie singen mit und haben grosse Freude daran.» Sollte es sich einmal ändern, wäre das für den Familienvater aber auch nicht schlimm. «Ich höre ja auch nicht ausschliesslich Volksmusik.»

Von seinem Hobby kann Hefti aber nicht leben. Er arbeitet als Elektroinstallateur und Lagerist. Dank der grossen Unterstützung seiner Familie kann er seinem zeitintensiven Hobby trotzdem oft frönen.

Emotionen verbinden
Das Schönste, was Simon Hefti betreffend Musik passieren kann, ist, wenn die Lieder Emotionen auslösen. «Manche Zuhörer sind von den Stücken besonders berührt, bekommen Hühnerhaut oder haben Tränen in den Augen.» Das gehe auch ihm nahe. Ebenfalls sehr spannend sei, dass man sich beim Musizieren sehr nahe sei. «Egal ob Gemeindepräsident oder einfacher Mann, beim Singen sind wir alle gleich.» Und manchmal erlebe man dabei etwas Unbeschreibliches, wenn mit dem gesamten Chor etwas Magisches passiere, das nicht programmierbar sei. «Es öffnet Energiequellen, erzeugt besondere Glücksgefühle, man wird eins – als Chor, als Gruppe und als Mensch. Trotzdem oder gerade deshalb ist man ganz nah bei sich selbst.»

Authentizität ist wichtig
Der 36-Jährige hofft, dass das Brauchtum weiterhin so hoch im Kurs bleibt wie im Moment. Und das könne nur geschehen, solange es nicht verwässert oder verfälscht werde. Natürlich brauche es eine natürliche Entwicklung, so wie es in den letzten Jahrhunderten bereits geschehen sei. Ganz nach dem Motto: «Das Feuer weitergeben und nicht die Asche anbeten». Trotz seiner Forderung dürfe es Ausnahmekünstler geben, welche etwas Eigenständiges machten, solange die Mehrheit der Jodler beim Traditionellen bleibe. «Diese Authentizität ist im Saanenland durchaus gegeben, denn es gibt auf kleinem Raum viele Jodlerformationen.» Im Vergleich zur ganzen Schweiz sei man deshalb sehr gut aufgestellt. «Auch weil alle Clubs einen starken Nachwuchs haben.»

Simon Heftis Komposition «Schwendiflue Jutz» wurde für den Trailer «Gstaad Züglete 2019» verwendet: www.youtube.com/watch?v=Ckb161pk07M


ZUR PERSON

Simon Hefti (36) ist im «Mürni» Turbach aufgewachsen. Der gelernte Elektromonteur arbeitet als Lagerist in Gstaad. Seit seinem 18. Lebensjahr singt er beim Jodlerklub «Gruss vom Wasserngrat», den er heute auch dirigiert. Er ist nicht nur Dirigent, Komponist und Jodellehrer, sondern auch Juror im Eidgenössischen Jodlerverband. In dieser Funktion beurteilt er die Vorträge von Jodlerinnen und Jodlern an kantonalen und eidgenössischen Jodlerfesten. Zudem leitet er für den Verband verschiedene Kurse. Er ist mit Anita Hefti verheiratet und Vater von zwei Kleinkindern.

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