Das Potenzial der Sprachgrenze nutzen

Di, 09. Apr. 2019
32 Lehrpersonen und Schulleitende wurden von Michel Zysset (hinterste Reihe in der Mittte) über das Angebot der Stiftung Movetia informiert. FOTOS: SARA TRAILOVIC

Lehrpersonen und Schulleiter/innen aus dem Saanenland und dem Kanton Waadt trafen sich in Gstaad mit einem gemeinsamen Ziel: den schulischen Austausch zwischen den beiden Sprachregionen fördern.

SARA TRAILOVIC
«Wir haben hier im Saanenland einen grossen Vorteil: Unsere Schulen sind nur drei Kilometer vom Röstigraben entfernt», eröffnete Schulleiter Martin Stähli das Treffen in der Aula der Schulanlage Ebnit in Gstaad. Er unterstütze Lehrpersonen, die Austauschprojekte starten wollen. Stähli stellte das Schulsystem der Region kurz vor, dann übergab er das Wort an Michel Zysset, Projektverantwortlicher in Sachen Schulbildung der nationalen Stiftung Movetia.

Der Referent selbst ging hier zur Schule
Am vergangenen Dienstag trafen sich Lehrpersonen aus dem Saanenland und der waadtländischen Nachbarschaft zum «Sommet sur les échanges» – einem Gipfeltreffen bezüglich Austauschprogramme. Organisiert hatte den Anlass Michel Zysset von der Stiftung Movetia, der selbst in Gstaad aufgewachsen und zur Schule gegangen ist. «Dieser Anlass ist für mich als ehemaliger Schüler auch eine Herzensangelegenheit. Ich ging während meinem Studium nach Genf, um mein Französisch zu verbessern – das müsste schon während der obligatorischen Schulzeit ermöglicht werden. Zysset hob die einmalige Lage der Region hervor. Er sehe im Saanenland sowie in der ganzen Schweiz grosses Potenzial für die sprachliche und kulturelle Förderung der Kinder. «Man muss nicht zwingend nach Frankreich reisen, um Französisch zu lernen.»

Zysset freute sich über die volle Aula. Die Vertreter/innen waren unter anderem von Adelboden, Montreux und Château-d’Oex angereist, um sich über die in der Region noch unbekannte Stiftung zu informieren und Kontakte mit den Saaner Lehrpersonen zu knüpfen.

Sprachaustausch leicht gemacht
Der Referent konzentrierte sich bei der Präsentation auf Projekte, die für die Region besonders wertvoll sein könnten, das heisst nationale Austauschprogramme im Bereich Schulbildung.

Das prominenteste Programm sei dabei der Klassen- und Schüleraustausch. 8576 Schüler/innen nahmen im vergangenen Jahr an einem Klassenoder Schüleraustausch teil, dem prominentesten Programm von Movetia. In den Anfängen der Stiftung hatten sich viele Schulen beschwert, es sei schwierig, eine passende Partnerklasse zu finden. Michel Zysset konnte den Anwesenden in Gstaad die Lösung dazu präsentieren: Auf der Internetseite matchnmove.ch können Lehrpersonen laufende oder geplante Projekte veröffentlichen und eine Partnerklasse finden.

Ein normaler Klassenaustausch nimmt mindestens zwei Tage in Anspruch. Die Schüler/innen und Lehrpersonen besuchen sich dabei meistens gegenseitig. Movetia subventioniert dabei pro Teilnehmer/in Übernachtung und Reisetag, ausserdem erhalten die Lehrpersonen eine Entschädigung für den Mehraufwand bezüglich Spezialunterricht. «Ein Knackpunkt sind die hohen Reisekosten in der Schweiz», sagte Referent Zysset. Verhandlungen mit den Bahnunternehmen seien im Gange.

Gstaad spielt bei der Stiftung Movetia eine besondere Rolle: Das Klassenlager «Deux im Schnee» findet hier statt, wo jeden Winter über 380 Schüler/innen aus unterschiedlichen Sprachregionen aufeinandertreffen. Die Gemeinde, Gstaad Saanenland Tourismus, die Skischulen sowie lokale Unternehmen stellen Material und Schneesportlehrende zu günstigen Konditionen zur Verfügung. Das sei ein «Luxuslager» mit touristischen Vorteilen für die Destination Gstaad, meinte Michel Zysset am letzten Dienstag.

Gemeinsame Projekte entstanden
Nach der Präsentation der Stiftung forderte der Organisator die Anwesenden auf, sich Gedanken zu bisherigen Projekten und Plänen zu machen. Vier Lehrerinnen aus Schönried diskutierten miteinander: «Ich habe vor der Einladung noch nie etwas von Movetia gehört, aber die grosszügigen Subventionen und Unterstützung überraschen mich positiv.»

Nach der Reflexion öffnete Michel Zysset den Röstigraben: «Alle Berner Schulen auf die linke, die Waadtländer Schulen auf die rechte Seite.» Kurz darauf vermischten sich die beiden Sprachregionen und es entstanden schnell angeregte Diskussionen. «Einige Lehrpersonen haben sich bereits mit konkreten Austauschprojekten – und dies mit neu gefundenen Partnern – bei mir gemeldet», teilte der Verantwortliche im Bereich Schulbildung nach der Veranstaltung mit. So hat sich zum Beispiel die Schule Rütti Gstaad mit der Primarschule Château-d’Oex zusammengetan. «Wir haben schon lange davon geträumt, so ein Austauschprojekt zu verwirklichen», freute sich eine Lehrerin der 4. und 5. Primarschulklasse in Gstaad. «Wir planen nun mit Berufskolleginnen aus Château-d’Oex einen gegenseitigen Austausch.»

Vertreterinnen aus dem Kanton Waadt
Isabelle Henchoz und Fabienne Mottet informierten über die sprachlichen Austauschprogramme im Kanton Waadt. Henchoz ist verantwortlich für individuelle Austausche im In- und Ausland, Mottet verwaltet Klassenprogramme. Isabelle Henchoz fokussierte sich besonders auf die Olympischen Jugendwinterspiele 2020 in Lausanne. In diesem Rahmen seien auch mehrere sprachliche Projekte mit bernischen Schulklassen möglich, zum Beispiel gemeinsame Turniere oder Treffen mit Sportlern. Diese werden von der Stiftung ESJ (Economie Sport et Jeunesse) unterstützt, aber auch wie gewohnt von Movetia.

Der Bund zieht mit
Infolge der Masseneinwanderungsinitiative sei die Schweiz kein offizieller Partner von Erasmus mehr. Nur über Umwege – im Rahmen der assoziierten Partnerschaft – könne sie sich in bestehende Programme einklinken, erklärte Michel Zysset. Die Schweizer Politik stehe aber hinter den Austauschprogrammen und wolle Movetia auch in Zukunft unterstützen. «Wir verfolgen die Bildungsstrategie des Bundes», hält der Referent fest.

Die Förderung des Sprachaustauschs liege ihm extrem am Herzen, betonte Michel Zysset. Manchmal müsse man die Schüler/innen auch ein wenig zu ihrem Glück zwingen. «Vielleicht tuts am Anfang ein bisschen weh, aber am Ende sagt man dann ‹Merci, Danke, Grazie›.»

Die genannten Programme sind nur ein Ausschnitt aus dem Angebot von Movetia, Das vollumfängliche Angebot finden Sie unter www.movetia.ch.


WAS IST MOVETIA?

Der Name der Stiftung setzt sich aus den Wörtern Move (engl. Bewegung) und Helvetia zusammen. Genau darum geht es: um Austausch und Mobilität zwischen den Sprachgebieten innerhalb und ausserhalb der Schweiz. Im März 2016 gründete der Bund die Schweizerische Stiftung für Förderung von Austausch und Mobilität, welche dann 2017 Movetia lancierte. Movetia unterstützt sprachliche Austauschprojekte finanziell und organisatorisch. Dabei sind die Programme in fünf Domänen unterteilt: Erwachsenenbildung, Jugend-, Berufs- und Schulbildung sowie Weiterbildungen auf Tertiärstufe. Neu können Junglehrpersonen auch innerhalb der Schweiz einen Austausch machen und so in sprachlicher und unterrichtstechnischer Hinsicht viel profitieren.

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