Für jeden Notfall eine Lösung
05.04.2019 SaanenDas Ziel einer Samariterübung: praktische Vorbereitung auf den Ernstfall. Der «Anzeiger von Saanen» durfte bei der Übung zum Thema Motorradunfall hautnah dabei sein.
SARA TRAILOVIC
Mein Gesicht wird von allen Seiten zusammengedrückt. Mühselig blinzle ich ins schumrige Licht der Kellerlampe, vor dem sich fünf Köpfe abzeichnen. Jemand schiebt das Visier des schweren Helms nach oben – schon besser. «Der Helm ist der grösste Unterschied zu einem Autounfall», höre ich die gedämpfte Stimme des Lehrers Roland Reichenbach. «Das Ausziehen muss geübt sein, wer hat noch nicht?» Ein Paar Hände schiebt sich zwischen den Helm und meinen Kiefer, ein weiteres umfasst die Schale von der Kopfseite aus. «Eins, zwei, drei – gaanz vorsichtig ziehen!» Meine gesamte Gesichtshaut wird Richtung Stirn geschoben, ein Gummiband bleibt kurz an meinen Lippen hängen. Weh tut das Prozedere aber nicht, die Handgriffe der Samariter sind ruhig und geübt. Wenige Sekunden später bin ich von der Schale befreit und werde in die stabile Seitenlage gerollt. Roland Reichenbach nickt zufrieden. «Natürlich haben wir hier optimale Rettungsbedingungen, in einer echten Unfallsituation könnte das Opfer in unwegsamem Gelände liegen, zum Beispiel in einem Fluss.»
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Die Übung am vergangenen Montagabend fokussierte auf praktisches Wissen. In einer vorherigen Übung wurden zwei Samariter und ich ins kalte Wasser geworfen, als wir vor der Schulanlage Ebnit in Gstaad auf einen präparierten Töffunfall stiessen. Unter den kritischen Augen der neun anderen Teilnehmenden und von zwei Lehrern versuchten wir, den reglosen Mofafahrer möglichst professionel zu versorgen.
«Rettungsdienst am Telefon, wie kann ich Ihnen helfen?» Schon beim Alarmieren kamen erste Schwierigkeiten auf: Welche Infos braucht die Notfallzentrale von mir und wo sind wir überhaupt genau? Zum Glück kannte mein Kollege den Strassennamen, aber was wäre, wenn man mitten im Wald auf einen Verunglückten trifft?
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«Rettungsdienst braucht viel Improvisation. Was im ‹Büechli› steht hilft oft nur bedingt», so Lehrer Hans-Ruedi Romang zurück im Schulungsraum. Anschliessend füllten wir ein Blatt mit Fragen zum Thema aus. Im sicheren Kellerraum schienen die Antworten ziemlich logisch, doch im Ernstfall reagiert jeder anders. Als wir demnach über Themen wie Verantwortung und Hilflosigkeit diskutierten, kamen Fragen auf wie: «Was, wenn ich den Helm nicht alleine vom Kopf bringe?» Lehrer Reichenbach beruhigte: «Es gibt für jede Notsituation eine Lösung, manchmal eben einfach das korrekte Alarmieren des Rettungsdienstes.» Das eigene Leben zu riskieren oder sich Schuldgefühle aufzubürden, bringe nichts.
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Obwohl ich vor zwei Jahren im Rahmen der Autoprüfung den Nothelferkurs absolviert hatte, kamen beim Samariterkurs bereits einige Gedächtnislücken zum Vorschein. Roland Reichenbach hatte wohl recht, als er den elf Teilnehmern zu Beginn des Abends ans Herz legte: «Üben, üben und nochmals üben!» Der Kurs hat mich motiviert, mein Allgemeinwissen in Sachen Erste Hilfe zu vertiefen. Im Alltag vergisst man oft, was alles passieren könnte und rechnet nicht damit, dass ein Unfall das eigene Umfeld erschüttern könnte.
«Ich hoffe, dass ihr das Wissen auch einmal anwenden könnt», sagte Lehrer Reichenbach zum Schluss. Das sei nicht makaber gemeint. Viel eher wolle er damit sagen, dass es immer Unfälle geben werde, die Hilfe der Samariter könne die Notsituation aber positiv beeinflussen, und das sei schliesslich das Ziel der aktiven Mitglieder.
ZUM MITDENKEN
Wie sattelfest sind Sie in Sachen Töffunfall? Einige Beispielfragen vom Übungsblatt des Samaritervereins Saanenland:
1) Wann muss der Helm entfernt werden?
2) In welcher Entfernung stelle ich das Pannendreieck innerorts auf?
3) Was ist wichtig, wenn ich das Fahrzeug im Tunnel verlassen muss?
4) Wie bildet man bei Strassen mit mehr als zwei Spuren eine korrekte Rettungsgasse?
Antworten:
1) Eigentlich immer, ausser der Patient ist bei vollem Bewusstsein und spricht sich gegen das Entfernen aus.
2) 50 Meter vor der Unfallstelle.
3) Den Schlüssel stecken lassen, damit das Fahrzeug bei Bedarf weggefahren werden kann. Danach den nächstgelegenen Fluchtweg suchen, wo sich auch Notfalltelefone befinden, wenn möglich gegen Windrichtung.
4) Die Fahrzeuge auf der linken Spur bleiben auf dieser Seite und fahren an den Rand. Alle anderen Spuren weichen gegen rechts aus.



