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Der Schafwald ist bereit für die Zukunft

Mi, 12. Jun. 2019
Von Links: Christina Zumbrunn (Amt für Wald BE), Andrea Scherz (Palace-Besitzer), Benz Hauswirth (Waldbesitzer), Daniel Bütschi (Förster), Mike und Mara Hauswirth (Waldbesitzer) FOTOS: SARA TRAILOVIC

Fünf Jahre lang hat das Hotel Gstaad Palace die Aufforstung des Schafwalds am Oberbort finanziert. Der gepflegte Bestand ist der Zukunft nun gewachsen und konnte letzte Woche der Natur und der Besitzerfamilie übergeben werden.

SARA TRAILOVIC
Vor fast zwanzig Jahren hatte der Sturm Lothar eine Schneise in den südlichen Schafwald in Gstaad gerissen und hinterliess ein unschönes Bild der Zerstörung. Am vergangenen Mittwoch wanderte eine sechsköpfige Gruppe hinauf zum Schutzwald und dem dazugehörigen Picknickplatz. Der verantwortliche Förster Daniel Bütschi präsentierte den Anwesenden eine gedeihende und vielfältige Flora. «Der Zeitpunkt ist da, wo man sagen kann: Das Palace hat seinen Beitrag geleistet. Jetzt müssen wir den Bäumen Zeit geben, um gross zu werden», so Bütschi. Der Hoteldirektor des Gstaad Palace Andrea Scherz freute sich über den Ausgang des Projekts, das er finanziert hat: «Der Wald sieht schon viel schöner aus und wird auch noch den kommenden Generationen dienen.» Zum entstandenen Picknickplatz habe er schon einige positive Rückmeldungen erhalten.

Mit der Bereichsleiterin für Waldrecht war auch das kantonale Amt für Wald vertreten. Christina Zumbrunn zeigte sich sehr erfreut über die grosse Biodiversität. Mit den jetzigen Baumarten sei der Schafwald bestens auf die Herausforderungen des Klimawandels vorbereitet.

Nachhaltiges Jubiläumsprojekt
«Es war ein friedliches und schönes Projekt», sagte Andrea Scherz. Zur Feier des 100-Jahr-Jubiläums wollte er nebst feierlichen Anlässen auch Geld in etwas Nachhaltiges für die ganze Region investieren. «Ich hätte das Geld auch in ein grosses Feuerwerk investieren können oder in Stars.» Andrea Scherz ist glücklich, dass er sich stattdessen für die Rekultivierung des Waldstücks entschieden hat. Dabei ist ihm auch die Verbindung zu seinem Hotel wichtig gewesen. «Schon mein Grossvater wanderte gerne hoch zum Schafwald. Es ist eine schöne Ecke, die sich auch als Aussichtspunkt auf das Saanenland und das Hotel gut macht.»

Pflegearbeiten
«Die Natur hätte sich auch von selbst regeneriert, allerdings sehr viel langsamer», informierte Christina Zumbrunn bei der Besichtigung. Daniel Bütschi hat die Pflegearbeiten der letzten fünf Jahre zusammen mit dem einheimischen Forstunternehmen Hefti und Ryter AG koordiniert. «Angepflanzt wurde dort, wo es am wenigsten Naturverjüngung hatte. Wir füllten die Lücken, die der Lothar zurückgelassen hatte.» In regelmässigen Abständen rückte die Hefti und Ryter AG aus, um Schlagflora wie Weidenröschen per Sichel zu mähen. Diese Pflanzen überragten die Jungbäume innert kurzer Zeit und nahmen viel Licht weg. «Wir hatten einen Anwachserfolg von über 90 Prozent.» Dabei sei aber von Anfang an klar gewesen, dass nicht alle der 1350 gepflanzten Bäumchen zu stattlicher Grösse heranwachsen würden.

Wildverbiss als Hauptproblem
Die grösste Herausforderung der letzten fünf Jahre? «Der Hirsch», sagte Daniel Bütschi ohne zu zögern. Ein Nachteil der sonnigen Lage sei, dass die Tiere Ende Winter den Schafwald als Erstes beziehen, weil es an anderen Hängen und Lagen noch Schnee habe. «Wildhüter zählten vergangenen Winter einen Bestand von fünf bis zehn Hirschen», weiss der Förster. Diese knabberten an den jungen Trieben, knickten Bäumchen und schälten Rinde ab. Besonders die Douglas-Tannen leiden unter dem Wildverbiss, da sie im Vergleich zur Fichte zartere Nadeln aufweise. «Von den 50 gesetzten Douglasien haben leider nur 10 überlebt», bedauerte der Förster. «Die Baumart wurde als Versuch gepflanzt, sie ist eigentlich nicht standortheimisch.»

Rund ein Zehntel des Bestandes ist von Plastikrohren und Drahtkörben geschützt. Viele Bäume ragen mittlerweile über deren Rand hinaus. Damit ergab sich in letzter Zeit ein neues Problem: Das Wild frass die Spitzen ab, was für die Pflanzen ein gehemmtes Wachstum bedeutete. Ob diese malträtierten Pflanzen überleben würden, fragte Andrea Scherz. Der Förster erklärte, dass die Natur glücklicherweise eine Lösung bereit habe. «Ein oder zwei Seitentriebe übernehmen die Funktion der Gipfeltriebe», erklärt Bütschi anhand einer Douglasie. Ein Baum gehe erst ein, wenn an einer Stelle die Rinde in einem durchgehenden Ring abgeschabt würde.

Gewappnet für den Klimawandel
Wie zeigt sich der Klimawandel im Saanenland? Christina Zumbrunn: «Neben dem Temperaturanstieg treten wie überall immer mehr extreme Wetterereignisse wie Stürme auf.» Gewisse Pflanzen kommen besser mit solchen Veränderungen zurecht als andere. Da der einheimische Nadelbaum ein flaches Wurzelwerk ausbildet, würde ein reiner Fichtenwald beispielsweise anfällig auf Trockenperioden reagieren. Der Förster fügt an: «Mein Vater selig hat mir gesagt, dass es früher nie über 30 Grad heiss wurde.» Die Bäume hätten durch die heutige Trockenheit mehr Stress. Deshalb habe man bei der Aufforstung auch Bäume wie den Bergahorn kultiviert, der tiefere Wurzeln schlägt.

«Je vielfältiger der Bestand, desto robuster der Wald», weiss Daniel Bütschi. Christina Zumbrunn: «Der Bestand ist jetzt ideal auf den Klimawandel vorbereitet.» Ebenfalls ein schöner Nebeneffekt der Biodiversität: Im Sommer blühen die Kirschbäume und im Herbst tragen die Lärchen ein gelbes Gewand. «Von Natur aus würden hier hauptsächlich Fichten, Ahorn und Vogelbeeren wachsen», so Zumbrunn. Kirschen und Buchen wandern momentan immer weiter in die Höhe. Mit deren zusätzlichen Kultivierung sei die Widerstandskraft gegenüber dem Klimawandel verbessert worden.

Budget eingehalten
Andrea Scherz und Förster Daniel Bütschi legten 2013 ein Budget von 150’000 Franken fest, davon waren 90’000 für den Bau des Picknickplatzes und 10’000 für den Wanderweg, der durch den Schafwald in Richtung Hornflue führt, vorgesehen. Für die Rekultivierung der Flora wurden 50’000 Franken einberechnet. Bis jetzt hat die Pfle ge des Gebiets inklusive Anschaffung der Bäume das Hotel Gstaad Palace 38’000 Franken gekostet. Der Kanton hat rund ein Viertel des Betrags übernommen. «Da das Gebiet als Schutzwald gilt», so Christina Zumbrunn vom Amt für Wald, «konnten wir die Aufforstung finanziell unterstützen.» Durch das Projekt sei das Oberbort nun wieder besser vor Steinschlag und Lawinen geschützt.

Picknickplatz lädt zum Verweilen ein
Am unteren Waldrand des Gebiets liess Andrea Scherz einen schmucken Picknickplatz bauen, der von Mike Hauswirth errichtet wurde und unterhalten wird. Aus Sicherheitsgründen stehe keine Feuerstelle zur Verfügung, so der Inhaber der Mike Hauswirth Natursteinarbeiten GmbH. «Der Hang ist von morgens bis abends der Sonne ausgestellt, die Brandgefahr wäre viel zu hoch.» Seine Familie ist seit mehrere Generationen im Besitz des aufgeforsteten Gebiets.

Andrea Scherz bot seinen Hotelgästen eine Weile lang «Sunset Aperitifs» am Aussichtspunkt an. Ihnen gefiel der naturbewusste Ansatz, jedoch war den meisten die Wanderung in Richtung Hornberg zu steil.» Bütschi hat den Platz für etwas anderes entdeckt: «Vollmond-Raclette. Der Ofen wird mit Rechaudkerzen erhitzt.»

Die Natur machen lassen
Wieso gerade jetzt der Schlussstrich des Projekts gezogen würde, fragte der «Anzeiger von Saanen» Daniel Bütschi. «Ende dieses Jahres wird die ganze Fläche gepflegt sein. Danach müssen wir die Natur machen lassen», antwortete er. «Im vergangenen Jahr mussten wir kaum noch Schlagflora raussschneiden, ein Zeichen, dass die Bäume nun eine Weile wachsen können.» In etwa acht Jahren sei dann die erneute Pflege von dichten Stellen wieder ein Thema.


AUFFORSTUNGSPROJEKT AM OBERBORT

Dez.1999 Zerstörung: Orkan Lothar zerstört ein 2,5 Hektar grosses Waldstück an der unteren Hornfluh-Flanke, zirka 200 Meter über den letzten Häusern am Oberbort.

2013 Planung: Das Hotel Gstaad Palace feiert sein 100-jähriges Bestehen und plant zusammen mit dem Forstrevier Saanen-Ost die Aufforstung des verwüsteten Waldes.

April 2013 Schulprojekt: Zwei 9. Klassen des OSZ Gstaad/Ebnit pflanzen mithilfe des Lauener Forstunternehmens Hefti und Ryter AG 750 Jungbäume und montieren Plastikröhren und Drahtkörbe zum Wildschutz.

Juni 2013 Rastplatz: Bau einer Picknick- und Aussichtplattform am unteren Waldrand inklusive Panoramatafel durch Mike Hauwirth.

Herbst 2013 Wanderweg: Die Gemeinde Saanen saniert den Wanderweg, der zum Rastplatz führt.

April 2014 Schulprojekt: Zwei Abschlussklassen der Gstaader Oberstufe setzen weitere 325 Fichten, 100 Lärchen, 100 Ahorne, 50 Kirschbäume und 25 Douglasien.

2014 - 2018 Jungwuchspflege: Schaffung von mehr Licht und Raum für die gepflanzten Jungbäume.

August 2018 Sanierung: Der Kiesbestand des Picknickplatzes wird erneuert.

4. Juni 2019 Schulprojekt: 19 Schülerinnen und Schüler einer 9. Klasse sind ein letztes Mal im Einsatz: erdünnern, Haselsträucher rausschneiden und Wildschutz erneuern.

5. Juni 2019 Projektabschluss: Das Hotel Gstaad Palace übergibt die Verantwortung zurück an die Waldbesitzerfamilie.

 

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