Neckische Patricia Kopatchinskaja spielt mit der Violine und dem Publikum
23.07.2019 SaanenDas 63. Gstaad Menuhin Festival (GMF) ist eröffnet: Prominenz aus nah und fern, Einheimische, Sponsoren, Musikliebhaber und Gäste feierten das erste von über 60 Konzerten in der Kirche Saanen.
BLANCA BURRI
«Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.» Mit diesem Zitat von Victor Hugo begrüsste Regierungsrätin Christine Häsler die zahlreichen Besucher des Eröffnungsapéros inmitten blühender Blumenpracht bei Blumen Stricker. Die Politikerin ist, wie sie sagte, seit ihrer Kindheit mit der klassischen Musik verbunden, weil sie ihre Eltern mit zur Meiringer Festwoche begleitet hatte. Am vergangenen Donnerstagabend dankte sie den GMF-Organisatoren für das grosse Geschenk, das sie dem Saanenland jährlich überreichen: das Gstaad Menuhin Festival. Auch Aldo Kropfs Begrüssungsrede war von Dank geprägt. Der GMF-Verwaltungsratspräsident betonte, dass es das Festival ohne Sponsoren aus dem privaten, kommerziellen und institutionellen Bereich sowie namhafte Mäzene in dieser Form nicht gäbe, und er ihre Unterstützung sehr schätze.
«Ich komme mir vor wie ein Reiseführer»
«An der Eröffnung komme ich mir vor wie ein Reiseführer», liess Aldo Kropf in sein Inneres blicken. Noch vor einem Jahr habe er die Gäste mit in die Alpen genommen. «Dieses Jahr aber entführe ich sie in die Stadt der Liebe.» Durch das diesjährige Motto «Paris» blickt Intendant Christoph Müller bewusst über den Röstigraben. An 60 Konzerten an 15 Austragungsorten im Saanenland, Simmental und Pays-d’Enhaut wird einmal mehr Unglaubliches geboten. Aldo Kropf brachte der illustren Gesellschaft zwei, drei Höhepunkte näher. Er erwähnte die konzertante Aufführung von Carmen am 24. August sowie «Rach 3» mit Myung-Whun Chung und Yuja Wang und der Staatskapelle Dresden. Ein besonderes Augenmerk legte er auf einen geschichtlichen Teil: Béla Bartók verbrachte vor 80 Jahren zwei Wochen in Saanen, wo er das Divertimento für Streichorchester für seinen Auftraggeber Paul Sacher komponierte. Anschliessend musste er wegen der sich zuspitzenden politischen Verhältnisse flüchten. Dazu gibt es eine Ausstellung im kleinen Landhaus und im Festivalzelt sowie ein Konzert am 11. August.
Überraschend und inspirierend
Die Kirche war beim anschliessenden Eröffnungskonzert bis auf den letzten Platz besetzt. Zahlreiche Einheimische und Gäste teilten sie die Bänke mit lokaler, kantonaler und nationaler Prominenz. Allen voran gab alt Bundesrat Johann Schneider-Amman dem Festival die Ehre. Wie es sich Pfarrer Peter Klopfenstein bei seiner Grussbotschaft erhoffte, überraschten und inspirierten die Saiteninstrumente von Patricia Kopatchinskaja, Polina Leschenko und der Camerata Bern.
Für einmal miaute und sang Patricia Kopatchinskaja nicht (Lauenen 2016), sie spielte auch keine eigentlich unspielbare zeitgenössische klassischen Stücke (Zweisimmen 2018). Sie widmete sich voll und ganz dem Menuhin-Lehrer George Enescu, der seit seiner frühsten Jugend in Paris wohnte. Sie lebt für das Oktett C-Dur op. 7 und für die Camerata. Die zehn Damen und fünf Herren beherrschten das Pingpongspiel zwischen den Instrumenten im ersten Satz Très modéré perfekt. Die Spielfreude und die gute Stimmung im Orchester war greifbar, weil die Camerata Emotionen zeigte, die sofort aufs Publikum übersprangen. Nach den musikalisch gewollten Wirren im zweiten Satz zeigte sich das Oktett in den beiden weiteren Sätzen für das breite Publikum bestehend aus Kennern und Gelgenheitskonsumenten der klassischen Musik versöhnlich. Das offene Haar der Violinistin tanzte zur überschäumenden Lebenslust, die das Finale bereithielt. Ein wunderbares Werk, das alle Sinne anregt!
Extreme Bühnenpräsenz
In der Pause rückten die Bühnenbauer den Flügel ins Zentrum, an dem die international gefeierte Polina Leschenko Platz nahm. Um sie herum gesellte sich die Camerata Bern. Patricia Kopatchinskaja schlüpfte wie immer aus ihren Schuhen und stellte sich barfuss an den Bühnenrand. Die Vollblutmusiker verwöhnten die Zuhörer mit einem äusserst romantischen Auftakt von Felix Mendelssohns Konzert für Violine, Klavier und Orchester d-Moll. Die beiden Solisten versteckten sich nicht hinter einer Fassade oder hinter Stargehabe, sondern waren betont natürlich, warmherzig und temperamentvoll. Und sie suchten den Kontakt zum Publikum. Je länger der Abend wurde, umso öfter scherzte die Violinistin mit moldavischen und österreichischen Wurzeln mit dem Publikum. Schaute keck ins Publikum oder schien mit der Musik zu tanzen. Nebenbei lieferte sie ein perfektes Konzert ab, mit Handgriffen so schnell, dass die Augen nicht folgen konnten. Die Camerata harmonierte perfekt mit den zwei Solistinnen. Auch die Duette von Klavier und Violine breiteten sich vollendet in den ehrwürdigen Gewölben der Kirche aus. Das Knarren der Holzbalken zwischen zwei Sätzen nahmen die Musiker mit Humor. Sie warteten ganz einfach, bis die Person auf der Holzbank eine bequeme Position gefunden hatte, bevor sie mit dem grazilen Satz begannen.
Prominenz riss es von der Bank
Die Musiker setzten einen leidenschaftlichen Schlusspunkt, worauf es Berns Stapi Alec von Graffenried sowie Christine Häsler vom Bank riss. Leider folgten die laut applaudierenden Zuhörer ihrem Beispiel nicht, sodass sich die beiden Politiker schliesslich wieder setzten. Nichtsdestotrotz liessen sich Patricia Kopatchinskaja, Polina Leschenko sowie die Camerata Bern durch die Begeisterung der Zuhörer zu einer überraschenden Zugabe verleiten. Die Pianistin und die Violinistin eröffneten einen witzigen jazzigen Dialog zwischen den Instrumenten, dem sich nacheinander alle Musiker anschlossen und vom Stammplatz Richtung Publikum spazierten, wo sie sich zu den Solistinnen gesellten. Ihren Instrumenten entlockten sie dabei betont humorvolle oder umwerbende Klänge und geizten nicht mit der entsprechenden Mimik. Experimentell, humorvoll, energiegeladen: eindeutig die Schrift der musikalischen Leiterin – oder anders ausgedrückt: typisch Patricia Kopatchinskaja!
Begeisterung pur
Die Besucher schienen von Glücksgefühlen erfüllt, als sie in die laue Sommernacht hinaustraten. «Ich bin begeistert», sagte Christine Häsler. Danach gefragt, ob sie George Enescu oder Felix Mendelssohn besser mochte, meinte sie: «Beide! Und doch liegt mir Mendelssohn näher.» So äusserten sich viele der Besucher. Einmal mehr hat das Festival das geboten, was an einem Eröffnungsabend erwünscht ist. Ein etwas anspruchsvolleres Werk zu Beginn und ein leichtes, untbeschwertes zum Abschluss. Auch Christoph Müller zeigte sich über den Start sehr zufrieden: «Mir war bei der Eröffnung die Verbindung des Festivalthemas mit Lord Menuhin sehr wichtig. Das ist uns gelungen.»
SIR ANDRÁS SCHIFF
Das zweite Konzert des GMF bildete einen Kontrapunkt zum temperamentvollen Eröffnungskonzert. Sir András Schiff widmete es dem «wohltemperierten Klavier» von Johann Sebastian Bach. Das Recital des Bach-Meisters umfasste alle Präludien und Fugen des Bandes, das Bach 1722 für seine Schüler vollendet hatte.
Bedächtig schritt der Pianist durch den Kirchengang und setzte sich elegant an den roten Bösendorfer-Flügel. Puristisch klar eröffnete er das Konzert. Mit geschlossenen Augen reihte er die Stücke aneinander, ohne je nur ein Notenblatt vor sich zu haben. Zwei Stunden lang konzentrierte sich der 66-Jährige voll und ganz auf die manchmal verspielten, dann wieder traurigen oder kraftvollen Kompositionen. Seine Finger tanzten über die Tasten und entlockten dem Klavier die für Bach typischen rhythmischen Verspieltheiten. Je länger der Abend dauerte, umso mehr Gefühl gab der gefeierten Pianist preis, der seine Gestik immer unter Kontrolle hält. In gewissen Momenten schien er die Lippen zu spitzen oder die Augenbrauen zu heben. Den Schlusspunkt setzte er so wunderbar, dass der letzte Akkord noch minutenlang die stille Kirche erfüllte. Dann hielt es die Zuschauer der ausverkauften Kirche in Saanen nicht mehr auf den Bänken. Sie belohnten Sir András Schiff mit einer spontanen Standing Ovation für den wunderbaren Bach-Abend.
PATRICIA KOPATCHINSKAJA, VIOLINISTIN, IM INTERVIEW
«Er glaubte an mich»
Sie ist dem Gstaad Menuhin Festival treu verbunden: Patricia Kopatchinskaja. Die künstlerische Leiterin der Camerata Bern «tanzt» auf vielen Bühnen. Im Interview verrät die 42-Jährige, ob es langweilig sei, an dieselben Konzertorte zurückzukehren.
BLANCA BURRI
Wie hat die Geige zu Ihnen gefunden?
Ein Wiener Mäzen und wunderbarer Mensch hat sie mir vor zwanzig Jahren zur Verfügung gestellt. Ich durfte das Instrument damals auswählen, eine fast 200-jährige Pressenda aus Turin, die mich wegen ihres eigenartig dunkeln Klanges fasziniert. Später konnten wir sie selber erwerben. Ich kann mir nichts Besseres vorstellen und brauche keine Stradivari.
Ist Ihre Tochter auch bereits vom Musikvirus gepackt?
Zum Glück nicht.
Sie sind seit Jahren mit dem Menuhin Festival verbunden. Wie kam es dazu?
2005 durfte ich hier erstmals ein Recital spielen, übrigens das letzte Konzert vor der Geburt meiner Tochter, im achten Monat.
Ist es langweilig, immer am gleichen Festival zu spielen?
Gstaad ist für eine Bernerin bequem nahe, es ist wunderschön. Die Hotels und die Spielorte sind wunderbar, das Festival ist für mich seit langem ein Zuhause geworden, ich habe ein Stammpublikum aus der deutschen und der welschen Schweiz, was will man mehr? Christoph Müller lud mich ein, als ich noch jung und unbekannt war, er glaubte an mich – so etwas hält Veranstalter und Künstler ein Leben lang zusammen. Für ihn spiele ich immer besonders gerne, weil ich ihm sehr dankbar bin.
Oftmals sind Sie als Solistin in Gstaad, dieses Mal mit «Ihrer» Camerata Bern. Wie fühlt sich das an?
Mit der Camerata Bern und Polina Leschenko zu spielen, ist ein Stolz und ein Vergnügen zugleich: Soviel Können, Freiheit und Punch findet man nicht so bald wieder.
Sie spielten an der Festivaleröffnung eine Komposition von Menuhin-Lehrer George Enescu. Welche Beweggründe hatten Sie?
Das Festival hat heuer das Motto «Paris» und Enescu war eine wichtige Pariser Figur, Schüler von Fauré, Lehrer von Menuhin. Ausserdem kam er aus meiner Heimat. Wir spielen sein jugendfrisches unglaubliches Oktett.
Welche weiteren Festivalkonzerte bestreiten Sie?
Im August werde ich mit Polina, Nathan Braude und Sol Gabetta einen Kammermusikabend bestreiten, zuerst Ravels spektakuläre «Tzigane – Rapsodie de concert», womit er Bartok geärgert hat, dann Bartoks Antwort darauf, eine seiner eigenen Rhapsodien, das Ravel-Klaviertrio und schliesslich das c-moll-Klavierquartett von Fauré, ein Stück wie aus einem orientalischen Paradiesgarten, das man nicht so oft hört. Ich freue mich vom ganzen Herzen drauf.




