Wie die ersten Alphornspieler – nur anders

Fr, 12. Jul. 2019
Fritz Frautschi und Bill Hopson arbeiten seit 18 Jahren als Alphornlehrer zusammen. Hier halten sie ein von Hopson selbst gebautes Alphorn in den Händen. Die Verzierung hat ein Ureinwohner Kanadas ins Holz geritzt. FOTO: SARA TRAILOVIC

Ursprünglich kannte das Alphorn keine Regeln, dann wurde es zum Schweizer Traditionsinstrument schlechthin. Moderne Alphornisten wie Fritz Frautschi und Bill Hopson haben in den letzten zwanzig Jahren experimentelle Töne angeschlagen und dem Instrument wieder ein interessanteres Image verliehen.

SARA TRAILOVIC
Nach dem beeindruckenden Lehrerkonzert in der Kirche Saanen sprachen die beiden Hauptprotagonisten der 25. Schönrieder Alphorntage mit dieser Zeitung darüber, wie es zu ihrer aussergewöhnlichen Zusammenarbeit kam und wieso der Ursprung des Alphorns heute wichtiger denn je ist.

Das Konzert vom letzten Dienstag überraschte mit spannenden Kompositionen, welche die warmen Klänge des Alphorns mit ganz anderen Instrumenten vereinten.

Am Anfang stand Mut zu Neuem
Vor 25 Jahren fanden die ersten Schönrieder Alphorntage statt. Eine Woche, in der Musiklehrer zusammen mit den Teilnehmenden an Stücken feilen, um diese bei kleinen Konzerten im Saanenland vors Publikum zu bringen. Seit 18 Jahren unterrichtet Bill Hopson aus dem kanadischen Calgary Seite an Seite mit Fritz Frautschi, dem Initianten der Übungswoche. Die beiden lernten sich am bernisch-kantonalen Jodlerfest in Belp 1997 kennen. Hopson war schon damals Teil des Jodlerklubs seines Wohnorts und übte sich in seiner Freizeit auf dem Alphorn. Da es aber nur in der Schweiz traditionelle Jodlerfeste gab, reiste er im Sommer 1997 in die Schweiz, wo er der Alphorn-Jury eine für damalige Verhältnisse progressive Variation eines traditionelles Stücks von Hans-Jürg Sommer vorspielte. Der Zufall oder das Schicksal wollte es, dass Fritz Frautschi seinen Auftritt bewerten musste und am experimentellen Stil des Kanadiers Gefallen fand. Im Jahr 2000 gab Bill Hopson seine erste Musiklektion in Schönried und war ab dem darauffolgenden Jahr Vollzeit mit dabei.

Wie ein Kanadier zum Alphorn kam
In Kanada ist das Alphorn nach wie vor kein verbreitetes Instrument. «Ich bin meistens der einzige Spieler weit und breit», erzählt Hopson beim Gespräch im Restaurant Landhaus. Deshalb sei die Schweiz zu seiner zweiten Heimat geworden. Wie ist er selbst zum Instrument gekommen? Er habe sich vor etwa 40 Jahren das erste Mal auf dem Schweizer Volksinstrument probiert. «Während meines ersten Jahres im Calgary Symphony Orchestra spielte eine Musikerin aus Deutschland mit. Sie hatte ein Alphorn dabei und fragte mich, ob ich als Waldhornist auch das Schweizer Pendant spielen könne.» Und Hopson konnte. Schon bei den ersten Tönen wurde ihm klar, dass er eine neue Herausforderung gefunden hatte. «Waldhorn spielen ist mein Beruf – ein sehr schöner Beruf zwar – aber das Alphorn meine Leidenschaft», sagt er heute. «Ich kann als Alphornspieler mehr ausprobieren und Teil einer Entwicklung sein.»

Hopson arbeitet momentan noch ein letztes Jahr als Berufsmusiker im Orchester, danach geht er in Pension. Freudig blickt er dem nächsten Lebensabschnitt entgegen: «Ich bin jetzt 65 Jahre alt, aber fühle mich noch athletisch genug zum Alphornspielen.» Vor 10 Jahren sei er bestimmt noch besser gewesen, es brauche nämlich viel Luft und Lippenspannung. Sein Kollege Fritz Frautschi lacht: «Bei gewissen Sportarten ist man schon mit 35 alt, wir haben es immerhin schon bis 60 ausgehalten.»

Der Ursprung des Alphorns
Ursprünglich wurde es von Hirten in den Bergen gespielt, doch wie schweizerisch ist das einzigartige Instrument überhaupt? Frautschi: «Man wird wohl nie belegen können, wo genau das Alphorn seinen Ursprung hat.» In der Schweiz habe es sich aber am stärksten etabliert. «Es gibt in vielen Kulturen Instrumente, die ähnlich funktionieren, aber man kann schon sagen, dass das Alphorn von allen am weitesten entwickelt ist.» Ein Grund dafür könnte sein, dass bei der Gründung des eidgenössischen Jodlerverbands vor circa 105 Jahren schon Alphornspieler integriert wurden.

Zuerst gezähmt, dann wieder wild
Bis in die Neunzigerjahre war die Alphornkultur sehr konservativ und die Stücke grösstenteils langsam und schlicht. «Langweilig», wie es Bill Hopson formuliert. Der Berufsmusiker erinnert sich gerne an die Zeit zurück, in der es plötzlich möglich wurde, ausgefallene Stücke auf dem Holzblasinstrument zu spielen. Progressive Komponisten, insbesondere der Schweizer Jean Daetwyler (1907–1994), schrieben wieder Stücke, die das ganze Potenzial des Alphorns ausschöpften. Spieler wie Jozef Molnar brachten diese dann in die Konzertsäle des Landes. «Die Stücke wurden langsam romantischer», sinniert Hopson. Das bedeutet, dass sich schnelle und langsame Passagen abwechselten und wieder mehr Tiefsinn in die Melodien kam. Als der Kanadier 1997 in Belp auftrat, entlockte er seinem Horn die Noten B und Alphorn-Fa. Töne, die damals in traditionellen Kreisen noch verpönt waren. Hopson: «Die schwere, traurige Seite des Alphorns wurde lange Zeit schlichtweg ausgeklammert, fast schon verboten.» Die Wahrheit ist aber, dass Bergleute solche Noten schon immer gespielt hatten. Bill Hopson erzählt mit würdevollem Ausdruck: «Sie waren frei und haben gemacht, was ihrem Herz entsprang, und das war wunderschön. Wenn Musiklehrer aus den Städten diesen Bergleuten Vorschriften machen wollten, liessen sie wahrscheinlich einen Felsbrocken runterrollen.»

Sie haben die Szene verändert
Frei wie die Hirten in den Bergen, so wollen sie Alphorn spielen, da sind sich Frautschi und Hopson einig. Als die beiden am Ende des vergangenen Jahrhunderts vermehrt zu experimentieren begannen, seien auch Reaktionen gekommen wie: «Sie können nicht spielen, sie verstehen das Instrument nicht.» Doch sie liessen sich nichts vorschreiben, solange es gut tönte. «Mittlerweile spielen wir Jazz auf dem Alphorn, verrückte Sachen», erzählt Hopson. Mit dieser Einstellung mischten sie die Alphornkultur komplett auf. «Spieler wie Hans-Jürg Sommer, aber auch Fritz und ich haben die Szene stark verändert.» Gleichzeitig legen sie aber auch Wert auf Tradition. «Tradition ist der Anfang, aber nicht das Ende. Man muss sie respektieren und erlernen, dann geht es weiter», so Hopson. Frautschi lässt eine offene Frage im Raum stehen: «Was ist überhaupt Alphorntradition?»

Baulicher Fortschritt
Im vergangenen Jahrhundert habe es noch einige Probleme gegeben mit der Intonation, auch unter den besten Spielern, erklärt Bill Hopson. Er selbst hat bereits 156 Hörner hergestellt. «Ich habe Schweizer Modelle als Vorlage gebraucht und in Kanada eigene produziert.» Im Unterschied zu Blechblasinstrumenten verfügt das Alphorn nicht über Ventile, mit denen die Töne gestimmt werden können. Durch die Lebendigkeit des Materials entstehen bei Holz- als auch Blechblasinstrumenten Verstimmungen. Beim zweitgenannten können diese durch Ventile ausgeglichen werden, Alphörner hingegen funktionieren nur mit Naturtönen, also durch Lippen und Zungeneinstellung. Seit den Siebzigerjahren vollzog sich in der Bauweise des Volksinstruments ein beachtlicher Fortschritt. Heute ist die Grundstimmung der Hörner so einheitlich, dass man sie in Kombination mit anderen Instrumenten spielen kann.

Beeindruckendes Lehrerkonzert
Und so vermischten sich am 25. Lehrerkonzert der Schönrieder Alphorntage die warmen Klänge des Alphorns mit Violoncello (Lukas Wittermann), Flöte und Piccolo (Yoshimi Wittermann), Orgel (Wojtek Wezranowski) und Harfe (Meret Haug). In der Kirche Saanen entstanden so beeindruckende Klangbilder, unter anderem mit Stücken von Hans-Jürg Sommer und Jean Daetwyler. «Es ist erstaunlich, dass man solche Stücke nur mit Naturtönen spielen kann», freut sich Fritz Frautschi. Philipp Reber führte unterhaltsam durch das Programm.

Heute Abend um 19.30 Uhr findet beim Schulhaus Schönried das Abschlusskonzert der Alphorntage statt. Teilnehmende und Lehrer werden ihre eingeübten Stücke zum Besten geben. Als Gastformation tritt die Familienkapelle Walker auf. Morgen Samstag werden um 10.30 Uhr noch die letzten Klänge der Woche zu hören sein.


DIE LEHRER DER SCHÖNRIEDER ALPHORNTAGE

Fritz Frautschi aus Schönried hat es nach einer Lehre als Maschinenmechaniker immer mehr zur Musik gezogen. Auch dort war Fingerspitzengefühl gefragt. Seit 25 Jahren organisiert er jedes Jahr die Schönrieder Alphorntage. Mittlerweile haben bereits um die 1000 Schüler und Schülerinnen daran teilgenommen. Heute leitet er die Alphorngruppe Saanenland, ein Nachwuchsensemble und unterrichtet an der Musikschule Saanenland-Obersimmental. Nebenbei stellt er Mundstücke für Alphörner her und hat die Ausbildung zum eidgenössischen Komplementärtherapeuten abgeschlossen. www.alphornatelier.ch

Eigentlich heisst er William Hopson, doch alle nennen ihn Bill. Er ist in den USA aufgewachsen, doch schon als junger Mensch missfiel ihm die amerikanische Politik und er zog nach Kanada, wo er eines der besten Konservatorien in Nordamerika besuchte. Gleich nach dem Studium wurde ihm eine Stelle als Waldhornist beim Calgary Symphony Orchestra angeboten, die er seit 42 Jahren besetzt. Bill Hopson ist schon lange Passivmitglied im Jodlerclub Calgary und nimmt seit Jahren wöchentlichen Schweizerdeutsch-Unterricht. Seit 18 Jahren unterrichtet er an den Schönrieder Alphorntagen und stellt in Kanada selbst Alphörner her. www.alphorn.ca

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