Auf den Spuren von R. N. Coudenhove-Kalergi, dem Gründer von Paneuropa

Di, 10. Sep. 2019
Das Bordgeländer der Kriche Saanen mit dem Emblem RNCK (ganz links) FOTOS: ZVG

Kürzlich besuchten englische Journalisten auf Erkundung für ein in London erscheinendes Buch über den Gründer von Paneuropa R.N. Coudenhove-Kalergi (1894–1972) das Menuhin Center. Interessiert waren sie am Chalet in den Gruben, der Grabstätte mit dem 2003 eingeweihten japanischen Garten und am historischen Schild an der nördlichen Laubenbrüstung in der Mauritiuskirche Saanen. Sie dachten auch ans 25-Jahr-Jubiläum der ersten Coudenhove-Kalergi-Zusammenkunft vom 9. und 10. September 1994 im Gstaad Palace.

Schon in den Akten des ersten Treffens von 1994 fanden wir eine Abbildung des Emblems von Paneuropa mit den Initialen RNCK (Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi) aus der Saaner Kirche als Beweis der Wertschätzung der Kirchgemeinde für den visionären Saaner Gast in den Gruben. Wann wurde dieser Schild angebracht? Die Besucherin Claudia Hamill fand auf ihrer Suche keine Antwort. Noch heute erfüllt es Saaner mit Stolz, dass Gräfin und Graf Coudenhove-Kalergi nach fünf Ferienaufenthalten auf den Saanenmösern 1931 das herrlich gelegene Bauernwesen in den Gruben erwarben. Das von 1764 datierte Bauernhaus soll vom berühmten Zimmermeister Peter Reichenbach gebaut worden sein, dem Erbauer des «Bären» in Gsteig und der Mühle in Lauenen. Der neue Besitzer riss den nordseitigen Scheunenanbau ab und baute eine gegen 100 Jahre ältere Hausfassade aus Château-d’Oex an. Damit besass das Gebäude gegen Süden eine gemalte deutsche und gegen Norden eine geschnitzte französische Inschrift als Symbol des Besitzers, der auf dem europäischen Kontinent mit Paneuropa ein europäisches Zusammengehörigkeitsgefühl als Ergänzung der nationalen Bestrebungen schaffen wollte. Galt ihm doch die Eidgenossenschaft mit Föderalismus und vorbildlicher Demokratie als Wunschidee für Europa. Die Gedanken wurden 1923 im epochalen Buch «Pan-Europa» publiziert. Bestrebungen für eine Entente zwischen Deutschland und Frankreich wurden durch den Anschluss von Österreich ans Deutsche Reich jäh unterbrochen. Die drohende Naziherrschaft zwang den Grafen 1938 mit seinen Dokumenten zur Flucht in die USA, wo er sich an der Universität von New York voll der Schaffung eines «Europa-Bundes der Nachkriegszeit» widmete. Nach dem grauenvollen Krieg kehrte er erst 1946 nach Gstaad zurück, organisierte schon 1947 im Juni und Herbst die ersten europäischen Parlamentariergespräche im Gstaad Palace mit der Gründung einer parlamentarischen Europa-Union, einer ersten Etappe auf dem Weg zum Europarat, wie dies Winston Churchill nach einem Treffen mit Graf Coudenhove-Kalergi schon 1946 in seiner berühmten Zürcher Rede wünschte. Nach einer Zusammenkunft in Interlaken berief der Graf 1948, unterstützt vom französischen Politiker Robert Schumann, den ersten Europakongress nach Den Haag, wo Schuman neben einer Wirtschaftsgemeinschaft auch einen politischen Zusammenschluss forderte. Mit dem Tod von Richard N. Coudenhove-Kalergi 1972 verlor Gstaad seine Bedeutung, das Präsidium von Paneuropa und der Europaunion ging an Otto von Habsburg, seit 1979 mit Sitz beim Europa-Parlament in Strassburg.

Am 9. und 10. September 1994 fand dank der Initiative von Vittorio Pons und Guido Poulin zum Andenken an den 100. Geburtstag des Paneuropa-Gründers in Gstaad ein erstes Treffen zum Thema «Das grosse Europa: Utopie oder Realität der Zukunft?» unter dem Generalsekretariat des Europarates statt. Im Gstaad Palace beeindruckte die legendäre Tagung mit über 100 illustren Gästen und Politikern aus über zehn Ländern Europas mit hochkarätigen Referaten und dem Festprogramm. Saaner Kinder sangen die Europahymne und im Kongressbericht beeindruckt der visionäre Beitrag von Lord Menuhin über ein «Europa der Kulturen» – auch für heute eine spannende Lektüre. 1997,1999, 2002 und 2005 folgten weitere Tagungen in Gstaad und unvergessen bleibt auch die Einweihung des japanischen Gartens am 4. Oktober 2003 an der Grabstätte in den Gruben.

ROLF P. STEIGER

Es bleiben einige Fragen: Wer kennt die Herkunft des RNCK-Schildes in der Kirche? Wäre es nicht wünschenswert, die Grabstätte und den japanischen Garten besser zu pflegen und in unser Tourismusprogramm zu integrieren? Könnten einige der wegweisenden Referate der Palace-Treffen nicht wieder publiziert werden?

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