Mehr Lehrstellen als Lernende

Di, 22. Okt. 2019
Unbesetzte Ausbildungsplätze sind für viele Betriebe im Saanenland Realität. FOTO: ZVG

In der Schweiz gibt es momentan mehr Lehrstellen als Lernende. Auch im Saanenland mangelt es an Bewerbenden, allerdings nicht aus denselben Gründen wie in den Städten und Agglomerationen. Ein Blick auf den Lehrstellenmarkt der Bergregion.

SARA TRAILOVIC
Erstmals seit Beginn der Lehrstellenstatistik 2003 gibt es mehr Lehrstellen in der Schweiz als Bewerber, wie der Lehrstellenbaromenter des Bundes aufzeigt. Daher blieben im Sommer 2018 14 Prozent der 81’600 angebotenen Ausbildungsplätze unbesetzt. Auch im Saanenland mangelt es an Lernenden, was laut Martin Stähli, Schulleiter des OSZ Ebnit Gstaad, in erster Linie an den geburtenschwachen Jahrgängen liegen könnte, die sich momentan im Ausbildungsalter befinden. «Vor 20 Jahren verzeichnete die Gemeinde Saanen 35 Prozent mehr Schülerinnen und Schüler.» Die logische Folge sei, dass die vorhandenen Lehrstellen nicht mehr so leicht besetzt werden könnten.

Attraktiver Lehrstellenmarkt
Als gewichtiger Grund für die offenen Lehrstellen wird der Trend hin zur gymnasialen Maturität angesehen. 21 Prozent der Schülerinnen und Schüler in der Schweiz gehen laut Zahlen des Bundesamts für Statistik nach der obligatorischen Schulzeit ans Gymnasium, wobei es vor dreissig Jahren noch 12 Prozent waren.

Im Verwaltungskreis Saanenland-Obersimmental sei diese Quote jedoch konstant tief, weiss Christoph Däpp, Schulleiter des Gymnasiums in Gstaad. Hier wähle auch heute nur etwa jeder/ jede 10. Schulabgänger/in den gymnasialen Weg. «Im Vergleich zum kantonalen Schnitt haben sich in der Region schon immer deutlich mehr Schulabgänger für eine Berufslehre entschieden und weniger für das Gymnasium», informiert auch Martin Stähli, Schulleiter des Oberstufenzentrums Gstaad. Im Allgemeinen würden sich in Randregionen mehr Jugendliche für eine Lehre entscheiden als in den Agglomerationen und Städten.

Beide Schulleiter sehen vor allem zwei Gründe für diesen Trend. Einerseits gebe es in ländlichen Gebieten weniger Stellen, welche eine akademische Ausbildung verlangen, andererseits verfüge insbesondere das Saanenland über ein attraktives Lehrstellenangebot. «Die gelernten Berufe bieten auch gute Entwicklungsmöglichkeiten», sagt Christoph Däpp.

Berufsausbildung beliebter als Gymnasium
«In der Stadt sollte mehr Werbung für Lehrstellen gemacht werden und auf dem Land für das Gymnasium», so die Meinung des Gymnasiumsleiters. Denn am Gymnasium in Gstaad zeichnet sich die Beliebtheit der Berufsausbildung klar ab. «Überdurchschnittlich viele Maturand(inn)en beginnen eine Lehrstelle anstelle eines Hochschulstudiums.» Eine leichte Trendwende hin zur akademischen Laufbahn wäre für die Region nicht schlecht, sinniert Däpp und verweist dabei auf den Fachkräftemangel.

Auch ein anderes Phänomen prägt die Ausbildungslandschaft im Saanenland: Schulabgänger/innen absolvieren nach Möglichkeit anstelle der 9. Klasse das erste Jahr des Gymnasium und verlassen die weiterführende Schule danach, um eine Berufsausbildung zu starten. Christoph Däpp: «Beim Übertritt vom GYM 1 ins GYM 2 sind dieses Jahr 25 Prozent der Schülerinnen und Schüler freiwillig ausgetreten.» In anderen Jahrgängen seien es auch schon 50 Prozent gewesen.

Welche Chance bietet die angeschnittenen Ausbildung? Ein Lernender im 2. Jahr der kaufmännischen Berufslehre erklärt: «Am Gymnasium wird mehr Selbstständigkeit verlangt und die Anforderungen sind im Allgemeinen höher als im letzten Jahr der Sek I.» Das Jahr am Gymer bringe also Vorteile für die Lehre.

Unterschiede zwischen den Branchen
Der aktuelle Lehrstellenbarometer der Gesellschaft für Sozialforschung zeigt, dass bei der Nachfrage an Ausbildungsplätzen deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Branchen auszumachen sind. Jonas Wanzenried, Präsident des Gewerbevereins Saanenland, erläuterte im Gespräch mit dieser Zeitung: «Bei Lehrstellen im kaufmännischen Bereich sowie in Holzbau-, Schreiner- und Zimmermannsunternehmen besteht eine gute Nachfrage.» Zudem seien Berufe mit digitalen Tätigkeitsfeldern in der Region gefragt. «Mehr Schwierigkeiten haben das Bauhauptgewerbe und die Hotellerie.»

Die Gesellschaft für Sozialforschung hat im April 2019 über 5000 Schweizer Unternehmen darüber befragt, wie viele der angebotenen Lehrstellen mit Ausbildungsbeginn Herbst 2019 bereits vergeben seien. Dabei kam heraus, dass im Gast- und Baugewerbe erst rund 60 Prozent der Ausbildungsplätze belegt werden konnten, wobei es im Finanz- und Versicherungswesen, Kommunikation und Immobilienwesen schon 80 Prozent waren. Diesen Trend bekommt das Saanenland stärker als andere Regionen zu spüren, denn hier sind laut dem Bundesamt für Statistik am meisten Arbeitnehmer/innen in der Hotellerie, Landwirtschaft und im Ausbaugewerbe beschäftigt, also in eher nachfrageschwachen Branchen.

Akute Krise in der Hotellerie
«Die Nachfrage ist seit etwa acht Jahren deutlich tiefer als das Angebot, es stehen etliche Lehrstellen offen», informiert Hoteliervereinspräsdient Christof Huber über den Lehrstellenmarkt des lokalen Gastgewerbes. Dabei verweist er auf eine Statistik des Verbands Hotellerie Suisse. Diese zeigt auf, dass die Zahl neuer Lehrverträge vom Jahr 2010 bis 2017 um 20 Prozent abgenommen hat. «Das Problem dabei ist», so Huber, «dass die Betriebe im ganzen Land kurz- und längerfristig auf neue Fachkräfte angewiesen sind.» Dadurch könnten die Betriebe auch nicht auf ausserregionales Personal zurückgreifen.

Seit zwei Jahren zeichnet sich eine Zunahme der unterzeichneten Lehrverträge ab. Darüber freut sich Christof Huber. Der Besitzer des Hotels Gstaaderhof hält es für wahrscheinlich, dass die seit drei Jahren angebotene Lehre zur/m Hotel-Kommunikationsfachfrau/- fachmann den Aufwärtstrend unterstützt. «Die Ausbildung ist sehr polivalent und beinhaltet digitales Marketing und Kommunikation.» Auch die 24. Ausgabe des nationalen Schnuppercamps von Hotellerie Suisse, welches vom 27. bis 30. Oktober in Schönried und Saanenmöser stattfinden wird, dürfte der Destination Gstaad in diesem Zusammenhang zugutekommen.

Lehrlingswettbewerb: nicht auftragsgebunden arbeiten
Am 26. Oktober werden die Gewinner/ innen des Lehrlingswettbewerbs bekannt gegeben, welcher jeweils im Rahmen der Gstaader Messe ausgetragen wird. Dazu wurden alle im Gewerbeverein registrierten Lernenden jeweils für eine Teilnahme angefragt. «Der Lehrlingswettbewerb soll junge Leute zum Antritt einer Lehre in der Region motivieren», erklärt Valerie Ludi auf Anfrage. Sie hat die Organisation der Talentplattform 2016 zusammen mit Jasmin Käser und Marc Walker übernommen. 35 Lernende legen sich dieses Jahr für ihre Einzel- und Teamarbeiten ins Zeug – je nach Betrieb mit mehr oder weniger zur Verfügung gestellter Arbeitszeit. «Die Anmeldungen nehmen tendenziell ab, allerdings gibt es immer wieder stärkere Jahrgänge», informiert Valerie Ludi. Und für die Betriebe sei der Wettbewerb als Werbeplattform nach wie vor interessant.
Im Vordergrund stehe allerdings die Förderung der Lernenden. «Die Jugendlichen sollen ihre Kreativität ausleben können, ohne dabei auf Kundenbedürfnisse eingehen zu müssen», führt Valerie Ludi aus. «Wir waren von Anfang an motiviert, weil wir zeigen wollen, was wir können», so zwei Teilnehmer auf Anfrage des «Anzeigers von Saanen».

Thema «Flugangst»
Dieses Jahr findet der Lehrlingswettbewerb zum Thema «Flugangst» statt. Dieses haben die Auszubildenden während eines gemeinsamen Brainstormings ausgewählt. Dabei war bereits eine Richtung vom OK vorgegeben: «Wir haben dieses Jahr das Oberthema ‹Ängste› gewählt, da immer mehr Menschen unter Phobien leiden», so Valerie Ludi.

Berichte zum Lehrlingswettbewerb gehen viele Jahre zurück. So nahmen in der Ausgabe von 2003 beispielsweise 40 Auszubildende mit branchenübergreifenden Einzel- und Gruppenprojekten teil. Das Thema war damals «unmöglich». In anderen Austragungen kreierten die Lernenden vielseitige und überraschende Arbeiten zu Begriffen wie «Genuss», «abartig» und «Ernährung in der Zukunft». Auch dieses Jahr wird es spannend sein zu sehen, wie weit die Auszubildenden den Begriff «Flugangst» in ihren Projekten ausgedehnt und interpretiert haben.

Mehr Gewinnchancen für handwerkliche Arbeiten
Dieser Tage bewerten elf Juroren und Jurorinnen die Arbeiten der Lernenden und vergeben Punkte. «Es hat sich gezeigt, dass Projekte aus den Handwerksberufen bessere Chancen für den Sieg haben», so Ludi. Damit neben der augenscheinigen Attraktivität auch die fachliche Qualität stärker ins Gewicht fällt, haben die Organisator(inn)en Anpassungen bei der Bewertung vorgenommen. «Wir haben dieses Jahr darauf geachtet, dass pro Beruf mindestens ein Jurymitglied dabei ist», informiert Ludi, «ausserdem bleiben Betriebsnamen, Branche und Lehrjahr bei der Bewertung geheim.» Seit einigen Jahren können auch branchenübergreifende Zweierteams mitmachen. Dabei seien laut Ludi schon viele innovative Projekte entstanden. Sie sehe also auch bei dieser Austragung reale Gewinnchancen für Auszubildende aus nichthandwerklichen Gewerbesektoren.

Lehrstellenbörse mit Erfolg
An der letzten Gstaader Messe vor zwei Jahren organisierte der Gewerbeverein Saanenland auf Anregung von Jürg von Allmen erstmals eine Lehrstellenbörse. Der Gewerbevereinspräsident: «Wir bieten Unternehmen die Plattform, sich als Ausbildungsbetriebe zu präsentieren und direkt mit Jugendlichen in Kontakt zu kommen.» Aufgrund der positiven Rückmeldungen wurde die Veranstaltung im vergangenen Jahr während den Berufsbildungswochen des OSZ Gstaad wiederholt. «Dabei waren circa 40 Betriebe», freut sich Jonas Wanzenried. «Ich finde es trotz hilfreichen Online-Lehrstellenplattformen wichtig, dass sich die jungen Menschen Face-to-Face mit möglichen Ausbildungsbetrieben unterhalten können.» Sein eigener Betrieb, die Bauwerk AG, habe durch die Lehrstellenbörse selbst neue «Schnupperstifte» und Lernende erreichen können. Die Lehrstellenbörse wird an der kommenden Herbstmesse zum dritten Mal stattfinden.

Geburtenstarke Jahrgänge bringen dem Lehrstellenmarkt bald Auftrieb
Trotz des momentanen Mangels an Lernenden: Die Berufslehre wird voraussichtlich der meistgewählte Weg nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit bleiben – so führt es der aktuelle Nahstellenbarometer auf. Dazu kommt, dass in Anbetracht der Statistiken das Geburtentief bald überwunden sein wird. In den nächsten Jahren nähert sich also der Nachwuchs einer geburtenstärkeren Generation der Sekundarstufe II und damit auch den offenen Lehrstellen.

Auf Gemeindeebene gilt es allerdings zu beachten, dass die Geburtenzahlen in Saanen laut Zahlen der Gemeinde nicht der kantonalen und nationalen Durchschnittsentwicklung entsprechen. Ausgenommen von zwei grösseren Jahrgängen blieb der Aufschwung dort im Gegensatz zu den umliegenden Gemeinden und dem Obersimmental aus. Die Schüler/innenzahlen der Gemeinde Saanen bleiben also voraussichtlich tief. Wie hartnäckig sich der Lehrlingsmangel in Saanen halten wird, hängt also auch davon ab, wie viele Schulabgänger/innen aus den Nachbarsorten ihre Berufsausbildung im Saanenland antreten werden.

Die Lehrstellenbörse findet am Samstag, 26. Oktober von circa 11 bis 14 Uhr im Rahmen der Gstaader Messe statt. Am selben Tag um 17 Uhr werden die Gewinner/innen des diesjährigen Lehrlingswettbewerbs bekanntgegeben.

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