Das Leiden lindern

Di, 03. Dez. 2019
Sie haben häufig mit dem Sterben zu tun: Dr. med. Claudia Sollberger, Cornelia Hirtenfelder, Erika von Siebenthal und Pfarrer Alexander Pasalidi. FOTO: ZVG

«Sterben gehört zum Leben», betonte Erika von Siebenthal vom Altersund Pflegeheim Pfyffenegg im Rahmen der Vortragsreihe Leben in Würde und Sterben in Würde. Sie und Dr. med. Claudia Sollberger gaben Einblick in den Sterbeprozess, es moderierte Cornelia Hirtenfelder vom Alters- und Pflegeheim Maison Claudine Perreira.

Fürsorglich Schmerzen lindern ist die Bedeutung von Palliative Care, einem Fachbegriff, der seit geraumer Zeit durch Spitäler sowie Alters- und Pflegeheime geistert. Fachreferentin Erika von Siebenthal erläuterte am vergangenen Donnerstagabend, dass Palliative Care die aktive Betreuung von Menschen, deren Krankheiten nicht mehr geheilt werden können, beinhaltet. Weil die oberste Priorität darin bestehe, die Lebensqualität zu erhalten oder sie zu verbessern, sei Palliative Care oft gleichzusetzen mit Schmerzkontrolle und Linderung von Beschwerden.

Der Tod kündigt sich an
«Ein älterer Mensch stirbt selten spontan», sagte von Siebenthal im Anschluss an die Veranstaltung. Vielmehr kündige sich sein Tod an. Sei das durch Unruhe verbunden mit Nesteln, Umhergreifen, wiederholtem Drang zum Aufstehen oder Wegschieben der Decke. Auch im Gegenteil lägen Anzeichen für den Abschied, also Apathie oder Schläfrigkeit. Oft gehe der Prozess einher mit der reduzierten Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme bis hin zur Verweigerung. Auch violette Verfärbungen der Körperunterseite, wächserne Haut oder ein ausgeprägt bleiches Mund-Nasen-Dreieck gehörten zu den Symptomen.

Den Angehörigen Zeit lassen
Damit das Abschied nehmen und der Trauerprozess leichter fielen, sei es wichtig, die Angehörigen in den Prozess einzubinden. Sie könnten Aufgaben wie das Befeuchten des Mundes übernehmen oder die Sterbenden beim Waschen stützen. Erika von Siebenthal: «Die Angehörigen werden entsprechend dem Wunsch der sterbenden Person bei den Entscheidungen einbezogen.» Und trotzdem: Nicht selten stürben die Menschen genau dann, wenn die Angehörigen den Raum für einen Kaffeepause oder den Toilettengang verlassen. «Das ist wichtig, denn man muss den Sterbenden die Gelegenheit geben, alleine gehen zu können.»

Schmerztherapie
Dr. med. Sollberger wie Erika von Siebenthal wiesen darauf hin: «Schmerzen sind nicht einfach nur körperlich verursacht, sondern können den Ursprung in seelischen, sozialen oder spirituellen Bereichen haben.» Deshalb sei eine ganzheitliche Linderung nötig. Dazu trügen nicht nur die medikamentöse Behandlung bei, auch das Zusammenspiel von Angehörigen, Pflegenden, Ärzten und Seelsorgern seien wichtig. «Lieblingsmusik, sanfte Berührungen, Lieblingsdüfte oder gedämpftes Licht sind auch ein Teil, um das Wohlbefinden zu verbessern», so von Siebenthal. Sie ging aber auch auf weitere Themen wie Mundtrockenheit, Atemnot und die Nebenwirkungen von Schmerztherapien ein.

Atemnot ist schwierig
«Ein besonders häufiges Symptom im Sterbeprozess ist die Atemnot. Sie ist für Betroffene und für Angehörige besonders belastend», betonte Sollberger. Sie könne anhaltend oder aber in Attacken auftreten. Die Ursachen seien mannigfaltig und oft auf Angst und Stress zurückzuführen. Deshalb empfiehlt sie: «Die Stressreduktion muss bei jeder Behandlung die Grundlage unserer Tuns sein.»

Früher Palliativgruppe, heute Pro Viva
Aus der Spitalexternen Palliativgruppe sei 2009/2010 Pro Viva entstanden. Damals habe das Bedürfnis bestanden, auch ein Freizeitangebot für beeinträchtigte Menschen zu schaffen und die Betreuung von dementen Personen und ihren Angehörigen im Pflichtenheft aufzunehmen. Diesen Einblick gab Dr. med. Claudia Sollberger, die sich selbst als Urgestein in der Palliativpflege bezeichnete. Neben der Betreuung von schwerkranken Menschen kümmere sich Pro Viva auch für die Beratung und Weiterbildung, sagte sie. Die Organisation ist auch im «Erwachsenenblitz» der Gemeinde Saanen aufgeführt.

Sehr interessiertes Publikum
Der zweite Anlass der Veranstaltungsreihe «Leben in Würde und Sterben in Würde» zog fast 100 Personen an. Sie gingen in der Diskussionsrunde, auf die Wichtigkeit der Patientenverfügung ein. Ältere Menschen, die sich Gedanken um ihr eigenes Sterben machten, waren ebenso dabei, wie solche, die sich mit dem bevorstehenden Tod ihrer Eltern befassen. Auch eine grosse Anzahl Fachpersonen Gesundheit war zugegen, darunter auffallend viele Frauen. Wie sich Männer wohl auf den Sterbeprozess vorbereiten?

PD

Der nächste Anlass in der Veranstaltungsreihe findet zum Thema «Assistierter Suizid – Podiumsdiskussion» unter der Leitung von SRF-Redaktor Dr. Norbert Bischofberger am 9. Januar statt.
Die Veranstaltungsreihe wird von den Landeskirchen des Saanenlandes, den Alters- und Pflegeheimen Pfyffenegg und Maison Claudine Perreira, beide Saanen, sowie dem Spitexverein Saanenland organisiert.

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