Drei Adventstürchen mit grossartigem Inhalt geöffnet

Di, 03. Dez. 2019
Sie hatten Spass beim Erzählen: v.l. Röbi Möhl, Walter Egger, Lukas Kappenberger und René Zürcher. FOTOS: BLANCA BURRI

Der Abesitz zum Thema «Der Flugplatz im Wandel vo der Zyt» zog viel Publikum an. Informativ und witzig zugleich führte Walter Egger durch den Abend und liess drei Gastredner zu Wort kommen.

BLANCA BURRI
«Wir sind begeistert, dass so viele Leute gekommen sind. Wäre der Gemeindepräsident hier, würde er wohl am liebsten eine Gemeindeversammlung abhalten wollen», witzelte Walter Egger, Verwaltungsratspräsident der Gstaad Airport AG und Präsident der Flugplatzgenossenschaft Gstaad-Saanenland (FGGS) am vergangenen Mittwochabend. In der Tat musste der Saal vergrössert und zusätzliche Stühle aufgestellt werden, damit alle Interessierten Platz fanden.

Adventskalender der anderen Art
Walter Egger verglich die Phasen des Flugpatzes mit den Lebensphasen von Menschen: «Der Gstaad Airport ist so alt wie ein durchschnittlicher Mensch: 80 Jahre. Der Start in den Prozess der rein zivilen Nutzung in Saanen so alt wie ein junger Erwachsener, also 20 Jahre und der Erneuerungsprozess wie ein Vorschulkind.» In den vergangenen 80 Jahren sei viel gegangen, und einem Adventskalender gleich habe er, Walter Egger, an jenem Abend nun drei Gastredner mitgebracht. Sie wüssten über einzelne Zeitabschnitte oder Themenbereiche besser Bescheid als er. Mit René Zürcher öffnete Egger das erste Türchen.

Nachrichtendienst
René Zürcher arbeitete lange Jahre im Nachrichtendienst der Schweizer Luftwaffe. Er war in einer Zeit aktiv, als der Kalte Krieg und die Angst vor einem Atombombenangriff real waren. «Der neutrale Korridor bestehend aus der Schweiz und Österreich musste jederzeit mit einem Angriff rechnen, denn er teilte die West- von den Ostmächten», erklärte Zürcher. Deshalb investierte die Schweiz viel in die Luftwaffe. Zwei der 21 Fliegerstaffeln waren in Saanen stationiert. Es gab pro Jahr zwei Wiederholungskurse. «Das freute vor allem auch das hiesige Gewerbe», wusste Zürcher. Damals habe die Schweiz über 500 Kampfjets in 21 Staffeln verfügt. Heute seien es noch drei Staffeln mit total 30 Jets.

Über jede Flugbewegung wurde Buch geführt. Zürcher gab einen amüsanten Einblick in einen Eintrag, der eine weniger lustige Geschichte mit Happy End widerspiegelte. Ein Vampire hatte eine Tanne touchiert: «Marmotte als Winkelried, mutig voran im Landeanflug, besorgt sich kurz vor der Piste mit dem linken Flügelende den Christbaum für die nächste Weihnacht …» Eine gelungene Zeichnung ergänzte die Dichtkunst. Zürcher wurde etwas wehmütig, als er erzählte, dass das Nachfolgemodell vom Vampire, nämlich der DH 112 Venom, in Saanen aus technischen Gründen nicht mehr landen konnte. «Die Tests blieben leider erfolglos, die Piste in Saanen war für den Venom nicht geeignet. Das war das Ende der Kampfflugzeuge in Saanen.»

Staffelkommandant
Mit dem nächsten Adventstürchen öffnete Walter Egger gar ein Multi-Türchen: Röbi Möhl ist Oberstleutnant, ehemaliger Kommandant der Fliegerstaffel 9 und Präsident der Fluggruppe Saanenland. Lange Jahre war er Kapitän auf den grössten Flugzeugtypen bei Swissair und der Singapor Airlines. Er gab einen Einblick, wie genau sich die Schweiz im Kalten Krieg verteidigt hätte. «Die Jets unserer Staffel haben den Erdkampf unterstützt.» Das heisst, sie hätten vor allem Waffen befördert und hätten sie im Ernstfall in der entsprechenden Zone abgeworfen. «Jeder Jet konnte Waffen mit einem Gewicht von rund zwei Tonnen transportieren.» Die grösste Bombe wog 400 Kilogramm und hätte im Ernstfall einen Aushub in der Grösse eines Einfamilienhauses bewirkt.

Angriffspläne haben bestanden
Nach dem Kalten Krieg sei deutlich geworden, dass die Angst vor einem Angriff aus Osten berechtigt gewesen sei. «Es gab Angriffspläne, die gefunden worden sind, wir hatten nicht umsonst Angst», so Röbi Möhl. Er erinnerte sich an ein besonderes Ereignis in Interlaken, als die Staffel einen Flug mit Volllast geübt hatte. Die Windverhältnisse seien schlecht gewesen, ein Pilot habe zu wenig an Höhe gewinnen können und das Flugzeug sei schliesslich in den Rugen gedonnert. «Wir sahen keinen Fallschirm und mussten davon ausgehen, dass Schlimmes passiert war.» Sofort seien sie zum Unfallort gefahren. Schneller als sie aber sei der Blickjournalist gewesen (Gelächter im Saal). «Glücklicherweise hat der Pilot den Schleudersitz im letzten Moment betätigen können und ist deswegen nicht in den Braukessel der Rugenbrauerei gefallen. Ihm ist nichts passiert.» (Noch lauteres Gelächter)

Autor
Nicht weniger lustig ging es bei Lukas Kappenberger, dem dritten Adventstürchen, zu und her. Er zeigte Fotos vom Beginn der Aviatik im Saanenland. Der Autor von «Come up – Touch down» erzählte, dass diese 1921 mit einer Ballonlandung in Meielsgrund begonnen hatte. Bereits ein Jahr später warb das Gstaad Palace mit verschiedenen Events. Neben einem Pferderennen auf Schnee wurde auch mit der Hockey-Schweizermeisterschaft und einem Schiesswettbewerb geworben. Und auf demselben Plakat stand, dass es einen «Cours et Concours de Vols en Avion sans Moteur» gab. Die ersten Gleitflieger wurden im Volksmund aber «Stürzler» genannt. «Vor allem die Landung war ziemlich abenteuerlich», wie Kappenberger zu berichten wusste.

Keine Piste wegen dem Kaltem Krieg
Auf Fotografien in den 1960er-Jahren sah man keine Piste mehr. Die asphaltierte Piste wurde natürlich nicht zurückgebaut, aber von den Postkarten wegretouchiert. Eine Vorsichtsmassnahme, um den Feind im Ungewissen zu lassen, wo sich welche militärischen Stützpunkte befanden. Dies bewiesen Bilder, die Kappenberger aus dem Fundus der Sammlung Benz Hauswirth und Elisabeth Frautschi zeigte. Ebenfalls erzählte er von Karl Müller, dem ersten Flugplatzkommandanten. Selbst Zivilpilot war er wohl dafür verantwortlich, dass auf dem Militärflugplatz in Saanen von Beginn weg auch zivile Flugzeuge landen durften.

Naturpiste auf der Wispile
Während der Vorbereitungen zum Vortrag hätten ein paar Einheimische Walter Egger Geschichten über den Flugplatz erzählt und sogar Fotos vorbeigebracht. Eines davon zeigte die Landung eines Segelflugzeuges auf der Wispile. «Der Pilot hatte zu wenig Höhe, um über sie hinweg zu fliegen, deshalb entschied er sich zu landen. Schliesslich halfen die Alpleute mit Heuseil und Manpower beim Start, der sogar gelang», erzählte er die abenteuerliche Geschichte.

Walter Eggers Augen leuchteten, als er davon berichtete, dass die Luftwaffe und mit ihr der Kampfjet DH 100 Vampire in den 1950er- und 1960er-Jahren auf dem Flugplatz Saanen operierte. Als er das Foto von drei Vampiren, einer am Boden und zwei in der Luft, zeigte, sprang seine Begeisterung regelrecht aufs Publikum über.

Erneuerungsbau in Rekordzeit
Später ging er auch auf die jüngere Geschichte des Gstaad Airports ein. Das Bauverfahren und die Mittelbeschaffung seien in rekordverdächtiger kurzer Zeit unter Dach und Fach gewesen und der Airport von 2017 bis 2018 neu erbaut worden.

Am Schluss stellte Egger die vollzählig anwesende Crew von Gstaad Airport unter der Leitung von Simon Anderman sowie die Gstaad-Airport-Feuerwehr unter der Regie von Toni Marti vor. Er dankte allen, welche in irgendeiner Form zum Gelingen des neuen Airports beigetragen haben. Ebenfalls dankte er für die stets wertvolle Zusammenarbeit mit Landeigentümern, Nachbarn, Mitarbeitenden und vielen mehr. Da passte das Jodlerstück «Fründschaft chasch nid choufe», das der Jodlerclub «Bärgfride» unter der Leitung von Jürg Domke sang und damit dem stimmigen Abend ein Sahnehäubchen aufsetzte. Andreas von Grünigen von der Kulturkommission bedankte sich am dritten und letzten Abesitz dieses Jahres bei allen, die zu dessen Gelingen beigetragen hatten.


EINBLICK IN DIE GESCHICHTE

1921 Erste dokumentierte Flugbewegungen im Saanenland
1939 Inbetriebnahme der Graspiste Ried Saanen
1942 Bau Militärflugplatz im Rahmen der Reduitbaumassnahmen
1946 Nutzungsbewilligung erteilt, auch für Privatflug
1947 Erstes ziviles Segelfluglager (SG Bern)
1952 Verlängerung der Piste auf 1470m x 40 m
1986 Gründung Flugplatzgenossenschaft Gstaad-Saanenland (FGGS) zur Sicherstellung des Betriebs (Pistensanierung war nötig)
2000 Zweckbestimmung aller kleinen Flugplätze gemäss Sachplan Infrastruktur der Luftfahrt hinsichtlich zivile Mitbenützter Militärflugplätze (Saanen: Touristik- und Geschäftsflüge, Sommersegelfluglager und Helikopterbasis; St. Stephan: Werkflugplatz, fliegerische Aus- und Weiterbildungskurse; Zweisimmen: Touristen- und Geschäftsflüge, Flugsport, Motor- und Segelflug, Helikopterrettungsbasis).
2004 Vertrag mit VBS zur Übernahme der Anlage
2011 Übergabe der Anlage von VBS an FGGS
2018 Einweihung Erneuerungsbau

Gstaad Airport

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