«Vielleicht wurde ich noch offener?»

Di, 07. Jan. 2020
Der Winter ist ihre Jahreszeit: Barbara Kernen. Sie hat das Saanenland mehrfach verlassen, um reich an Erfahrungen wieder zurückzukehren. FOTO: ZVG

Das Saanenland hat schon viele Menschen kommen und kurz darauf wieder gehen sehen. Die Gstaaderin Barbara Kernen hat es umgedreht. In Gstaad geboren und aufgewachsen, verspürte sie als junge Frau den Drang, sich an einem anderen Ort in der Schweiz niederzulassen. Darüber, was sie angetrieben hat, das Saanenland zu verlassen, ihre Beweggründe, nach ein paar Jahren doch wieder heimzukehren und über veränderte Perspektiven sowie verlässliche Wurzeln sprach Barbara Kernen im Interview.

JENNY STERCHI

Barbara Kernen, gibt es einen Lieblingsort im Saanenland, der für Sie bedeutend ist und es auch zeitlebens bleiben wird?
Da möchte ich mich nicht festlegen, weil es definitiv zu viele wunderbare Plätze bei uns gibt. Jeder zu seiner Zeit, ganz nach Lust und Laune. Das kann ebenso ein verschneiter Baum oder der klare Sternenhimmel wie auch das Dorfleben sein.

Sie sind in Gstaad geboren und aufgewachsen, demnach im Saanenland verwurzelt. Wie haben Sie Ihre Kindheit in einer ausgesprochenen Bergregion erlebt?
Darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch nie gross Gedanken gemacht. Mir ging es immer gut und ich musste mir nie Sorgen machen. Dadurch, dass meine Eltern in diversen Vereinen waren und bis heute sind, war dies für mich auch immer selbstverständlich. Wohl nicht zuletzt dadurch und weil mir das Gesellige sehr gefällt, bin ich ein Vereinsmensch geworden. Ich denke, der Vor- und Nachteile einer ausgesprochenen Bergregion ist man sich während der Kindheit nicht bewusst. Das kommt erst später, wenn man weggeht und wieder zurückkommt. Dann nimmt man bewusst wahr, dass beispielsweise die grosse kulturelle Auswahl an Konzerten oder Theater, wie man sie in Städten findet, nicht um die Ecke sind.

Wann haben Sie den Entschluss gefasst, in die weite Welt zu ziehen?
Das kam schleichend. Ich war zwischen der obligatorischen Schulzeit und meiner Lehre ein Jahr lang in der Nähe von Genf als Au-pair. Nur einmal im Monat ein Wochenende zu Hause – das war nicht immer einfach. Aber dafür habe ich Französisch gelernt. Und zum Glück waren ein paar Schulkollegen aus meiner Sek-Klasse auch in der Region untergebracht. Aber den Augenblick am Sonntagabend am Bahnhof Gstaad um 18.30 Uhr, wenn es wieder für vier Wochen nach Lully ging, den möchte ich nicht mehr zurück. Insbesondere während der Winterzeit. Das waren für mich als Winterkind auch später, während meiner Zeit in Bern, Morges und Cham, immer die schwierigsten Wochen des Jahres. Nach der Lehre wollte ich dann dennoch einfach mal weg. So fand ich mich in Bern wieder, wo ich eine Zeit lang arbeitete. Auf ein tolles Jobangebot im Saanenland musste ich mich dann aber einfach bewerben und kam zurück. Die Stelle war super und vielleicht wäre ich noch heute dort. Aber der Jobinhalt veränderte sich und so entschied ich mich, nach Morges zu gehen, wo ich aber nur für ein Jahr blieb. In Bern und Morges war ich immer nahe genug am Saanenland, so dass ich durch meine Vereinszugehörigkeit immer sehr oft hier war. Für eine kurze Sitzung, für Anlässe und fürs Wochenende konnte ich doch rasch «nach Hause» fahren. So richtig losgekommen vom Saanenland war ich bis dahin quasi nie.

Häufig ist es für Aussenstehende nicht zu verstehen, warum man diese Idylle freiwillig verlässt. Was waren Ihre Beweggründe, das Saanenland doch wieder zu verlassen?
Mit 35 hatte ich das Gefühl, ich müsste noch mal etwas ändern. Und um mich diesmal auch von meinen Vereinsämtern zu verabschieden, musste ich also etwas weiter weg. Man könnte es als Selbstüberlistung bezeichnen. So kam das Jobangebot aus der Innerschweiz gelegen. Aber die Entscheidung fiel mir alles andere als leicht – und alle «Ämtlis» wurde ich doch nicht ganz los.

War Heimweh jemals ein Thema für Sie?
Wie erwähnt, als Au-pair oder auch während der drei Monate Sprachaufenthalt in London fehlte mir meine Heimat schon sehr. Im Nachhinein habe ich oft gedacht, dass ich die Zeit dort jeweils zu wenig genossen habe. Aber anmerken lassen habe ich mir natürlich nichts – denke ich jedenfalls. Und das Reisefieber, um lange wegzubleiben, hat mich auch nie gepackt. Maximum drei Wochen Urlaub am Stück sind gut für mich, aber länger möchte ich nicht unbedingt weg. Ich denke, das reicht für mich, um die Eindrücke verarbeiten zu können. Aber vielleicht ändert sich das auch mal noch.

Sie kamen nach Bern, nach Morges und in die Innerschweiz, wie Sie sagen. Wie wurden Sie dort jeweils aufgenommen?
Immer sehr gut, vor allem über die Arbeitskolleginnen und -kollegen. An allen Orten, wo ich gearbeitet habe, gibt es einzelne Personen, zu denen ich nach wie vor ab und zu Kontakt habe. Sogar die Verbindung zu einer ehemaligen Chefin riss nicht ab, als sie während mehrerer Jahre in Kalifornien lebte. Aber das fällt einem nicht in den Schoss. Man muss schon etwas dazu tun, um sich zu integrieren. Da kommt mir grad in den Sinn, dass wir die Ladies-Truppe aus Bern mal wieder aktivieren sollten …(lacht).

Gingen Sie jeweils weg, um sicher wieder hierher zurückzukommen oder war die Rückkehr nicht gerade die erste Option?
Insbesondere die Rückkehr aus der Innerschweiz war definitiv nicht die erste Option, die beiden anderen Male aber schon.

Was, glauben Sie, haben diese Etappen mit Ihnen als Person gemacht?
Vielleicht wurde ich noch offener? Bestimmt auch anpassungsfähig und zum Teil wohl auch kritischer.

Sie hatten die Möglichkeit «von aussen» auf Ihre Heimat zu schauen. Inwieweit hat es Ihre Perspektive verändert?
Ich denke, ich weiss es zu schätzen, was wir hier alles haben. Begonnen mit Sachen wie Wiesen und Wälder, Berge, Sonne, Bäche und Seen, Dinge, die für die meisten hier ganz selbstverständlich sind. Auf der anderen Seite sind wir aber auch nicht nur im Paradies und es ist alles andere als eine heile Welt. Vielleicht neigen wir aber dazu, uns vieles schön zu reden. Ich bin nicht der Meinung, dass früher alles besser war. Aber schlechter war definitiv auch nicht alles. Wir müssten generell dankbarer sein für viele Freiheiten. Doch sind wir momentan eher in der irrtümlich bequemen Lage, dass es uns zu gut geht. So wird jeder auf seine Art etwas übermütig und rücksichtsloser. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir als Bergregion nur gemeinsam überleben können und vermehrt wieder an einem Strick ziehen müssen. Es muss auch nicht immer noch grösser, noch mehr und noch üppiger sein – die echten Werte dürfen nicht vergessen gehen. Und manchmal wäre weniger definitiv auch mehr. Das gegenseitige Verständnis und auch die Toleranz fehlen manchmal. Es ist immer einfach, zu urteilen.

Wenn jemand unentschlossen ist, das Saanenland zu verlassen oder doch zu bleiben, wozu würden Sie demjenigen raten?
Auf jeden Fall mal wegzugehen. Nach Hause zurückkehren kann man immer.

Allerdings leidet die Region derzeit unter Fachkräftemangel und unbesetzten Lehrstellen, weil die Jugend offensichtlich mehr von der Welt sehen möchte. Was sind Ihrer Ansicht nach die Vorteile, dann doch im Saanenland zu bleiben?
Wichtig ist, dass jeder das machen kann, was ihm Freude bereitet. Umso besser, wenn es eine Lehrstelle im Saanenland ist. Ich bin überzeugt davon, dass in allen Branchen eine Lehre im Saanenland ein wertvoller Rucksack ist. Unsere internationale Gästestruktur und die Nähe zur Westschweiz haben grossen Einfluss auf unsere Mentalität. Sture Leute gibt es überall – genauso wie weltoffene Personen. Aber auch die wissen die Traditionen und die Kultur zu schätzen und pflegen. Wenn die Jugend mehr von der Welt sehen will, steht das nicht im Widerspruch dazu, anschliessend auch wieder zurück ins Saanenland kommen zu können. Und dann haben wir auch wieder Fachkräfte. Vielleicht sind sich Arbeitgeber zum Teil auch zu wenig bewusst, wie wertvoll die Mitarbeiter sind und dass eben vieles zusammenspielen muss, damit die Leute bleiben. Einer der grössten Vorteile ist bestimmt die Lebensqualität, die wir hier haben. Das Vereinsleben, das Einanderkennen und das «Hallo» sagen im Dorf finde ich sehr schön. Es gibt einige Leute hier, denen ich mein letztes Hemd geben würde. Umgekehrt gibt es bestimmt auch ein paar, die das für mich machen würden.

Wäre es für Sie aus heutiger Sicht denkbar, nochmals hinauszuziehen und an einem anderen Ort sesshaft zu werden?
Man soll bekanntlich nie «nie» sagen, aber momentan scheint es mir eher unwahrscheinlich, dass ich mich nochmals «verpflanze». Es ist viel zu schön hier und wir haben ja fast alles, was es braucht. Das heisst jedoch nicht, Situationen nicht immer mal wieder zu prüfen und zu hinterfragen.

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