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Eine Spurensuche: von der Sprachgrenze zum Röstigraben

Di, 14. Jan. 2020
Der damalige Vorstand der Kulturszene an der feierlichen Einweihung am 22. September 1991: (v.l. hinten) Ruth Aebi, Hans Forrer, Carmen Scherrer, Peter Kuntze (OK-Präsident), Marc Wahli (Initiant), (vorne) Lislotte Sommer, Rolf Steiger, Christiane Ravazzolo, Fred Obrist.

Die Redensart «Röstigraben», um den Gegensatz zwischen der Deutsch- und Welschschweiz zu bezeichnen, ist weit verbreitet und ihr Ursprung umstritten. Die Sprachgrenze durchtrennt beim Grischbach und auf dem Vanel auch unsere Region. Wir sind der Frage nachgegangen, ob es diesen «Graben» zwischen den zwei Sprachen und Kulturen wirklich gibt, wie tief er ist und was dagegen getan wird, um ihn zu verschliessen. Zuerst lassen wir den Saaner Lokalhistoriker Benz Hauswirth zu Wort kommen, um mehr über die Geschichte der Sprachgrenze zu erfahren.

MARTIN GURTNER-DUPERREX
«Der Grischbach war hier immer die Sprachgrenze», bestätigt Benz Hauswirth, der Saaner Lokalhistoriker. Eine Urkunde von 1115 erwähne erstmals die Anwesenheit von deutschsprachigen Alemannen in dieser Region. «Woher und wieso sie gekommen sind, darüber kann nur spekuliert werden», unterstreicht er. Vielleicht über das Simmental – oder von verschiedenen Orten zu unterschiedlichen Zeiten. Besser dokumentier ist hingegen die Geschichte der Mönche vom französischen Cluny, die vor fast tausend Jahren das Kloster von Rougemont bewirtschafteten. Nach Berns Übernahme des Pays-d’Enhaut und des Saanenlands vom bankrotten Grafen von Greyerz im Jahr 1556 hat sich wohl die Sprachgrenze etwas verwischt. In der deutsch-welschen Landschaft Saanen, deren Vogt im Schloss Rougemont residierte, pflegten die Bewohner einen regen, vielseitigen Austausch. Der vom revolutionären Frankreich 1798 erzwungene Anschluss des Pays-d’Enhaut an den neu gegründeten Waadtländer Kanton Léman – die «Welschsaaner wären lieber bei Bern geblieben – hat daran auch nicht viel geändert.
Der Ausdruck «Röstigraben» sei sowieso neueren Datums, erklärt Hauswirth. Die Redensart – die eigentlich beide Sprachregionen verbinden sollte, weil Rösti schliesslich beiderseits der Saane gegessen wird – hielt erst Ende der Siebzigerjahre Einzug in die Schweizer Presselandschaft, zu einem Zeitpunkt also, als das Verhältnis zwischen den zwei Sprachregionen durch die Gründung des Kantons Jura und der Wirtschaftskrise, welche die Welschschweiz besonders hart getroffen hatte, getrübt war. «Der Graben kann sowieso nicht durch Worte überwunden werden, sondern nur durch Taten», ist sich Benz Hauswirth sicher.


KEIN RÖSTIGRABEN BEI DER «CONVENTION SARINE»

Im Juni 2018 (unsere Zeitung berichtete darüber) unterzeichneten die Vertreter der Gemeinden des Saanenlandes und des Pays-d’Enhaut sowie die Tourismusverantwortlichen der beider Destinationen die «Convention Sarine». Das Ziel dieser Vereinbarung war es, der bisherigen Zusammenarbeit im kulturellen, touristischen und infrastrukturellen Bereich einen rechtliche Rahmen zu geben. Der Anstoss dafür war der Umstand, dass der Kanton Waadt keinen Unterstützungsbeitrag an das Sportzentrum in Gstaad leisten konnte, weil es dafür keine kantonsübergreifende rechtliche Grundlage gab. Mit der Unterzeichnung der «Convention Sarine» hat sich das nun geändert.
Auf Anfrage bestätigte Armando Chissalé, Vewaltungsdirektor der Gemeinde Saanen: «In der Zwischenzeit sind Gelder vom Kanton Waadt ans Sportzentrum Gstaad geflossen.» Die Schulklassen vom benachbarten Pays-d’Enhaut benutzten das Sportzentrum für den Schwimmunterricht, auch Touristen profitierten von diesem Angebot, meinte Chissalé. «Ausserdem sitzen Verteter aus dem benachbarten Welschland im Verwaltungsrat des Sportzentrums, das Pays-d’Enhaut beteiligt sich an den Winterfahrausweisen des öffentlichen Verkehrs, die Gemeinde Saanen hingegen beteiligt sich an der Ballonwoche und am Schüleraustausch», so Chissalé.
«Seit ich hier bin, haben wir immer eng, freundlich und kollegial zusammengearbeitet, die «Convention Sarine» ist nur der Überbau – das Sahnehäubchen sozusagen – von dem, was schon vorher praktiziert wurde.» Dafür habe man nicht auf die «Convention» warten müssen, beteuerte der Verwaltungsdirektor. «Der Röstigraben existiert hier nicht!» Seine Gäste seien immer wieder erstaunt, wenn sie in Gstaad herumlaufen und überall auf Französisch angesprochen werden. «Auch unsere welschen Kollegen brauchen sich nicht zu verstecken, der Syndic von Rougemont, André Reichenbach, spricht perfekt Schweizerdeutsch, auch andere sprechen gut deutsch – manchmal genieren sie sich nur ein bisschen», fügte er lachend hinzu.

MARTIN GURTNER-DUPERREX


«Röstigraben adieux» – eine Utopie?

Einige kennen es oder haben es vielleicht aus dem Augenwinkel vom Auto aus schon gesehen, andere wissen nicht, dass es überhaupt existiert: das Röstigraben-Denkmal auf dem Vanel, zwischen Saanen und Rougemont. Wer hatte die Idee dazu? Wer schuf es? Welches waren die Hintergründe und Absichten? Wir versuchten, diesen Fragen auf den Grund zu gehen und haben die Leute getroffen, die vor fast 30 Jahren dieses Denkmal geschaffen haben.

MARTIN GURTNER-DUPERREX
Im Herbst 1991 wurde mit einem Handstreich der Röstigraben auf dem Vanel, an der Hauptstrasse zwischen Saanen und Rougemont, durch einen symbolischen Akt überwunden: Der klaffende Riss in einem grossen Granitbrocken wurde mit Steinen zugemauert. Dieses Röstigraben-Denkmal steht heute noch dort. Wenn der aufmerksame Besucher anhält und sich ihm von der Strasse her nähert, sieht er auf einer Kupferplatte folgende Worte eingraviert: «Utopie 91? Röstigraben, Barrière des Rösti, adieu! Kulturszene – Alliance Culturelle Obersimmental, Saanenland, Pays-d’Enhaut». Neugierig geworden, machte ich mich auf Spurensuche. Wer hatte die Idee dazu und wer steckte dahinter? Was war der Anlass zur Errichtung dieses Monuments? Ist die Utopie wahr geworden und ist hier heute der Röstigraben wirklich zugeschüttet? Um diese Fragen zu klären, traf ich mich mit einigen der Initianten und Akteuren von damals, alles ehemalige Mitglieder des Vorstands der Kulturszene – Alliance Culturelle und deren aktueller Präsidentin, Erika Baumgartner.

Den Röstigraben überspringen
«Hört endlich auf, uns mit einzelnen Beitragsgesuchen zu überhäufen, schrieb uns 1975 der Kanton Bern», erzählt Dr. Rolf Steiger, der damalige Präsident des Menuhin Festivals. Was war passiert? Verschiedenste Kulturanlässe, darunter Lenk Musik und eben das Menuhin Festival, hatten den Kanton immer wieder separat um Subventionen ersucht. «Die Antwort war, dass nur noch ein einziger finanzieller Betrag für die ganze Region gesprochen werde – das hiess für uns, uns entsprechend zu organisieren, um die Mittel zu erhalten und zu verteilen», so Steiger weiter. So kam es, dass 1977 der Verein «Kulturszene – Alliance Culturelle Obersimmental, Saanenland, Pays-d’Enhaut» gegründet wurde, dessen erster Präsident Rolf Steiger war. Dass das Pays-d’Enhaut miteinbezogen wurde, sei eine logische Folge der schon bestehenden Zusammenarbeit im kulturellen Bereich, der Spitäler, der Bergbahnen und des Rotary Clubs gewesen, erläutert der ehemalige Gstaader Arzt weiter. «Es störte niemanden, dass für die Kultur Geld aus dem Kanton Bern ins Welsche floss – im Gegenteil, man war stolz darauf, den Röstigraben zu überspringen, ein Beispiel der Öffnung zu sein.» Es sei jedoch eine Schande, dass der Kanton Waadt erst ab 1985 für die Kulturszene auch Gelder gesprochen habe, ärgert sich Dr. Marc Wahli, Arzt aus Rossinière, ab Anfang der Achzigerjahre im Vorstand und dessen späterer Präsident, noch heute.

Etwas Verrücktes
«Anlässlich des 700-Jahr-Jubiläums der Eidgenossenschaft und des 800-jährigen Bestehen Berns 1991 wollte der Verein etwas Verrücktes auf die Beine stellen», erläutert Marc Wahli. «Da kam mir die Idee, man könnte an der Sprachgrenze auf dem Vanel einen Spalt in einem Felsblock mit Steinen füllen, um die Überwindung des Röstigrabens zu symbolisieren.» Nach erfolgloser Suche in der Region habe man schliesslich im Wallis einen drei Meter hohen und fünf Meter breiten Granitblock gefunden. «Mithilfe eines Dynamitgürtels haben wir ihn kurzerhand in zwei Teile gesprengt», erzählt er schmunzelnd. Es wurde beschlossen, am Sonntagmorgen, 22. September 1991 dieses Denkmal feierlich einzuweihen und nachher die Fête 91, wie das Jubiläumsfest genannt wurde, in Zusammenarbeit mit der gleichentags stattfindenden Gstaader Country Night zu organisieren.

«Höllisch» gut organisiert
«Am Freitag vor dem Festakt brachen zwei Kräne beim Versuch, die fünf Tonnen schwere Fracht abzuladen, zusammen», erinnert sich Marc Wahli, «c’était l’horreur!» Am Samstag konnten aber planmässig Schulkinder und ihre Lehrer aus dem Obersimmental, dem Saanenland und Pays-d’Enhaut eigenhändig den Spalt mit Steinen füllen und zementieren.

Am Sonntagmorgen wurde das Denkmal, das Symbol für die Verbundenheit von deutscher und welscher Sprache und Kultur, schliesslich unter dem Patronat und im Beisein der Regierungsstatthalter aus den drei Regionen feierlich enthüllt. Am Nachmittag feierte man mit der Bevölkerung die Fête 91 in Gstaad mit einem Festumzug und später mit Ländlermusik, Chorformationen sowie Country Music im Festivalzelt ausgiebig.

«Das war eine höllisch gute und enge Zusammenarbeit zwischen den drei Regionen», kommentiert der damalige OK-Präsident der Fête 91 und Vorstandsmitglied der Kulturszene, Peter Kuntze, «so etwas hat es nie mehr gegeben.»

An der Sprachgrenze ist «Fyrabe»
«Was die Überwindung des Röstigrabens betrifft, so hat sich seit der Fête 91 doch einiges getan», meint Erika Baumgartner, die heutige Präsidentin des Vereins, der nach einer Namensänderung Kultur Region – Alliance Culturelle Obersimmental, Saanenland, Pays-d’Enhaut heisst. «Aus Sicht der Kultur funktioniert es gut. Viele Welschschweizer kommen an unsere Anlässe, zum Beispiel ans Menuhin Festival oder an die Sommets Musicaux, und Hiesige besuchen die Konzerte von «Le bois qui chante» in Château-d’Oex. Beidseitig gut besucht sind auch die Dorfmärkte. Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit von Handwerkern scheint ebenfalls zu klappen.» Was der Schönriederin Sorgen bereitet, ist das fehlende Engagement der jüngeren Generation im Verein. Carmen Scherrer aus Château-d’Oex, Vorstandsmitglied seit über 30 Jahren, spricht den Komplex der Romands an. Viele wollten sich wegen der Sprache im Verein nicht engagieren, obwohl sie für ihre Kulturanlässe Geld erhielten. «Es ist Zeit, dass man auch im Pays-d’Enhaut zweisprachig wird», meint Marc Wahli selbstkritisch. Obwohl Rolf Steiger besonders beim Hallenbad, Curling und Bowling Fortschritte sieht, ist er gar nicht überzeugt: «An der Sprachgrenze ist mit der Zusammenarbeit meist ‹Fyrabe›.» Als Rückschritt beklagt er die mangelnde Kooperation in der Musikszene, bei den Infrastrukturen, den Bergbahnen, den Spitälern ... Peter Kuntze bemängelt, dass die drei Talschaften sich unzureichend gegenseitig über Kulturanlässe informieren – «Was doch die Rolle der Presse wäre», schiebt Steiger nach.

Doch nicht eine Utopie?
Ideen, was unternommen werden könnte, damit die Annäherung der zwei Sprachregionen nach so vielen Jahren doch nicht zur Utopie verkommt, haben die unermüdlichen Kulturförderinnen und -förderer am runden Tisch mehr als genug: monatliche Zeitungsbeilagen über das Kulturangebot in allen drei Regionen, gegenseitiger unkomplizierter Zugang zu den Werbeflächen («Werbehüttli»), Gratistransport im öffentlichen Verkehr zwischen Rossinière und der Lenk nicht nur für Skiabobesitzer, sondern auch für Kultur-Region-Mitglieder, Ausbau des Schüleraustauschs, der von Deutschschweizer Seite ungenügend beansprucht wird, Verbesserung der kaum benutzten Homepage der Kultur Region usw.

Man ist sich einig, dass trotz dem Prestige von Gstaad das Kulturerbe des Pays-d’Enhaut touristisch mehr gefördert werden müsste, denn hier befänden sich die Mehrheit der architektonischen Denkmäler in der Region, wie die Kirche und das Schloss Rougemont. «Rougemont ist nicht einfach die Banlieue von Gstaad oder sein ‹parent pauvre›!», bringt es Marc Wahli auf den Punkt. Wir würden von vielen Touristen sowieso als eine einzige Region betrachtet – so von den Indern, die Bollywood-Kultstätten von Montbovon bis zur Saaner Brücke besuchten, ergänzt er augenzwinkernd.

Um den Kreislauf zu schliessen, kommt Rolf Steiger unweigerlich zurück zum Röstigraben-Denkmal am Vanel: «Warum diesen Ort nicht mit Blumen und Bänkli zum Verweilen und Picknicken ausschmücken, damit er zu einem attraktiven, verbindenden Ort zwischen Deutsch- und Welschschweiz werden kann?» Warum eigentlich nicht …?

Lesen Sie das Interview mit Familie Schwitzguébel Zingre aus Saanen auf Seite 11.


KULTUR REGION – ALLIANCE CULTURELLE OBERSIMMENTAL, SAANENLAND, PAYS-DENHAUT

Der politisch und konfessionell unabhängige Verein dient seit 1977 der Förderung von kulturellen Aktivitäten in den drei Regionen. Die Förderung besteht in der Vergabe von Geldern der staatlichen Kulturförderung der Kantone Bern und Waadt, der Gemeinden und Kirchgemeinden der drei Regionen und der Mitgliederbeiträge. Die Verwaltung des Geldes zur Kulturförderung in der Region durch Leute, die mit den Regionen und deren kulturellen Aktivitäten vertraut sind, erlaubt den differenzierten Einsatz der finanziellen Ressourcen und auch die direkte Kontrolle über die Verwendung der Mittel. Durch den Zusammenschluss der drei Regionen können die knappen Mittel besser verteilt werden und der Einbezug des Pays-d’Enhaut ermöglicht den direkten Austausch über die Sprachgrenze hinweg.

www.kultur-culture.ch

 

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