«Kälber an die frische Luft»

Fr, 13. Mär. 2020

Dr. Heckert, pensionierter Oberarzt der Klinik für Klauentiere der FU Berlin (und mein Prüfer in Rinderchirurgie im 3. Staatsexamen), schaute sich Betriebe im Saanenland an und propagierte Kälte für die neugeborenen Kälber. Offensichtlich nahmen die Beschwerden über die Iglu-Haltung von Kälbern so überhand, dass ein Fachtierarzt aus Berlin die Situation entschärfen sollte. Allerdings bedeutet eine wissenschaftliche Unterstützung nicht unbedingt, dass damit automatisch der Tierethik Genüge getan wäre.

Es ist nun so, dass, genau wie in jeder privaten Tierarztpraxis für Grosstiere, auch die Existenz der Universitätsangestellten der Wiederkäuerkliniken von der Viehhaltung, wie sie bislang betrieben wird, abhängt. Dass die meisten Erkrankungen wie Labmagenverlagerungen, Nachgeburtsverhaltungen, Festliegen nach der Geburt aufgrund von Ca-Defiziten, Klauen- oder eben Kälbererkrankungen systemimmanent, also direkt abhängig sind von den Züchtungen, Haltungsformen und abstrusen Leistungen, die diese Tiere erbringen müssen, wird grundsätzlich aussen vorgelassen. Da werden sinnlose Studien erstellt über sinnlose Fragestellungen und an den Tieren wird herumgeschnitten und mediziniert, bis der Organismus – zumindest für eine Weile – mitspielt. Wenn es dann nicht mehr geht, ist die nächste Station der Metzger.

Ihr Leben verbringen diese Lebewesen, die im Übrigen Angst, Schmerz, Trauer und Verzweiflung genauso fühlen wie wir, entweder mehrere Monate im Jahr an der Kette oder in nicht wirklich besseren sogenannten Laufställen.

Und dann eben besagte Kälberhaltung. Diese Kälber-Iglus sind der Gipfel einer Absurdität im Umgang mit empfindenden Lebewesen (wobei das Anbinden nach der Geburt oder das isolierte Unterbringen in Boxen keine besseren Alternativen darstellen). Dass für unsere Gier nach dem Produkt Muttermilch in Form von Butter, Milch, Sahne, Joghurt, Käse etc., das wir erstens als erwachsene Lebewesen (ja warum gibt es die sogenannte Laktoseintoleranz – hat ja wohl schon einen Sinn, oder?) und zweitens als artfremde Spezies definitiv nicht benötigen, Kühe jedes Jahr zwangsbesamt (eine Kuh muss ein Kalb bekommen, sonst gibt sie auch keine Milch, ein Sekret, das sie nur für ihr Kalb produziert – eigentlich) und Kälber als Abfallprodukt der Milchwirtschaft der Mutter direkt nach der Geburt weggenommen werden, hat die Natur definitiv so nicht vorgesehen.

Auch die Haltung von zu vielen Tieren auf engem Raum und unter nicht optimalen hygienischen Bedingungen (zu viel an Tieren, zu viel an Mist und Feuchtigkeit, zu viel an Medikamenten, zu viel an Stress, zu wenig Hygiene) mit daraus resultierendem Anstieg der Keimmengen kann einen Organismus, der, wie bei einem neugeborenen Kalb, noch nicht immunkompetent ist, belasten. Als Konsequenz daraus dann aber die Kälber in Isolationshaft in die Iglus zu verbannen, zeigt nur einmal mehr die Pervertierung eines tierverachtenden Systems (das Schema über die Keimbelastung Stall- versus Aussenluft ist übrigens falsch – hier spielt auch die Keimmenge aus der Streu am Boden des Iglus eine Rolle, das Kalb baumelt ja wohl schlecht in der Luft …).

Kommen wir noch einmal zum Immunsystem: Ein Kalb muss relativ bald nach der Geburt die Erstmilch seiner Mutter bekommen, da diese wichtige Abwehrstoffe enthält (perfekt abgestimmt auf die Umgebungskeime, in die das Kalb hineingeboren wird), welche das Kalb nur in einem begrenzten zeitlichen Rahmen verwerten kann, wobei Steinhardt et al. (1997) nachweisen konnten, dass nicht der Zeitfaktor das Wichtigste ist, sondern dass Faktoren, wie die Interaktion der Immunglobuline sowohl untereinander als auch mit anderen Faktoren (Proteine und IGFs, d.h. Wachstumsfaktoren) die Menge der Erstmilch und auch Einflussgrössen aus der Umwelt, wie beispielsweise soziale Kontakte, die ja in der Isolation in einem Iglu gleich null sind, eine noch grössere Rolle spielen.

Versorgt mit dieser Erstmilch, sind Kälber eigentlich gut gewappnet für einen Start ins Leben. Durch die oben genannten Systemfehler und durch die nicht erfolgte oder zu kurze Stimulation der Körperfunktionen durch das Belecktwerden durch die Mutter (die Kälber sind in der Regel noch nass von der Geburt, wenn sie von der Mutter entfernt werden), den massiven Anstieg an Stressfaktoren durch dieses Wegnehmen der Mutter (wobei auch die Mutterkühe massiven seelischen Schmerz und damit Stress durch diese Trennung erfahren …), was die Aufnahme der Immunglobuline negativ beeinflusst und einem unzureichendem Tränkeschema (ein Kalb trinkt pro Tag ca. achtmal bei der Mutter und gerade nach der Geburt öfter in kleinen Portionen – Stichwort Wichtigkeit der Rhythmizität der Erstmilchaufnahme) –, aus arbeitstechnischen Gründen wird die Eimertränke nur zweimal am Tag verabreicht –, resultieren Adaptationsprobleme an die Umwelt und eine höhere Disposition für Erkrankungen. Daraus aber eine Isolationshaft als Antwort abzuleiten und als Begründung eine «Konditionierung für die Weidehaltung» zu proklamieren, kann man nur noch als zynisch werten.

Daneben gibt es etliche Studien, die nachweisen, dass die isolierte Aufzucht das zukünftige Leben dieser Kälber negativ beeinflusst – als Erwachsene können diese Tiere extrem schlecht mit Stress umgehen (und jeder weiss inzwischen von der Korrelation zwischen psychischem Stress und der Disposition für körperliche Erkrankungen) und auch die sozialen Kompetenzen, die für das Herdentier Rind enorm wichtig sind, sind deutlich herabgesetzt.

Vielleicht ist es auch an der Zeit, über unseren so selbstverständlich anthropozentrischen Umgang mit nichtmenschlichen Tieren nachzudenken und Dinge, die wir als unser Recht betrachten, in Frage zu stellen. Nur, weil wir vielleicht in früheren Zeiten Handlungen und Dinge zum Überleben benötigten oder Dinge taten, weil wir es nicht besser wussten, bedeutet dies nicht, das wir Abstrusitäten, die mit dem Leid unserer Mitgeschöpfe verbunden sind, akzeptieren, auch wenn sie von wissenschaftlicher Seite (wie gesagt, auch die Wissenschaft ist nicht objektiv, sondern in ein System eingebunden, von dem sie abhängig ist) abgesegnet werden.

Vielleicht sollten wir uns öfter in die Lage der anderen Lebewesen versetzen und uns überlegen, ob es moralisch richtig ist, was wir machen – Kälber-Iglus, genau wie die gesamte «Kälberwirtschaft» und das System, die dahinterstehen, sind es definitiv nicht. Und vielleicht sollten Menschenmütter einmal darüber nachdenken, ob sie ihren Säugling direkt nach der Geburt abgeben würden, damit dieser, betreut von fremden Personen, an der «frischen Luft», beispielsweise auf dem Balkon, aufgezogen würde …

Wer an Studien interessiert ist, kann sich gerne an mich wenden.
MED. VET. SILKE FROHLOFF, M. A.,

TIERÄRZTLICHES ZENTRUM ARCHE, GSTAAD

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