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Corona macht das Gewerbe erfinderisch

Fr, 20. Mär. 2020
Der Lockdown sorgt in Gstaad für eine leere Promenade, viele Geschäfte sind geschlossen. FOTOS: KEREM MAURER

Seitdem der Bundesrat die Coronasituation in der Schweiz als «aussergewöhnliche Lage» gemäss Epidemiegesetz eingestuft hat, ist in der Schweiz und damit auch im Saanenland das Gewerbe wegen der neuen Massnahmen gefordert. Viele Geschäfte müssen geschlossen bleiben. Doch es wird viel getan, damit die Kundinnen und Kunden nicht im Regen stehen gelassen werden.

KEREM S. MAURER
Bis am 19. April 2020 sind öffentliche und private Veranstaltungen untersagt. Einkaufsläden, Märkte, Restaurants, Bars, Betriebe des Nachtlebens sowie Museen, Bibliotheken, Kinos und Sportzentren müssen geschlossen bleiben. Ebenso gilt dies für Betriebe mit personenbezogenen Dienstleistungen mit Körperkontakt wie Coiffeure, Massagen, Tattoo-Studios und Kosmetik. Dieser sogenannte Lockdown hat für die Betroffenen teilweise weitreichende Folgen, Existenzen stehen auf dem Spiel.

Kunst ist kein Thema
Auch Künstler sind derzeit gezwungen, ihre Galerien zu schliessen. Einer von ihnen ist Greg Holt, Inhaber der Simple Gallery in Gstaad. Bereits die letzten Monate seien nicht besonders stark gewesen, erklärt er auf Anfrage und betont, die Schliessung seiner Galerie treffe ihn hart. «Im Moment haben die Leute Angst. Und wer Angst hat, denkt zuletzt daran, sich ein Kunstwerk zu kaufen», sagt er. Ebenso gebe es jetzt viele Menschen, die sparen würden und diesen komme es kaum in den Sinn, ihr Geld für Kunstwerke auszugeben. Seine Fixkosten laufen natürlich weiter, nur Einnahmen generiert er vorläufig keine. Das kann auf Dauer nicht aufgehen. «Ich bin im Gespräch mit meinem Treuhänder», sagt Holt und betont, es sei wichtig, mit Vermietern und jenen Personen, bei denen man offene Rechnungen habe, das Gespräch zu suchen. Für besonders stark betroffene Unternehmen prüft der Bundesrat eine finanzielle Unterstützung für Liquiditätsüberbrückungen oder Finanzhilfen im Sinne einer Härtefallregelung. Bis zum 1. April wollen die Behörden eine Lösung präsentieren, wie die notwendigen Mittel beantragt werden können.

Lieferservice für Haarpflegemittel
Nicht ganz so dramatisch sieht Monicca Bigler, Inhaberin von Hair Room Gstaad, die Situation, obschon auch sie sagt: «Die Schliessung unseres Geschäfts trifft mich unmittelbar und mitten ins Herz!» Sie hätten sich überlegt, ihre Kundinnen und Kunden zu Hause zu bedienen, aber das sei keine gute Idee, denn auch dort könnten sie den geforderten Mindestabstand nicht einhalten, also würden sie darauf verzichten. «Ich bin der Ansicht, dass man die Anordnungen des Bundesrates ernst nehmen und genau befolgen muss», so Bigler. Dafür haben sie einen Heimlieferdienst ins Leben gerufen, erzählt sie. Kundinnen und Kunden könnten bei ihnen per Telefon oder E-Mail ihre Haarpflegemittel oder -färbemittel bestellen. Diese würden dann nach Hause in den Briefkasten geliefert, um den persönlichen Kontakt zu vermeiden. Abgesehen davon nutze sie die Zeit des Lockdowns, ihr Geschäft aufzuräumen und gründlich zu putzen. Damit Ihre Kundinnen nach der Krise einen blitzblank sauberen Coiffeursalon vorfänden. «Denn dann werden wir plötzlich wieder ganz viel zu tun haben!», lacht Monica Bigler.

Anweisungen ernst nehmen
Auch wenn Brillen als medizinische Hilfsmittel vom Lockdown teilweise nicht betroffen seien, würden sie von Gstaad Optik AG ihre Verantwortung als Gesundheitsoptiker wahrnehmen und ihr Geschäft schliessen, um das Risiko zu minimieren. Brillen und Sonnenbrillen würden vom Kunden spontan anprobiert, erklärt Reber. Alle Modelle zu desinfizieren sei nicht realistisch. Ebenso könne der geforderte Mindestabstand beim Brillenanpassen und bei Augenprüfungen nicht eingehalten werden. Allerdings würde im hinteren Bereich weitergearbeitet. So seien momentan ordentliche Augenprüfungen und Kontaktlinsenkontrollen im Notfall möglich. Auch seien sie per E-Mail oder telefonisch für ihre Kunden erreichbar und sie könnten vormittags nach Terminvereinbarung bedient werden. Nach wie vor könne alles bestellt werden und bei Bedarf würden die Produkte nach Hause geliefert. Zum Stichwort Kurzarbeit sagt Inhaber Philipp Reber, dass dies ein Thema werden könnte und sie bereits mit reduziertem Team arbeiteten. Sein Rat an alle: «Wir empfehlen, tief Luft zu holen, die Welle über uns ergehen zu lassen und danach in vollem Tatendrang weiterzugehen!»

Nicht alle begreifen den Ernst der Lage
Offensichtlich tun die Geschäftsleute, Verkäuferinnen und Verkäufer alles, um ihre Kunden und Kundinnen während des Lockdowns so gut wie möglich zu bedienen, sie nicht im Regen stehen zu lassen. Doch wie sieht es aus Sicht der Kunden aus? Nicht wenige Angestellte und Geschäftsinhaber finden, Einkaufende sollten mehr Respekt walten lassen. Eine Unternehmerin, die ihren Namen an dieser Stelle nicht genannt haben möchte, sagt, es gebe offensichtlich immer noch Menschen, die den Ernst der Lage nicht begriffen haben oder nicht begreifen wollen. Sie erzählt von ganzen Gruppen von Menschen, die in ihren Laden kämen, wüst in der Gegend herumhusteten und sich über die Massnahmen des Bundes genauso lustig machten wie über die Bemühungen des Verkaufspersonals, diese ordentlich umzusetzen. Und das, findet sie, gehe gar nicht. Eine andere Verkaufsperson ärgert sich praktisch täglich über das ungehobelte verhalten von Konsumenten und Konsumentinnen, die sich lautstark über das Verkaufspersonal aufregen, nur weil das eine oder andere Produkt momentan ausverkauft ist. Auch sie wünscht sich in diesen Zeiten mehr Respekt und Anstand von Kundenseite. Auch vielen über 65-Jährigen ist nicht bewusst, dass sie zu Hause bleiben sollten. Jeder, der schwer erkrankt, besetzt ein leeres Spitalbett und bindet so Ressourcen. Philipp Reber bringt es mit seinem Appell auf den Punkt: «Wir appellieren an alle, sich an die Regeln zu halten, um sich und andere zu schützen, damit die Restriktionen nicht noch härter werden!»

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