Grosseltern im Homeschooling

Di, 07. Apr. 2020
So viel Zeit muss sein, um während der Stallarbeit mit dem Grossmuetti zu plaudern. FOTO: ZVG

Seit dem 13. März ist sehr vieles nicht mehr, wie es war. Innert kürzester Zeit hat sich das Bild unserer Gesellschaft verändert. Schulhausplätze sind leer, Sportanlagen verwaist, die Parkplätze meistens gross genug und in Bussen und Zügen hat es jede Menge Sitzplätze, weil Risikopersonen den öffentlichen Verkehr meiden sollen. Auch die Grosseltern spielen nicht mehr die gleiche Rolle. Je nach Alter gehören sie zur Risikogruppe und sind angehalten, die Grosskinder nicht mehr zu sich zu nehmen.

VRENI MÜLLENER
«Es fehlt mir, die Kinder so richtig knuddeln zu können», bringt es eine Grossmutter aus der Lauenen auf den Punkt. Wenn die Familien innerhalb des Saanenlandes daheim sind, ist es noch einfach, einmal mit einem Schwatz zum Fenster hinaus oder beim Vorüberspazieren wenigstens Sichtkontakt zu pflegen. Es ist die körperliche Nähe, die vor allem kleineren Kindern wie auch Grosseltern fehlt. Obwohl die Technik viele Möglichkeiten bietet, lässt sich das «Knuddeln» nicht so leicht ersetzen.

Diese Zeit verändert gerade so viel im Alltag. Als positiv kann die Weiterbildung der älteren Generation im digitalen Bereich genannt werden. Obwohl gesagt werden kann, dass sich sehr viele – früher irgendeinmal – dank Einsteigerkursen mit der Computertechnologie auseinandergesetzt haben. Aber in der gegenwärtigen Lage werden vermehrt Whatsapp, kleine Filme und Sprachnachrichten hin und her gesandt, was natürlich schon viel Freude und Abwechslung bringt. Plötzlich probieren auch ältere Semester, ob sie das Telefonieren mit Facetime und Videofunktion beherrschen. Sie hätten diese Technik benutzt, als ihre Tochter auf Weltreise war, heute sei sie froh, so mit den Grosskindern zu kommunizieren, betont eine jung gebliebene Grossmutter aus den Gruben. Wie man aber der kleinen Enkelin klarmacht, dass das Grosi nur auf dem Bild zu sehen und nicht greifbar da ist, dazu braucht es dann die liebevolle Unterstützung der Eltern. Auch wenn diese Grosseltern nicht zur Risikogruppe gehören, verzichten sie darauf, ihre Enkel an den Familientisch zu nehmen, da der Kreis, in dem sich diese Familien im Alltag bewegt, zu gross und zu riskant ist.

Konfirmation vertagt
«Bei uns wird die Konfirmation eines Enkels vertagt, wahrscheinlich etwas noch nie Dagewesenes,» meint ein anderes angesprochenes Grosi. Ihre vier Enkelkinder sind bereits grösser. «Auf eine neue Technologie habe ich mich nicht eingelassen», meint die Rentnerin, «Ich freue mich, per SMS zu erfahren, wie es ihnen geht und wie und wo sie gerade dran sind.»

«Unsere Jüngste hat in diesem Winter ihr drittes Kind bekommen, und da musste ich unbedingt lernen, mit Facetime umzugehen», so eine Frau aus Schönried, «sonst verpasse ich ja die Entwicklung meines Enkels, die so schnell geht.» Sie müsse weiterhin im Verkauf arbeiten, obwohl ihr Mann ein Risikopatient sei, und da hätten sie den nahen Kontakt zu den Enkeln vollständig eingestellt, um das Risiko so klein wie möglich zu halten.

Nachdem ich verschiedenen Grosseltern befragt hatte, war es höchste Zeit, selber herauszufinden, ob ich eigentlich mit meinem Handy auch einen Videoanruf tätigen könne. Und siehe da, nach einigen Erklärungen und zwei Probeläufen sahen der staunende Grossvater und ich die Enkelkinder vor uns, zwar mit einem unruhigen Bild, aber wir konnten sie sehen und sie sprachen alle durcheinander – man hat eben nie ausgelernt! In manchen Familien spielt es sich langsam ein, dass in die moderne Art der Kommunikation eine Regelmässigkeit kommt, z.B. findet jeden Sonntagabend eine Familienvideokonferenz statt.

Die Postboten nicht vergessen
Dass herkömmliche Mittel auch ihren Zweck erfüllen können, zeigte ein liebevoll adressierter Brief im Briefkasten mit der Anschrift «An Grossmuetti und Grosspapa». Eine fantasievolle Halskette mit den eingeflochtenen Buchstaben «Grossmuetti» und eine Zeichnung für den Grosspapa in Gstaad regte in der älteren Generation die Fantasie an, was aus Papier gefaltet werden könnte, um den Kindern etwas Lustiges per Post zurückzusenden – als willkommene Abwechslung im Homeschooling oder in der Lebensschule zu Hause. Die Enkelkinder eines Grosis aus Feutersoey sind bestimmt nicht die einzigen, die dieses Jahr eine liebevoll gestaltete, von Hand geschriebene Karte im Osternest finden werden.

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