Endlich wieder zum Grosi ins Altersheim

Di, 12. Mai. 2020
Die Begegnungszone im Mehrzweckraum des Maison Claudine Pereira: Hier werden die Bewohnenden durch Plexiglas vor Ansteckungen geschützt. FOTO: ZVG

Seit dem 13. März waren Besuche in Alters- und Pflegeheimen verboten. Nun aber dürfen die bernischen Heime ihren Bewohnern wieder gestatten, Besucher zu empfangen – unter strengen Auflagen. Auch die Heime in Saanen und Lauenen haben individuelle Schutzkonzepte erarbeitet und empfangen wieder Besucher.

SONJA WOLF
Die Freude und Erleichterung sind gross: Es ist im Kanton Bern wieder erlaubt, seine Angehörigen in den Altersund Pflegeheimen zu besuchen. Auch die Heime Sunnebühl in Lauenen, Maison Claudine Pereira (MCP) und Pfyffenegg in Saanen haben seit gestern wieder die Türen für Besucher geöffnet. Das geht natürlich nicht ohne ein wohl durchdachtes Schutzkonzept. «Wir orientieren uns sehr genau an den Empfehlungen des Bundes und Weisungen des Kantons», versichert Edwin von Siebenthal, Leiter des Alters- und Pflegeheims Pfyffenegg.

Erarbeitung eines Besuchsmanagements als Voraussetzung
Der Kanton Bern sieht in einem Schreiben vom vergangenen Mittwoch vor, dass die Einrichtungen jeweils ein individuelles Schutzkonzept für ihre Institution erstellen müssen, um Besucher empfangen zu dürfen. Dieses muss die Einhaltung der Hygienevorschriften des BAG garantieren und die Bedingungen vor Ort berücksichtigen. Je nach Personal, Infrastruktur des Heimes und den Bedürfnissen der Bewohnenden und der Angehörigen kann das Konzept also ganz verschieden aussehen. Auf jeden Fall müssen die internen und externen Bewegungsströme auf dem Heimareal getrennt sein. Nicht zuletzt sollten auch der Heimarzt und die Trägerschaft mit dem ausgearbeiteten Besuchsmanagement einverstanden sein.

So funktionieren die Besuche im Saanenland
«Keine leichte Aufgabe, aber wir haben individuelle Lösungen für das Maison Claudine Pereira und für das Sunnebühl in Lauenen ausgearbeitet», erklärt André Streit, Geschäftsführer der Alterswohnen STS AG, zu der auch die Heime in Zweisimmen, Thun und Grosshöchstetten gehören.

«Im Maison Claudine Pereira haben wir im Mehrzweckraum eine Besuchszone eingerichtet», so Streit. Der Heimbewohnende wird durch eine Plexiglasscheibe von seinen Angehörigen (maximal zwei) getrennt sein. «In Lauenen dagegen haben wir uns für die Variante unter freiem Himmel entschieden. Wir haben viel Platz draussen und können zwei Tische aufstellen, in gebührendem Abstand natürlich.» Die Angehörigen sind vom Bewohnenden durch einen Zaun getrennt, das Heim selbst wird von den Besuchern gar nicht betreten. Getrennte Besucherströme sind bei beiden Varianten gesichert, da die Besucher und die Heimbewohnenden nicht auf dem gleichen Weg in die Begegnungszone gelangen und die Besuche zudem streng terminiert werden. Die Angehörigen müssen das jeweilige Heim anrufen, werden über die terminlichen Möglichkeiten informiert und vereinbaren einen festen Termin. Am Besuchstag selbst bringt ein Mitarbeiter die Angehörigen, ein anderer den Heimbewohner zum Treffpunkt und instruiert sie über den Ablauf und die Dauer des Besuchs. Hygienemasken und Desinfektionsmittel stehen bereit, die Besucher dürfen aber auch ihre eigene Maske mitbringen. Der Besuch wird etwa eine halbe bis maximal eine Stunde dauern. André Streit: «Körperkontakt ist nicht erlaubt, sonst müsste der Bewohner hinterher im Zimmer isoliert werden.»

Verschiedene Gegebenheiten – verschiedene Konzepte
Ein anderes Besuchskonzept zum Schutz seiner Heimbewohner hat Edwin von Siebenthal erarbeitet und auch seinem Heimarzt und dem Präsidenten des Trägervereins Alters- und Pflegeheim Pfyffenegg vorgelegt. «Unsere Zimmer sind gross genug, das grösste 25 Quadratmeter. Wir erachten es als die sicherste Variante, wenn die Besuche im jeweiligen Zimmer stattfinden, bei gutem Wetter alternativ auch auf der Terrasse mit entsprechendem Abstand.» Allerdings dürfen nicht zu viele Besucher kommen. «Wir haben die Angehörigen aufgefordert, sich innerhalb der Familie abzusprechen.» Pro Besuch wären das maximal zwei nahe Verwandte der Bewohnenden, also Kinder oder Grosskinder. Desinfektionsmittel stehen am Eingang bereit, Masken mitzubringen steht im Ermessen der Besucher, wird aber bei Menschen mit Demenz dringend empfohlen, da Abstand halten in diesen Fällen manchmal nicht gelingt. Generell setzt von Siebenthal mit diesem Entwurf stärker auf die Eigenverantwortung der Besucher, da die Besuche in den Zimmern privater ablaufen als im Garten vom Sunnebühl oder in der Besuchsbox im Mehrzweckraum des MCP. Auch brauchen die Besucher keinen Termin zu vereinbaren. Die vom Kanton getrennt zu haltenden Besucherströme können laut von Siebenthal dennoch gewährleistet werden, da die Besucher durch den Haupteingang hereinkommen und durch die Hinterausgänge das Gebäude verlassen.

Lockerungen dank positiver Entwicklung
Die Verantwortlichen der Alterswohnen STS AG haben sich bereits seit einiger Zeit mit dem Schutzkonzept für ihre Heime befasst und orientierten sich dabei an der Zürcher Lösung. So konnten sie, wie auch Edwin von Siebenthal, das Schutzkonzept für ihr Besuchsmanagement sofort nach Erscheinen der kantonalen Weisungen Ende letzter Woche umsetzen und unverzüglich an die Angehörigen verschickten. So besteht bereits seit gestern Montag die Möglichkeit, das Grosi und den Grossvati im Altersheim zu besuchen.

Wie kam es zur Lockerung zum jetzigen Zeitpunkt? Seit dem 13. März galt ja bekanntlich ein Besuchsverbot in Alters- und Pflegeheimen mit Ausnahme der Besuche bei Sterbenden. Die Lockerung kam dann gut sechs Wochen später: In einem Schreiben vom 29. April empfahl das Bundesamt für Gesundheit zwar immer noch, die Besuche bei der besonders gefährdeten Altersgruppe restriktiv vorzusehen. Allerdings räumte es ein, dass die Besuchsregelung von der «epidemiologischen Situation» in den einzelnen Kantonen abhänge und damit in der Kompetenz der Kantone liegen solle. Viele Kantone haben daraufhin Lockerungen beschlossen, so auch der Kanton Bern mit seinen Weisungen an die Institutionsleiter vom vergangenen Mittwoch.

Die Zahlen lassen tatsächlich eine solche Entscheidung zu: Derzeit entfallen von den 1832 bestätigten Covid-19-Infektionen im Kanton Bern 53 auf den Verwaltungskreis Obersimmental-Saanen. Vier wurden hospitalisiert und die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 liegt unverändert bei 2. In den Alters- und Pflegeheimen des Saanenland gab es laut von Siebenthal und Streit glücklicherweise keinen einzigen Covid-19-Fall. Somit scheint die vorsichtige Öffnung der Heime für Angehörige unter den strengen Schutzkonzepten angebracht und vor allem gut für die Psyche der Heimbewohnenden.

Gemeinsam durch die knapp zwei Monate Besuchsverbot
Allerdings war die besucherfreie Zeit für die meisten eine nicht allzu schlimme Zeit, da sich das Personal so einiges hat einfallen lassen, um ihren Schützlingen den Lockdown zu versüssen. So berichtet André Streit von Konzerten auf den Vorplätzen der Häuser, welche die Bewohnenden von innen verfolgen konnten, oder von Aktionen mit selbstgebackener Pizza, welche die Bewohnenden im sonst verwaisten Restaurant oder auf dem Vorplatz gemeinsam verspeisen konnten. Auch Edwin von Siebenthal weiss über Extra-Aktivitäten zu berichten wie Lottospielen oder Singen. Diese werden seit dem Lockdown durch eigenes Personal angeboten, statt wie bisher durch freiwillige Helfer. Im Tagesablauf hat sich für die Senioren wenig geändert. In der Pfyffenegg wurden lediglich die Sitzmöglichkeiten in Ess- und Aufenthaltsräumen etwas ausgedünnt für mehr Distanz, aber von Siebenthal hat den Eindruck, dass sich die Bewohner «häufiger an den Gemeinschaftsplätzen getroffen haben und mehr miteinander geredet haben. Vielleicht um den fehlenden Kontakt mit den Angehörigen zu kompensieren». Das Wetter hat während des Lockdowns ja perfekt mitgespielt und so konnten die Senioren in allen drei Heimen der Region die Terrassen und Spaziergänge auf dem Areal geniessen. Auch wurde ihnen geholfen, mit ihren Liebsten per Skype und Whatsapp zu kommunizieren. Das hat natürlich nicht den persönlichen Kontakt ersetzt, aber der ist ja nun wieder möglich. André Streit freut sich darüber, appelliert aber auch an unser aller Verantwortungsbewusstsein: «Wir sind sehr froh, dass viele Einschränkungen ab dem 11. Mai wieder aufgehoben werden. Die Gefahr einer Ansteckung mit dem Covid-19 steigt aber wieder und wir dürfen daher nicht nachlassen in unseren Anstrengungen, das Virus zu bekämpfen. Jeder Einzelne und nicht nur die Heime sind gefordert!»

 

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