Ernüchternde sieben Wochen für Abschluss- und Übertrittsklassen

Fr, 08. Mai. 2020
Gesamtschulleiter Martin Stähli. FOTOS: BLANCA BURRI

Der Schulalltag beginnt am Dienstag. Gesamtschulleiter Martin Stähli blickt in eine herausfordernde Zukunft. Weil alle Schulanlässe abgesagt wurden, werden die letzten sieben Wochen vor allem für Übertritts- und Abschlussklassen herausfordernd.

BLANCA BURRI

Wie geht es den Lehrpersonen beim Wiederbeginn?
Wir fühlen uns schon ein wenig wie Versuchskaninchen. Weil der Föderalismus durchdrückt, fährt jeder Kanton sein eigenes Züglein. Zudem ist der Leitfaden vom Kanton zum Teil offen formuliert und nicht identisch mit den Aussagen im Schulkonzept des BAG. Vor allem können wir die Empfehlungen des BAG bezüglich Distanz bei Schülerinnen und Schülern über zehn Jahre nicht einhalten, weil wir schlicht und einfach zu wenig Platz haben und weil Unterrichten mit Kontakten zusammenhängt.

Wovor haben Sie am meisten Bedenken?
Ich finde, die einheimische Bevölkerung hat sich sehr diszipliniert an den Slogan «Bleiben Sie zu Hause» gehalten. Ich weiss aber aus verlässlicher Quelle, dass es einige Chaletgäste gab, die zwischen der Stadt und dem Saanenland hin und her pendelten. Die im «Anzeiger von Saanen» veröffentlichten Zahlen zeigten auch eindeutig, dass in unserer Region prozentual weitaus am meisten Corona-Fälle des ganzen Kantons registriert worden sind. Deshalb fürchte ich mich davor, dass Kinder, deren Eltern in Chalets mit Corona-Patienten Arbeit verrichteten, das Virus unbewusst in die Schule bringen.

Womit werden die Schüler am meisten zu kämpfen haben?
Für die Übertritts- und Abschlussklassen werden die sieben letzten Wochen ernüchternd werden. Vorgesehen waren lange Schulreisen, Theatervorführungen, ein Unterhaltungsabend und vieles mehr. Wir haben alle Anlässe inklusive Examen bis zu den Sommerferien abgesagt. Auch dürfen wir weder Reisen noch grössere Events planen.

Gibt es eine Klasse, die Ihnen am meisten am Herzen liegt?
Eine Klasse hat mehrfach Pech gehabt. In der siebten verstarb ihre Klassenlehrerin, die sie gar nie kennengelernt hatten. Die Stellvertretung, welche mehrmals verlängert werden musste, verlief nicht immer reibungslos und zufriedenstellend. Nach einer guten achten Klasse musste die Klasse aufgrund des kleinen Jahrgangs zusammengelegt werden. Weil aber weniger Kinder als vermutet das Gymnasium besuchten, wurde es eine sehr grosse Klasse. Und nun das Coronavirus, welches das Abschlussprojekt und die Abschlussreise über den Haufen wirft. Das find ich bitter.

Wie können Sie die Schüler bei Laune behalten?
Die Lehrkräfte haben eine positive Grundhaltung und haben ein tolles Programm zusammengestellt. Sollten die Massnahmen am 8. Juni weiter gelockert werden, können sich die Neuntklässler auf ein spannendes Outdoorprogramm freuen. Auch werden sie statt dem normalen Unterricht von projektbezogenem Unterricht profitieren können. Wir ermuntern die Schüler auch, in den Lehrbetrieben Praktika zu absolvieren, damit sie weitere praktische Erfahrungen sammeln können.

Was passiert mit all den bereits einstudierten Theatern?
Wenn wir sie nicht vor Publikum aufführen können, werden wir sie aufzeichnen und die Filme den Eltern und Interessierten digital zukommen lassen.

Wie beurteilen Sie den Lockdown aus der Sicht der Schülerinnen und Schüler?
Es war bestimmt für fast alle eine grosse Herausforderung, weil viel Selbstdisziplin gefragt war und die sozialen Kontakte fehlten. Aber es gab sehr schöne Produkte und und gute Aktionen, die entstanden sind, zum Beispiel haben die Kinder mit den Eltern musiziert oder gemeinsam gebastelt. Solche Extremsituationen bieten halt auch immer viele Chancen.

Gab es auch Hilferufe?
Ja, vereinzelt. Die Klassenlehrkräfte, IF-Lehrkräfte und Schulsozialarbeiterinnen haben sich darum gekümmert. Wenn die Kinder mehr Zeit zu Hause verbringen, gibt es automatisch mehr Reibereien, vor allem auch, weil die Eltern plötzlich für mehr Lebensbereiche verantwortlich sind, weil sie zu Hause zum Teil mehrere Stufen unterrichten mussten und weil viele Eltern durch das Homeoffice zu Hause gearbeitet haben.

Wie werden die Schulen den Schulschluss feiern?
Es gibt keine Schulschlussfeiern. Wir versuchen trotzdem, Verabschiedungen entsprechend den bis dahin gültigen BAG-Empfehlungen würdig zu gestalten.

Werden die Schülerinnen und Schüler in den letzten sieben Wochen vermehrt Tests schreiben?
Nein. Natürlich wurden auch während dem Lockdown vereinzelt Produkte oder Tests beurteilt, das kann ja auch sehr motivierend sein. Aber die Beurteilung steht nicht im Zentrum. Wir sind froh, haben wesentliche Entscheide wie der Übertritt in die Sekundarstufe und ins Gymnasium bereits vorgängig stattgefunden. Allfällige Schullaufbahnentscheide werden zugunsten der Schülerinnen und Schüler und im Einverständnis mit den Eltern gefällt.

Ihr Schlusswort?
Wir freuen uns auf die Kinder und die Jugendlichen. Es wird für sie und für uns herausfordernd, aber wir sind guten Mutes. Gemeinsam schaffen wir auch die kommenden Wochen!

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