Musikunterricht einmal anders

Fr, 22. Mai. 2020
Keine Probleme bei der Umsetzung der Schutzmassnahmen: Veronique Gyger unterrichtet Lionel von Grünigen aus der empfohlenen Drei-Meter-Distanz bei Blasinstrumenten. FOTO: ZVG

Das Coronavirus lähmt das kulturelle Leben, Veranstaltungen wie Theater oder Konzerte sind nach wie vor verboten. Auch die Musikschule Saanenland-Obersimmental (MSSO) ist mit zahlreichen Anlässen betroffen. Die Freude am Musizieren bleibt jedoch und der Musikunterricht lief und läuft in jeder Corona-Phasen weiter – dank angepasster Konzepte.

SONJA WOLF
Eigentlich hätte sie feiern wollen: Die Musikschule Saanenland-Obersimmental (MSSO) blickt auf ihr 50-jähriges Bestehen zurück und hatte für 2020 zahlreiche Anlässe geplant. Ende März hätte der Schweizerische Solo- und Quartettwettbewerb, im Juni der Saaner Solowettbewerb stattgefunden. Und am 16. August hätte im Rahmen des Menuhin Festivals das grosse Jubiläumskonzert im Festivalzelt aufgeführt werden sollen. Leider hat das Coronavirus diesem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ob das ganze Jubiläum um ein Jahr verschoben oder ganz abgesagt wird, ist noch offen und wird demnächst vom Vorstand der Musikschule entschieden.

Die Musizierenden von morgen «gluschtig» machen
«Was leider auch ausfallen musste, waren zwölf geplante Schülerkonzerte sowie unsere wichtigste Promotionsveranstaltung, der Schnuppertag, der jährlich im Mai stattfindet», bedauert der Leiter der Musikschule, Michael Bach. An diesem öffentlichen Tag kommen normalerweise bis zu 100 Kinder, um Instrumente auszuprobieren und in die Welt des Musizierens hineinzuschnuppern. «Wir hatten schon alles parat für den Jubiläums-Schnuppertag mit dem musikalischen Märchen ‹Das Zauberschloss›. Leider undenkbar im Moment mit all den Restriktionen!»

Ins Internet möchte die Musikschule ihre Werbekampagne für das neue Semester aber nicht verlegen. Nach Ansicht des Schulleiters konnte man in den letzten zwei Monaten unendlich viele qualitativ schlechte Videos im Netz sehen. «Unser Anspruch ist aber professioneller Musikunterricht, also sollte auch ein derartiges Video professionell sein.» Das sei auf die Schnelle und ohne grossen finanziellen Aufwand aber nicht realisierbar, besonders nicht, weil es 27 Lehrkräfte mit fast so vielen Instrumenten vorzustellen gäbe. Hier eine Auswahl treffen zu müssen, wäre laut Bach nicht gerecht. Selbst wenn man einen Schnuppertag auf Anmeldung und mit Distanz gestalten würde, bliebe das Problem, dass verschiedene Personen nicht das gleiche Instrument berühren dürften.

Präsenzunterricht läuft wieder – mit Schutzmassnahmen
Im Präsenzunterricht, der seit dem 11. Mai wieder in den Räumen der Musikschule stattfinden darf, sind die bundesrätlichen Empfehlungen dagegen leichter umzusetzen: Die meisten Musikschüler bringen seit jeher ihre Instrumente selber mit, und die geforderten zwei Meter Abstand (drei Meter für Blasinstrumente) können in allen Räumen eingehalten werden. Bleibt einzig das Klavier, das von verschiedenen Schülern benutzt wird und dessen Elfenbeintasten nur sehr behutsam mit dermatologisch gut verträglichen Mitteln gereinigt und desinfiziert werden können. Das sei nicht nach jedem Gebrauch zu leisten. Daher desinfizieren die Schülerinnen und Schüler ihre Hände unmittelbar vor und auch nach dem Spielen. Die Lehrperson sitzt in zwei Metern Abstand an einem anderen Klavier. «Wir mussten für jeden der Klavier-Unterrichtsräume im Saanenland und im Obersimmental innert einer Woche ein zweites Klavier organisieren, das war schon eine grosse Herausforderung», erklärt der Schulleiter.

Nicht einfach auch deshalb, weil die Musikstunden nicht in einem einzigen Gebäude stattfinden, sondern in knapp 30 verschiedenen Unterrichtsräumen verteilt auf das Saanenland und Obersimmental. «Das bedeutet ausserdem: Im Schulhaus Rütti gilt unter Umständen nicht genau das gleiche Schutzkonzept wie im Schulhaus Lenk, und im Kirchgemeindehaus Gstaad ist es nicht genau gleich wie im Kirchgemeindehaus Zweisimmen.» Dennoch wurde ein allgemein anwendbares Schutzkonzept gefunden, welches sich in den ersten beiden Wochen nach Wiedereröffnung bereits gut eingespielt hat.

Weisungen bestmöglich eingehalten
Der Verband Bernischer Musikschulen unterliegt den Weisungen der Erziehungsdirektion, das bedeutet, dass die Hygienevorschriften denen der normalen Schulen entsprechen. Auch dort sollen die Schülerinnen und Schüler nicht berührt und stets auf Abstand gehalten werden. «Doch wie soll das funktionieren, beispielsweise im Sport bei der Hilfestellung beim Geräteturnen?», fragt sich Michael Bach. «Und genauso stösst man an seine Grenzen, wenn man Anfängern, besonders kleineren Kindern, die richtige Handhaltung beim Klavier oder die Bogenhaltung beim Geigenspiel erklären will. Dazu ist momentan viel Fantasie gefragt von unseren Lehrkräften, welche uns aber mit ihrem Erfindungsreichtum beeindrucken.»

Freude über Wiederaufnahme des Präsenzunterrichtes
Die meisten Musikschüler sind froh, den Präsenzunterricht wieder aufgenommen zu haben. Es gibt allerdings auch einige wenige, die den Unterricht aus Sicherheitsgründen noch eine Weile über die Distanz fortsetzen möchten. Genauso wie es während des Lockdowns einige Schüler gab, die den ersatzweise angebotenen Online-Unterricht nicht akzeptierten. Viele Lehrkräfte hatten während der Lockdown-Phase die normalen Unterrichtszeiten beibehalten. Einige, denen dies aufgrund der Familienkonstellation mit Homeschooling oder Kleinkindern nicht möglich war, haben zugesandte Videoaufnahmen ihrer Musikschüler kommentiert zurückgesendet. «Es gab immer einen Weg, weiterzuüben und zu musizieren», versichert Bach. Allerdings gebe es, ähnlich wie in der regulären Schule, das Problem, dass sehr motivierte Teilnehmer das Angebot voll genutzt hätten, weniger «angefressene» dagegen etwas abgefallen seien.

Ersatzstunden nötig?
Was passiert nun mit den Schülern, die das Internet-Ersatzangebot der MSSO nicht annehmen konnten oder wollten? Haben sie ein Anrecht auf Ersatz der durch die Corona-Pandemie ausgefallenen Unterrichtslektionen? «Grundsätzlich sind unsere Lehrkräfte nicht dazu verpflichtet, die Lektionen nachzuholen, wenn sie diese online angeboten haben und die Schüler das Angebot nicht nutzen wollten», erklärt Schulleiter Bach. Die Musikschule habe aber ihre Lehrkräfte dazu ermuntert, ausgefallene Lektionen, wo irgendwie möglich, bis zu den Sommerferien zumindest teilweise nachzuholen, damit bis am Ende des Semesters so wenig Lektionen wie möglich fehlen. «Wahrscheinlich können vielerorts Lösungen gefunden werden, aber mit Sicherheit nicht überall», meint Bach. Hier müssten sich die entsprechenden Lehrpersonen und Schüler bilateral verständigen.

Zukunft der Musik in und trotz Corona-Zeiten
Erfreulicherweise gab es jede Menge positiver Rückmeldungen der Schüler und Lehrer während des Online-Musizierens im Lockdown und noch mehr nach der Wiederaufnahme der Kurse. Dennoch macht sich Schulleiter Michael Bach auch seine Sorgen, wenn er an die Musikschule als Arbeitgeber denkt. Was, wenn durch die Unsicherheit während der Corona-Pandemie Schüler wegblieben? Die meisten der Lehrkräfte an der MSSO arbeiten im Teilpensum, viele sind nebenbei freischaffende Künstler und mussten durch die Ausfälle aller musikalischen Anlässe grössere Einbussen hinnehmen. Michael Bach: «Wir hoffen sehr, dass unsere Lehrkräfte durch die Corona-Krise keine Penseneinbussen erleiden werden. Im Gegenteil: Wir hoffen, dass vielen Familien in den letzten Wochen bewusst geworden ist, dass das Musizieren an und für sich ein krisenresistentes Hobby ist, und sie ihren Kindern trotz der aktuell unsäglichen Zeit das Erlernen eines Instrumentes an unserer Musikschule auch in den kommenden Semestern ermöglichen können.»

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