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«Der Bunker von Gstaad» beendet Veranstaltungs-Durststrecke

Di, 09. Jun. 2020
Autor Beutler gibt Kostproben aus seinem neusten Werk. FOTOS: ÇETIN KÖKSAL

Nach der pandemiebedingten Ruhepause für sämtliche Veranstaltungen durfte letzten Donnerstag erstmals wieder eine öffentliche Lesung in kleinem Rahmen im Hotel Alpenland in Lauenen stattfinden. Unter der kundigen Moderation von Liliane Studer (Literarischer Herbst Gstaad) präsentierte der Autor und ehemalige Politiker Peter Beutler seinen neusten Kriminalroman «Der Bunker von Gstaad».

ÇETIN KÖKSAL
Selbstverständlich kann man das elfte Werk des 1942 in Zwieselberg geborenen Schriftstellers auch ohne grosse Vorkenntnisse lesen und den spannenden Krimi geniessen. Hat man aber die dem Roman zugrunde liegende Thematik und ihre Bedeutung in der jüngeren Schweizer Geschichte etwas präsent, versteht man die Brisanz natürlich besser. Hier eine sehr beschränkte und vereinfachte Kurzzusammenfassung der Ereignisse, welche ab 1990 die Öffentlichkeit beschäftigten.

P-26 und «Schweizerhof»
Die geheime Widerstandsorganisation operierte ab 1981 unter dem neuen Decknamen Projekt 26. Die Namensgebung bezog sich auf den Sicherheitspolitischen Bericht des Bundesrates von 1973, Ziffer 426. P-26 sollte im Falle einer militärischen Besetzung der Schweiz durch eine feindliche Macht in erster Linie dafür sorgen, dass die evakuierte Landesregierung (Bundesrat) mit zuverlässigen Informationen über die Lage im besetzten Gebiet versorgt werden konnte. Im Weiteren wurden die Mitglieder des P-26 in den Widerstands-«Fächern» ziviler Ungehorsam, Propaganda, Lächerlichmachen des Gegners oder Sabotage gegen die Infrastruktur ausgebildet. Kampfhandlungen gegen die Besatzer waren hingegen nicht vorgesehen. Auch wenn im heutigen Kontext eine Bedrohungslage mit militärischer Besatzung als weit entfernt erscheint, muss man sich bewusst sein, dass sie bis zum Ende des Kalten Kriegs durchaus real war. Es gab tatsächlich Pläne vonseiten des Warschauer Pakts zur Teil- oder Vollbesetzung der Schweiz, und die hiesigen Militärstrategen konnten realistischerweise nicht von einer erfolgreichen Landesverteidigung gegen die Sowjetarmee ausgehen. Projekt 26 sollte im Fall einer Niederlage der Schweizer Armee den Widerstand organisieren und Nachrichten beschaffen.

Fast zuoberst im Oberbort befindet sich der Bunker von Gstaad, welcher unter dem Decknamen «Schweizerhof» vom P-26 betrieben wurde. Die in den Fels gebaute Bunkeranlage diente als Ausbildungsort für zukünftige Mitglieder und hätte im Ernstfall bei einer Teilbesetzung nur des Mittellandes dem P-26-Führungsstab als Basis gedient. Über die Sendeanlage auf dem Flugplatz Saanen hätte dieser die Nachrichten von den 40 Widerstandsregionen empfangen können und den daraus erstellten täglichen Lagebericht über die besetzten Gebiete an den Regierungsbunker senden können.

Skandale um 1990
Der Skandal um die erste Schweizer Bundesrätin, Elisabeth Kopp, und ihren Ehemann führten zur Einsetzung einer Parlamentarischen Untersuchungskommission (PUK), die bei ihrer Tätigkeit auf 900‘000 Fichen stiess. Im Geheimen führte die Bundespolizei eine Karteikarten-«Datenbank» (Fichen) mit angeblich brisanten Informationen über Personen und Organisationen. Da auf einigen dieser Fichen Querverweise zum Militärdepartement gefunden wurden und der öffentliche Druck auch wegen einer Publikation («Geheimarmee der EMD-Spione») rasant zunahm, einigten sich die Bundesratsparteien auf die Einsetzung einer PUK EMD (Eidgenössisches Militärdepartement – heute Eidgenössisches Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS). Zu diesem Anlass äusserte sich damals Bundesrat Kaspar Villiger (Vorsteher EMD) erstmals öffentlich zur P-26. Die PUK EMD sah in dieser geheimen Organisation eine potenzielle Gefahr für die verfassungsmässige Ordnung und hielt fest, dass die faktische Beherrschung der Organisation P-26 durch die oberste Landesbehörde nicht gegeben ist. Es bestehe die Gefahr eines Missbrauches durch Selbstaktivierung und es bestehe ebenso die Gefahr einer Aktivierung ohne oder sogar gegen den Willen der obersten politischen Landesbehörden. Die Kaderorganisation P-26 war allein dem Generalstabschef verantwortlich.1991 wurde Projekt 26 aufgelöst.

Verschwundene Dokumente
Im Nachgang zum PUK-EMD-Bericht erstellte Untersuchungsrichter Pierre Cornu den «Schlussbericht in der Administrativuntersuchung zur Abklärung der Natur von allfälligen Beziehungen zwischen der Organisation P-26 und analogen Organisationen im Ausland», dessen vollständige Version bis heute geheim bleibt, weil sie der «verlängerten Schutzfrist» von 50 Jahren unterliegt. Dasselbe gilt für die Ausbildungs- und Führungsunterlagen der P-26, welche mikroverfilmt und 1993 ans Bundesarchiv abgeliefert wurden. Erstmals erhielt der Historiker und Politiker Titus Meier für seine Dissertationsarbeit eine Einsichtsbewilligung, um die Akten der P-26 auswerten zu können. 2016 wies er die Geschäftsprüfungsdelegation darauf hin, dass die Akten der Untersuchung Cornu fehlen würden und bat sie gleichzeitig darum, den Verbleib dieser Akten zu prüfen. Im Februar 2018 teilte das VBS mit, dass sieben Ordner und zwanzig Dossiers des Cornu-Berichts unauffindbar seien. Ein Jahr später informierte die Geschäftsprüfungskommission die Öffentlichkeit darüber, dass die Akten nicht gefunden werden konnten.

Fiktion und Fakten
Diese Mitteilung machte Peter Beutler stutzig. Wie war es möglich, dass so delikate Akten, welche der Geheimhaltung unterlagen, einfach so aus dem Bundesarchiv verschwinden konnten? Der Autor wollte der Sache auf den Grund gehen und kam dabei auf die Idee, basierend auf dieser Thematik einen Krimi zu schreiben. Am Anfang des Romans passiert ein Mord im Liebefeldquartier in Bern. Jules Abel, Oberstleutnant a.D. wird 1990 in seiner Wohnung mit einem Bajonett erstochen. Später wird bekannt, dass er P-26-Mitglied war. Wollten informierte Kräfte verhindern, dass der ehemalige Offizier mit Brisantem an die Öffentlichkeit gelangt? Prickelnd ist die Tatsache, dass es diesen Mord tatsächlich gegeben hat. In der Realität hiess der Ermordete aber Herbert Alboth und war bis 1975 Mitglied der Vorgängerorganisation von P-26. Auch er soll laut Polizeibericht mit seinem eigenen Bajonett erstochen worden sein. Der Fall blieb ungeklärt und das Verfahren wurde letztes Jahr von der Staatsanwaltschaft Bern eingestellt – ein Jahr vor Ablauf der 30-jährigen Verjährungsfrist für Mord. Die Handlung von «Der Bunker von Gstaad» erstreckt sich von 1970 bis 2020, wobei Peter Beutler geschickt in Vor- und Rückblenden die Fäden der Verstrickungen spannt. Das Leben seiner Protagonisten ähnelt dabei wohl in manchen Aspekten verblüffend demjenigen von wirklichen ehemaligen P-26-Mitgliedern. Die Struktur der fiktiven Geheimorganisation entspricht grundsätzlich der echten, wobei sich der Autor natürlich die Freiheit nimmt, unbewiesene Vermutungen, Verstrickungen oder Verbindungen ins Ausland einzubeziehen und genüsslich auszubauen. Dem Leser stellt sich dadurch immer wieder die Frage, was an der Geschichte denn nun Wirklichkeit ist und was Fiktion. Übt nicht gerade dies einen besonderen Reiz aus?

Morddrohung vs. Diskussion
Peter Beutler ist ein sympathischer Herr reiferen Alters, der bereits zu Beginn der Lesung klarstellte, dass er politisch eher links stehe und man diese Gesinnung natürlich auch in seinen Büchern immer wieder einmal spüre. Die – sehr erfolgreiche– Veröffentlichung von «Der Bunker von Gstaad» traf offensichtlich bei mindestens einer Person dermassen einen empfindlichen Nerv, dass sie es sich nicht verkneifen konnte, Peter Beutler einen handgeschriebenen Drohbrief zu schreiben. Darin beschuldigte sie den Autor der Verbreitung von Unwahrheiten über die Miliz und forderte ihn auf, sich bis zum 20. Mai 2020 öffentlich von seinen Aussagen zu distanzieren. Schliesslich wolle er ja sein Leben noch geniessen können – in etwa sinngemäss ausgedrückt.

Nun, schade, dass der Verfasser dieses Briefes es versäumt hatte, der Lesung in Lauenen beizuwohnen. Er hätte sich ein schönes Beispiel dafür nehmen können, wie man kultiviert und zivilisiert seine kritische Meinung äussern kann. Nach der Lesung beantwortete der Autor Fragen eines interessierten Publikums und suchte aktiv das Gespräch mit einem ehemaligen Chef des Militärgeheimdienstes, der sich kritisch, aber freundlich zu gewissen Aussagen des Buches äusserte. Ein Hoch auf die gelebte Diskussionskultur.

«Der Bunker von Gstaad» (Emons Verlag) ist im Buchhandel erhältlich.

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