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Dringend Lehrer gesucht!

Fr, 26. Jun. 2020
Noch keine sommerliche Ferienstimmung bei Martin Stähli vom OSZ Gstaad: Es fehlen noch Klassenlehrer für das neue Schuljahr. FOTO: ZVG/ ARCHIV AVS

Schuljahr für Schuljahr das gleiche Problem: Frei gewordene Lehrerstellen können nur schwer wieder besetzt werden. Auch im Saanenland stehen die Aspiranten nicht gerade Schlange. Wie kann dem Lehrermangel begegnet werden?

SONJA WOLF
Sommerferien! Die Kleineren relaxen bereits seit vergangenem Wochenende, die Älteren bestreiten heute den letzten Tag des abenteuerlichen Corona-Schuljahres 19/20 oder haben noch eine Woche vor sich. Doch während sich die Schüler uneingeschränkt auf ihre Ferien freuen, schauen die Schulleiter mit gemischten Gefühlen auf den Schuljahreswechsel.

Bewerbungen sind rar
Wieder war es nicht leicht, die Lehrerstellen adäquat zu besetzen. «Wir haben eine Mutterschaftsvertretung gesucht, aber nur schwer jemanden gefunden. Während des Corona-Lockdowns ist keine einzige Bewerbung reingekommen», berichtet Schulleiterin Eva Frautschi von der Primarschule Saanen. Die Corona-Phase habe die Suche zwar erschwert, sei aber nicht alleine verantwortlich. «Wir leiden schon seit etwa zehn Jahren an einem Lehrermangel und haben auch die Erziehungsdirektion in Bern schon lange darauf aufmerksam gemacht», so Frautschi. Schliesslich konnte eine einheimische Gymnasiallehrerin verpflichtet werden, die in die Inhalte der Primarlehrmittel eingearbeitet wird.

Auch Christine Oberli von der Rüttischule in Gstaad weiss ein Lied davon zu singen. Klassenlehrerin Renate Bach sollte eigentlich bereits auf letztes Jahr pensioniert werden, stellte sich aber aufgrund fehlender Nachfolgekandidaten freiwillig für ein weiteres Schuljahr zur Verfügung. Für nächstes Schuljahr jedenfalls sind die Lehrerteams an beiden Schulen wieder komplett.

Dringend gesucht

Martin Stähli vom OSZ Gstaad und Peter Boss von der Volksschule Lauenen haben dagegen noch Grund zur Sorge: Für kommendes Schuljahr konnte eine Stelle in der Sekundarstufe I des OSZ noch immer nicht besetzt werden und auch in Lauenen fehlt noch eine Klassenlehrperson für die 5./6. Klasse. «Die Stelle bleibt natürlich ausgeschrieben. Wir hoffen immer noch, die passende Kandidatin oder den passenden Kandidaten zu finden. Wir haben aber auch verschiedene Plan-B-Strategien», informiert Martin Stähli. So könne das Pensum zum Teil gesplittet und auf die anderen Lehrkräfte verteilt werden. Eine andere Lösung wäre, die Pädagogische Hochschule in Bern via Schulinspektorat für den Einsatz von Studenten anzufragen oder Lehrkräfte in der Stellvertretungszentrale des Kanton Berns zu rekrutieren. «Aber selbst zeitlich begrenzte Stellvertretungen zu finden, wird immer schwieriger», bedauert Stähli.

Falls sich bei Peter Boss in Lauenen bis Ende Juni keine ausgebildete Lehrkraft auf die Ausschreibung meldet, wird er einheimischen Quereinsteigern eine Chance geben, auch wenn sie keine pädagogische Grundausbildung durchlaufen haben.

Die Last-Minute-Stellenbesetzung macht die Planung für alle Beteiligten schwer, nicht nur für die betroffenen Schulen. Ohne definitive Stundenpläne können die Eltern Nachmittagskurse für die Kinder im nächsten Schuljahr noch nicht planen und auch andere Institutionen wie die Musikschule hängen mit ihren Planungen von denen der obligatorischen Schulen ab.

Entspanntere Situation auf den weiterführenden Schulen
«Lehrermangel ist bei uns weniger ein Problem», informiert Christoph Däpp, Schulleiter der Abteilung Gstaad des Gymnasiums Interlaken. Sprachen, Philosophie oder Geschichte seien sogar sehr gefragt – mehr als 20 Bewerbungen auf eine Ausschreibung für Deutsch seien keine Seltenheit. Bei den naturwissenschaftlichen Fächern wie Mathematik, Physik und Chemie sind die Kandidaten schon rarer, da entsprechende Stellen in der Privatwirtschaft oft vielseitiger sind und besser bezahlt werden, so Däpp. Aber eine Notsituation mit unbesetzten Stellen sei in den 15 Jahren Existenz der Filialklassen in Gstaad noch nicht vorgekommen.

Aus dem 18-köpfigen Lehrerteam wohnen nur vier Personen in der Region, alle anderen pendeln von Interlaken, Thun oder Bern, um in Gstaad zu unterrichten. An den obligatorischen Schulen sind dagegen etwa 80 Prozent der Teams Einheimische oder Zugezogene. Die Bereitschaft, auch ohne direkten Regionalbezug auf dem Land zu arbeiten, scheint am Gymnasium höher zu sein, die Gehaltsklasse ist es freilich auch.

Auch Marc Matti von der Wirtschaftsschule Thun, Filiale Gstaad, bestätigt eine einfachere Rekrutierung in Sprachen, etwas schwieriger ist die Situation in Wirtschaft oder Informatik. Obwohl es eine gymnasiale Ausbildung bräuchte, um an der Wirtschaftsschule zu unterrichten, beschäftigt die Filiale Gstaad einige Sekundarstufen-Lehrkräfte, die beispielsweise ein Teilpensum am OSZ und ein anderes an der Wirtschaftsschule absolvieren.

Randregionen haben es doppelt schwer
An den obligatorischen Schulen ist der Lehrermangel schweizweit allerdings bereits seit vielen Jahren sichtbar. Der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) schlägt – wieder einmal – Alarm: Im Zyklus 2 (3. bis 6. Klasse) sind fast die Hälfte der Schulleiter in der Deutschschweiz mit zu geringen Bewerbungszahlen konfrontiert, im Kanton Bern sind es sogar fast 80 Prozent, heisst es in einer Medienmitteilung vom 15. Juni. Die Schweiz steuert auf einen Höchststand an Schülerinnen und Schülern zu – gleichzeitig ist die Pensionierungswelle der Babyboomer-Generation auf dem Höhepunkt.

In Saanen, Gsteig und Lauenen kommt noch die geringere Attraktivität der Peripherie hinzu. Die hiesigen Schulleiter machen die Verantwortlichen aus der Politik, von der Erziehungsdirektion oder von der Pädagogischen Hochschule Bern bei Schulleiterkonferenzen oder anderen Treffen bereits seit vielen Jahren auf die Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung aufmerksam. Getan hat sich bisher allerdings wenig. Erst in der letzten Zeit gibt es einige Versuche zur Verbesserung der Situation der Lehrer, da das Rekrutierungsproblem scheinbar auch in den Städten angekommen ist.

Mehr Gehalt für Berner Lehrkräfte
Eine Massnahme ist die Lohnerhöhung für Primar- und Kindergartenlehrkräfte ab August 2020. Dies hat der Regierungsrat des Kantons Bern mit einer Änderung der Verordnung über die Anstellung der Lehrkräfte beschlossen. Derzeit befinden sich Primar- und Kindergartenlehrkräfte in der Gehaltsklasse 6. Ab 1. August 2020 werden sie in die Gehaltsklasse 7 eingereiht. Mit der Änderung erhöht sich der Lohn der Primar- und Kindergartenlehrkräfte bei einem Vollpensum um monatlich rund 250 bis 400 Franken.

Emotionale Videoclips
«Heute den Vorbildern von morgen Vorbild sein» oder «Heute die Held*innen von morgen ermutigen»: Mit solchen Claims in emotionalen Werbespots versucht die Bildungs- und Kulturdirektorin des Kantons Bern, Christine Häsler, die Relevanz des Lehrberufes zu verdeutlichen und mehr Jugendliche und Quereinsteiger für das Studium zur Lehrperson zu gewinnen. Weiterhin sollen Männer zum Einstieg in Primarstufe oder Kindergarten und auch ehemalige Lehrerinnen und Lehrer zur Rückkehr in den Beruf bewegt werden. Seit März flimmern die Werbespots der 270’000 Franken teuren Kampagne über Bildschirme in öffentlichen Verkehrsmitteln und an Bahnhöfen, vor allem in Bern und Biel.

Aktuelle Missstände benennen kann ein erster Schritt sein
Haben die kantonalen Massnahmen überhaupt einen signifikanten Einfluss auf unsere Randregion? Die Schulleiter der Region sind sich in einem Punkt einig: Das Gehalt ist wichtig, aber Geld ist nicht alles. Auch Werbefilme, um das Lehrerimage aufzupolieren, sind nice to have, aber um die generelle Wertschätzung des Lehrberufs in unserer Region sei es gar nicht so schlecht bestellt. Die Massnahmen des Kantons greifen bei uns also nur bedingt.

Die hiesigen Schulleiter haben ganz konkrete Vorstellungen, wie dem Lehrermangel in der Bergregion begegnet werden kann: «Früher waren Lehramtsstudenten verpflichtet, ihre Praktika in ländlichen Gebieten abzuhalten. So haben sie auch die Schönheit und die Vorteile der ländlichen Regionen kennengelernt», erinnert sich Christine Oberli. Dies gebe es heute leider nicht mehr, die meisten angehenden Lehrer studieren in der Stadt, sozialisieren sich dort und suchen dann auch automatisch nach Arbeitsstellen in der Stadt. Erschwerend kommt laut Martin Stähli die hohe Präsenzpflicht der Pädagogischen Hochschule Bern hinzu. An den meisten Fachhochschulen können die Studenten freier über ihr Programm bestimmen, viele jobben nebenher. «Die extrem hohe Präsenzpflicht an der PH Bern verunmöglicht den angehenden Lehrern praktisch, in ihrem künftigen Beruf Erfahrungen zu sammeln und besonders bei uns auf dem Land – die Fahrzeiten sind einfach zu lang!»

Helfen könnte laut Christine Oberli auch, das System des Mehrklassenunterrichts, das auf dem Land gang und gäbe ist, im Studium besser zu integrieren. «Viele Bewerber fühlen sich einfach nicht genügend darauf vorbereitet, in einer Klasse mit Kindern aus verschiedenen Jahrgangsstufen zu unterrichten.»

Randregionen müssen aufgewertet werden
Nicht nur Probleme mindern, sondern auch Positives auf dem Land betonen – das wäre die Strategie, um dem Lehrermangel entgegenzuwirken. Unter dem Motto «Bi üns läbts!» zeichnet etwa die Schule Gsteig-Feutersoey auf ihrer Homepage marketingtechnisch geschickt ein bestechendes Bild von der Region und der eigenen Schule. Dem potenziellen Bewerber werden die Vorzüge der Region, vor allem das vielseitige Sportangebot und die Weltklasse-Events, schmackhaft gemacht. Noch weiter würde Peter Boss von der Lauener Schule gehen: «Ein offeriertes Skiabo oder vergünstigtes Wohnen würde das Unterrichten bei uns auf dem Lande noch attraktiver machen.» Genau diese Möglichkeiten wurden auch in der Bildungskommission Saanen diskutiert, aber bislang nicht umgesetzt. Präsident Hans Peter Schwenter: «Bisher haben wir geeignete Lehrpersonen meistens auf dem ‹normalen Weg› gefunden.» Sollte sich die Situation noch mehr verschärfen und es häufiger vorkommen, dass Lehrerstellen noch in den Sommerferien nicht besetzt seien, könnte über eine Mithilfe bei der Wohnungssuche nachgedacht werden. Der Wohnraum scheint sowieso ein wichtiges Anliegen zu sein: Auch im aktuellen Projekt «Zukunft Saanen – zäme für ünsi Gmei» wurde von den Einheimischen bezahlbarer Wohnraum als erste Priorität bei den Verbesserungsvorschlägen für das Saanenland angegeben. Dies könnte laut Schwenter auch den potenziellen Lehrpersonen zugutekommen.

Langfristige Lösungen gesucht
Das Resümee der Schulleiter ist einstimmig: Da es so schwierig ist, neue, qualifizierte Lehrpersonen zu finden, ist es umso wichtiger, die Lehrpersonen in den Schulen der Gemeinden Saanen, Lauenen und Gsteig möglichst lange zu behalten. Christine Oberli: «Auch die Eltern, Schulkinder, Schulleitungen und die Bildungskommission können mithelfen, wenn sie die Lehrpersonen in ihrer Arbeit unterstützen und ihnen mit Respekt und Wertschätzung begegnen, sodass sie nicht nach wenigen Jahren ihren Job an den Nagel hängen.» Dazu gehört laut Oberli auch eine weitsichtige und ressourcenorientierte Personalplanung durch die Bildungskommission und die Schulleitungen, damit die Schülerinnen und Schüler der Region auch in Zukunft von motivierten und gut ausgebildeten Lehrpersonen profitieren können.

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