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Mit Haydn auf die Pauke hauen

Fr, 19. Jun. 2020
Plastikeimer machen genauso viel Spass wie Pauken. Haydn hätte seine wahre Freude an diesem Trommelkonzert.

Wofür trainieren denn die Kinder der Schule Gsteig-Feutersoey, die Teil des Tanz- und Musikprojektes «Haydn haut auf die Pauke» im Rahmen des Gstaad Menuhin Festivals & Academy sind, wenn sie gar nichts aufführen können? Die Freude am Tanz und die Auseinandersetzung mit verschiedenen Musikstilen, welche die Schülerinnen und Schüler am Donnerstagmorgen präsentierten, lassen diese Frage verblassen.

JENNY STERCHI
Inzwischen habe ich die Distanzregel in meinen Alltag eingebaut. So wirken die fünf Erwachsenen, die am Donnerstag in weiten Abständen voneinander vor dem Schulhaus Gsteig auf den Unterrichtsbeginn und die tanzbegeisterten Kinder warten, gar nicht seltsam auf mich. Bei den fünf Wartenden handelt es sich um die beiden Rhythmus- und Tanzpädagogen Alex Wäber und Norbert Steinwarz, die Mäzeninnen des Projektes Babette Herbert und Angelika Heerema sowie Lukas Wittermann, Head of Gstaad Academy & Gstaad Festival Orchestra.

Tanzabenteuer zu Hause
Alle sind einigermassen gespannt, was die Kinder nach den ersten Lektionen, die Anfang des Jahres noch in der Turnhalle stattfanden, und den darauffolgenden digitalen Bewegungsaufgaben noch im Kopf haben. Wäber verrät: «Nach dem ersten Schreck, der sich mit dem Lockdown eingestellt hatte, sind wir ziemlich schnell zum Tanztraining auf Online-Ebene übergegangen.» Dank der digitalen Technologien konnten die Kinder ihre Performances aufzeichnen und gegenseitig von daheim aus verfolgen. «Viele von ihnen waren mit Begeisterung dabei und tanzten durch die Wohnung.» Küchenutensilien und diverse Haushaltsmaterialien seien zum Einsatz gekommen. «Ich bin nicht sicher, wie glücklich die Eltern damit waren», fügt Norbert Steinwarz verschmitzt lächelnd hinzu. «Dieser Blick in die Wohnzimmer, die Haushalte und die darin lebenden Familienmitglieder war für alle Beteiligten eine völlig neue Erfahrung, die den Horizont und den Blick aufs Ganze um einiges erweitert hat», sagt ein beeindruckter Wäber.

Wäber und Steinwarz erreichen die Kinder
Das Duo Wäber und Steinwarz führte bereits in der Vergangenheit Kinder in verschiedenen Schulhäusern zum tänzerischen Umgang mit nicht nur klassischer Musik. Sie beide und Olivier Membrez gehören zur Pumpernickel Company, die die künstlerische Leitung des Projekts innehat. Membrez leitet die Klassen in Biel, zusammen mit Thaïs Sandra Martinez Fraga (Tanz) und Vincent Membrez (Musik). Alex Wäber, Rhythmusexperte und ausgebildeter Perkussionist, und Tanzpädagoge Norbert Steinwarz studierten die Darbietungen mit den unterschiedlichen Klassen ungefähr ein halbes Jahr ein und präsentierten es dann sowohl der breiten Öffentlichkeit als auch innerhalb der Konzertreihe des Festivals.

Neben den Kindern aus dem Saanenland proben in diesem Jahr auch Schülerinnen und Schüler aus Basel und Biel. Wäber und Steinwarz haben in Gsteig und Basel die Leitung des Tanzprogramms mit dem Titel «Haydn haut auf die Pauke». Wäre es ein ganz normaler Sommer, hätten im August 80 Kinder die Tanzbühne gerockt.

Die derzeitige Situation verunmöglicht aus heutiger Sicht die Aufführungen vor Publikum.

Ungeniert vor der Kamera
Die Kinder der dritten, vierten und fünften Klasse der Schule Gsteig-Feutersoey stürmen hoch motiviert in die Turnhalle. Ich frage mich, warum die Kinder noch so enthusiastisch in die Tanzlektionen starten, wenn doch das Ziel – die Präsentation vor Publikum – der Pandemie zum Opfer gefallen ist? «Hier ist ganz klar der Weg das Ziel», sind sich Alex Wäber und Babette Herbert einig.

Während sich Babette Herbert und Angelika Heerema gemeinsam mit Lukas Wittermann als einzige Zuschauer auf der Galerie positionieren, tanzen sich die Kinder bereits ein. Ich stehe mit der Kamera in der Turnhalle und staune über die Mädchen und Jungen, die ohne eine Spur von Verlegenheit die Bewegungsaufgaben der beiden Tanzexperten umsetzen. An diesem Morgen richten noch mehr Kameras ihre Objektive auf die jungen Protagonisten. «Weil es voraussichtlich keine öffentlichen Aufführungen geben wird, müssen wir Fotomaterial in den Proben sammeln», klärt Lukas Wittermann auf. «Zusätzlich zu unserem Festivalfotografen haben wir auch jemanden engagiert, der uns eine Videoproduktion erstellt. So haben wir eine Form gefunden, die Präsentationen festzuhalten und die Bemühungen der Kinder in gewisser Weise zu honorieren.»

Die Tatsache, dass die Lehrerin Katrin Perreten ausgerechnet an diesem Donnerstag Geburtstag hat, verleiht der obligatorischen Begrüssungsrunde eine feierliche Note. Ihre 23 Schützlinge singen spontan ein Ständchen, das sich wirklich hören lassen kann und Frau Perreten ganz offensichtlich freut.

Voller Ideen
Im Lauf der Stunde fällt mir auf, dass die Kinder T-Shirts tragen, auf denen – ganz individuell gestaltet – ihre Namen stehen. Woher kommen die? «Die Shirts haben sie im Fach Gestalten selber kreiert», beantwortet Katrin Perreten meine Frage. So sei eine kreative Aufgabenstellung mit einer funktionalen Bedeutung gekoppelt worden. «Auf diese Weise können Alex und Norbert die Kinder direkt ansprechen, ohne sich 23 verschiedene Namen merken zu müssen.»

«Disziplinenübergeifendes Arbeiten», denke ich. «Was für eine starke Idee.» Dann ertönen die Klänge aus Haydns Sinfonie «Surprise» – auch bekannt als Sinfonie mit dem Paukenschlag – und die Kinder präsentieren ihre Choreografie überzeugend und entschlossen. Die stark variierenden Körpergrössen, die aus der Altersspanne zwischen 9 und 12 Jahren resultieren, stören mein Auge überhaupt nicht. Im Gegenteil, es ergibt eine lebhafte Wechselwirkung zwischen Gross und Klein.

Als die Kinder dann abschliessend auf leeren Plastikeimern eine Perkussionsnummer bieten, stellen sich sämtliche Härchen bei den Zuschauern auf. «Es ‹chesslet rächt›, wenn 23 Kinder den Rhythmus auf ihrem Eimer finden», fasst Norbert Steinwarz zusammen. Besser hätte ich meine Wahrnehmung nicht beschreiben können.

Voller Hoffnung
Verzückt von der Unbekümmertheit und Neugier und auch vom Mut der tanzenden Kinder, verfolgen Babette Herbert und Angelika Heerema das Treiben in der Halle. Beide Frauen unterstützen seit geraumer Zeit Projekte, die im «Discovery»-Programm – dem Festivalangebot für Kinder und Jugendliche, das sich der Musikvermittlung widmet – angeboten werden. «Es ist so toll, dass die Kinder sich von der schwierigen Situation nicht haben entmutigen lassen», schwärmt Herbert. Und Heerema ergänzt: « Ich bin begeistert von der Zusammenarbeit der beiden Fachexperten mit den Kindern. Die beiden verstehen es, die Kinder für jede Art der Musik zu begeistern und alle gemeinsam machen sie den Rhythmus zum Erlebnis.» Auch wenn der Wunsch Vater des Gedankens ist: «Vielleicht können wir die Kinder im Herbst ja doch noch vor Publikum tanzen sehen.» Mit diesen Worten verabschieden sich die Zuschauer nach dem Tanztraining und sprechen damit allen Beteiligten aus dem Herzen.

Weitere Fotos unter https://tinyurl.com/yalhxlo3
Video: https://tinyurl.com/ydxszbyp

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