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Unsichere Zukunft trotz steigenden Zahlen

Di, 30. Jun. 2020
Das Geburtshaus Maternité Alpine in Zweisimmen hat sich zu einer wichtigen Institution mit breiter Akzeptanz entwickelt. FOTOS: KEREM S. MAURER

Verglichen mit dem Vorjahr nutzten 2019 wesentlich mehr Saanerinnen das Angebot des Geburtshauses Maternité Alpine in Zweisimmen. Doch trotz steigenden Geburtszahlen und guter Auslastung kämpft das Geburtshaus ums Überleben.

KEREM S. MAURER
Ein Blick in die Statistik des Geburtshauses Maternité Alpine in Zweisimmen zeigt: Die Anzahl Frauen und Kinder aus dem Saanenland, die im Geburtshaus für die Geburt, das Wochenbett oder während der Schwangerschaft stationär aufgenommen wurden, ist deutlich von 46 (2018) auf 84 im letzten Jahr gestiegen. Wird das ganze Einzugsgebiet des Geburtshauses, also das Simmental, das Saanenland, das Pays-d’Enhaut und andere Regionen, berücksichtigt, stiegen die Zahlen von 152 (2018) auf 169. Obschon diese Zahlen Grund zur Freude bieten, war die Stimmung an der Genossenschaftsversammlung der Maternité Alpine vom vergangenen Donnerstag in Lauenen getrübt. Die Jahresrechnung 2019 weist trotz guter Auslastung ein Defizit von rund 221’000 Franken aus. Noch ist das kein Problem, noch kann das Defizit mit Spendengeldern aufgefangen werden. Doch: Wie lange noch? Anne Speiser, Präsidentin der Genossenschaftsverwaltung: «Langfristig können wir den Betrieb so nicht mehr aufrechterhalten.» Auch die nicht verrechenbaren Leistungen wie Fahrzeiten zu Wochenbettbesuchen, telefonische Beratungen oder Transportbegleitungen durch Hebammen schlagen jährlich mit rund 22’000 Franken zu Buche. Das Pilotprojekt mit geplanten Kaiserschnitten wurde viermal genutzt.

«Anfragen hätten wir genug!»
Die stationären und ambulanten Leistungen des Geburtshauses in Zweisimmen stiegen von 776 (2018) auf 976 an und auch die Geburtenzahlen bestätigen diese Entwicklung. Erblickten im Jahr 2018 noch 48 Kinder in der Maternité Alpine das Licht der Welt, waren es 2019 schon 61. Und trotzdem reicht es nicht aus, um das Geburtshaus selbsttragend zu führen. Im Jahr 2019 musste jede zweite Anfrage für eine Geburt im Geburtshaus abgelehnt werden. Marianne Haueter, Hebamme MSc und Co-Betriebsleiterin, erklärt: «Es gibt vom Kanton strikte Vorgaben, welche Frauen im Geburtshaus aufgenommen werden dürfen und welche nicht.» Frauen, bei denen ein medizinisches Risiko besteht, dürfen nicht in das Geburtshaus. Davon betroffen sind unter anderem solche, die bereits einmal per Kaiserschnitt geboren haben, Zwillinge oder Beckenlagen, Schwangerschaftsvergiftungen, Frühgeburten oder Frauen mit Thrombose. «Werdende Mütter, die bei uns gebären wollen, hätten wir genug. Könnten wir diese alle aufnehmen, wäre der Betrieb gesichert», so Haueter.

«Wir brauchen einen OP»
Das Problem wäre an sich schnell gelöst: Mit einem normalen Zugang zu einem Operationssaal (OP). Damit könnten deutlich mehr Frauen in den Genuss einer Geburt im Geburtshaus kommen. Haueter rechnet vor: «Mit 80 Geburten pro Jahr und einer leichten Stellenprozenterhöhung könnten wir kostendeckend arbeiten.» Dies wäre machbar – hätte es in der Nähe einen Operationssaal. Anne Speiser hofft in diesem Zusammenhang auf den Gesundheitscampus. «Wir sind sehr interessiert daran, ein Teil dieses Campus zu sein», so Speiser. Sie will, dass die Maternité Alpine an den Sitzungen der GSS Gesundheit Simmental Saanenland teilnehmen kann, denn man müsse wissen, was gerade hinsichtlich eines Operationssaals dort geplant werde. Denn: «Wir wissen, dass wir für unsere Region ein wichtiges Angebot bieten», ist Speiser überzeugt.

Ein Franken pro Tag
Wie wichtig das Angebot der Maternité Alpine ist, schreibt Flurin Riedi, Geschäftsführer Gstaad Saanenland Tourismus im Geschäftsbericht des Geburtshauses. «Die Tatsache, dass wir in nächster Nähe eine überaus kompetente Geburtshilfe rund um die Uhr kontaktieren konnten, verhalf uns zu einem relativ ruhigen Start in unserer neuen Wohnumgebung.» Riedi ist überzeugt, dass es die Maternité Alpine hinsichtlich der Dienstleistung und Professionalität gut und gerne mit den gängigen 5-Sterne-Häusern in der Region aufnehmen könne und betont, die Tatsache, dass die Maternité die Lücke in der Geburtshilfe geschlossen hätte, sei auch ein Mehrwert für den Tourismus. «Die Maternité Alpine trägt mit ihrer Dienstleistung rund um die Geburtshilfe wesentlich zum Wohl und zum Erhalt der Lebensqualität im Saanenland und Simmental bei.» Dies bestätigen auch die positiven Rückmeldungen, wie Sabine Graf, Co-Betriebsleiterin ausführt. Bei einer Rücklaufquote von hohen 46 Prozent seien die Erwartungen der Gebärenden auf einer Skala von eins bis sieben zu 100 Prozent erfüllt worden. Ebenso wurde der Gesamteindruck mit 99 Prozent als ausgezeichnet eingestuft. Doch ohne Spendengelder hat das Geburtshauses momentan keine rosige Zukunft. Der Förderverein Geburtshaus Maternité Alpine sammelt dafür aktiv Spenden. Rosmarie Willener, Präsidentin des Fördervereins, richtete anlässlich der Generalversammlung einen flammenden Appell an die Bevölkerung, das Geburtshaus finanziell zu unterstützen oder im Förderverein Mitglied zu werden. «Der Beitrag für ein Einzelmitglied beträgt nur 50 Franken im Jahr, das ist weniger als ein Franken pro Woche für eine gute Sache.»

Anne Speiser bleibt am Ruder
Zum ersten Mal in der noch kurzen Geschichte der Maternité Alpine verlassen gleich drei Hebammen das Geburtshaus. Sabine Graf, Co-Leiterin, Corinne Martin und Anna Barbara Kuenzi, alle aus Bern, werden das Geburtshaus bis Ende Jahr verlassen. Neu ins Team kommt Maya Hiltbrunner aus Olten als Co-Leiterin. Susanne Keller aus Bern ergänzt das Tema ab November und bereits neu angefangen hat Chantal Poschung aus der Lenk. In Abwesenheit in den Vorstand der Maternité gewählt wurde Josephine Stattaus aus Gstaad. Die Mutter zweier Kinder, die selber im Geburtshaus geboren hatte, erklärte in schriftlicher Form ihre Annahme der Wahl. Anne Speiser wurde mit Applaus für einer weitere Amtszeit als Präsidentin der Genossenschaftsverwaltung wiedergewählt. www.maternitealpine.ch

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