Geschichte des «Throns des Gerichtspräsidenten»

Di, 14. Jul. 2020

Zweimal höre ich meinen Namen rufen – ich komme aus der Einstellhalle in Saanen, strebe dem Museum zu. Gilt das Rufen mir? Felicitas Hänni ists, die mir etwas mitteilen will. Ihr Mann Peter und sie seien daran, ihre Wohnung auf Vordermann zu bringen und hätten da den alten Gerichtspräsidentenstuhl vorig. Etwas für das Museum? Ich hörte nur «alt» und «Präsidentenstuhl». Und schon sah ich in Gedanken etwas Geschichtsträchtiges, mehr als nur etwas Antikes. Ja sicher gehört der ins Museum! Keine Stunde später darf ich das ominöse Stück bei Hännis abholen. Oh je! Das ist ja ein Lehnsessel in allerbestem Zustand mit Leder bezogener Sitzfläche, nichts von einem aus den Fugen geratenen Möbelstück. Und die Rücklehne ziert ein geschnitztes Berner-, kein Saanerwappen. Felicitas’ kurze Erklärung: Im Jahr 2011 hat «Bern» (auch) das Richteramt Saanen aufgehoben. Die Räumlichkeiten im Amtshaus Saanen wurden ausgeräumt. Unser letzter Saaner Gerichtspräsident, Peter Hänni, hatte Erbarmen mit dem prächtigen Gerichtssessel, rettete ihn vor der Schuttmulde und nahm ihn nach Hause. Was nun, wohin mit ihm und was hat es für eine Bewandtnis mit dem Stuhl?

Etwas schüchtern erzählte ich später dem Archivar der Gemeinde, Benz Hauswirth, von diesem Stuhl. Er kam, um ihn anzuschauen und zu fotografieren. Und er wusste eine Adresse, um sich zu erkundigen.

Und dann gingen folgende E-Mails über die Geschichte des Saaner «Throns des Gerichtspräsidenten» hin und her (nachfolgend abgedruckt mit der Bewilligung der Verfasser).

Mittwoch, 4. März 2020, 11.08 Uh
Gesendet von: Benz Hauswirth
Gesendet an: Bartlome Vinzenz,
STA-StAB

Sehr geehrter Herr Bartlome

Ich hoffe, dass es Ihnen gut geht und die Grippe – welcher Art auch immer – Sie verschont hat. Ich wurde vom Museum der Landschaft Saanen nach der Herkunft des Stuhls (Fotos) gefragt. Er wurde wohl beim letzten Umbau des Amthauses «entsorgt», worauf Herr Peter Hänni, früherer GP und Reg-Statth, ihn behändigte und bei sich zu Hause hatte. Nun hat er ihn dem Museum weitergegeben.

Der Stuhl weist keine Zeichen auf einen Hersteller oder eine Jahreszahl auf. Ich habe dem Museum zugesagt, bei Ihnen eine Rückfrage zu starten, um zunächst eine Grobeinschätzung vorzunehmen. Wäre es z.B. denkbar, dass er mit dem neuen Mobiliar für das neue Amthaus 1931 angeschafft wurde? Bevor ich mit weiteren Abklärungen (z.B. Amthaus-Abrechnung 1931) fortfahre, wäre ich um Ihre Meinung sehr dankbar.

Mit bestem Dank und lieben Grüssen B. Hauswirth


Mittwoch, 4. März 2020, 15.04 Uhr
Gesendet von: Bartlome Vinzenz,
STA-StAB
Gesendet an: Benz Hauswirth

Sehr geehrter Herr Hauswirth

Ich bin sicher, dass dieser Sessel des Gerichtspräsidenten 1931/32 im Zusammenhang mit dem Neubau des Amthauses in Saanen geschaffen wurde. Das Wappen ist stilistisch eng mit den Wappendarstellungen am Amthaus verwandt. Noch zehn Jahre später präsentiert Robert Grimm in seiner PR-Publikation «Bauten und Domänen des Staates Bern» den Gerichtssaal mit genau diesem Präsidenten-Stuhl als repräsentativsten Raum des Neubaus (vgl. Beilage).

Ich vermute, dass das Mobiliar des Gerichtssaales von U. Schärer Sühne, Münsingen, geliefert wurde. Leider fehlt diese Rechnung in der Bauabrechnung BB X 3269.

Mit freundlichen Grüssen Vinzenz Bartlome


Mittwoch, 4. März 2020, 15.41 Uhr
Gesendet von: Bartlome Vinzenz,
STA-StAB
Gesendet an: Benz Hauswirth

Postscriptum:
Es ist möglich, dass der Präsidenten-Stuhl am 10. Dezember 1932, als das neue Amtshaus der Öffentlichkeit präsentiert wurde, gerade noch nicht fertiggestellt war – möglicherweise fehlte noch die Wappenschnitzerei, denn im Bericht des «Anzeigers von Saanen» wird zwar auch eine Photographie des Gerichtssaales gezeigt – allerdings gerade in der anderen Richtung als auf der Grimm-Publikation. Ich vermute, der Photograph hätte sich das schöne neue Berner Wappen nicht entgehen lassen, wenn es schon da gewesen wäre.

Mit freundlichen Grüssen Vinzenz Bartlome


Mittwoch, 4. März 2020, 16.03 Uhr
Gesendet von: Benz Hauswirth
Gesendet an: Bartlome Vinzenz,
STA-StAB

Sehr geehrter Herr Bartlome

Vielen Dank für diese Ergänzung.

Mit bestem Gruss Benz Hauswirth


Donnerstag, 5. März 2020, 17.41 Uhr 
Gesendet von: Bartlome Vinzenz, STA-StAB
Gesendet an: Benz Hauswirth

Sehr geehrter Herr Hauswirth

Wenn ich noch einmal die Frage des Präsidentenstuhls aus dem Amtsgerichtssaal in Saanen aufgreife, dann möchte ich mich zunächst für diese Tröpfchen-Information entschuldigen.

Einerseits kamen mir immer wieder andere Anfragen in die Quere, aber andererseits liess mir die unbefriedigende Antwort von gestern dann doch keine Ruhe – sie stand auf wackeligen Beinen und hatte zu viel «vermutlich» zum Inhalt.

Im Bezirksarchiv entdeckte ich jedoch ein Dossier des Regierungsstatthalteramtes, das mir nicht alle Fragen beantwortete, aber doch vieles klarer erscheinen liess. Beim Dossier Bez Saanen B 543 handelt es sich um die Handakten von Regierungsstatthalter Fr. Mumenthaler über den Neubau des Amthauses – eine äusserst wertvolle, geradezu verlockende Quelle, welche dazu drängt, den Bau des Amthauses als Monument der Geistigen Landesverteidigung neu zu würdigen. (Ich verstehe nun auch, weshalb der Photograph im «Anzeiger von Saanen» nicht die Hauptseite des Gerichtssaales zeigte, sondern die Eingangsseite: Dort war – auf Kosten des Kantons vom Historischen Museum extra frisch restauriert – die Fahne der Auszügerkompanie Saanen zusammen mit anderen historischen Schaustücken aus dem Besitz der Gemeinde – es gibt sogar den Leihvertrag darüber – ausgestellt worden. Robert Marti-Wehren half übrigens eifrig mit, historische Bezüge zu gestalten.)

In diesem Dossier Bez Saanen B 543 findet sich einerseits ein Plan des Mobiliars für den Amtsgerichtssaal, der zeigt, dass die Entwürfe von Max Kuhn, dem Architekten des Amthauses, persönlich stammen (siehe Beilage). Zum Zweiten fand ich in diesem Dossier eine handschriftliche Liste «Möblierung für Amthaus-Neubau, Saanen», die auf der ersten Position für den Amtsgerichtssaal des Richteramtes den Präsidentenstuhl nennt. Den Auftrag erhielt gemäss dieser Liste das Möbelgeschäft Kienholz in Brienz für einen Preis von 228 Franken (siehe Beilage).

Aus dem Dossier des Regierungsstatthalters lernte ich auch, dass für die Möblierung des neuen Amthauses grundsätzlich nicht die Baudirektion zuständig war, sondern die Justizdirektion. Im entsprechenden Dossier 3660/31 (in der Theke BB 3.1.7.17), das im Übrigen viele weitere Pläne von Max Kuhn zur Möblierung enthält, konnte ich jedoch die Rechnung des Möbelgeschäfts Kienholz in Brienz nicht finden – was noch einmal, zusammen mit den roten Kringeln auf der Liste des Statthalters, bei mir den Verdacht nährt, dass diese Stühle bei der Einweihung noch nicht fertiggestellt waren. Irgendwie hat diese Rechnung nicht den ordentlichen Weg genommen.

Nun aber – ich verspreche es – stelle ich meine Nachforschungen zum Thron des Gerichtspräsidenten ein. Das wärs dann.

Mit freundlichen Grüssen Vinzenz Bartlome


Freitag, 6. März 2020, 10.26 Uhr 
Gesendet von: Benz Hauswirth
Gesendet an: Bartlome Vinzenz, STA-StAB

Sehr geehrter Herr Bartlome

Ganz herzlichen Dank für die Ergänzungen und Präzisierungen! Sie haben die Herkunft des Präsidentenstuhls nun sehr gründlich abgeklärt und dabei sehr interessante Zusammenhänge und Hintergründe aufgedeckt. Gerne leite ich all diese Informationen dem Museum weiter, damit der Stuhl auch die richtige Einordnung erhält.

Einmal mehr danke ich Ihnen für Ihre grosse Unterstützung ganz herzlich, auch im Namen des Museums der Landschaft Saanen.

Mit besten Grüssen Benz Hauswirthh


Grob gesagt, sind Objekte, die hundertjährig und mehr sind, museumswürdig. Der Gerichtspräsidentenstuhl wird erst im Jahr 2032 hundertjährig – mit seiner Geschichte darf er sich schon mit achtundachtzig im Museum stolz zur Schau stellen.

Mein Dank geht an Felicitas und Peter Hänni für den dem Museum geschenkten Stuhl, an Benz Hauswirth und Vinzenz Bartlome für ihre Nachforschungen über den «Thron» und an alle (auch einheimischen!) Museumsbesucher, die den Stuhl bewundern kommen.

HEINI HAUSWIRTH 

 

Category: 

Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Die Emailadresse wird nicht veröffentlicht oder an dritte weitergegeben. Sie wird nur zu Kontaktzwecken im Zusammenhang mit diesem Kommentar verwendet.
CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und automatisiertem Spam vorzubeugen.

Kommende Events

Stellen

Immobilien

Diverses

Trending

1

Kioskschliessung sorgt für Empörung

Der Kiosk beim Bahnhof Gstaad ist aufgrund der Corona-Krise bis auf Weiteres geschlossen. Bei Gästen und Einheimischen stösst das auf heftige Reaktionen.

BLANCA BURRI
Von einem Tag auf den anderen und präzise zum Saisonbeginn schloss die Valora Management AG die Türen der Verkaufsstelle von Press & Books in Gstaad per 20. Juli. Sie begründet die Schliessung mit den «behördlichen Anordnungen zur Eindämmung der Ausbreitung des Coronavirus». Diese...