Lektionen aus dem Saanenland

Di, 04. Aug. 2020
Markige Worte von Festredner Georg Horn. FOTO: ANITA MOSER

FESTANSPRACHE IN SAANEN VON GEORG HORN

Nachfolgend drucken wir die Festrede – «haltet euch fest», wie der Festredner witzelte – von Georg Horn ab. Vollständig und nicht, wie von ihm vermutet, in Auszügen … Und wir lassen ausnahmsweise den «Saanenländer» stehen (korrekt wäre «Saaner»).

Als ich die Anfrage erhielt, am 1. August in Saanen eine Festtagsrede zu halten, gingen mir sofort zwei Fragen durch den Kopf: Warum ich? Ist Bethli Küng nicht verfügbar?

Ich wurde als Redner angefragt – obwohl ich weder Grossrat, noch Gemeindepräsident oder Nachwuchsskifahrer bin. Ich bin hier aufgewachsen, basta – vertrete aus meiner Sicht den «Normalo». Es ist jedoch auch genau die Absicht der Dorforganisation, junge, normale Leute vermehrt zu Wort kommen zu lassen, was ich als sehr lobenswert einschätze und was ich mit der Zusage zu meiner Rede auch unterstützen wollte.

Die Gemeinde geht damit natürlich auch ein Risiko ein, einen jungen, unbekannten Redner zum 1. August aufzustellen. Man hätte es auch wie letztes Jahr machen können: auf Nummer sicher gehen und einen Spitzendiplomaten einladen – oder ganz einfach die Sache coron-absagen. Aber nein, der Horn solls richten.

Die Gemeinde Saanen hat mehr als siebentausend Einwohner, dass davon ausgerechnet ich derjenige sein soll, ist natürlich eine Un-Selbstverständlichkeit – und ich möchte mich an dieser Stelle ausdrücklich für die Auswahl und das Vertrauen bei der Dorforganisation bedanken. Nun habe ich also rund 15 Minuten, um euch zu erzählen, dass die Welt viel kleiner ist als man denkt – und dass es am Ende doch in der Schweiz am Schönsten ist. Wer mich etwas besser kennt, weiss, dass ich so eine Rede nicht halten werde. Im Programm steht «Fest-Ansprache», darum: haltet euch fest. Aber keine Sorge, wir sollen alle etwas davon haben. Ich hoffe, ich kann mit meinen Worten zu einem schönen Nationalfeiertag beitragen und gleichzeitig vielleicht sogar an der einen oder anderen Stelle den einen oder anderen von euch zum Nachdenken anregen.

Am Ende wird diese Rede wohl auch – in Auszügen – zwischen «Kirchenfenster» und «Chuehfüdli» im «Anzeiger von Saanen» erscheinen – was mich ganz besonders freut. Denn damit schliesst sich für mich ein weiterer Kreis: beim «Anzeiger» und bei Müller Druck durfte ich schliesslich einst meine kaufmännische Lehre absolvieren.

Das Saanenland – in vielerlei Beziehung besonders
«Lektionen aus dem Saanenland» – darauf möchte ich fokussieren. Das Saanenland ist, wie wir alle wissen, in vielerlei Beziehung besonders. Ich finde, das Saanenland schafft es vor allem auch, einige wertvolle Lektionen und Werte zu vermitteln, die man später in aller Welt gebrauchen kann. Das Saanenland als Lebensschule, gewissermassen …

Bienvenue aussi à tous ceux qui sont venus ce soir de juste à côté, de Rougemont, de Château-d’Oex, du Pays-d’Enhaut. Pendant les prochaines minutes, je vais essayer de récapituler le bonheur de grandir dans la région du Saanenland – dans sept valeurs, sept leçons de la vie, pour la vie. Lessons learned im Saanenland.

Lektion 1: Arbeiten (première leçon: bosser)
Das Leben ist eine Berg- und Talfahrt. Was für die einen Pathos ist, ist für Saanenländer Tatsache. Man lernt im Saanenland, dass der Weg von A nach B in der Regel mit Anstrengung verbunden ist, dass nicht alles leicht fallen wird. Ohne Einsatz und Arbeit kommt man nicht weit – auf jeder Reise wird es einfachere und schwierigere Teile geben. Wer sich auf einen Berg oder Pass hoch kämpft, wird mit der Abfahrt belohnt. Wer zu Beginn seiner Reise runterfährt, weiss, dass damit der Weg noch nicht beendet ist. Ausser man fährt nach Zweisimmen, aber wer will das schon …

Es gibt im Saanenland immer etwas zu tun – so lernen die Leute hier auch zu arbeiten. Eine Region, die so stark auf Saisonalität und Tourismus ausgerichtet ist, bringt Menschen hervor, die wissen, was es heisst, zu arbeiten. Fragen Sie mal einen Elektriker, Sanitär, Kellner nach seinen Arbeitszeiten in der Weihnachtszeit … Fragen Sie mal die Eventorganisatoren von Beach, Tennis, Polo oder Menuhin …

Während meiner Ausbildung bei Müller Druck betrat einmal an einem 24. Dezember kurz vor Mittag ein verwirrter, älterer Herr das Geschäft: Er brauche Weihnachtskarten. Für dieses Jahr? Ja. Nach Vorlage? Nein, er hätte da so eine Idee … «Natürlich geht das!», lautet die Servicementalität, die hier so wichtig ist und die in vielen Betrieben gelernt werden kann. Die Weihnachtskarten nach Wunsch hat der ältere Herr von mir erhalten, am gleichen 24. Dezember, weit nach Ladenschluss, in der Dunkelheit. Der Herr war Gunter Sachs und äusserst dankbar.

Arbeite: «U de, wed nid Wiehnachtscharte chasch mache? Ja, wed e Stemmboge chasch, wirsch halt Schilehrer – wed ke Stemmboge chasch – aber derbi guet usgsehsch, wirsch Privatschilehrer.»

Lektion 2: Verkaufen (deuxième leçon: commercialiser – ou bien, brocanter)
Jeder Saanenländer kann verkaufen. Rund 50 Prozent der Wertschöpfung in der Region kommen aus dem Tourismus – ich war mal Berater, also muss ich eine Statistik mit Scheingenauigkeit bringen… Im Tourismus ist verkaufen ein essenzieller Teil der Arbeit.

Aber nicht nur die an der Front im Tourismus beschäftigten Saanenländer lernen zu verkaufen. Die Firmen hier sind klein genug, dass jeder und jede früher oder später Kundenkontakt hat – und so seine Leistungen gegenüber dem Kunden vertreten muss. Sei es die Hotelputzkraft, die im Gang auf den Gast trifft – oder sei es der Elektriker, der seinem Kunden erklärt, dass er den 98-Zoll-Bildschirm lieber nach dem Schneesturm liefern möchte. Zum Verkaufen gehört untrennbar Sprachgewandtheit dazu. Wer im Saanenland aufwächst, spricht besser französisch als ein Bayer deutsch.

«U weds mitem Verchoufe ganz guet machsch, de chasch sogar Bärgchäs als Alpchäs verchoufe …»

Lektion 3: Verantwortung (troisième leçon: la responsabilité)
In den Bergen und in der Natur aufwachsen hat viel mit Verantwortung zu tun. Auf der einen Seite natürlich die Verantwortung gegenüber sich selbst und die Verantwortung gegenüber seinen Freunden, mit denen man draussen unterwegs ist. Ich durfte in meiner Jugend in einigen Jahren beim SAC die wichtigsten Grundsätze zu alpiner Sicherheit und Verantwortung erlernen. Übungen und Erfahrungen, die auch heute noch auf jeder Skitour geschätzt sind. Viele von uns haben bereits einen Freund, eine/einen Bekannten oder sogar ein Familienmitglied in den Bergen verloren. Irgendjemand ist dafür immer verantwortlich – die Umstände, der Zufall oder der Leichtsinn. Es geht aber nicht nur um die Verantwortung in der Natur, sondern auch um Verantwortung gegenüber der Natur.

Wer, wie im Saanenland, permanent nahe an der Natur ist, merkt wie schnell sie sich verändert. Ich durfte als 7.-Klässler Strafaufgaben schreiben, weil ich mit einem Klassenkameraden aus dem zweiten Stock des Schulhauses gesprungen bin – in einen Schneehaufen, im Winter, kein Problem. Was damals zu Adrenalin und Strafaufgaben führte, käme heute keinem mehr in den Sinn. Die Schneehaufen sind bei Weitem zu klein und die 7.-Klässler längst von Snapchat und Instagram absorbiert.

Verantwortig: «Wär ds Glück het, im Saaneland dörfe ufzwachse, het o d Verantwortig, andere, weniger Glückleche z hälfe.»

Lektion 4: Bodenständigkeit (quatrième leçon: être terre à terre)
Bodenständigkeit geht grundsätzlich gut mit Landkindern einher. Als Kind ist man ohnehin bescheiden, scheu, nimmt die Welt unvoreingenommen war. Während einem frühen Italien-Urlaub wurde ich – gemäss Erzählungen – von einem weiteren Schweizer Badeurlauber gefragt, aus welchem Land ich denn kommen würde. Meine Antwort «us Tüschers Land» schien für den Mann aus Zürich wenig Sinn zu ergeben – für mich jedoch war klar, unser Haus steht auf Klaus Teuschers Land, was es noch heute tut.

Als Saanenländer läuft man jedoch Gefahr, so eine Bodenständigkeit zu verlieren. Wer in der Hochsaison durch die Promenade schlendert – oder sich vom Liquidationswert der meist mit zu viel PS, aber zu wenig Fahrkönnen ausgestatteten Strassenflitzer des Saanenlandes blenden lässt – droht diese Bodenständigkeit zu verlieren. Dass die Schweizer Presse dazu jedes Jahr die immer gleichen Artikel über das «mondäne Gstaad» schreibt, hilft dabei nicht. Was hilft, ist die Nähe zu den Sternen – und eine klare Sicht darauf. Die Sicht auf die Sterne ist hier oben einzigartig – wegen der fehlenden oder nur sehr schwachen Lichtverschmutzung.

Was sind Sterne? Was wir als «Sterne» mit dem blossen Auge sehen, sind Planeten, Monde, vor allem aber andere Galaxien. Wer zum richtigen Zeitpunkt an den Nachthimmel schaut, kann unsere Nachbargalaxie Andromeda sehen. Andromeda rast mit rund 110 Kilometern pro Sekunde auf uns zu, auch jetzt, in diesem Moment. Eines Tages wird Andromeda mit unserer Milchstrassen-Galaxie kollidieren – keine Sorge, nicht morgen.

Der Blick auf die Sterne und ein Grundverständnis über den Kosmos helfen vieles zur relativieren und helfen mit der Bodenständigkeit. Erst wenn man weiss, dass man nichts ist, ist man frei.

Bodeständigkeit: «Drum bhäb du dyni Füess am Bode, aber dr Blick uf de Stärne.»

Lektion 5: Fassaden (cinquième leçon: les fassades)
Man lernt im Saanenland, was schön ist. Man lernt sich zu präsentieren – Häuser präsentieren sich mit schönsten Fassaden; herausgeputzt, verziert, denkmalgeschützt. Man lernt auch, dass nicht nur Zimmerleute hier ihr Handwerk schon lange beherrschen – auch Fassadenerzeugnisse der plastischen Chirurgie werden in der Promenade immer wieder präsentiert. Manche mehr gelungen, andere weniger. Im Gegensatz zu den Häusern wohl aber keine davon schützenswert. Die Fassadenlektion beinhaltet auch die Erkenntnis, dass eine Fassade nur die Front ist. Der Spruch «Don’t judge a book by it’s cover» lässt sich auf alle Arten von Fassaden übertragen. Wer einmal das Mahnwesen eines grösseren Betriebes der Region führen konnte, der weiss, dass auch im Saanenland manchmal mehr Fassade ist, als man meint.

«Bi dr Fassade geits um d Front. D Saaneländer Hüser hei meischtens zwöi Tüüre: eini vorem Huus u eini hinger dr Hütte.»

Lektion 6: Bauernschläue (sixième leçon: la sagesse des paysans)
Wer im Saanenland, oder auf «Tüschers Land», aufwächst, wächst rund um Landwirtschaft auf. Auch Bauern wissen, was es heisst, zu arbeiten – zu improvisieren, vielseitig zu sein. Auch Bauern wissen nämlich, was es heisst, Geld vom Staat zu erhalten; in der Schweiz wird das bäuerliche Einkommen zu rund zwei Dritteln subventioniert. Viel Improvisation und viel Subvention – das ist ganz genau wie ein Start-up. Als Start-up ist man, besonders in der Anfangsphase, enorm – meist zu mehr als zwei Dritteln – auf Unterstützung, finanziell und anders, von aussen angewiesen und man muss dabei natürlich täglich improvisieren. Wie in einem guten Bauernbetrieb gewinnt ein Start-up mit der Zeit an Struktur – die Improvisation nimmt ab und die Subvention … lassen wir das.

Buureschläui: «Es isch emal e Louener Buur uf Amerika – u het dert e Ami– Buur troffe. U dr Ami het plagiert; Syner Fälder sige so gross, we är mit sym Traktor um alli Fälder drumum wöll fahre, bruch är e ganze Tag drfür. U dr Louener het gantwortet: «Oh weisch, e sone Traktor hani o scho mal gha.»

Lektion 7: Ambition (septième leçon: l’ambition)
Ich habe früh gelernt, dass Leute aus dem Saanenland und der Region zu etwas fähig sind. Schon als kleiner Junge durfte ich mit selbstgebastelter Laterne Mike von Grünigen als erfolgreichen Rückkehrer aus Nagano begrüssen. In Château-d’Oex gibt es einen anderen Mike – einen Namensvetter, nicht verwandt –, Mike Horn, der immer wieder aufbricht, auch heute noch – um die Grenzen des Planeten und des menschlichen Körpers auszuloten. Später sah man von zu Hause, wie Bertrand Piccard zu seiner Weltumrundung abhob. Piccard hob nicht einmal ab – er hob drei Mal ab. Zu Ambition gehören auch Durchhaltevermögen und Hingabe. Hingabe zu etwas, heisst Aufgabe von etwas anderem. Das wissen Spitzensportler und Abenteurer – das weiss auch, wer eine, zwei, drei Firmen gründet.

All diese Abenteuer strapazieren erstmal das soziale Umfeld, die Beziehung, die Psyche, die Finanzen. Man gründet nicht heute eine Firma und wacht morgen als Mark Zuckerberg auf. Wer eine Firma gründet, um wie Mark Zuckerberg zu werden, sollte es ohnehin vielleicht gleich besser sein lassen.

Ambition: «Die wichtigschte Lektione usem Saaneland – i sibe Etappe und zäh Minute zämefasse ... ambitioniert.

Lücken
Im Saanenland aufwachsen zu können, ist ein grosses Glück. Wie ich gerade zu schildern versucht habe, werden einem dabei viele wichtige Werte vermittelt. Wer im Saanenland aufwächst, wächst aber auch in einer sehr heilen und kleinen Welt auf. So gibt es auch Dinge, die man im Saanenland nicht oder nur schlecht lernen kann. Diese Lücken stellen für mich schon immer Anhaltspunkt und Motivation dar, die Region auch immer wieder zu verlassen. Daher nun nach sieben Lektionen drei Lücken – Erfahrungen und Werte, die im Leben wichtig sind, aber nicht wirklich im Saanenland gefunden werden können.

Même si on est tellement heureux, de grandir dans le Saanenland, il y a aussi quelques leçons ou des valeurs qu’on ne peut pas vraiment apprendre dans une région de ce genre. Alors, après sept leçons trois niches – des valeurs qu’on manque en grandissant dans le Saanenland.

Lücke 1: Geschichte (première niche: l’histoire)
Wer Geschichte erleben will, muss raus. Relativ zu anderen Regionen hat das Saanenland und vor allem auch die Schweiz eine sehr ruhige, provokant gesagt, keine Geschichte. Wer bedeutende Schweizer Geschichte sucht, muss bis zum Franzoseneinfall durch Napoleon oder gar bis zur Schlacht bei Marignano zurückschauen. Aus dem Kolonialismus und neuzeitlichen Kriegshandlungen konnten wir uns grösstenteils raushalten – in mehr oder weniger glanzvollen Rollen, was jedoch wohl kaum was mit moralischer oder militärischer Souveränität zu tun hat, sondern eher Diplomatie und Geografie geschuldet ist. Festmachen kann man die Abwesenheit von Geschichte auch am heutigen Datum. Während in Frankreich am 14. Juli der Sturm auf die Bastille gefeiert wird, wird am 3. Oktober in Deutschland der Tag der Deutschen Einheit gefeiert. Deutschland ist jünger, als ich es selbst bin. In den Münchner Biergärten kann man noch heute Angehörige jener Generation treffen, die schon einmal zu Fuss bis nach Russland waren.

Und wir, warum feiern wir am 1. August? Der 1. August hat nichts mit 1291 zu tun. Das Gründungsdatum der Schweiz ist undokumentiert. Gründerbriefe wie den Rütlischwur gibt es einige. Der 1. August wurde 1891 als Nationalfeiertag festgelegt – im Rahmen der 700-Jahr-Feier der Stadt Bern. Der Rest ist Geschichte.

Gschicht: «Mir chöi alli Gschicht schrybe. Probierets mal, nähmet es Blatt Papier und e Schryber. Gschicht. Es tuet guet.»

Lücke 2: Gesellschaftliche Konflikte und Probleme (deuxième niche: des conflits et des problèmes)
Wir können sicher froh sein, dass uns im Saanenland viele Probleme gänzlich fremd sind – jedoch gehören Probleme zum Leben dazu, und wir müssen uns immer wieder ins Bewusstsein rufen, dass eine Abwesenheit von Problemen bei uns nicht bedeutet, dass es keine Probleme gibt. Lebensqualität ist nicht hoch, sondern breit. Es geht nicht darum, ein hohes Niveau zu halten, sondern zwischen Hoch und Tief möglichst viel zu sehen, möglichst viel zu lernen. Wer seine ganze Zeit auf der Sonnenseite des Lebens verbringt, hat am Ende einen Sonnenbrand. Deshalb ist es wichtig, immer wieder auch die Schattenseiten des Lebens zu erkunden. Probleme zu suchen, Probleme zu verstehen versuchen.

Letztes Jahr waren wir in Äthiopien unterwegs, als zur gleichen Zeit in einer angrenzenden Region ein bewaffneter Konflikt ausbrach. 80 Tote an einem Wochenende waren das traurige Resultat. Viele Gespräche mit Einheimischen während der ganzen Reise haben in viele tiefe Gräben blicken lassen.

Solche Probleme und Konflikte liefern eindrückliche, wichtige Lektionen, die nachdenklich stimmen und die die Wertschätzung für einfache Dinge fördern.

«Am Ändi isch ds Läbe wie ne Frucht – d Vitamine si halt nid nume i de süesse Bitze.»

Lücke 3: Fremd sein, Ausländer sein (troisième niche: être etranger)
Seit 2008 wohne ich nicht mehr im Saanenland. Die Stationen waren Frankreich, Bern, eine kleine Weltreise, Holland und nun München. Wer in München als Nicht-EU-Ausländer auf dem Bürgeramt seine Aufenthaltsbewilligung abholt, der weiss, was es heisst, Ausländer zu sein. Angestanden wird lange, zwischen Syrern, Vietnamesen und Pakistanern – die Stimmung ist gut, so soll es sein. Artgenossen statt Eidgenossen. Ausländer sein heisst auch, sich integrieren – und das will gelernt sein. Integrieren heisst, das eine in das andere – dazu braucht es also zwei.

«Aber warum, um Himmelswillen, als Schweizer nach Deutschland?», werde ich in München oft gefragt. «Weil ich schon immer mal eine Niedriglohn-Land-Erfahrung machen wollte», lautet meine Reflexantwort. Die wahre Antwort ist natürlich eine andere: Deutschland ist grösser; die Märkte, die Vielfalt und somit die Möglichkeiten sind grösser. Bayern allein hat ein BIP vergleichbar mit jenem der Schweiz. Die schlechte Netzabdeckung, der unmögliche Behördenapparat, das überbewertete Bier, das fettige Essen und die dauernd verspätete Bahn sind also nicht das einzige, das mich nach Deutschland zieht. Wenn Sie einem Deutschen sagen «gib mir mal es Telefon», weiss der nicht, warum er Ihnen ein Telefonapparat geben sollte. In Deutschland parkiert man nicht, man parkt. Man isst statt Grapefruits Pampelmusen, weinen hat nichts mit der Weinherstellung zu tun – und statt Hühnerhaut gibts Gänsehaut.

«Gänsehaut überchume ig aber nid am Odeonsplatz in Münche – sondern weni wider mal über d Möser inefahre und ds Saaneländer Panorama vom Oldehorn über d Staldeflüeh bis zum Rüebli frei wird.»

I däm Sinn: Merci vielmal. I hoffe, dir heit no ne schöne erschte Ougschte u ne Gruess deheim.

GEORG HORN

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