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Die Einsamkeit der Zahl 1 in den Religionen und das schwierige Gemeinschaftsprojekt der christlichen Kirchen

Fr, 25. Sep. 2020
Der einsame Sieger. FOTOS: ADOBE STOCK

Abraham, der Urvater der drei abrahamitischen Religionen, rang mit der Frage, welchem Gott er dienen solle. Seine Antwort war: «Dem Höchsten allein.» Abraham kommt zum Schluss: So eindrücklich Mutter Erde ist, sie kann nicht das Höchste sein, da ihre Existenz vom Sonnenlicht und vom Regen abhängig ist. Auch die Gestirne können es nicht sein, da diese doch ständig wechseln und sich gegenseitig negieren. So entscheidet sich Abraham, den Gott anzubeten, der hinter allem steht, der die Erde und die Gestirne erschaffen hat. Mit der Entdeckung des Glaubens an einen höchsten unabhängigen Gott veränderte sich der jüdische Glaube nicht schlagartig. Immer wieder hören wir die Warnung, sich nicht am Kult der regionalen Götter zu beteiligen. Es liegt jedoch auf der Hand, dass jeder König versucht, sein Volk auch in religiöser Hinsicht zu einen und sich damit von den umliegenden Völkern abzugrenzen. So liessen die ersten Könige von Israel einen Tempel in Jerusalem für den höchsten und alleinigen Gott erbauen, der zugleich Verbindung zum Königtum und sein Abglanz war. Ähnlich verlief die Entwicklung in den antiken Stadtstaaten, in denen jeder seine eigenen Götter hatte. Die höchste Aufgabe des Staates war es, die Verehrung der eigenen Götter zu sichern und zu überwachen. Denn diese garantierten ja schliesslich ihr Wohlergehen und den Frieden. Doch schon ein Weltreich, wie es Alexander der Grosse begründet hatte, rief nach einem einzigen Gott, der so wie der Kaiser über sein Weltreich über die ganze Welt regierte. Auch das römische Weltreich sah in den Streitereien der Götter einen möglichen Grund für den ewigen Unfrieden unter den Nationen. Nur der Glaube an einen höchsten, allmächtigen Gott konnte ihrer Ansicht nach Frieden in die zerstrittene Götterwelt und in ihr Weltreich bringen. «Ein Gott – ein Kaiser – ein Reich» war das Motto des römischen Staates. Das war sicher auch ein Grund, warum sich der Glaube an den einzigen höchsten Gott des jüdisch-christlichen Glaubens im Römischen Reich unter Kaiser Konstantin schliesslich durchsetzen konnte.

Der christliche Glaube breitete sich nach dem Tod von Jesus in Kleinasien schnell aus. Überall entstanden neue Gemeinden. Kirchliche Apostel und Propheten hatten unterschiedliche Vorstellungen und konkurrierten miteinander. Aus diesem Grund sahen die apostolischen Väter in den hierarchischen Strukturen, wie es die Staaten kannten, eine Möglichkeit, die Einheit zu garantieren. Ignatius von Antiochien formulierte damals den Grundsatz des monarchischen Episkopats, der in vielen Kirchen bis heute gültig ist. Ein Gott – ein Christus – ein Bischof – eine Gemeinde. So wuchs der politische und der kirchliche Monotheismus immer stärker zu einer Einheit zusammen. Der eine allmächtige Kaiser wurde zum sichtbaren Ebenbild des allmächtigen Gottes. Sein Imperium spiegelte die Herrlichkeit Gottes wider. Sein Imperium repräsentierte die Gottesherrschaft. Ein Gott – ein Kaiser – eine Kirche – ein Reich. Der Glaube an einen allmächtigen Gott im Himmel begründete die Herrschaft eines Kaisers auf Erden, der unabhängig und willkürlich über unfreie und abhängige Knechte herrschte. Der Kaiser baute für sich herrliche Paläste, die Kirche für ihren allmächtigen Gott atemberaubend schöne Kathedralen.

Solange die mittelalterliche Welt es mit den Nachkommen Abrahams zu tun hatte, bewegten sie sich in der Sphäre des Höchsten, des Schöpfers, des Erhalters der Welt und ihres Richters. In dieser Sphäre lebten die Menschen in völliger Abhängigkeit Gottes, dessen Alleinherrschaft in der jüdischen Vorstellung der Theokratie Jahwes, durch die Lehre der Königsherrschaft Christi und der im Islam präsenten Gedanken der Allherrschaft Allahs begründet ist. Dieses Wetteifern um den höchsten Gott war natürlich nie frei vom Streben nach der eigenen menschlichen Bedeutsamkeit.

Die apersonale Variante finden wir in den antiken und östlichen Philosophien. Das Streben des Menschen dreht sich dort um das höchste Bewusstsein, die höchste Wahrheit. Der Aufstieg zum Guten, zum Maximum geschieht auf der Leiter der Erkenntnis. Während es das Ziel der Menschen in den abrahamitischen Religionen ist, sich unter den Willen ihres höchsten Gottes zu stellen, versuchen die Anhänger der östlichen Lehren, durch eine Depersonalisierung mit dem letzten Weltengrund zu verschmelzen. Für alle Lehren und Religionen ist der gemeinsame Bezugspunkt der Tod. Im Tod wird die Person im Höchsten ausgelöscht. Die einen werden eins mit dem göttlichen Willen, die andern werden mit dem letzten Sein oder dem Weltengeist vereint.

In diesem Herunterzählen auf die Zahl 1, einer Zahl, die nichts und niemand neben sich duldet, keine 2, nur das Entweder-oder, kein Sowohl-alsauch, liegt ein wichtiger Grund der Intoleranz und der Ausschliesslichkeit. Es liegt auf der Hand, dass eine monotheistische Religion ihren Anspruch nur aufrechterhalten kann, indem sie das Volk unnachgiebig ihren Vorgaben unterwirft. Diese Unterdrückung durch die Kirchen ging in Europa vom frühen Mittelalter an bis ins 18. Jahrhundert Hand in Hand mit den jeweiligen Königshäusern. Inzwischen ist eine Welt aus Rängen und Aufstiegen unverständlich geworden. Die Mehrzahl der Menschen wollen die flache Hierarchie. So verlagerten sich in der westlichen Welt die Allmachtsphantasien auf technische und wirtschaftliche Bereiche, das Streben nach höchster Autorität auf den Staat und auf die Unantastbarkeit des Individuums. Darum spielt für unseren modernen Staat, der nach demokratischen Regeln regiert wird, die Gottesfrage kaum noch eine Rolle. Jeder Bürger und jede Bürgerin ist frei, sich zu entfalten und den persönlichen Glauben zu leben, solange der Nachbar damit nicht belästigt wird. Denn der bürgerliche Liberalismus definiert die Freiheit als eine Funktion des Eigentums. Für sie ist jeder Mensch für den andern die Grenze seiner eigenen Freiheit. Ein Konkurrent, der seinen Besitz und seine Macht genauso verteidigt, wie er selber. Das führt zu einer Gesellschaft von zwar freien, doch einsamen Menschen, die einander nicht stören wollen. In der reformierten Kirche verlief die Entwicklung anders. Zwar war auch die Sichtweise der Reformatoren theozentrisch, streng auf Gott den Höchsten gerichtet. Doch fanden immer mehr Christen, dass aus dem Gott, der sich in Jesus offenbart hat, aus ihm kann nicht der Weltmonarch, der über seine Knechte herrscht, gemacht werden. Der Gott, wie er in der Bibel bezeugt wird, kennt nur die Allmacht der Liebe. Die Herrlichkeit des biblischen Gottes spiegelt sich nicht im Glanz der kaiserlichen Krone oder im Triumph ihrer Siege. Der christliche Gott spiegelt sich im Antlitz seines Sohnes und somit im Antlitz der Machtlosen und Unterdrückten. Gott als einsamen, allmächtigen Herrscher über unfreie Knechte und Sklaven gibt es in der Bibel nicht. An die Stelle von Autorität und Gehorsam treten Dialog, Solidarität und eine Gemeinschaft, wie es etwa in einer Familie üblich ist. Und weil die Bibel vor allem die göttliche Allmacht der Liebe und der Beziehung kennt. Deshalb ist für sie auch der Begriff Freiheit eine Funktion der Liebe. Die Bibel definiert Freiheit als Beziehung in der Gemeinschaft, nicht als Herrschaft von jedem Einzelnen über seinen privaten Besitz. Hier ist der andere Mensch nicht die Grenze meiner Freiheit, sondern mein Bruder, meine Schwester. Es geht um Menschen, die gemeinsam im gleichen Lebensraum leben und frei sein wollen füreinander. Somit dürfte schon etwas verständlicher geworden sein, warum Kirche als Projekt unglaublich schwierig ist. Wir alle hängen an alten, liberalen, bürgerlichen Bildern und Vorstellungen fest. Die anderen Vorstellungen der Kirche, wie sie in der Bibel beschrieben sind, werden zwar im Gottesdienst verkündet und gefeiert, doch sie haben keine Auswirkung auf Organisation und Strukturen der Institution Kirche. Einerseits, weil der kirchliche Verwaltungsapparat eine Eigendynamik hat, die gegen jede andere Dynamik resistent ist, andererseits zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen, in der Menschen Solidarität und Offenheit für ihre Probleme finden, kann nur von Menschen bewerkstelligt werden, die Gemeinschaft auch leben wollen. Von Menschen, die für den Gott kämpfen, der uns auffordert, uns an seinem schöpferischen und kreativen Geist zu beteiligen. Sicher, wer zusammen in ein Boot steigt, muss dasselbe Ziel haben. Sonst rudert man im Kreis herum. Trotzdem soll es keine Gemeinschaft aus Knechten sein. Was gesucht wird ist Wahrhaftigkeit, Authentizität und Menschen, die ihren Glauben als Geschenk verstehen, die im Alltag Gottvertrauen ausleben und sich durch Christus mit Gott versöhnt wissen. Finden solche Menschen zusammen, kann jede und jeder noch immer seine eigene Melodie spielen, solange diese Melodie im Einklang mit der gesamten musikalischen Komposition steht.

KORNELIA FRITZ

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