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Über Grenzen, Gefahren und Grösse

Fr, 30. Okt. 2020
Ich staune über die Schönheit der Natur … FOTO: ADOBE STOCK

Erfahrungen mit und Beobachtungen in den Bergen

Seit jeher ziehen Berge uns Menschen in besonderer Weise an. Für viele sind sie ein Ort der Kraft und der Erholung; Tourismusgebiete, auch die Destination Gstaad, werben mit ihrem Zauber. Gebirge freilich können auch unwirtliche und bedrohliche Gegenden darstellen; Mensch und Tier können an ihrer Kargheit, Grösse und Unberechenbarkeit zerbrechen.

In sämtlichen Weltreligionen spielen Berge eine wichtige Rolle. Ihre Ambivalenz zeigt sich auch hier: Einerseits kommen Berge als ein Ort der Gottesbegegnung und der Gotteserfahrung in den Blick. Zum andern können Berge Zonen der Versuchung und der Gottferne darstellen.

Das November-Kirchenfenster stellt Erfahrungen und Beobachtungen vor.

BRUNO BADER


Erfahrungen …

Wer sich in den Bergen aufhält, für eine Wanderung, einen Spaziergang oder eine Rast, kann u.a. die folgenden Erfahrungen machen:
– Ich breche auf:
Ich träume und fantasiere, ich bereite mich vor, ich entscheide mich und nehme ein Ziel in den Blick, ich mache mich auf den Weg.

– Ich lasse meinen Alltag hinter mir:
Ich verlasse meinen gewohnten Trott, nehme keinerlei Termine mehr wahr und lasse allen Ärger zurück. Ich weite meinen Blick und sehe über den Horizont hinaus.

– Endlich frei!
Ich bin nicht erreichbar, ich lebe ohne Termindruck und unternehme selbstbestimmte Schritte. E-Mails, Telefonate und Sitzungen brauchen mich nicht zu interessieren.

– Ich freue mich:
Ich staune über die Schönheit der Natur und geniesse die Sonne, ich atme den Duft der Blumen und höre das Rauschen eines Baches. Ich sauge die Welt und ihre Pracht in mich auf.

– Ich lebe auf und tanke Kraft:
Ich wasche Gesicht und Hände in einem Bergbach, ich ruhe auf einem Stein aus und trinke kühles Wasser aus einer Quelle, ich lasse den Blick in die Weite schweifen und habe Zeit zum Nachdenken.

– Ich muss entscheiden:
Ich finde mich vor einer Weggabelung wieder und suche meinen Weg. Ich verlasse mich auf den Wegweiser. Nein, ich traue meinem Orientierungssinn.

– Ich lasse mich inspirieren:
Die Berge sind gross und ich bin klein. Ich nehme wahr: Es gibt etwas, welches über mich selbst hinausgeht und mich transzendiert. Ich nehme mich als Geschöpf wahr. Ich spüre dem Sinn meines Lebens nach und gebe neuen Ideen Raum.

– Ich bin mit Grenzen konfrontiert:
Ich bin erschöpft und weiss nicht weiter. Meine Allmachtsfantasien fallen in sich zusammen.

… und Beobachtungen
Immer mehr Menschen sind in den Bergen unterwegs und entdecken sie als Erholungsraum. Viele werden gewahr: Eine Wanderung vermag nicht nur den Blick in eine wunderbare Landschaft und körperliche Anstrengung bzw. Erholung zu bieten, sondern ermöglicht unter Umständen auch eine neue Sicht auf den Alltag. Angesichts von Grösse, Majestät und Alter der Berge erscheint der tägliche Kram zuweilen in einem neuen Licht. Ein Fussmarsch kann zudem die Einsicht schärfen: Es bedarf der Geduld und der Ausdauer, um mein Ziel zu erreichen und ein Umweg führt möglicherweise schneller zum Ziel als der vermeintlich direkte Weg. Wer sich in den Bergen aufhält, wird sich sodann in neuer Weise bewusst, wie bedeutsam die Gemeinschaft mit anderen ist, sie kann gar Leben retten. Und schliesslich führt eine Bergtour vor Augen: Das Gelingen liegt nicht alleine bei mir, der Erfolg hängt auch von Umständen ab, die ich nicht zu beeinflussen vermag.

Ein neuer Blickwinkel
Im 18. Jahrhundert – es ist die Zeit der Industrialisierung – werden die Alpen als Freizeit- und Erholungsraum entdeckt. Es gibt viele Gründe, weshalb Menschen in den Bergen unterwegs sind: Die einen suchen sportliche Herausforderungen und erkunden die eigenen Grenzen, andere erfreuen sich an ihrer Schönheit und Pracht und Dritte streben nach neuen Erfahrungen von Gemeinschaft – mit sich selbst, mit anderen und einer Macht, die sie transzendiert. So stellen die Berge, ähnlich wie das Meer oder Küstengebiete, einen spirituellen Raum dar. Denn beide Orte ermöglichen die unmittelbare Erfahrung, dass die Welt nicht von Menschenhand erschaffen wurde, sondern vor mir bestand und auch nach mir sein wird; solche Einsichten sind in urbanem und das heisst artifiziellem Umfeld nicht ohne Weiteres zugänglich. Die Berge – und das Meer – bieten die Möglichkeit, das Leben aus einem ungewohnten Blickwinkel zu betrachten und für sich selbst neue Sichtweisen zu entdecken. Sie führen die eigene Begrenztheit vor Augen, sie offenbaren die Verbundenheit mit einem grösseren Ganzen und weisen Allmachtsfantasien zurück.

Eine Wohnung für Dämonen
Vor diesen Hintergrund ist nicht überraschend, dass den Bergen in allen Religionen eine besondere Bedeutung zukommt. Auf einem Gipfel herrschen andere Kräfte als im Tal, deshalb kann er den Übergang zur Sphäre des Heiligen markieren. So kommt der Berg als ein Wohnort von Göttern, Geistern oder Dämonen in den Blick. Vulkane, zum Beispiel, galten und gelten als heilige Berge: Von ihnen geht in besonderer Weise Gefahr aus und gleichermassen verdanken die umliegenden Landstriche ihre Fruchtbarkeit deren Asche. Furcht und Verehrung galt und gilt auch Bergen, welche Bodenschätze, Wasserreserven, Quellen oder Jagdgebiete bergen. Exponierten Gipfeln wurde oft schicksalhafte Macht zugesprochen: Weil ihre besondere Lage Gewitter oder Windwechsel begünstigen und damit unter Umständen einen dramatischen Wetterumschwung bewirken kann, versuchten die umliegenden Dorfgemeinschaften, sie durch Ehrerbietung oder Opfer zu beeinflussen.

Ein Tanzplatz für Hexen
Heilige Berge werden oft durch Zeichen oder Gegenstände markiert, Steinsetzungen, zum Beispiel, Tempelbauten oder Gipfelkreuze. Einige von ihnen kennen bestimmte religiöse Regeln: Ihre Besteigung kann auf einen bestimmten Personenkreis oder auf bestimmte Zeiten beschränkt oder aber überhaupt verboten werden. Ihre Umrundung kann freilich auch ein Ziel von Wallfahrten darstellen; wegen ihrer Nähe zum Himmel kann die Gipfelregion in besonderer Weise ein Platz für Meditation, Einsiedelei oder mönchische Gemeinschaften sein.

Ein weiterer Grund für die Verehrung eines Berges kann die Assoziation mit einem besonderen Ereignis sein, zum Beispiel einer göttlichen Offenbarung oder einer heiligen Person. Es ist freilich auch das Gegenteil möglich: Ein Berg kann deshalb gefürchtet werden, weil er als Wohnort der Toten oder als verfluchter Ort, etwa als Tanzplatz für Hexen, gilt.

Das Zentrum der Welt
Heilige Berge behalten ihren besonderen Status oft über eine lange Zeit und überdauern auch den Wechsel von Kulturen und Religionen. So wurden im Zug der Christianisierung vorchristliche, etwa keltische, Kultstätten mit christlichen Kirchen oder Wallfahrtsorten überbaut.

Die Schriften des Alten und des Neuen Testamentes stehen in dieser religionsgeschichtlichen Tradition. In der Bibel ist der Berg zunächst ein Ort der Gotteserfahrung und -begegnung: Am Sinai empfängt Mose die Zehn Gebote und Jesus lehrt seine Freunde am «Berg der Seligpreisungen». Der Tempel des Alten Israel steht auf dem Berg Zion; für alttestamentliches Verständnis ist diese Kultstätte der schlechthinnige (veraltet für absolut, durch und durch) Ort für die Erfahrung Gottes und stellt als solcher das Zentrum der Welt dar. Die jüdisch-christliche Tradition benennt den Berg freilich auch als Ort der Gottferne und Finsternis: Abraham soll seinen Sohn auf einem «Berg im Land Moria» opfern, die Versuchung Jesu durch den Teufel ereignet sich auf einem Berg und seine Kreuzigung findet auf einem Hügel ausserhalb der Stadt statt.

Ein Ort der Kraft und des Geistes
Diese Überlegungen haben meines Erachtens auch touristisches Potenzial. Denn die Themen «Spiritualität» und «Sinnsuche» gehören zu den grossen Trends in der Tourismusbranche. Freilich wollen die Feriengäste kein festgelegtes Programm, sondern Hinweise, Möglichkeiten und Angebote. Mit etwas Geschick könnte der Tourismusort Gstaad sein Potenzial breiter nutzen und sich nicht nur als Ort des Sportes, der Kultur und des Geniessens etablieren, sondern auch als Ort der Kraft und des Geistes.

 

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